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Geschichten einer Flucht

Wie zwei Karlsruher das Massaker von Srebrenica nur knapp überlebten

Rund 8.000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen, getötet und in Massengräbern verscharrt: Das ist die schreckliche Bilanz des Massakers von Srebrenica, das am 11. Juli 1995 begann. Zwei Karlsruher, die als junge Männer knapp überlebt haben, erzählen 25 Jahre später in den BNN die Geschichte ihrer Flucht.
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Eine Granate schlägt ein, dann wird es Senad Osmanovic schwarz vor Augen. Als der Teenager wieder zu Bewusstsein kommt, herrscht um ihn herum Chaos. „Ich habe viele Menschen gesehen, aber nur Fremde“, sagt er. Seine Mutter und seine Geschwister kann er in der panischen Masse, die aus Srebrenica flüchtet, nicht mehr finden. Seinen Vater, von dem er sich 20 Minuten vor dem Granateneinschlag verabschiedet hat, wird er nie wieder sehen.

Die Flucht vor den serbischen Nationalisten beginnt für Osmanovic schon Jahre vor dem Massaker des 11. Juli 1995. „Im Mai 1992 habe ich zum letzten Mal elektrisches Licht gesehen“, sagt er beim Gespräch in den Räumen der Bosniakisch-Deutschen Gemeinde Karlsruhe. Da war er zwölf Jahre alt und wurde mit der Familie aus seinem Heimatort Bratunac an der Grenze zu Serbien vertrieben.

Erst 1995, in Freiheit auf bosnisch kontrolliertem Gebiet, gab es wieder Strom. Zu Fernsehen oder Radio hatten die meisten Menschen in der von den Vereinten Nationen (UN) eingerichteten Schutzzone Srebrenica keinen Zugang. Dorthin kamen Osmanovic, seine Eltern und die jüngeren Brüder im Winter 1993. „Wir haben keinen Plan gehabt. Wir haben einfach nur versucht, unser Leben zu retten“, sagt der heute 39-Jährige.

Im Bus versteckt: Senad Osmanovic entkam im Alter von 14 Jahren der Erschießung durch serbische Soldaten. Foto: Jörg Donecker

Wie er flohen Zehntausende bosnische Muslime aus dem von Serbien besetzten Ostbosnien in die Enklave Srebrenica. „In der Schutzzone haben wir unsere Ruhe gehabt. Bis Juni 1995“, sagt Osmanovic. Ruhe, das bedeutete ein Leben in täglicher Erwartung eines Granaten- oder Scharfschützenangriffs. Es gab kaum Brot und Wasser, internationale Hilfsgüter wurden von den Besatzern nur selten durchgelassen.

Osmanovic entkommt in Potočari knapp der Erschießung

„Als 13-jähriges Kind hab’ ich das nicht ernst genommen. Ich habe mir gesagt: Morgen ist es vorbei. Jeden Tag habe ich das gedacht“, sagt Osmanovic. Als im Juni 1995 die Lage immer unerträglicher wird, geht die Familie zum UN-Militärstützpunkt Potočari . „Die Holländer haben uns nicht mehr beschützen können“, sagt Osmanovic. Die niederländischen Blauhelm-Soldaten haben sich bereits nach Potočari zurückgezogen. „Am 10. Juli habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen“, sagt Osmanovic.

Ohne den Schutz der UN-Soldaten müssen die bosnischen Männer um ihr Leben fürchten. Der Vater will sich einer Kolonne anschließen, die versucht, sich durch die Wälder bis auf bosnisch kontrolliertes Gebiet durchzuschlagen. Nach dem Granateneinschlag, bei dem Osmanovic seine Familie aus den Augen verliert, marschiert der mittlerweile 14-Jährige alleine in der Masse nach Potočari, etwa drei Kilometer. „Auch da habe ich noch gedacht, morgen wird alles besser“, sagt er.

In Potočari angekommen, entdeckt er in der Menge seine Tante mit ihrem neun Monate alten Sohn. „Ich habe sie gefragt, ob sie meine Mutter und meine Brüder gesehen hat. Die Antwort war Nein“, sagt Osmanovic. Seine Stimme ist jetzt brüchig, in den Augen glänzen Tränen.

Die serbischen Soldaten lassen Frauen und Kinder in Busse und auf Lastwagen steigen, die sie in bosnisch kontrolliertes Gebiet nahe der Stadt Tuzla bringen. Männer und Jungen werden aussortiert. Osmanovics Tante fleht einen Soldaten an, ihren Neffen zu verschonen. „Der Soldat sagte zu ihr: ,Steig’ jetzt ein, oder du stirbst!‘“, erzählt Osmanovic.

Er hat großes Glück: Ein zweiter Soldat kommt dazu, und der 14-Jährige darf schließlich mitfahren. Er übersteht auch die Kontrollen auf der Strecke unentdeckt und findet auf bosnischem Boden zu seiner Familie zurück. Seinen Vater aber sieht Senad Osmanovic nie wieder. 2005 werden seine Überreste etwa 30 Kilometer von Srebrenica entfernt in einem Massengrab gefunden. Durch DNA-Analyse kann er identifiziert werden. „Ich war froh, dass wir ihn gefunden haben“, sagt Osmanovic leise. „Gleichzeitig war ich traurig, weil es keine Hoffnung mehr gab.“

200 Kilometer barfuß durch Kriegsgebiet

Was Osmanovics Vater nicht überlebte, hat der heute 44-jährige Ismail Salkic geschafft: Er hat den gefährlichen Weg durch die Wälder in der Marschkolonne von Srebrenica nach Tuzla zurückgelegt – größtenteils barfuß. In die UN-Schutzzone kommt er 1993, knapp 20-jährig, mit den Eltern und vier Schwestern. Der ältere Bruder ist ein Jahr zuvor bei einem Angriff getötet worden.

Salkic und sein Vater gehen am 11. Juli 1995 zu dem Sammelplatz für die Kolonne. Als sie ankommen, ist Mitternacht. Zwischen den Ortschaften Šušnjari und Jaglici haben sich auf offenem Gelände 15.000 Männer und männliche Jugendliche versammelt, um zu Fuß den Weg ins 120 Kilometer entfernte Tuzla einzuschlagen.

Nur langsam setzt sich die Marschkolonne in Bewegung: Man geht einzeln hintereinander, um Landminen zu vermeiden. Als Salkic und sein Vater mit den Letzten losgehen, ist es um die Mittagszeit des 12. Juli. „Nach einer Stunde Weg kamen wir zu den ersten Todesopfern“, erzählt Salkic mit ernster, fast steinerner Miene. An der Stelle schießen bosnisch-serbische Soldaten aus einem Hinterhalt auf die Flüchtlinge. Er verliert seinen Vater aus den Augen, die Kolonne wird geteilt. Auch seine Schuhe sind weg.

In der Marschkolonne: Ismail Salkic hat als 19-Jähriger geschätzte 200 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Foto: Jörg Donecker

Bereits auf den ersten zehn Kilometern geraten sie in einen zweiten Hinterhalt, im Chaos findet Salkic den Vater plötzlich wieder. Die Kolonne ist jetzt überhaupt nicht mehr organisiert, es bilden sich kleinere Gruppen. Zum letzten Mal sieht Salkic seinen Vater, kurz bevor sie eine Straße beim Ort Conjevic Polje überqueren.

Er habe keine Kraft mehr, habe der Vater gesagt. Er wolle nicht, dass sie den Weg gemeinsam weitergehen, weil er den Gedanken nicht ertragen könne, seinen Sohn sterben zu sehen. „Jeder sollte sich alleine durchschlagen, damit die Hoffnung bleibt, den anderen am Ende in Freiheit wiederzusehen“, sagt Salkic. Doch dazu kommt es nicht.

375 Gramm Dosenfleisch für 15 Männer

Die Gruppe gerät jetzt immer tiefer in serbisches Territorium, kaum jemand kann sicher sagen, welcher Weg einzuschlagen ist. Im Zickzackkurs schlagen sie sich über geschätzte 200 Kilometer die nächsten acht Tage durch. Zu essen haben sie, was sie finden: „Obst oder Pilze.“ Pro Tag, aber nicht an jedem Tag, wie Salkic betont, teilen sich die Männer eine Konserve aus den UN-Hilfslieferungen: „375 Gramm Dosenfleisch für 15 Männer.“

Ihren Wasserbedarf decken sie aus Pfützen oder Quellen – doch da auch die Serben die Quellen kennen, lauern dort oft Fallen. Ans Aufgeben denkt dennoch niemand, sagt Salkic. „Ich hatte bis dahin schon so viel Krieg und Beschuss erlebt, dass ich wusste, dass sich ergeben keine Option war.“ Unter dem Druck, dass aus allen Richtungen der Tod lauert, habe keiner einen Gedanken ans Aufgeben verschwendet. Der Zusammenhalt in der Gruppe sei ganz stark gewesen.

Als die Männer am neunten Tag freies bosnisches Territorium erreichen, kann Salkic es nicht glauben. „Ich habe niemandem irgendwas geglaubt“, sagt er. In einem Feldlazarett bei Živinice wird er versorgt, kann seinen schmerzenden Körper drei Tage lang nicht bewegen. Erst, als er sich langsam erholt, und als er Bekannte wieder trifft, kommt sein Glaube an die Freiheit zurück.

Was passierte mit Salkics Vater? Salkic atmet lang aus, schlägt die Augen nieder. 2001 werden Überreste in einem Massengrab gefunden – nicht einmal ein Drittel aller Knochen. In einem anderen Massengrab findet man später weitere Überreste. Beerdigt wird Salkics Vater 2003 auf dem Friedhof in Potočari.

In Karlsruhe leben Ismail Salkic und Senad Osmanovic heute ein friedliches Leben. Doch die Erinnerung bleibt schmerzhaft. „Wenn mich jemand fragt, was Krieg ist“, sagt Osmanovic, „dann sage ich: Krieg ist das Ergebnis schlechter Politik. Was du mit Politik nicht erreichst, probierst du mit Gewalt.“

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