Die Bahn im Tief: Deutlich mehr Geld als bisher gedacht könnte die Rastatter Tunnel-Havarie kosten. Nach dem Absacken der Gleise über der Tunnelbaustelle bei Rastatt war die Rheintalstrecke im vergangenen Sommer sieben Wochen lang voll gesperrt. Ein Gutachten spricht nun von einem volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von zwei Milliarden Euro. | Foto: dpa

Gutachten rechnet Schaden vor

Rastatter Tunnel-Havarie kostet die Volkswirtschaft zwei Milliarden

Anzeige

Zwei Milliarden Euro – so hoch soll der volkswirtschaftliche Schaden sein, der durch die Havarie an der Rastatter Tunnelbaustelle ausgelöst wurde.

Bahn-Supergau wird noch heftiger

Für die Deutsche Bahn war es der Supergau, als im August der fünf Meter dünne Boden über dem Rastatter Tunnel nachgab, die Schienen absackten und die Rheintalstrecke sieben Wochen lang gesperrt werden musste.

Ein Gutachten des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE), das den BNN vorliegt, bringt die Deutsche Bahn nun noch mehr in die Bredouille.

Tunnel-Havarie belastet Volkswirtschaft mit zwei Milliarden Euro

War man bislang von rund 250 Millionen Euro Sachschaden vor Ort und weiteren knapp 500 Millionen Euro Schaden fürs Transportgewerbe ausgegangen, so rechnet das Gutachten der Hamburger Beratungsagentur HTC die Wertschöpfungsverluste in den betroffenen Volkswirtschaften von Deutschland, Schweiz, Italien, Belgien und Holland auf zwei Milliarden hoch.

Tausende Züge fielen aus

Nach der Tunnel-Havarie im vergangenen Sommer fielen tausende Züge aus oder mussten umgeleitet werden. Der Studie zufolge entfällt mit 969 Millionen Euro der größte Teil der Wertschöpfungsverluste auf Unternehmen der Schienenlogistik. Bei verladenden und produzierenden Unternehmen belaufe sich der Schaden auf 771 Millionen Euro.

Weitere 308 Millionen fallen unter sonstige Wertschöpfungsverluste.
„Es geht uns dabei nicht um Forderungen nach Schadensersatz. Die entstandenen Verluste sind längst in die Bilanzen der betroffenen Unternehmen eingepreist“, sagt NEE-Geschäftsführer Peter Westenberger auf Nachfrage.

„Deutsche Bahn will Folgen kleinreden“

Ihm geht es vor allem darum, den enormen Schaden zu beziffern, der durch den eingesackten Tunnel und vor allem die aus seiner Sicht mehr als mangelhafte Vorbereitung auf solch einen Ernstfall entstanden ist.

„Die Deutsche Bahn versucht, die Folgen kleinzureden und als allgemeines Lebensrisiko darzustellen. Das war aber kein kleiner Schaden. Das war ein sehr großer. Und mit einer besseren Notfallplanung hätten sich Schäden vermeiden lassen.“

Ausbau von Ausweichstrecken gefordert

Der Ausbau der Rheintalstrecke werde sich – nicht zuletzt auch durch die Verzögerungen in Rastatt – noch über viele Jahre hinziehen. Ein Desaster wie in Rastatt aber gelte es unbedingt zu vermeiden.

Deshalb fordert Westenberger den Ausbau von Ausweichstrecken und Vereinbarungen mit Frankreich. Schäden hätten unter anderem diese Höhen erreicht, weil weder Notfallpläne vorlagen, noch praktikable Umleitungsstrecken zur Verfügung standen.

Sprachkurse für Lokführer?

„Es kann nicht sein, dass in einer solchen Notlage linksrheinisch nur französischsprachige Lokführer eingesetzt werden dürfen.“

Ein von der Deutschen Bahn angekündigtes Handbuch für Folgefälle sei aus Sicht des Europäischen Eisenbahnnetzwerks „wichtig und richtig, aber längst nicht ausreichend“.

Nach der Havarie geforderte Bypass-Konzepte habe die Bahn als zu teuer abgelehnt. „Damit wird vergleichbaren Ereignissen und Folgen analog zu Rastatt unnötig Vorschub geleistet“, heißt es in dem Gutachten.

Vertrauen in die Schiene ist erschüttert

So hoch die zwei Milliarden auf den ersten Blick auch scheinen, Westenberger geht davon aus, dass darüber hinaus noch mit weiteren dauerhaften Schäden für das schienengebundene Gewerbe gerechnet werden müsse.

In den Interviews, die die Gutachter mit betroffenen Unternehmern geführt hätten, sei eine langfristige Verunsicherung bis hin zur Abkehr von der Schiene wahrnehmbar gewesen.

Zum einen hätten Lkw-Spediteure die Not während der Schienensperrung genutzt und ihre Dienste an den Abschluss mehrjähriger Verträge gebunden.

„Langfristige Kosten der Tunnel-Havarie schwer zu quantifizieren“

Manch einer überlege auch, ob die Schiene tatsächlich so zuverlässig sei wie gedacht. „Diese möglichen langfristigen Schäden sind aber sehr schwer zu quantifizieren“, so Westenberger.

Mit Blick auf die Untersuchung, wie es zu der Havarie selbst kommen konnte, gibt sich der NEE-Geschäftsführer zurückhaltend.

„Die Aufklärung hängt vom guten Willen der Deutschen Bahn und der beteiligten Bauunternehmen ab. Wenn die Ergebnisse für die Beteiligten nicht schmeichelhaft ausfallen, dann wird man dazu wohl nie etwas hören.“

 

In unserem Dossier zur Rheintalbahn-Sperrung lesen Sie die ganze Geschichte zum Rastatter Tunnel-Desaster

Und der Kommentar steht hier: