In die Glaskugel blicken möchten viele Menschen. Computer erleichtern jetzt den Politikern die Zukunftsplanung. Foto: imago

KI soll Krisen voraussagen

Wenn Minister in die Glaskugel blicken

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Der Schock steckt dem Schachgenie Garri Kasparow auch heute noch in den Knochen. „Ich fühle mich furchbar, wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke. Mir gegenüber am Schachbrett saß eine neue Art von Intellekt“, erinnerte sich der russische Ex-Weltmeister in einem 2018 erschienen Buch an den 10. Februar 1996, als er erstmals eine Turnierpartie gegen eine Maschine verlor. Das Programm „Deep Blue“, das Millionen von Stellungen pro Sekunde kalkulieren konnte, hatte im 37. Zug vorausgeblickt und berechnet, dass der Mensch keine Gefahr mehr darstellen würde. „Deep Blue“ überlistete daraufhin Kasparow, der acht Züge später aufgab.

Mehr als zwei Jahrzehnte später hat die Künstliche Intelligenz (KI) bereits viele unserer Lebensbereiche durchdrungen. Wäre es nun nicht konsequent, von den schlauen Maschinen zu erwarten, dass sie zuverlässige Vorhersagen über unsere Zukunft machen? Könnten Computerprogramme nicht die Regierungen über aufkommende Krisen und Kriege alarmieren und humanitäre Notlagen so früh erkennen, dass man rechtzeitig Maßnahmen zur Rettung vieler Leben einleiten könnte? Die Antwort ist: Ja, vielleicht.

Ein solches intelligentes Prognose- und Warnsystem wird gerade von der Bundesregierung getestet.
Es trägt den Namen „IBM Watson“. Vereinfacht dargestellt, liest diese Software automatisiert die Inhalte vieler als „zuverlässig“ eingestufter und geprüfter Internet-Quellen aus: Nachrichtenportale, Blogs, Datenbanken, Analysen, Ereignisdaten von Demonstrationen, Aufständen oder bewaffneten Konflikten, Archive und Rasterdaten des Deutschen Wetterdienstes.

Diese Informationen werden von der Maschine anschließend analysiert, strukturiert und von IT-Spezialisten des Bundesaußenministeriums und des Bundesverteidigungsministeriums für die mögliche globale Krisenfrüherkennung und -Prävention bereitgestellt. Danach liegt es an den Politikern, Diplomaten und Generälen, zu handeln. Oder eben noch abzuwarten.

Laut einer Antwort des Ressorts von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag lässt sich die Große Koalition das Projekt „IT-Unterstützung Krisenfrüherkennung“ derzeit mehr als 15 Millionen Euro kosten. Es soll Ende Juni 2019 abgeschlossen werden. Die Bundesregierung verrät in der Antwort nicht, ob Watsons Vorhersagen jeglichen praktischen Wert hatten und die betroffenen Ministerien veranlasst haben, konkrete Maßnahmen zur Krisenprävention einzuleiten.

Dennoch stellt die Opposition im Bundestag den Sinn und Nutzen der KI im Regierungsdienst infrage. „Die Idee, politische Ereignisse mithilfe einer Software früherkennen zu wollen, ist haarsträubend“, kritisierte am Dienstag in einer Stellungnahme für die BNN der Abgeordnete Andrej Hunko. Der europapolitische Sprecher der Linken stört sich etwa daran, dass „der Quellcode dieser digitalen Glaskugel Geschäftsgeheimnis und damit unbekannt ist.“ Wenn sich die Bundeswehr und das Auswärtige Amt bei der Interpretation der Nachrichten auf eine Anwendung verlassen würden, deren Funktionsweise sie nicht einschätzen könnten, seien Fehlentscheidungen möglich, befürchtet Hunko. Er bezweifelt zudem die politische Ausgewogenheit der genutzten Datenbanken.

Der Sicherheitsexperte Calos Masala nennt solche Kritik an der Prognose-KI realitätsfern und unfundiert. „Es ist Unsinn, von einer ,Glaskugel’ zu reden: Niemand nutzt die Künstliche Intelligenz dazu, um sich alleine auf deren Prognosen voll zu verlassen. Solche Systeme dienen nur als Unterstützung von Analysten“, erklärt im BNN-Gespräch der Politikprofessor an der Bundeswehr-Universität München. „Es sind riesige Datenmengen, die kein Experte alleine verarbeiten kann. Dazu ist die KI hilfreich. Ob man ihren Einschätzungen folgt oder nicht, bleibt aber dem Menschen überlassen“, schränkt Masala ein.

Der Wissenschaftler hält es für sinnvoll, Geld in solche Projekte zu investieren. Und nennt ein Beispiel: „Die KI könnte die Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen antizipieren, um das Auswärtige Amt dazu zu befähigen, Hilfsgelder an die betroffenen Länder schneller bereitzustellen. Wenn eine Software eine von Analysten unterstützte Vorhersage macht, dass es in einem Land zu einem bewaffneten Konflikt kommen wird, könnten Diplomaten vielleicht noch rechtzeitig einschreiten.“

Masalas Fazit: Die Bundesregierung könnte nach einem erfolgreichen Abschluss des Software-Tests in Zukunft auf Krisen schneller reagieren. Allerdings werde man nie eine hundertprozentige Vorhersagbarkeit erreichen können, weil sich Entscheidungen von Menschen nun einmal schwer prognostizieren lassen: „Darum wäre eine Trefferquote von 85 Prozent schon toll.“

Mit ihren Versuchen der computergestützten Krisenprävention steht die Bundesregierung heute nicht alleine da. So testen etwa seit dem vergangenen September die Vereinten Nationen, die Weltbank und das Internationale Rote Kreuz gemeinsam die analytische Software FAM (Famine Action Mechanism), um zukünftige Hungerkrisen und drohende Nahrungsmittelknappheit weltweit vorhersagen zu können. Ein Forscherteam in Boston entwickelt eine KI-„Glaskugel“, um etwa die Auswirkungen von Migration und Religiosität auf eine virtuelle Gesellschaft zu untersuchen.

In Deutschland wird bereits seit einiger Zeit eine Software verwendet, die zukünftige Verbrechen vorhersagen soll. Die in Bayern erstmals eingesetzte Software „Precobs“ analysiert die in den Polizeidatenbanken erfassten Straftaten, Tatort und Tatzeit, um Aussagen zu möglichen weiteren Vorfällen zu machen. „Precobs“ wurde auch in Stuttgart und Karlsruhe erprobt.

Das Bundesprojekt „IT-Unterstützung Krisenfrüherkennung“ wird wohl demnächst an politischer Brisanz weiter gewinnen: Nach Regierungsangaben ist es bis Juni geplant, die KI des Verteidigungsministeriums neben den öffentlich zugänglichen Quellen auch mit geheimem Datenmaterial des Militärischen Nachrichtenwesens der Bundeswehr zu füttern.