Test eines russischen Marschflugkörpers. Foto: dpa

Kommentar

Unfall in Russland: Leid und Lügen

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Eine Katastrophe setzt radioaktive Strahlung frei, doch die Behörden wiegeln ab und verweigern tagelang die Details zum Vorfall. Damit die Verschleierungsstrategie besser funktioniert, lässt man die Menschen rund um den Unglücksort im Ungewissen über die tödliche Gefahr und sieht von einer Räumung der umliegenden Dörfer ab. Was sich derzeit in Russlands Norden abspielt, erinnert an den GAU in Tschernobyl 1986.

Am vergangenen Donnerstag hat das Verteidigungsministerium in Moskau informiert, dass eine Explosion beim Test eines Raketentriebwerks auf einem Militärstützpunkt tödliche Folgen für mehrere Mitarbeiter hatte. Von erhöhter Radioaktivität war da noch nicht die Rede, sie wurde erst fünf Tage später eingeräumt.

Angeblich ist die Strahlung in der 40 Kilometer entfernten Stadt Sewerodwinsk nur kurzzeitig erhöht gewesen. Es wäre logisch anzunehmen, dass der Unfall für rund 1 000 Menschen in direkter Nachbarschaft zum Stützpunkt ernste Gesundheitsrisiken birgt, weil die Radioaktivität dort höher sein müsste. Dies bestätigen auch (inoffizielle) Messungen.

Den unabhängigen Medien zufolge ließ jedoch die Gebietsverwaltung den beunruhigten Anwohnern mitteilen: „Alles in Ordnung, nichts Schlimmes passiert“. Es gibt Berichte, wonach 15 weitere Menschen verstrahlt wurden, sie sollen jetzt teils in Lebensgefahr schweben.

Es überrascht nicht, dass Russland neuartige Waffen entwickelt und testet. Das tun andere Staaten auch. Empörend sind dagegen die offiziellen Lügen und die Geringschätzung des menschlichen Lebens, die dem Muster der Sowjetzeit folgen. Es gibt zwei Erklärungen: Entweder hat man aus der schlimmsten Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie nichts gelernt. Oder es ist den russischen Machthabern egal, was mit ihren Landsleuten passiert. Hauptsache, man hat bald eine „Wunderwaffe“ parat.