Bahn zur Muottas Muragl
Seit über 100 Jahren fährt die knallrote Standseilbahn zur Anhöhe Muottas Muragl, einem beliebten Ausflugsziel im Oberengadin. | Foto: wiss-image.ch/Christof Sonderegger

Urlaub im Oberengadin

Pontresina: Land der silbernen Farben

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Wer hat’s erfunden? Das Bergwandern bestimmt die Schweizer. „Von Samedan sind wir hochmarschiert, und es war erneut ein unvergleichliches Erlebnis“, hat ein unbekannter Eidgenosse im Hüttenbuch der Chamanna Segantini notiert. Der eigene Schweinehund hat sich lieber für die knallrote Standseilbahn entschieden, die seit über 100 Jahren zum schönsten Aussichtsbalkon des Oberengadins, der Anhöhe Muottas Muragl, hinaufklettert. Von dort ist es schließlich immer noch ein gutes Stück Weg zu der einsam gelegenen Steinhütte, die mindestens ebenso telegen ist wie das knallrote Toilettenhäuschen im Schweizer Kleid.

Zunächst gibt sich der Wanderpfad noch ziemlich handzahm, kennt nur eine Richtung: sanft nach unten. Doch spätestens an der Alm Margun ist der gemütliche Spaziergang für wanderunerfahrene Waden vorüber. In unzähligen Kehren schraubt sich der Pfad in dem steinigen Gelände nach oben, und manchem Flachlandtiroler verschlägt es buchstäblich den Atem – nicht nur wegen der Aussicht hinüber nach St Moritz, den türkis schimmernden Bergseen und den Eisriesen der Ostalpen, deren größter der 4 049 Meter hohe Bernina ist. Doch das Panorama, das sich von der Segantini-Hütte aus dem beglückten Besucher bietet, lohnt jeden Schweißtropfen, macht die Strapazen schnell vergessen. Nie hat ein Apfelkuchen besser geschmeckt, als jener, den die Wirtsleut Martina und Anselm auf 2 731 Metern gebacken haben.


Wer die ganze alpine Herrlichkeit des Oberengadins sehen will, muss auf die Muottas Muragl über Pontresina, hieß es schon vor 100 Jahren, als sich weitsichtige Eidgenossen für den Bau der Bahn stark machten. Es gibt wohl nur wenige Plätze in der Schweiz, wo man das Zusammenspiel von grünen Tälern, braunem Fels und weißen Gletschern so intensiv und gleichzeitig mit so wenig Aufwand genießen kann wie auf dieser natürlichen Sonnenterrasse, wo schon mal Sophia Loren, in Pelz gehüllt, für ein Werbefoto von Schweiz Tourismus posieren durfte. Am Blick über das ganze Oberengadin, das Friedrich Nietzsche schwärmerisch „das Land der silbernen Farbtöne“ taufte, kann sich ein Naturliebhaber kaum sattsehen.

Am Wanderweg zur Segantini-Hütte liegen einige urige Almen. | Foto: wit

Die Berge von Sankt Moritz wirken wie mit der Zackenschere ausgeschnitten; unter einem funkeln die Handvoll Seen wie blaue Edelsteine; linkerhand schiebt sich das Berninamassiv ins Bild, mit dem berühmten Piz Palü, der als einer der schönsten Gletscherberge der Welt gilt. Der 3 990 Meter hohe Riese mit seinem von Nebelschleiern verhüllten Spitzentrio ist so unverschämt fotogen, dass er bereits in den 30er-Jahren zum Filmstar mutierte – in dem höchst erfolgreichen deutschen Bergfilmdrama „Die weiße Hölle des Piz Palü“. Damit die Aufnahmen möglichst realistisch wirkten, ließen die Regisseur Arnold Fanck und Georg Wilhelm Pabst die Crew monatelang bei Eiseskälte in den Gletscherhängen des Palü drehen. Alles sollte echt wirken, vor allem die Emotionen der Schauspieler. Weshalb Fanck eine Lawine lostreten ließ und Schauspielerin Leni Riefenstahl in Todesangst versetzte.

Die Diavoelzza oberhalb von Pontresina
Die Diavolezza mit ihren Gletscherzungen kratzt an der 3000-Meter-Marke. | Foto: wit

Auf der Segantini-Hütte, die nach dem Maler Giovanni Segantini benannt wurde, wirkt das ewige Eis des Berninamassiv einfach nur wunderschön. Der Künstler, der in Mailand aufgewachsen war und von 1894 an in Majola, im hintersten Winkel des Engadins lebte, war gefangen von der Urgewalt dieses Landstrichs, dem klaren Licht auf fast 2 800 Metern. Viele Morgen und viele Abende verbrachte er in der Natur, für sein großformatiges Alpentriptychon, für das nach Segantinis Tod eigens ein Museum in St. Moritz gebaut wurde, zog er sich ein ums andere Mal in die einsame Berghütte zurück, die längst keine einfache Behausung für Schafhirten mehr ist, sondern Kultstatus bei all den ermatteten Wanderern genießt. Womöglich war Segantini so verzaubert vom Anblick der weißen Berninagruppe, dass er die Warnsignale seines Körpers überhörte. Als er an einer Bauchfellentzündung erkrankte, kam für den Maler jede Hilfe zu spät. Er starb mit nur 41 Jahren in der nach ihm benannten Hütte auf dem Schafberg, wo Schautafeln über sein Leben und Sterben informieren.

Zu Segantinis Zeiten avancierte das Oberengadin zum bevorzugten Reiseziel der Reichen und Schönen. Es waren Männer wie Johannes Badrutt, Besitzer des legendären Kulm Hotels in St. Moritz, die englischen Urlaubern den Festsaal der Alpen schmackhaft machten – sommers wie winters. Der Hotelpionier vertraute dem einzigartigen Reiz seiner Heimat, war bereit, den feinen Herrschaften die Bahnfahrt von London ins Engadin zu bezahlen, sollte Ihnen die Winterfrische nicht gefallen. Wenn doch, wollte er sie so lange kostenlos beherbergen, wie die Engländer wünschten. Die blieben, hellauf begeistert, bis Ostern. Der Rest ist Geschichte. Heute schlendern schweizsüchtige Japaner durch den wenig pittoresken Nobelort, wo Gunter Sachs seine legendären Partys feierte, bummeln neureiche Russen durch sündhaft teure Boutiquen, wo Prada, Rolex und all den anderen Nobelmarken feilgeboten werden.

Zug der Rhätischen Bahn
Noch immer reisen viele Touristen mit der Rhätischen Bahn ins Oberengadin. | Foto: wit

Mit einem solchem Glamourfaktor kann Pontresina nicht aufwarten, dafür mit dem Charme eines historisch gewachsenen Bergdorfes, das sich umrahmt von Arvenwäldern an die Flanken von Schafberg und Alp Languard, einen weiteren Aussichtsberg anschmiegt. In dem hübschen Ort inmitten des überwältigenden Kranzes aus Drei-und Viertausendern ist Ruhe und Erholung wichtiger als Sehen und Gesehen werden. Die urwüchsigen Engadiner Häuser mit den kunstvollen Sgraffito-Verzierungen rund um die kleinen Fenster kontrastieren mit den schlossähnlichen Hotelpalästen aus der Belle-Epoque-Zeit. An der Dorfstraße gibt es ein paar Bäcker, eine Handvoll Ski-Shops, das Bergführerbüro, das schmucke Erlebnisbad Bellavista und nicht zuletzt das Cinema Rex im alten Schulhaus. So geruhsam, ja gediegen ist der Ort an der legendären Bernina-Strecke, dass selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hier unbeobachtet ihre Langlaufrunden drehen könnte. Und noch immer reisen viele Gäste mit der Bahn an, die sich in unzähligen Kurven zum Ospizio Bernina, dem höchstgelegenen Bahnhof der rätischen Bahn, hinauf windet.

Hotel in Pontresina
Planschen mit Blick auf das ewige Eis ist im Oberengadin in vielen Häusern möglich. | Foto: Saratz

Das Saratz passt in diese geschichtsträchtige Region unweit des Berninapasses, wo sich das Engadin und das italienisch sprachige Valposchiavo die Hand geben. Eigentlich war Gian Saratz Zuckerbäcker, doch der aufstrebende Tourismus im Engadin verhieß ein besseres Auskommen. Zudem gefiel ihm die Rolle als Gastgeber. So entschloss sich der einstige Pâtissier im Jahr 1865, den Heustall seines Bauernhauses in eine Pension mit Gästezimmern und Frühstücksservice umzubauen. Der Erfolg muss durchschlagend gewesen sein. Schon wenige Jahre später ergänzten Gian und sein ältester Sohn Pepi das Stammhaus um einen Anbau, ließen einen Tennisplatz für die sportlichen unter den Gästen bauen, ebenso wie zusätzliche Bäder auf den Stockwerken. Pepis Bruder Gian, überdrüssig des ungeliebten Pfarrberufs stieg ebenfalls in das Hotelgeschäft ein und kümmerte sich um das Finanzielle: mit ungewöhnlichen Methoden. Weil sein Büro im Erdgeschoss der Chesa Nouva lag, mit Blick auf Zufahrt und Hof, taxierte er regelmäßig die Gäste bei deren Ankunft. Wer den Ansprüchen des etwas exzentrischen Ex-Pfarrers nicht genügte, musste sich ein anderes Hotel im Oberengadin suchen – ungeachtet der Herkunft, des Rangs, einer Empfehlung oder gar einer Reservation.

Das Hotel Saratz in Pontresina
Im Jugendstilsaal des „Saratz“ soll sogar der Komponist Richard Strauss getafelt haben. | Foto: Saratz

Noch immer ist der Geist jener Gründerjahre zu spüren, beispielsweise im 140 Jahre alten Jugendstilsaal – wo womöglich sogar der Komponist Richard Strauss getafelt hat, der mehrmals im Saratz zu Gast war. Mehr als 50 Millionen Franken hat die fünfte Generation der Familie Saratz in die Hand genommen, um den etwas verstaubten Glanz vergangener Tage aufzupolieren und ein Haus zu schaffen, in dem Altes und Neues ineinander übergehen. In den einstigen Stuben der Gründerfamilie schlemmen hungrige Mäuler Scena Burger, Bündner Gerstensuppe oder Älpler Makronen, im urigen Gewölbekeller ist die schnucklige Fondue- und Raclette-Beiz La Cuort untergebracht. Und weil die Natur im Engadin das höchste Gut ist, setzt das Haus, das den ersten beheizten Aussenpool des Engadins sein Eigen nannte, auf erneuerbare Energien. Mit heißem Wasser aus 1 347 Metern Tiefe, dem die Wärme entzogen wird und das anschließend über ein Rohr zur Quelle fließt, wird das hauseigene Hallenbad, die Wellnesszone sowie Teile der Hotelanlage beheizt. Unter alten Bäumen mit Sicht auf steile Felsspitzen und ewiges Eis lässt es sich wunderbar schwimmen, und wenn im lauschigen Café Bagnera direkt am Pool noch der Grill angeworfen wird, kommt definitiv Urlaubsstimmung inmitten des Landes der silbernen Farbtöne auf.

 

Angebote: „Prümavaira“ heißt das dreitägige Angebot im „Saratz“ zum Bergfrühlingserwachen bis 15. Juli. Im Preis ab 598 Schweizer Franken sind zwei Übernachtungen mit Halbpension erhalten. Zudem können die Bergbahnen und die öffentlichen Verkehrsmittel im Engadin kostenlos genutzt werden. Die Pauschale „Familienferien im Herbst“ gilt vom 9. September bis 29. Oktober. Drei Übernachtungen mit Halbpension kosten dann für zwei Erwachsene und zwei Kinder bis zwölf Jahre 1 290 Schweizer Franken. die Tickets für die Bergbahnen und öffentlichen Verkehrsmittel im Oberengadin inbegriffen.
Hotel Saratz, Via da la Staziun 2, CH – 7504 Pontresina / St. Moritz, Telefon (00 41) 8 18 39 40 00.

Bergbahnen: Die Luftseilbahn Diavolezza fährt Wanderfreunde und Bergbegeisterte hinauf in die Gletscherarena. Wer auf Muottas Muragl die Aussicht genießen möchte, nutzt die Standseilbahn Muottas Muragl. Die Luftseilbahn St. Moritz Bad-Signal fährt sein wenigen Tagen wieder auf die Corviglia, bevor am 24. Juni die Gondelbahn Celerina-Marguns und die Chantarella Bahn den Betrieb aufnehmen. Im Gebiet Corvatsch nimmt heute die Luftseilbahn Surlej-Corvatsch den Betrieb auf, gefolgt von der Luftseilbahn Sils-Furtschellas am 24. Juni.

„Bergbahnen inklusive“ heißt ein besonderes Angebot für den Sommer: Wer mehr als eine Nacht in einem der über 100 teilnehmenden Hotels verbringt, erhält das Bergbahn-Ticket als Zugabe. Auch wer eine Ferienwohnung bucht, profitiert davon. Zusätzlich zum Personentransport ist der Mountainbike- und Hundetransport auf den 13 Bergbahnen inklusive.

Literaturtipp: Der Reiseführer „Venetien“ von Eberhard Fohrer, erschienen im Michael Müller Verlag, ist ein unverzichtbarer Urlaubsbegleiter. Er ist handlich, leicht lesbar und voll mit Tipps auch für Individualreisende. (420 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 9-783956-544699)

Auskünfte: Pontresina Tourist Information, Via Maistra 133, CH-7504 Pontresina, Telefon (00 41) 8 18 38 83 00.