Gigantischer Fund: Der Hamburger Bernhard Holtermann holte 1872 einen riesigen golddurchzogenen Gesteinsbrocken aus seiner Mine im Australischen Hill End. | Foto: Emons-Verlag

Goldfund machte es möglich

Früher Förderer der Fotografie: Der Hamburger Bernhard Holtermann polierte am Image Australiens

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Selbstdarsteller, Glücksritter, Stehaufmännchen, bauernschlauer Geschäftsmann und Netzwerker: Das ist eine Seite des Bernhard Otto Holtermann. Gleichzeitig ist der Hamburger, der 1858 mittellos nach Australien kommt, ein Visionär und sozial wie politisch engagiert. Als das Land ihn reich gemacht hat, möchte er ihm etwas zurückgeben: Er fördert die noch junge Kunst der Fotografie mit dem Ziel, das Image der einstigen Sträflingskolonie aufzupolieren. Die Werke, die Holtermann in Auftrag gibt, werden heute als Unesco-Weltkulturerbe gehütet.

Bis dahin ist es ein entbehrungsreicher und gefährlicher Weg, auf dem Holtermanns Schicksal immer wieder am seidenen Faden hängt. Der Sohn eines Hamburger Fischhändlers verlässt Deutschland, weil er nicht als Rekrut eingezogen werden möchte und macht sich auf die dreimonatige, riskante Überfahrt nach Australien.

Finanziert hat ihm diese vermutlich ein Onkel – die umgerechnet 5.000 Euro sind unendlich viel Geld für einen 20-jährigen Kaufmannsgehilfen. An Bord kämpft er nicht nur gegen Seekrankheit und Langeweile: Eine herabstürzende Holzplanke zertrümmert seinen großen Zeh, und der 20-Jährige hat Glück, dass es nicht zu einer todbringenden Infektion kommt.

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Kein Englisch, kein Job

Die Fahrt endet im August im eiskalten Melbourne. Holtermann zieht nach Norden weiter, wo er seinen Jahre zuvor ausgewanderten Bruder zu treffen hofft. Der aber ist von Sydney zu den Goldfedern aufgebrochen. Bernhard Otto verdingt sich für drei Monate als Steward auf einem Schoner, der in die Südsee fährt, später arbeitet er als Ruderer, Stallbursche und Kellner. „Unter beträchtlichen Schwierigkeiten“, wie er sich 25 Jahre später erinnert, „denn als ich in der Kolonie ankam, beherrschte ich die englische Sprache nicht“.

Holtermann wird aus Not zum Goldgräber

Dass Holtermann sich schließlich doch auf den 300 Kilometer langen Weg durch die Blue Mountains nach Hill End macht, ist weniger seiner Abenteuerlust als der Not geschuldet: „Weil ich in Sydney nicht die Arbeit fand, die ich aus Hamburg gewohnt war, ging ich auf die Goldfelder“, schreibt er rückblickend. An seiner Seite ist Ludwig Hugo Louis Beyers aus Posen, ein erfahrener, aber bislang glückloser Goldgräber, den Holtermann im „Hotel Hamburg“ in Sydney kennenlernte. 14 Jahre lang haben er und Beyers auf den Goldfeldern „sehr hart gearbeitet“, so Holtermanns Erinnerung.

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Jahrelanges Ringen ums Überleben

Das ist eher eine Untertreibung: Die beiden kaufen zwar 1861 die Parzelle „Star of Hope“, ringen aber immer wieder ums Überleben, hausen in einer Höhle, hungern. Um weiter schürfen zu können, erledigen sie nahezu jeden Gelegenheitsjob und leben auf Kredit. Abends in der Mine ist es gefährlich: Holtermann hantiert mit Chemikalien, dreimal stürzt er ab, und als 30 Meter unter der Erde ein Fass mit Sprengstoff explodiert, ist er mehrere Monate arbeitsunfähig.

1864 holen sich die beiden acht weitere Goldgräber mit ins Boot. Drei Jahre später haben sie es mit ersten größeren Funden zu bescheidenem Wohlstand gebracht und heiraten in Bathurst die Schwestern Harriett und Mary Emmett. Um die Mine ausbauen zu können, nehmen Holtermann und Beyers im Februar 1872 Aktionäre in ihre „Star of Hope“ -Mine auf. Sie verteilen das Risiko damit auf viele Schultern, setzen aber weiter auf den ganz großen Fund. Dass sie diesen tatsächlich machen, ist nicht Holtermanns Verdienst: Gegen seinen Willen wird der Stollen letztlich in die richtige Richtung getrieben.

Der größe Gold-Quarz-Klumpen der Welt

Am 19. Oktober 1872 kommt eine Probe des größten Goldfundes der Welt zutage. Sie ist Teil eines riesigen Quarz-Gold-Brockens. Die Männer wecken Holtermann, der geistesgegenwärtig genug ist, den Klotz als Ganzes an die Oberfläche holen zu lassen – so kann er mehr Kapital daraus schlagen. 1,44 Meter hoch, 66 Zentimeter breit und zehn Zentimeter dick ist der Schatz. Zwölf Mann müssen mit anpacken, um ihn zu heben. Sein Goldgehalt wird auf 85 Kilogramm geschätzt.

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Das Holtermann Nugget wird zum Markenzeichen

Beyers ist an diesem Tag nicht da, daher kann Holtermann ungebremst seine Fähigkeit zur Selbstvermarktung nutzen: Der Brocken wird zu „Holtermanns Nugget“. Was doppelt falsch ist: Es handelt sich nicht um eine Nugget, sondern um einen von Goldadern durchzogenen Stein, und der gehört Holtermann auch nicht alleine. Der Ruf aber bleibt ihm – und er weiß ihn geschickt zu nutzen.

Förderer der noch jungen Fotografie

Holtermann investiert sein Geld: Er kauft Grundstücke, baut Läden, sichert sich Beteiligungen, steigt ins Import-Export-Geschäft ein und handelt mit allem, was das junge Land benötigt. Fasziniert ist er vom Henry Beaufoy Merlin und seinem Schüler Charles Bayliss, die mit einem mobilen Fotostudio über Land ziehen, die Menschen und ihr Umfeld auf Glasplatten bannen. Holtermann wird ihr Förderer und trägt dazu bei, dass das Leben in Australien in hochwertigen Fotos dokumentiert wird.

 

 

Grandiose Fotos dokumentieren das Leben ins Australien

An seinem Anwesen im Norden Sydneys lässt Holtermann  einen 27 Meter hohen Turm bauen, der als Camera obscura fungiert. Es entstehen mit bis zu anderthalb Meter großen, gläsernen Negativen grandiose und gestochen scharfe Panoramafotos. Mit den Bildern der beiden Fotografen und viel weiterem Material aus Australien reist Holtermann 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia, weiter durch Amerika, später nach Hamburg, Berlin und Paris. Seine Mission:

Er möchte für sein neues Land, dem immer noch das Image der Sträflingskolonie anhaftet, werben. „Er ist der beste Repräsentant, den Australien je hatte“, würdigt letztlich die Zeitung „North Australian“ Holtermanns Engagement.

 

Er ist der beste Repräsentant, den Australien je hatte

Die Zeitung Northern Australian

Der erfolgreiche Unternehmer unterstützt viele soziale Projekte sowie medizinische Einrichtungen und hat – allerdings erst im dritten Anlauf – auch als Politiker Erfolg. Er wird Abgeordneter von St. Leonards im Parlament von New South Wales. Vorausschauend wirkt er auch hier: Er macht sich für eine Einwanderungspolitik nach Bedarf und Qualifikation stark sowie für diverse Infrastruktur-Projekte – darunter auch die 50 Jahre später realisierte Sydney Harbour Bridge. Als Brückenbauer nach Europa wird er 1883 in der Kunstschule Sydney für seine Verdienste „als Kolonist, Mensch und Staatsmann“ geehrt.

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Was bleibt: Das Holtermann-Nugget und die Unesco-geschützte Holtermann-Sammlung

So ist er zwei Jahre vor seinem Tod auf dem Höhepunkt: Er hat sich aus dem Nichts ein Leben als Politiker, Geschäftsmann und Wohltäter aufgebaut – dank des Goldbrockens, der ihm nicht alleine gehörte, den er aber zu seinem Markenzeichen entwickelte. Dieser bleibt auch nach dem Tod des Pioniers als „Holtermann-Nugget“ in den Annalen. Die Werke der Fotografen sind der Nachwelt als „Holtermann-Sammlung“ erhalten.

Nach Christoph Heins opulentem Bildband „Australien 1872. Wie ein Deutscher sein Glück fand und Fotogeschichte schrieb.“ Emons Verlag 2020. 240 Seiten, 200 teilweise erstmals veröffentlichte Bilder, 39,95 Euro.

Buchcover
Christoph Hein: Australien 1872
WIE EIN DEUTSCHER SEIN GLÜCK FAND UND FOTOGESCHICHTE SCHRIEB
978-3-7408-0633-0
Deutsche Ausgabe
| Foto: Emons-Verlag