Der Betroffene Horst Lanz klagt vor dem Verfassungsgericht gegen das Sterbehilfeverbot.

Sterbehilfe vor Gericht

Wo endet das Recht auf Selbstbestimmung?

Anzeige

Eine über 70-jährige, nach einem Suizidversuch erblindete Frau entscheidet sich in einem Krankenhaus gegen das Weiterleben. Die Palliativmediziner machen dies durch das Sterbefasten möglich, bei dem die Patientin auf Wasser und Nahrung verzichtet.

Zwar bekommt die Frau Beruhigungsmittel, jedoch zieht sich der Sterbeprozess über Monate hin – und der täglich geäußerte Wunsch der Seniorin, eine tödliche Spritze zu bekommen, macht den Fall noch viel schwieriger für das betroffene Ärzteteam.

Die Freiheit, für sterbende Patienten diese letzte Option zu haben, wünschte sich an Mittwoch vor dem Bundesverfassungsgericht Dietmar Beck. Der Schmerztherapeut aus Stuttgart, der den oben geschilderten Fall aus seiner Praxis erzählt, sieht durch die aktuelle Rechtslage das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient behindert.

Ärzte besorgt über rechtliche Konsequenzen ihres Handelns

Vor den Richtern in Karlsruhe, die seit Dienstag über das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe verhandeln, sagte Beck, dass einige seiner Kollegen den Patienten todbringende Mittel zur Verfügung stellten – und dabei über rechtliche Konsequenzen ihres Handelns besorgt seien.

Schwerstkranke Menschen, Ärzte und Sterbehelfer haben in Karlsruhe gegen den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs geklagt, der für „geschäftsmäßige“ – also wiederholte – Förderung der Selbsttötung bis zu drei Jahre Haft vorsieht. Angehörige und „Nahestehende“ sind von dem Verbot ausgenommen.

Das Gericht muss entscheiden, wo die Grenzen der medizinischen Suizidhilfe verlaufen und ob aus dem Recht jedes Menschen auf einen selbstbestimmten Tod auch ein Anspruch auf Hilfe abgeleitet werden kann.

Emotionale Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht

Die Verhandlung am Mittwoch war teils emotional und persönlich. „Ich habe selbst Eltern, die kürzlich gestorben sind“, sagte Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle. Er wisse deshalb, dass man einen solchen Prozess hinauszögern könne. Voßkuhle warf die Frage auf, ob es vorstellbar sei, in bestimmten Fällen mit entsprechender Sicherung den ärztlich begleiteten Suizid zu ermöglichen.

Damit dürfte der Gerichtspräsident Experten wie Jochen Vollmann aus der Seele sprechen. „Das Fremdtötungsverbot im Strafrecht, das viele für moralisch wichtig halten, wird durch ärztliche Assistenz zur Selbsttötung nicht überschritten“, stellte im Gespräch mit den BNN der Psychiater und Philosoph aus Bochum klar.

Umsichtig und klug den Zugang schwerkranker Menschen zu todbringenden Medikamenten regeln

Laut Vollmann sollte die Gesellschaft „umsichtig und klug den Zugang schwerkranker Menschen zu todbringenden Medikamenten durch kompetente Ärzte in der Regelversorgung regeln“. Das finde derzeit „aus ideologischen Gründen“ nicht statt und zwinge die Patienten dazu, zweifelhafte Sterbehelfer zu kontaktieren oder ins Ausland zu reisen, kritisierte der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik.

Finanziell ist es für Ärzte unattraktiv

Vollmann hält politische Bedenken für übertrieben, wonach Sterbehilfe zu einem neuen Geschäftsmodell in Deutschland werden könnte: „Finanziell ist es für die Ärzte ein unattraktiver Bereich.“ Auch die Sorge, dass Ältere und Kranke sich zum Suizid gedrängt fühlen könnten, sei weit hergeholt, die Erfahrungen mit Sterbehilfe in den USA zeigten ein gegenteiliges Bild.

„Nimmt man das Selbstbestimmungsrecht des Menschen am Lebensende ernst, folgt daraus, dass er einen seriösen Zugang zu den diesem letzten Hilfsmittel im Gesundheitssystem haben muss“, schlussfolgert der Fachmann.

Ein Urteil des Verfassungsgerichts wird in einigen Monaten erwartet.