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Höchste Inzidenzen

Virologe fordert kostenlose Corona-Bürgertests auch für Geimpfte

Vor wenigen Wochen entschied die Politik angesichts von immer mehr Geimpften, von der Inzidenz als Messlatte für die Anti-Corona-Maßnahmen abzurücken. Stattdessen ist die Zahl der Intensivbetten maßgeblich. Ein schwerer Fehler, sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer.

Die Wiedereinführung der kostenlosen Corona-Bürgertests würde nach Meinung von Fachleuten dabei helfen, die Pandemie einzudämmen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Erst vor wenigen Wochen ist die Politik von der Inzidenz als Maßgabe für ihr Handeln in der Pandemie abgerückt – wenn immer mehr Menschen geimpft sind, sei der Anteil der schweren Verläufe und Todeszahlen geringer, weniger Menschen müssten auf die Intensivstation – auch bei höherer Inzidenz.

Im Sommer kündigte die Bundesregierung daher an, mögliche Maßnahmen nicht nur an der Inzidenz auszurichten, sondern auch verstärkt an die Situation in den Krankenhäusern zu koppeln – etwa die Auslastung der Intensivstationen oder die Neuaufnahmen im Krankenhaus.

Die neue Corona-Verordnung in Baden-Württemberg mit Alarm- und Warnstufe setzt dies um. Doch die Abkehr von der Inzidenz sei ein schwerer Fehler, meint der Frankfurter Virologe Martin Stürmer.

Virologe Martin Stürmer: Inzidenz ist bester Marker der Infektionslage

„Letztendlich zeigt uns die Inzidenz immer noch als bester Marker die Infektionslage im Land. Und die fliegt uns gerade um die Ohren“, so Stürmer. Am Dienstag lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner im Bundesschnitt mit 213,7 zum zweiten Mal in Folge über 200 – so hoch wie noch nie zuvor seit Beginn der Pandemie.

Die Konsequenz: Wenn man nur auf die Zahl der Krankenhauseinweisungen schaue, reagiere man später als beim Blick auf die gemeldeten Neuinfektionen, die ein früheres Ausbruchs-Geschehen erfassen. Stürmer, der sich stets gegen die Abkehr von der Inzidenz als Maßgabe ausgesprochen hatte, kommentiert die aktuelle Entwicklung daher so: „Wir haben damit in Kauf genommen, dass die Infektionszahlen wieder deutlich höher werden.“

Man sei davon ausgegangen, dass das Gesundheitssystem durch die Impfung nicht mehr so stark belastet wird – doch das war offensichtlich eine falsche Annahme. „Wir sehen jetzt, dass das doch der Fall ist.“ Diese Entwicklung wieder einzufangen, werde so schwer wie nie zuvor.

Es wird keinen Lockdown mehr geben, keine Schulschließungen, da hat sich die Politik festgelegt. Das Ende der pandemischen Notlage soll Ende des Monats beschlossen werden. „Es mag juristische Gründe dafür geben“, meint Stürmer. Aus Sicht des Virologen aber gibt es keinerlei Grund, jetzt eine pandemische Notlage zu beenden.

Kostenlose Bürgertests auch für Geimpfte

Auch Kontaktbeschränkungen werde es bei Geimpften nicht mehr geben. Aber auch diese Kontakte müssten sicherer werden, fordert der Virologe. Die 2G-Regelung bei Veranstaltungen sei da zwar ein erster Schritt, sie reduziere die Wahrscheinlichkeit von Ausbrüchen, weil keine Menschen mehr dabei sind, die ungeimpft sind.

Aber auch die 2G-Regel berge Risiken, auch ein Geimpfter könne einen neuen Ausbruch hervorrufen. Sogar schwerere Verläufe seien nicht ausgeschlossen, gerade wenn die Impfung länger zurückliege. „Deshalb bin ich der Meinung, auch 2G ist ohne Testpflicht, Masken- und Abstandsregelung nicht der Weisheit letzter Schluss.“

Jüngst hatte sich auch der Hamburger Virologe Schmidt-Chanasit dagegen ausgesprochen, zur Eindämmung des Coronavirus flächendeckend die sogenannte 2G-Regelung einzuführen. Sie gebe den Menschen lediglich eine Scheinsicherheit, sagte der Mediziner im Deutschlandfunk.

Um Infektionsketten wirkungsvoll zu unterbrechen, plädierte Schmidt-Chanasit für eine erneute Testoffensive. Die Abschaffung der kostenlosen Bürgertests sei falsch gewesen. Man habe damit ein wirkungsvolles Instrument zur Kontrolle der Pandemie aus der Hand gegeben. Pool-Testungen, insbesondere in Alten- und Pflegeheimen, müssten verpflichtend werden, so Schmidt-Chanasit.

Forderung: Kostenlose Corona-Bürgertests sollen wieder eingeführt werden

Die Abschaffung der kostenlosen Bürgertests sehen viele mittlerweile als einen Fehler an. Auch Martin Stürmer fordert, diese Tests wieder für alle einzuführen.

„Wir müssen wieder mehr testen, und man sollte auch darüber nachdenken, Geimpften und Genesenen in einem gewissen zeitlichen Abstand wieder kostenlose Tests zur Verfügung zu stellen. Mindestens einmal die Woche, dann hätten wir hier deutlich mehr getan als jetzt, wo wir diese Gruppe komplett außen vorlassen“, so der dringende Appell des Frankfurter Virologen.

Und schließlich müssten die Impfungen weiter vorangehen, durch wen auch immer. „Wenn die Stiko die Empfehlung erweitert zur Booster-Impfung für alle, kann es uns passieren, dass ein riesiger Run auf die Hausärzte losgeht. Wenn jetzt viele sagen, wir brauchen die Impfzentren nicht mehr, muss man sie dann daran messen.“

Bereits jetzt aber ist es für viele Menschen in Karlsruhe und Umgebung schwierig, einen Impftermin beim Hausarzt zu bekommen. Wie berichtet, bildeten sich bei Impfaktionen zuletzt lange Warteschlangen. Nicht alle Impfwilligen konnten die erhoffte Spritze erhalten.

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