Strauß
Figuren von Franz Josef Strauß gehören traditionell zum politischen Aschermittwoch der CSU. | Foto: Peter Kneffel

Politischer Aschermittwoch

Von Kühen und Westerwellen

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Seine deftigen Verbalangriffe sind legendär: Franz-Josef Strauß nutzte einst die Bühne des politischen Aschermittwochs, um etwa die „schmutzigen linksradikalen Elemente“ (gemeint waren die Anführer der Studentenbewegung) als „Viertelintellektuelle“ zu beschimpfen. Mal wetterte er gegen die SPD/FDP-Regierung, die angeblich „einen riesigen Saustall“ in Deutschland angerichtet habe – dann nannte er den Kanzler Willy Brandt einen „zum Messias herausgeputzten Pseudopropheten“ und forderte: „Weg mit den roten Deppen“.

Sage und schreibe 35-mal war der berühmt-berüchtigte CSU-Übervater zwischen 1953 und 1988 bei den Aschermittwochen aufgetreten – als Ministerpräsident, Minister, Generalsekretär und Vorsitzender der Christsozialen. In Niederbayern verbinden auch heute viele das unterhaltsame Politspektakel mit dem brillanten Rhetoriker Strauß, an dem sich unzählige Redner messen mussten. Dabei hat der politische Aschermittwoch eigentlich eine viel längere Tradition – er wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Und die Geburtsstunde war auch nicht in Passau, wo die CSU inzwischen Jahr für Jahr zu Gast ist, sondern in Vilshofen an der Donau.

1580 trug Vilshofen erstmals einen Vieh- und Rossmarkt aus, dabei wurde angeblich nicht nur gefeilscht, sondern auch viel diskutiert. Wie es heißt, nahmen die Bauern später in ihren geselligen Runden beim Bier gerne auch die königlich-bayerische Regierung aufs Korn. 1919 lud der Bauernbund anlässlich des Viehmarkts erstmals zu einer Kundgebung – die Politshow war geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der politische Aschermittwoch von der Bayernpartei wiederbelebt, die ihre Veranstaltung mit Bierzelt-Atmosphäre zu Angriffen auf die CSU nutzte. Sie sollten nicht lange unerwidert bleiben.

Am 18. Februar 1953 organisierte die CSU ihre erste Aschermittwochs-Kundgebung im „Wolferstetter Keller“ in Vilshofen. Strauß, damals CSU-Generalsekretär, war einer der Redner und kritisierte das Lottospiel in Deutschland: „Das tägliche Brot wird in eiserner Arbeit erworben und nicht durch Spielerei“. Laut dem Lokalblatt wurde Strauß „mehrfach von kommunistischen Zwischenrufern“ unterbrochen. 1954 zeigte er klare Kante beim Thema Migration: „Wer bei uns lebt, der soll das Land nicht schlecht machen … und wenn er glaubt, es sei in der Bundesrepublik so besonders unerträglich, dann soll er sich halt was Besseres suchen“. So ähnlich würden das auch heute wohl viele Christsozialen formulieren.

Der „Wolferstetter Keller“ wurde am Aschermittwoch zur Heimat der CSU. So populär war die Veranstaltung, dass die Räumlichkeiten nach 20 Jahren der Partei zu klein wurden. 1974 mussten etwa 3 000 Zuhörer abgewiesen werden. Daraufhin verlegte Strauß die Reden nach Passau, erst in die Nibelungenhalle, dann in die Dreiländerhalle. Mit der Zeit wurde der politische Aschermittwoch bundesweit beliebt als ein medial wirksames Spektakel, das keine Partei, die etwas auf sich hält, auslassen kann.

So sorgte 2011 der damalige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier für viele Lacher zwischen Nordsee und Chiemsee, als er gegen den Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg austeilte: „Früher hieß es bei der CSU: Laptop und Lederhose. Heute heißt es: copy und paste.“ Auch Steinmeiers Parteikollege Kurt Beck machte die CSU gerne zum Gespött. Als Edmund Stoiber 2008 zum Leiter einer Gruppe zum Bürokratieabbau wurde, kommentierte der damalige SPD-Chef das so: „Eher wird ein Hund einen Wurstvorrat anlegen, als der Ede Stoiber die Bürokratie bekämpfen.“ Stoiber selbst verspottete beim Aschermittwoch 2007 die Ex-Landwirtschaftsministerin Renate Künast mit den Worten: „Frau Künast verstand von der Kuh eigentlich nur das Muh!“ Der Grüne Cem Özdemir versuchte es einmal mit Reimen: „Kriegt der Apfel niemals Falten, wird er durch Chemie erhalten.“

Als ein würdiger Nachfolger von Strauß gilt das CSU-Urgestein Horst Seehofer, der am Aschermittwoch oft kein gutes Haar an seinen Rivalen ließ. 2010 machte sich Seehofer über den damaligen FDP-Chef Guido Westerwelle lustig: „Da wackeln die Alpen, da schäumt der Chiemsee! Aber keine Angst! Das ist kein Tsunami, das ist nur eine Westerwelle.“ Im Jahr darauf begeisterte Seehofer seine Fans mit einem Angriff gegen die Grünen, der knapp über der Gürtellinie ging: „Wenn Künast und Trittin in den Spiegel schauen, ist das nicht Eitelkeit, sondern Tapferkeit.“ Punkt, Satz und Sieg in der Arena der Bierzeltpolitik.