Die Expertin für virtuelle Welten: Jivka Ovtcharova zählt zu den führenden Digital-Frauen Deutschlands. Hier steht sie vor einer virtuellen Nachbildung des Karlsruher Schlosses. | Foto: Sandbiller

Spitzenfrau der Wissenschaft

Professorin Jivka Ovtcharova: Die Vordenkerin der digitalen Zukunft

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„Killerinstinkte“ und „Komfortzone“ gehören im Moment zu den Lieblingsvokabeln von Jivka Ovtcharova. Die Karlsruher Professorin sorgt sich ernsthaft, dass die deutsche Industrie in der Konkurrenz mit Google, Facebook & Co. den Digitalisierungszug verpasst. „Wir müssen endlich raus aus der Komfortzone und geschäftliche Killerinstinkte entwickeln“, sagt die Expertin für virtuelle Realität, die als Beraterin bei

Unternehmen gefragt ist. Ihr Wort hat Gewicht – auch und gerade deshalb, weil sie sich als aus dem Ausland stammende Frau an die Spitze einer männerdominierten Wissenschaftswelt vorgearbeitet hat. Noch dazu mit akademischen Würden sowohl im Maschinenbau als auch in Informatik. Wer ihre Biografie studiert, den verwundert nicht, dass die Direktorin am Karlsruher Forschungszentrum Informatik vor drei Jahren von einem Fachmagazin unter die 25 Vordenkerinnen der digitalen Zukunft in Deutschland gewählt worden ist.

„Immer zu den Besten gehören“

Schon als kleines Kind wollte die gebürtige Bulgarin, die längst die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, „immer zu den Besten gehören“. Ohne diese besonderen Ehrgeiz hätte sie es wohl auch nie geschafft, zunächst in Sofia und später dann in Moskau zur Ingenieurin ausgebildet zu werden, um danach an der Akademie der Wissenschaften weiter an ihrer Hochschulkarriere zu arbeiten.

Berufliche Umorientierung nach Tschernobyl

Eigentlich hatte die heute 60-Jährige damals die Atomphysik im Blick, doch dann kam im April 1986 der Reaktorunfall von Tschernobyl („ich werde nie vergessen, wie die Geigerzähler getickt haben“). Der Jungwissenschaftlerin war sofort klar, dass ihr als Atomingenieurin keine glänzende Zukunft bevorstehen würde, und so nutzte sie ein Austauschprogramm zwischen Deutschland und Bulgarien, um sich in Darmstadt im Bereich der Computergrafik neu zu orientieren.

Erste Institutsleiterin bei den Maschinenbauern

Es folgten Stationen am Fraunhofer-Institut und als Abteilungschefin beim Autokonzern Opel, ehe sich Jivka Ovtcharova „als Frau und Paradiesvogel“ kurz nach der Jahrtausendwende am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) um die Chefstelle am Institut für Informationsmanagement im Ingenieurswesen bewarb – gegen 29 männliche Mitbewerber. Und das Wunder geschah: Die Fachfrau für „virtuelles Engineering“ erhielt in der Fächerstadt den Zuschlag und wurde im Oktober 2003 die erste Professorin in der Geschichte der altehrwürdigen Fakultät für Maschinenbau, deren Anfänge ins Jahr 1825 – also fast 200 Jahre – zurückreichen.

Wer sich mit der sympathischen Powerfrau über ihre Arbeit unterhält, muss sich auf einen spannenden Streifzug durch die Methoden und Werkzeuge der virtuellen und erweiterten Realität für die Industrie 4.0 und den Mittelstand einlassen. Da geht es um die 3D-Konstruktion von kompletten Fabriken und ihren Arbeitsabläufen, um die Simulation künftiger Produkte wie Autos oder Küchen, um Testlabors, aber auch um die Kommunikation der Zukunft. Jivka Ovtcharova, die ihre privaten Wurzeln in Baden-Baden und der dortigen Kulturszene geschlagen hat („ich liebe die Oper“), beginnt bei Universalgenie Michelangelo in der Hochrenaissance, schlägt den Bogen über Buchdruckerfinder Gutenberg und landet schließlich in der immer komplexer werdenden Zukunft, in der mittlerweile Computer schon menschliche Gedanken in Schrift umwandeln können.

Digitale Zukunft: Wirtschaft muss mehr Gas geben

„Das Unsichtbare sichtbar machen“, lautet ihr Credo. Angst vor der Zukunft? Die Wissenschaftlerin schüttelt energisch den Kopf. Dennoch müsse die deutsche Wirtschaft mehr Gas geben und die Chancen des digitalen Wandels begreifen, fordert sie nach kurzem Nachdenken.

Dass der Frauenanteil in den Studiengängen Maschinenbau und Informatik noch immer unter zehn Prozent liegt, wurmt die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte natürlich. „Die Arbeitszeit ist das ungelöste Problem“, sagt sie mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und fordert mehr Flexibilität von den Arbeitgebern. Auch hier hofft Jivka Ovtcharova auf neue Arbeitsmodelle als Folge der Digitalisierung. „Home Office und Videokonferenzen können hier viel helfen.“

 

In der Serie „Digitale Köpfe“ erschien in der vergangenen Woche ein Porträt von Wibu-Systems-Chef Oliver Winzenried. Alle Beiträge der Serie finden Sie in der Navigation unter Nachrichten/Wirtschaft.