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Geburtenstatistik

Warum boomen die Zwillinge?

Der rasche Anstieg der zweieiigen Zwillinge - Statistischer Zufall oder gibt es dafür Gründe? Ein Frauenarzt im Klinikum Mittelbaden und eine Gynäkologin des Kinderwunschzentrums Heidelberg erklären, wie die Zahlen zustande kommen und, was der medizinische Fortschritt damit zu tun hat.

Junge und Mädchen: Die Zahl der zweieiigen Zwillings-Pärchen steigt seit 2001 stetig an. Foto: Patrick Pleul/dpa

Als Erich Kästners Zwillingsgeschichte „Das doppelte Lottchen“ 1949 erschien, waren Zwillinge noch ein seltenes Phänomen. Es galt damals die „Hellin-Regel“, nach der im Schnitt jede 85. Geburt eine Zwillingsgeburt sein sollte. Diese Zeiten sind vorüber. 1.989 Zwillingsgeburten gab es im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg, das ist der zweithöchste Wert seit Bestehen des Landes. Bei jeder 54. Geburt wurden Zwillinge geboren.

Laut Statistischem Landesamt waren in den 1980er Jahren Zwillingsgeburten mit einem Jungen und einem Mädchen am seltensten, seit 2001 befinden sich die gemischt-geschlechtliches Zwillingspaare im Anstieg. Eineiige Zwillinge haben immer das gleiche Geschlecht. Bei zweieiigen Zwillingen kann das Geschlecht und die Zusammensetzung variieren. Gründe für den Geburten-Anstieg von zweieiigen Zwillingen sind „späte Geburten“ und die künstliche Befruchtung.

„Späte Geburt“ als Grund

Michael Wannenwetsch, leitender Arzt für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik am Klinikum Mittelbaden, sieht die Schwangerschaft älterer Frauen als Faktor für den Anstieg der Zwillings-Schwangerschaften in ganz Europa. Bei einer späten Befruchtung haben die Eierstöcke weniger Kapazität, sagt der Gynäkologe. Das Gehirn sendet deshalb, zum Ausgleich, auf einen Schlag eine große Menge an Hormonen aus, die die Eizellreifung der Frau stimulieren. So kann es passieren, dass mehr als eine befruchtete Eizelle entsteht. „Das macht die Natur so“, sagt Wannenwetsch.

Mehr Zwillinge durch In-Vitro-Fertilisation

Ein weiterer Faktor zum Anstieg der Geburten von zweieiigen Zwillinge sei die künstliche Befruchtung durch eine „In-Vitro-Fertilisation“ (IVF), sagt Wannenwetsch. „In Vitro“ beschreibt die Befruchtung der Eizelle im Reagenzglas. Die Eizellen werden der Frau entnommen, befruchtet und wieder eingesetzt. In Deutschland gängig sei der Single-Embryonen-Transfer, sagt Gynäkologe Wannenwetsch.

Bei diesem Prozess wird nur eine Eizelle befruchtet. Gesetzlich erlaubt sei in Deutschland aber auch die Befruchtung von bis zu drei Eizellen. In Dänemark oder Tschechien, aber auch in Spanien werden in der Regel mehr Eizellen befruchtet und eingesetzt, um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen, sagt der Frauenarzt. Die Folge sind vermehrte zweieiige Zwillings-Schwangerschaften.

Gründe für den Rekord von gemischt-geschlechtlichen Zwillingen, sieht Wannenwetsch im Anstieg der zweieiigen Zwillinge allgemein: „Wenn mehr Zweieiige gezeugt werden, sind auch mehr davon verschiedenen Geschlechts. Zumal ja Eineiige immer das gleiche Geschlecht haben.“

Das Geschlecht dürfen Mediziner bei der Zeugung nicht untersuchen, sagt Wannenwetsch: „Das ist in Deutschland verboten.“ Auch Christina Thöne, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Kinderwunschzentrum Heidelberg sieht keinen medizinische Ursachen für die vielen Jungen-Mädchen-Paare.

Die In-Vitro-Befruchtung von drei Eizellen, „das ist fast Körperverletzung“, sagt Thöne. Sie meint damit die Komplikationen von Mehrlingsgeburten während der Schwangerschaft und bei der Geburt selbst. Im Kinderwunschzentrum arbeiten fünf Ärztinnen, die Paare unterstützen, denen der natürliche Weg zum Kind verwehrt bleibt.

Auch Thöne sagt, dass der Anstieg der Zwillingsgeburten mit der künstlichen Befruchtung, aber auch mit der Hormonstimulation bei der Frau zusammenhängt. Der Anteil der durch künstliche Befruchtung entstandenen Kinder liege in Deutschland bei etwa zwei Prozent.

Künstliche Befruchtung im Ausland erhöht Risiken

Gynäkologe Michael Wannenwetsch respektiert den Kinderwunsch, sieht jedoch die mehrfache Befruchtung im Ausland kritisch. „Eine Zwillings-Schwangerschaft ist eine Risikosituation“, sagt er, vorzeitige Wehen durch die Doppelbelastung werden regelmäßig zum Problem. „Wir brauchen eine europäische Regelung“, sagt er. Idealerweise solle die Anzahl der befruchteten Eizelle auf eine beschränkt werden.

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