Hass im Netz
In der digitalen Welt entscheiden wir selbst, wer wir sein möchten - bezahlen aber einen Preis dafür und geben die Verantwortung für unsere Daten an Dritte ab. | Foto: Tobias Hase

5. Wissenschaftsgespräche

Was vom digitalen Ich übrig bleibt

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Das moderne Leben ist digital. In der westlichen Gesellschaft kann sich wohl niemand dem Trend zur schnell voranschreitenden Digitalisierung komplett entziehen. Doch das Internet ist nicht nur eine omnipräsente Wundertüte voller Chancen und Möglichkeiten, die digitale Revolution des 21. Jahrhunderts birgt auch Risiken und fordert von vielen Nutzern einen hohen Preis, der manchen nicht bewusst ist.

Der Verlust des Privaten im Netz, die wachsende Macht der Algorithmen über die Menschen und die mangelnde Kontrolle über eigene Daten, die gestohlen, manipuliert und verkauft werden können, sind nur einige der Probleme, die Fachleute wie Verbraucher täglich bewegen. Die Frage nach der Bedeutung der digitalen Identität für den Einzelnen und die Gesellschaft stand auch im Mittelpunkt der 5. Wissenschaftsgespräche in Karlsruhe, die das Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft (ZAK) am KIT in Kooperation mit der Baden-Württemberg Stiftung ausgerichtet hat.

Gibt es also die eine „Wa(h)re digitale Identität“, wie die Podiumsdiskussion am Montag in der IHK Karlsruhe doppeldeutig benannt war? Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine klare Antwort auf diese Frage. „Die Online-Welt bietet viele Möglichkeiten, sich darzustellen und viele Identitäten zu leben, die wir offline nicht leben können“, sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte. Die Expertin der Universität Hohenheim sieht dies zunächst positiv: „Wir können im Internet für uns neue Gruppen von Menschen entdecken und mit ihnen kommunizieren“. Schwierig kann es jedoch dann werden, wenn über das Netz zusätzlicher sozialer Druck in das volldigitale Leben kommt.

So zitiert der Kommunikationsforscher Sascha Trültzsch-Wijnen Studien, wonach die Nutzer von sozialen Plattformen wie Facebook und Instagram sich deprimiert fühlten, weil die schönen Fotos von anderen Nutzern ihnen aufregende und erfüllte Existenzen vorgaukelten. Dass die User zu viel von sich selbst preisgeben und eher sorglos mit ihren privaten Daten im Netz umgehen, ist aus Sicht des Forschers der Uni Salzburg vor allem bei den Jugendlichen ein Problem: „Sie kennen die Risiken, unternehmen jedoch wenig“.

Die Wissenschaftler sind sich einig darin, dass die Ware digitale Identität zum gefragten Konsumgegenstand geworden ist. Unternehmen machen große Geschäfte mit Nutzerdaten, Werbung wird zunehmend personalisiert eingeblendet, automatisierte Bewertungen von Usern entscheiden über deren Kreditwürdigkeit. „Generell gibt es einen Trend, in der digitalen Welt bereitwillig die Privatheit zu opfern, wenn man dafür eine direkte Belohnung erhält“, sagt Trültzsch-Wijnen. Dass die Nutzer bald alle „nackt“ im Netz unterwegs sein werden, glaubt Sabine Trepte jedoch nicht. Der Wandel zum Verzicht auf Privatsphäre sei eher ein langsamer Prozess von kleinen Veränderungen, beruhigt sie.

Nach Meinung des Rechtsinformatikers Georg Borges von der Universität des Saarlandes sollte es gar keinen Zwang zum Teilen von persönlichen Daten im Internet geben. So schlägt er vor, gegenüber Konzernen wie Google ein Recht auf die anonyme Nutzung von Suchmaschinen zu erstreiten. „Ich möchte ein weißes Blatt Papier sein, wenn ich Google frage“, sagt der Experte. Ein Einzelner könne dies nicht durchsetzen, wohl aber die ganze Gesellschaft. Bis dies soweit ist, empfiehlt der Rechtsexperte allen Nutzern, zumindest in ihren Browsern die Speicherung der Surf-Chronik abzustellen: „Das führt dazu, dass nicht Ihre komplette Internetgeschichte immer online abrufbar ist“.