Bernie Sanders
Bernie Sanders | Foto: Matt Rourke/AP/dpa

Bernie Sanders vorne

USA: Eine Einschätzung zu dem Vorwahlergebnis von New Hampshire

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Nach einer Faustregel amerikanischer Vorwahlen gibt es nur zwei Fahrkarten heraus aus New Hampshire. Demnach kann nur Präsidentschaftskandidat seiner Partei werden, wer bei der Primary in dem kleinen Neuengland-Staat entweder Erster wird oder Zweiter. Folglich wäre mit dem Ergebnis vom Dienstag entschieden, dass entweder Bernie Sanders oder Pete Buttigieg im Juli auf dem Wahlparteitag der Demokraten zum Herausforderer Donald Trumps gekürt werden.

Aber mit Faustregeln ist es in diesem Jahr so eine Sache. Man sollte sich nicht zu sehr auf sie verlassen, dazu tut sich die Partei, gezeichnet durch heftige Flügelkämpfe, einfach zu schwer auf der Suche nach dem oder der Richtigen. Fest steht nach New Hampshire nur eines: Die Linke hat in Sanders, wie schon 2016 beim Duell gegen Hillary Clinton, erneut ihren Champion gefunden. Elizabeth Warren, von den Programmen her fast ein Zwilling des Senatsveteranen aus Vermont, zwischenzeitlich als Mitfavoritin gehandelt, muss ihre Hoffnungen angesichts eines enttäuschenden vierten Platzes wohl schon begraben. So detailliert ihre Reformpläne auch waren, dem knorrig Authentischen, das gerade junge Amerikaner an Sanders schätzen, hat sie letztlich kein eigenes Charakterprofil entgegenzusetzen, das stark genug wäre, um mit der unverwechselbaren Marke „Bernie“ zu konkurrieren.

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Wer wird den moderaten Parteiflügel anführen?

Unklar bleibt dagegen, wer den moderaten Parteiflügel anführen wird. Wenn nicht alles täuscht, sind es drei Bewerber, die sich Chancen ausrechnen können: Pete Buttigieg, Amy Klobuchar und Michael Bloomberg.

Buttigieg hat in New Hampshire bestätigt, dass sein Sieg – oder zumindest das Remis gegen Sanders – in Iowa keine Eintagsfliege war. Mit ihm stürmt jener junge, brillante Senkrechtstarter aus der Provinz auf die große Bühne, für den Amerikas Demokraten seit Längerem eine besondere Schwäche haben. Was Jimmy Carter 1976 war, Bill Clinton 1992 und Barack Obama 2008, das ist im Jahr 2020 der ehemalige Bürgermeister von South Bend, Indiana. Nun muss Buttigieg zwei echte Härtetests bestehen, bevor am Super Tuesday Anfang März aller Voraussicht nach die Entscheidung fällt. In Iowa wie in New Hampshire waren es zu rund neunzig Prozent weiße Wähler, die abgestimmt haben. In Nevada, auf der dritten Etappe des Rennens, werden Latinos maßgeblich ins Geschehen eingreifen. In South Carolina, auf der vierten, bilden schwarze Amerikaner das Gros der Parteibasis. Beide Gruppen fremdeln vorerst noch mit Buttigieg. Ob er das ändern kann, wenn er sich in den nächsten zehn Tagen ganz auf diese beiden Bundesstaaten konzentriert, wird sich zeigen.

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Starker dritter Platz für Amy Klobuchar

Amy Klobuchar, die debattensichere Senatorin aus Minnesota, hat mit einem starken dritten Rang die Erwartungen übertroffen, sodass sie nun ernsthaft vorne mitspielt. Offensichtlich hat sie die Stimmen all jener geholt, die den Glauben an Joe Biden verloren haben, den ursprünglich haushohen Favoriten, der einfach zu müde, zu fahrig wirkt, als dass man ihm das höchste Amt im Staat anvertrauen wollte. Zum anderen hat die 59-Jährige bei Leuten gepunktet, die Buttigieg zwar eine große Zukunft prophezeien, ihn aber noch für zu unerfahren halten, als dass er für den Job im Weißen Haus infrage käme. Klobuchar, die stets und ständig die Notwendigkeit parteiübergreifender Zusammenarbeit mit den Republikanern beschwört, steht am markantesten für die Sehnsucht nach Kompromissen in der Mitte. Nur: Auch sie muss in Nevada und South Carolina erst noch beweisen, ob sie in einem Milieu bestehen kann, dass die Vereinigten Staaten in ihrer ganzen Vielfalt widerspiegelt. In einem Milieu, in dem sie zudem bislang nahezu unbekannt war.

Schließlich Mike Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister New Yorks, der beschlossen hat, sich bis zum Super Tuesday mit der Zuschauerrolle zu begnügen. In New Hampshire hat er sich im Wahlkampf kein einziges Mal blicken lassen, und dennoch war sein Name in aller Munde. Klar ist, dass sein Bekanntheitsgrad den des restlichen Feldes, abgesehen vielleicht von Sanders, bei weitem überstrahlt. Klar ist auch, dass ein Ex-Bürgermeister New Yorks glaubhafter den verwaltungserfahrenen Praktiker geben kann als ein Ex-Bürgermeister South Bends. Klar ist schließlich, dass Bloomberg mehr politischen Ballast mit sich herumschleppt als etwa Buttigieg. Der New Yorker Polizei verordnete er einst die Taktik des „stop and frisk“, bei der Passanten ohne konkreten Verdacht durchsucht wurden, was junge Schwarze und Hispanics weit häufiger ins Visier der Beamten geraten ließ als junge Weiße. In der Wahlschlacht könnte sich das nachträglich rächen.

Wie auch immer, ein Multimilliardär, der seine Kampagne samt teurer, flächendeckender Fernsehwerbung mühelos finanzieren kann, ohne auf die Gunst von Spendern angewiesen zu sein, der folglich weitermachen kann, auch wenn es mal nicht so gut läuft – so etwas kannten die Demokraten bis dato nicht. Allein wegen der großen Unbekannten Bloomberg gilt wohl erst recht: Alte Faustregeln könnten in diesem Wahlzyklus schnell ihre Gültigkeit verlieren.

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