Stammestanz der Huitoto- Amazonasindianer
Kopfschmuck aus Federn und die kunstvoll bemalten Röckchen aus Baumrinde werden nur noch hervorgeholt, wenn Touristen das Indianerdorf der Huitoto besuchen | Foto: wit

Zu Besuch bei den Huitoto

Survivaltraining bei Amazonas-Indianern

Das hier ist der Urwald-Highway“. Enrique, den alle nur Quique nennen, kann sich ein leichtes Grinsen nichts verkneifen – angesichts der unbeholfen stolpernden Urwaldentdecker aus dem fernen Europa. Die langen Beine des Kolumbianers, eines waschechten Amazonas-Indianers, stecken in praktischen schwarzen Gummistiefeln. Seine muntere Schar stolziert in derben Wanderstiefeln, leichten Laufschuhen und sommerlich luftigen Leinenmokassins durchs Unterholz. Dumm nur, dass es am frühen Morgen im Dreiländereck Brasilien, Kolumbien und Peru wie aus Kübeln gegossen hat. Jetzt wartet der Regenwald im Länderdreieck von Peru, Brasilien und Kolumbien mit zusätzlichen Bächen und provisorischen Tümpeln auf. Jeder Schritt durch das matschige Geläuf wird von schmatzenden Geräuschen begleitet, jeder Tritt auf glitschige Holzplanken droht mit einer unfreiwilligen Landung auf dem Hosenboden zu enden. Die ersten werfen bereits nach wenigen Metern auf dem mit hochhaushohen Urwaldriesen, schlanken Palmen und mannshohen Gräsern gesäumten Dschungel-Highway das Handtuch. Jene mit Duchhaltewillen folgen dem Amazonas-Indianer und stellen sich dem „Survival of the fittest“.

Urwaldriese im Amazonasbecken
Die Urwaldriesen im Amazonasbecken können bis zu 60 Meter hoch werden. | Foto: wit

Der Regewald als Wohnzimmer

Enrique, der dem Stamm der Huitoto angehört, hat nicht zuviel versprochen. Der schmale Pfad, der gerade noch als solcher zu erkennen war, endet im Nichts. Zielsicher führt Enrique das auf wenige Köpfe geschmolzene Häuflein in die grüne Hölle. Er klettert geschickt über gefallene Baum-Methusalems, streift farnähnliche Monsterblätter zur Seite. Im Dickicht der Grüntöne erkennt er noch das zarteste gelbe, rote oder weiße Blümchen, das bei den Huitotos mal als Heilpflanze dient, mal den Kochtopf füllt. Mühsam muss sich sein Gefolge aus der Umarmung des Grünzeugs befreien und sich ein ums andere Mal vor dem Versinken im Matsch retten. Der Schweiß fließt in Strömen, wobei manchem Urwaldentdecker nicht klar ist, ob dies nun am mörderischen Amazonasklima liegt oder der Angst geschuldet ist, auf Nimmerwiedersehen in dieser grünen Hölle zu verschwinden.

Hütte der Amazonas-Indianer vom Stamm der Huitoto beim kolumbianischen Leticia
Die Huitoto leben in ihrem Reservat am Rande der kolumbianischen Grenzstadt Leticia sehr einfach. | Foto: wit

Amazonas-Indianer leben archaisch

So einfach, geradezu archaisch die 600 Huitoto in ihrem Reservat am Rande der kolumbianischen Grenzstadt Leticia leben: Durch ihr grünes Wohnzimmer bewegen sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Je weiter Enriques Schar in den Regenwald vordringt, desto größer wird die Achtung vor diesen Menschen, deren mit Palmwedeln gedeckten Hütten Holzverschlägen ähneln und für die ein riesiger Pfannkuchen aus Yucamehl die höchste Form des Genusses darstellt. Ohne kundigen Führer hätten die Ordnung gewöhnten Europäer im Labyrinth der Dschungelpflanzen schon nach wenigen Metern die Orientierung verloren. Ihrem ungeübten Auge würden die abgeknickten Äste schlicht entgehen, die als Markierung dienen. Wahrscheinlich würden sie – im Falle des Verlaufens – dem Verhungern anheimfallen, weil ihnen all die wuseligen Ameisen und die muffig riechenden Früchte, die bei den Indianerstämmen als absolute Delikatesse gelten, nicht mal im Traum als Nahrungsquelle einfallen würden. Bei einer Niederschlagsmenge von gut 3 000 Millimetern im Jahr wäre immerhin die Gefahr des Verdurstens gering.

typische Amazonas-Schiffe
Die typischen Doppeldecker-Schiffe sind das wichtigste Transportmittel für die Menschen im Amazonasbecken. | Foto: wit

Beim Fußmarsch durch den Dschungel dreht sich alles um die Natur – wie bei allen anderen Ausflügen während der zweiwöchigen Schiffsreise auf dem zweitlängsten Fluss der Erde vom brasilianischen Bélem bis zum peruanischen Iquitos. All zu gern hätten die Passagiere eine Anaconda, jene titanenhaften Würger, aus angemessener Entfernung zu Gesicht bekommen, womöglich gar einen Jaguar, dessen Fell sich Damen der High Society einst um den Leib legten, zumindest aber Horden von Affen, deren Sozialverhalten den neugierigen Exemplaren der Gattung Homo sapiens so vertraut, ja verwandtschaftlich vorkommt. Doch bei den Zodiacfahrten in schmale Kanäle und breite Zuflüsse des gigantischen Amazonas wird schnell klar: mit Kamera bewaffnete Großwildjäger sind hier fehl am Platz.

Schatztruhe der Schöpfung

Das Amazonasbecken, dessen Einzugsgebiet rund sieben Millionen Quadratkilometer umfasst, ist zwar eine Schatztruhe der Schöpfung, mit Furcht einflößenden Taranteln und Tausendfüßlern, giftigen Schlangen und aufgeregten Brüllaffen, entspannten Faultieren und Armeen von Dracula-Ameisen, die sich bestens für die schmerzhaften Initiationsrituale junger Indianer eignen – nur zu Gesicht bekommt man die Fauna-Fülle eher selten. Wenn der Urwald am frühen Morgen zu Leben erwacht und sich die grüne Wand in einen Konzertsaal für Papageien verwandelt, lässt sich die ungeheure Artenvielfalt dieser Weltrekordwildnis erahnen. Doch spätestens gegen Mittag, wenn sich das Dickicht aus Kapokgiganten mit Brettwurzeln wie Hausfundamente, wuchernden Aufsitzerpflanzen und unzähligen Helikonien in eine überhitzte Dampfsauna verwandelt, hat sich auch der letzte seiner tierischen Bewohner unter ein schattiges Blatt in Monstergröße verzogen.

typische Amazonas-Schiffe
Solche botanischen Kostbarkeiten lassen sich beim Matsch durch den Regenwald mit einem ortskundigen Amazonas-Indianer entecken. | Foto: wit

Leckeres „Baum-Hühnchen“

Manchmal wünscht sich das europäische Auge die Beobachtungsgabe der heimischen Indianer. Während die Touristen ziemlich blind auf das Geäst starren, hat Enrique im Mix aus Grün, Grau und Braun die unscheinbare Verdickung ausgemacht, bei der es sich um ein Ameisennest handelt. Der grün-braune Ast entpuppt sich als Leguan, dessen indianischer Name „Baum-Hühnchen“ auf sein künftiges Schicksal verweist. Der hauchdünne Zweig ist eine wandelnde Stabheuschrecke. Dem Natur-Normalo käme auch das Wissen von Ornithologen und Hobby-Vogelkundlern gelegen, die messerscharf jeden bunt gefiederten Piepmatz identifizieren könnten.

Bedrohung der Amazonas-Indianer

Früher, da waren die Huitoto ein stolzes Volk. Eines, das sich in das Maloka zurückzog, um in dem gewaltigen Versammlungshaus den Jungen die Traditionen der Alten zu lehren. Doch dann kamen die Kautschukbarone, versklavten die Huitoto – wie so viele andere indigene Völker am Amazonas und seiner 10 000 Nebenflüsse – und raubten ihnen das Land der Ahnen. Obwohl sie ihre indianischen Riten pflegen, Früchte und Wurzeln des Waldes sammeln und Kenntnisse über die Naturapotheke Regenwald besitzen, verschwimmen die Grenzen zur Moderne. Vor den einfachen Stelzenhütten parken PS-starke Motorräder; neben dem Klohäuschen steht die überdimensionierte Satellitenschüssel. Der Kopfschmuck aus Federn, die kunstvoll bemalten Röckchen aus Baumrinde werden nur noch hervorgeholt, wenn Touristen das Indianerdorf besuchen, auf der Suche nach dem edlen Wilden. Dass eine gut ausgebaute Straße zu dem Indianerreservat führt und Straßenschilder vom Traum der kolumbianischen Regierung künden, das Asphaltband quer durch den Regenwald ins 175 Kilometer entfernte Tarapaca zu verlängern, wird bei der Suche nach dem Mythos Amazonas gern übersehen.

Der Hafen von Leticia in Kolumbien, am Amazonas gelegen.
Leticia in Kolumbien ist eine quirlige Grenzstadt am Amazonas. | Foto: wit

Aina, die alte Indianerin sieht den Vormarsch der Moderne mit großer Sorge. „Schauen Sie sich um“, rät sie dem Fremden, „Rinderzüchter, Sojabauern, Holzfäller – sie alle stehlen unser Land.“ Schutzzonen, einst eingerichtet, um diesen Garten Eden vor Ausbeutung zu schützen, schmelzen zusammen wie Eis in der Sonne. Illegales Treiben wird nur selten bestraft, weil das Bedürfnis nach mehr Wohlstand im bitterarmen Amazonien das schlechte Gewissen wegen des nicht wiedergutzumachenden Umweltfrevels wegspült. So gesehen hat sich in den vergangenen 500 Jahren nicht viel geändert: Der spanische Konquistador Francisco de Orellana, der sich im Dezember 1541 mit Dutzenden Männern in die Terra incognita aufmachte und nach acht Monaten Hunger und Höllenquallen das Delta des gewaltigen Flusses erreichte, hatte keine Auge für die Schätze der Natur – für rosafarbene Delfine, Kaimane und Korallenschlangen. Er suchte das sagenhafte Goldland, El Dorado.

Riesenseerose im Amazonasbecken
Die Riesenseerose kann bis zu 60 Kilo Gewicht tragen. | Foto: wit

Artenreichtum schwindet

Selbst die Huitoto kennen nicht alle Arten an Fauna und Flora, entdecken bei ihren Märschen durch den Regenwald Pflanzen, die noch kein Wissenschaftler beschrieben hat – weil die Mittel für Forschung viel geringer sind als die Budgets für die Ausbeutung der Bodenschätze im Amazonas-Regenwald. Biologen zählten auf einer Fläche von der Größe zweier Fußballfelder bis zu 500 verschiedene Baumarten. In ganz Europa sind es gerade einmal 50 Arten. „Viele Pflanzen, viele Tierarten werden verschwunden sein, bevor wir Menschen überhaupt von ihrer Existenz wussten“, sagt die alte Indianerin. Und ihr Gegenüber hört die Trauer in ihrer Stimme.

Informationen

Über 3 800 Kilometer liegen zwischen dem brasilianischen Bélem und der Urwaldstadt Iquitos auf peruanischem Boden. Die wichtigste Lebensader für die Menschen ist nach wie vor der Amazonas, da die meisten Siedlungen am Strom und seinen Nebenflüssen nur per Boot zu erreichen sind. Die typischen mehrstöckigen Amazonas-Schiffe sind das wichtigste Transportmittel. Kleinere Schnellboote steuern die abgelegensten Siedlungen an. Geschlafen wird in der Regel in Hängematten. Es gibt zwar auf den meisten Schiffen auch Kabinen; die sind allerdings winzig klein. In allen größeren Städten entlang des Amazonas sind Passagen zu buchen. Die Fahrt von Manaus nach Bélem dauert beispielsweise vier Tage.

Wer es komfortabler mag: Etliche Kreuzfahrtschiffe befahren den Amazonas. Bis Manaus ist der Strom selbst für große Kreuzfahrtschiffe befahrbar. Bis nach Iquitos können allerdings nur eine handvoll kleinerer Schiffe fahren – wie beispielsweise die MS „Hamburg“ von Plantours (Obernstrasse 76, 28195 Bremen, Telefon (04 21) 17 36 90). Das Schiff hat Platz für bis zu 400 Passagiere und befährt den Amazonas regelmäßig. Im November/Dezember streift das Schiff auf seiner Tour von Barbados nach Rio de Janeiro das Amazonasdelta mit den atemberaubenden Breves-Kanälen. Die 20-tägige Tour kann ab 2 799 Euro in der Vier-Bett-Kabine gebucht werden. Die Flüge sind im Preis inbegriffen.

 

Wollen Sie mehr über die Reise auf dem Amazonas erfahren, über Millionenstädte wie Belém und Manaus, über kleine Siedlungen am Fluss, deren Namen kaum einer kennt? Dann schauen sie hier vorbei.