Macht ausgebaut
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, hat die Wahl mit seinen «Dienern des Volkes» wohl gewonnen. | Foto: Evgeniy Maloletka/AP

Nach der Wahl in der Ukraine

Wenn die „Diener“ das Sagen haben

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Eine nach einer populären Fernsehserie benannte Partei mit angeblich gerade einmal 20 000 Mitgliedern hat aus dem Stand erstmals eine absolute Mehrheit bei der Parlamentswahl im zweitgrößten Flächenstaat Europas gewonnen. Das sagt schon viel über den Zustand der Politik in der Ukraine aus, die seit zwei Monaten von einem Ex-Komiker im Präsidentenamt angeführt wird.

So frustriert und angewidert von ihrer unfähigen und korrumpierten politischen Elite sind die Ukrainer, dass sie sich jetzt blind einem Häufchen politischer Laien anvertraut haben, die demnächst fast nach Belieben schalten und walten können. Die „Diener des Volkes“ werden von einer Protestwelle getragen, die sich gegen alle etablierten Kräfte im Land richtet, rechts oder links, nationalistisch oder prorussisch. Nur so ist die unglaubliche Machtfülle zu erklären, die der kleinen Newcomer-Partei nach der Abstimmung mit der niedrigsten Wahlbeteiligung in der Geschichte der unabhängigen Ukraine zusteht.

Diese Machtfülle birgt eine Chance, aber auch ein großes Risiko für die von Krieg und Krisen gebeultelte Republik. Vieles wird davon abhängen, ob Präsident Wolodymyr Selenskyj die Zeit im Amt vor allem dazu nutzt, um seine politischen Gegner plattzumachen – oder eine Art freiwillige Koalition schmiedet, um das Land möglichst zu einigen und seine drei zentralen Versprechen zu erfüllen.

Punkt eins, der Frieden im Osten, ist ohne eine Normalisierung der völlig zerrütteten Beziehungen zu Russland nicht möglich. Selenskyj hat hier seit Ende Mai noch nicht viel bewirkt – zumindest aber hat er nicht den Fehler seines Vorgängers gemacht, den Kremlchef Putin persönlich anzugreifen und öffentlich herauszufordern. Beide Staatschefs telefonieren miteinander. Immerhin.

„Pragmatisch“, nennt der Kreml diese Offenheit der Führung in Kiew, und dies ist wahrscheinlich das beste Kompliment, das der „Chef-Diener des Volkes“ derzeit erwarten kann. Selenskyjs weitere Ziele, der wirtschaftliche Aufschwung und Erfolge im Kampf gegen die Korruption, sind deutlich leichter zu erreichen, wenn genügend politischer Wille da ist.