Wenig Trost für die Inhaftierten in den abgeriegelten Anstalten: Seit März konnten sie ihre Familien nur am Telefon sprechen oder per Videoschalte sehen. Das Justizministerium rechtfertigte die hohe psychische Belastung mit der Notwendigkeit, die Menschen mit schwächerer Gesundheit vor Corona zu schützen. Jetzt werden die Regeln gelockert. Foto: dpa

Noch einsamer als sonst

Verlegung in die JVA Bühl zieht sich: Wie eine Inhaftierte die Corona-Monate hinter Gittern erlebte

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Das baden-württembergische Justizministerium erlaubt ab 29. Juni wieder Besuche in den Haftanstalten des Landes. Die Gefangenen und ihre Angehörigen müssten dabei auf körperlichen Kontakt verzichten und eine Distanz von zwei Metern einhalten, gab das Ministerium am Freitag bekannt. Zudem müssten in den JVA Trennvorrichtungen angebracht werden.

Jeden Tag um 18.30 Uhr wählt Tanja G. am altertümlichen Wandtelefon in ihrem Wohnblock dieselbe Nummer in Malsch. Das 20-minütige Gespräch ist für die 45-Jährige die einzige Möglichkeit, Kontakt zu ihrer Familie zu halten. Die vertrauten Stimmen zu hören, ist ein Lichtblick im harten Alltag hinter Gittern.

Aber die Telefonate sind kein vollwertiger Ersatz für die Zeit, als Tanja G. einmal monatlich ihren Mann Philipp umarmen durfte, und die zehnjährige Michaela im Besucherraum der JVA Schwäbisch Gmünd auf dem Schoß ihrer Mutter kuschelte.

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Besuchsverbot soll bald gelockert werden

„Meine Frau ist fragil“, sagt Philipp G.. „Manchmal sagt sie, dass der Lebensmut sie verlassen habe.“ Es ist etwa drei Monate her, seit sich die Tore der Haftanstalten in Baden-Württemberg für die Angehörigen geschlossen haben. Aus Sorge vor der Corona-Pandemie verhängte das Landesjustizministerium Mitte März ein physisches Kontaktverbot. Bald soll es gelockert werden.

Am Freitag gab das Ressort von Minister Guido Wolf (CDU) bekannt, dass die Besuche ab 29. Juni wieder erlaubt sind, unter strengen Sicherheitsauflagen: Es darf nur eine Person kommen, die mindestens zwei Meter Abstand hinter einer Trennvorrichtung einhalten muss. Jeglicher körperlicher Kontakt und die Übergabe von Nahrungs- und Genussmitteln bleiben strikt verboten.

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Philipp G. ist hin- und hergerissen. Die Öffnung fällt zufällig mit dem Geburtstag seiner Frau zusammen. Im letzten Telefonat habe sie aber gesagt, dass er nicht kommen müsse. „Natürlich will ich sie sehen. Aber Tanja hat schon Recht, unter diesen Bedingungen ist es fast sinnlos.“

Die Reaktion des deutschen Strafvollzugs auf Corona war radikal. In vielen Gefängnissen gab es keine Gruppenaktivitäten mehr, die Freizeitangebote wurden reduziert, die Arbeit in Werkstätten heruntergefahren. Zusätzlich zum Besuchsverbot verzichteten manche JVA komplett auf Lockerungen des Vollzugs wie den Ausgang und auf Verlegungen. Das traf auch die Familie G.

Verlegung nach Bühl zieht sich hin

Die 2018 wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu vier Jahren und zwei Monaten Haft verurteilte Tanja G. hätte spätestens zum 1. April in die Freigängerabteilung der JVA Bühl verlegt werden sollen, sagt Philipp G. Er hatte seiner Frau einen Job in einer Tierhandlung besorgt, der Antrag sei dann jedoch wegen der Pandemie zurückgestellt worden.

„Das wäre für sie ein Riesenschritt zurück ins normale Leben gewesen“, bedauert der 50-Jährige. „Nun klammert sich meine Frau an die schwache Hoffnung fest, dass sie zum Halbstrafentermin im August vielleicht wegen Corona freikommen könnte.“ Philipp G. möchte nicht, dass sein Familienname in der Zeitung steht: „Tanja wird bedroht und gemobbt. Ich habe Angst, dass die Repressalien noch zunehmen könnten.“

60 Tablets für mehr als 6.200 Gefangene

Um die Corona-Nöte der landesweit mehr als 6.200 Gefangenen zu mindern, hat das Stuttgarter Justizministerium nach eigenen Angaben die Telefonzeiten ausgeweitet und 60 Tablets für Videotelefonie an alle 17 Haftanstalten im Südwesten verteilt. So konnte Philipp G. zweimal mit seiner Frau skypen.

„Das erste Mal saß sie in einem Wickelraum am PC, und eine Beamtin schaute ihr über die Schulter. Das zweite Mal stand das Tablet im Besucherraum hinter einer Plexiglasscheibe, und wir konnten kein Wort verstehen, weil es dort so laut war. Darum haben wir das Gespräch abgebrochen.“ Die JVA Schwäbisch Gmünd wollte sich auf BNN-Nachfrage weder zum Fall Tanja G. noch zu den Corona-Einschränkungen äußern.

„Das alles ist unmenschlich. Die Familie ist eine der wichtigsten Säulen der Resozialisierung im Strafvollzug, und eine Einschränkung der Rechte von Häftlingen setzt diese unter einen immensen psychischen Druck, den das System einfach in Kauf nimmt“, ärgert sich Manuel Matzke. Der 33-Jährige aus dem sächsischen Riesa ist Freigänger im offenen Vollzug und Sprecher der Gefangenen-Gewerkschaft GGBO, die sich seit 2014 für „gelebte Solidarität“ in der Haft einsetzt.

Nach eigenen Worten hat Matzke in der Corona-Krise viele Briefe und Anrufe von Angehörigen erhalten, die sich über die Justiz beschwert haben. „Die Wut ist kurz vor dem Überkochen. Denn die Videotelefonie kann nun mal die Besuche nicht ersetzen, zudem haben manche JVA gar keine Skype-Möglichkeiten.“ Matzke kritisiert insbesondere, dass die jetzigen Lockerungen in Baden-Württembergs Gefängnissen wesentlich früher hätten kommen müssen.

Bislang sechs Corona-Infektionen in Haftanstalten

„Es war gar nicht anders möglich. Denn wir mussten unbedingt das Virus aus den Anstalten heraushalten, wo viele Gefangene Gesundheitsprobleme haben und zu den Risikogruppen zählen“, hält ein Sprecher des Justizministeriums dagegen. Nach seiner Darstellung gab es im Land bislang sechs Corona-Infektionen in einem Gefängnis. Alle Erkrankten in der JVA Mannheim seien wieder genesen.

„Die Gefangenen haben Verständnis für die Maßnahmen. Manche wollen gar keine Lockerungen, weil sie sich drinnen sicherer fühlen als draußen“, heißt es im Ministerium.