Der Dzong von Punakha in Bhutan.
Wie ein Märchen aus ferner Zeit: Der Dzong von Punakha zählt zu den schönsten Klosterfestungen Bhutans. Er war mehrfach Schauplatz königlicher Hochzeiten. | Foto: wit

Das letzte Himalaya-Königreich

Bhutan: auf der Suche nach dem Glück

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Noch vor 60 Jahren war Bhutan eine verborgene Welt, zwischen dampfendem Dschungel im Süden und eisgekrönten Felszacken im Norden. Das letzte Königreich im Himalaya entzog sich erfolgreich den Errungenschaften der Moderne. Erst in jüngerer Zeit öffnet sich das dünn besiedelte Land langsam für Touristen. Sie besuchen bevorzugt den westlichen Teil des buddhistischen Landes.

Blick in einen Dzong in Bhutan.
Bhutans Klosterfestungen, die Dzongs, sind aufwändig verziert. | Foto: wit

Glückliches Bhutan

Was bedeutet Glück? Die Antwort auf diese philosophische Frage lässt in Bhutan,  nicht lange auf sich warten. Sie findet sich in dem seligen Ausdruck der jungen Mutter, die ihr Neugeborenes in einem der farbenprächtigen buddhistischen Tempel mit heiligem Wasser benetzt.

Sie liegt in den friedvollen Gesichtern der kahlköpfigen Mönche, die mit wippendem Oberkörper Stund’ um Stund’, Jahr für Jahr die heiligen Verse rezitieren, bis sie sich für alle Zeit in Herz und Hirn eingenistet haben.

 Erinnerungsstupa in Bhutans Hauptstadt Thimphu
Die Erinnerungsstupa in der Hauptstadt Thimphu wurde 1974 erbaut. | Foto: wit

Sie ergibt sich aus den Horden dösender Straßenköter, die nicht einmal ein Auge öffnen, wenn ein Auto vorsichtig um sie herumkurvt. Kein Bhutaner käme schließlich auf die Idee, den faulen Kläffern ein Haar zu krümmen: Es könnte ja die Reinkarnation des eigenen Vorfahren sein.

Manchmal findet sich Glück, diese Fügung des Schicksals, an Stellen, an denen es der Reisende am wenigsten erwartet: Wenn sich die Straße von der Grenzstadt Phuentsholing zur Hauptstadt Thimphu in geschätzten 1 000 Haarnadelkurven gen Himmel schraubt und selbst der robusteste Magen zu rebellieren beginnt, ist der Glückssucher froh über einen Fahrer wie Gimbo. Der lenkt mit stoischer Ruhe und unerschütterlichem Gleichmut sein Allrad durch das verwunschene Märchenland.

Buddhastatue hoch über Bhutans Hauptstadt Thimphu.
Über 50 Meter misst die Buddhastatue hoch über der Hauptstadt Thimphu. | Foto: wit

Die Geschichte des „Donnerdrachen“

Eingebettet in die Falten des Himalaya glich das „Land des Donnerdrachen“ noch vor kurzem einer Einsiedelei. Nie erobert, nie kolonisiert, nie annektiert erhielt sich ein Freiluftmuseum so groß wie die Schweiz, in dem Begriffe wie Globalisierung wie ferne Fabelwesen erscheinen.

K3 als Reformator

Erst König Jigme Dorji Wangchuck, von seinen Untertanen etwas respektlos K3 getauft, öffnete sein dünn besiedeltes Königreich für neue Ideen. Er ließ die erste Straße von Indien nach Bhutan bauen, sicherte sich die Unterstützung des großen Nachbarn und erwarb das erste Auto – übrigens gebraucht – für den royalen Fuhrpark. 1983 planierte man den ersten Flughafen ins liebliche Hochtal von Paro. Der verlangt den wenigen Piloten, die auf der 1 964 Meter langen Landebahn überhaupt landen dürfen, halsbrecherische Kamikaze-Manöver ab. 1999 bekam Bhutan Fernsehen – als letzter Staat der Erde.

Stupas auf dem Dorchula-Pass zwischen Thimphu und Punakha.
108 Stupas schmücken den Dorchula-Pass zwischen Thimphu und Punakha. | Foto: wit

Aus Fehlern der Nachbarn lernen

Nachfolger K4, König Jigme Singye Wangchuck, war es, der als erster die Gleichung „Mehr Wirtschaftswachstum, mehr Zufriedenheit“ in Frage stellte. Stattdessen propagierte er Glück als oberstes Staatsziel. Er sah, wie sich China mit Hyperantrieb in die Zukunft katapultierte. Er blickte nach Indien, wo die Reichen reicher wurden, die Armen aber arm blieben. Er bemerkte, wie Urlaubermassen Nepal überrollten und die Natur zerstörten.

Tourismus in gelenkten Bahnen

Er beschloss: Sein Land sollte einen anderen Weg gehen. Mittellose Backpacker bleiben deshalb draußen. Stattdessen pilgern Yoga-Jünger, Studienreisende und Ökofreaks mit gut gefülltem Geldbeutel durch das anmutige Königreich im hintersten Winkel des Himalaya, wo es von den Zeugnissen tiefster buddhistischer Frömmigkeit zu den Errungenschaften der Moderne oft nur wenige Schritte sind.

das Königspaar von Bhutan
Das jetzige Königspaar von Bhutan hängt als Poster an vielen Hauswänden. | Foto: wit

Bhutans historisches Erbe

Unerschütterlich thronen die Dzongs, die weiß getünchten Klosterfestungen, wie Botschafter einer vergangenen Welt auf steilen Felsen. Sie sind Symbol für Gottesfurcht und Ausdruck weltlichen Herrschaftsanspruchs gleichermaßen. Der „Ehrfurcht gebietende Palast der Glückseligkeit“ in Punakha ist ein gutes Beispiel für diese „Doppelnutzung“. Er war Schauplatz königlicher Hochzeiten und Krönungen und ist gleichzeitig Winterquartier des bhutanischen Staatsklerus.

Mann in Bhutans Nationaltracht vor einem buddhistischen Tempel.
Der Nationaltracht Bhutans begegnen Besucher nicht nur in buddhistischen Tempeln. | Foto: wit

Die Dzongs erzählen Geschichte

In seinen Mauern stürzt das gesamte buddhistische Universum auf den Betrachter ein. Farbenprächtige Bilderbögen erzählen vom Lebenszyklus zwischen Himmelreich und Höllenschlund, wo die armen Sünder in Kochtöpfen geschmort, von Teufeln gepfählt und von Schlangen verspeist werden. Kunstvolle Schnitzereien bedecken Träger und Dachfirste. Fabelwesen und Totenköpfe tummeln sich auf den Wänden.

Buddha ist allgegenwärtig

Hunderte Buddhastatuen, mal monumental groß, mal winzig klein, rufen die Gläubigen zum Innehalten auf. Sie blicken mit starren Augen auf überquellende Opferschalen mit Schokoriegeln, Bananen und Nüsse.

Das Punakhatal im Westen Bhutans.
Das Punakhatal zählt zu den schönsten Ecken im Westen Bhutans. | Foto: wit

Im malerischen Punakha-Tal

Wo sich Pho Chhu und Mo Chhu, Vater- und Mutter-Fluss vereinigen, sind die Götter geradezu verschwenderisch mit ihren Gaben umgegangen. Wie die geschwungenen Linien einer topografischen Karte schmiegen sich die Reisfelder an steilen Fels. Sie machen Platz für urzeitlichen Forst, werden überragt
von einem Wald aus Mikado-Stangen: Mahnmal für die Toten und Mahnung wider das Vergessen.

Gebetsmühle in Bhutan
Gebetsmühlen drehen sich an jedem Fluss. | Foto: wit

Gebetsmühlen und -fahnen

Abertausende Gebetsfahnen spannen sich über steile Serpentinenstraßen, Schluchten und furchterregende Abgründe. Klöster und Tempel, nur über mehrstündige Fußmärsche zu erreichen, grüßen von steilem Fels. An jedem Bach drehen sich Gebetsmühlen, groß wie Litfaßsäulen, die die paradiesische Stille durch hellen Glockenklang ergänzen. Eine effiziente Art zu beten, denn mit jeder Umdrehung werden Tausende Mantras in die Welt hinausgetragen.

Bhutans Wahrzeichen: das Tigernest

Bhutan, dieser Korridor zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ist getränkt mit Buddhismus – nicht nur am Tigernest. Das Wahrzeichen des Landes kann nur ein göttlicher Baumeister auf den schmalen Sims einer senkrechten Steilwand gepackt haben. Wie ein Adlerhorst krallt sich das Kloster in gut 3 000 Metern Höhe über dem Paro-Tal an den nackten Fels. Es ist spektakuläres Fotomotiv für die einen und Wallfahrtsort für die anderen.

Das Tigernest-Kloster oberhalb des Städtchens Paro in Bhutan.
Wahrzeichen Bhutans: Das Tigernest-Kloster thront an einer senkrechten Felswand hoch über dem Paro-Tal. | Foto: wit

Trekker und Pilger

Ganze Karawanen schleppen sich morgens den steilen Pfad hinauf; indische Großfamilien mit obligatorischem Selfiestick;  Europäer auf Erweckungstrip; Gläubige aus Bhutan in kunstvoll gefalteter Nationaltracht. Die fitten Gipfelstürmer wagen sich zu Fuß an den zwölf Kilometer langen
Auf- und Abstieg – schließlich soll das schweißtreibende Unternehmen in dünner Himalaya-Luft Glück bringen. Die Indisponierten schwingen sich in den Sattel eines Pferdes, um sich zumindest ein Stück des Weges knie- und hüftschonend hochschaukeln zu lassen.

Bhutans Lieblingsheiliger

So herrlich der Blick auf das weiße Gemäuer mit seinen goldenen Dächern ist, auf den grünen Flickenteppich aus Reisfeldern im Tal: Der Lieblingsheilige Bhutans ist nicht etwa Guru Rinpoche, der auf dem Rücken einer Tigerin nahe des Tigernests landete und monatelang in einer der dortigen Höhlen meditierte. Der Favorit der 800 000 Einheimischen ist ein gewisser Drukpa Kunley, für den Spiritualität und menschliche Lust kein Widerspruch waren.

Frauenvernaschender Lüstling

Der Lama, der aus Tibet nach Bhutan kam und sich als „göttlicher Narr“ einen Namen gemacht hat, muss ein rechter Schlingel gewesen ein, ein Säufer vor dem Herrn und frauenvernaschender Lüstling, der sich am liebsten mit Liebesdiensten bezahlen ließ. Wo immer Geister und Dämonen am Werk waren, schritt er zur Tat – mit seinem besten Stück als stärkster Waffe.

Farbenprächtig bemaltes Haus in Bhutan
Farbenprächtige Malereien schmücken die Häuser Bhutans. Fabelwesen sollen Glück bringen. | Foto: wit

Die Verehrung des Penis

Der Chimi Lhakhang im malerischen Punakha-Tal ist längt zum Pilgerort für unfruchtbare Frauen geworden, die sich von dem omnipotenten Casanova Hilfe versprechen. Schon der Weg zu dem Heiligtum dürfte gestrengen Sittenwächtern nicht gefallen. Souvenirgeschäfte verkaufen Penisse in allen Formen und Farben, mal geringelt, mal gestreift. Auf den Hauswänden tummeln sich Prachtexemplare mit schmalen Augen und züngelnden Spermien.

Bhutans Lüftmalerei

Sollte Bhutans Lüftlmalerei nicht ausreichen, um mit Nachwuchs beschenkt zu werden, so gibt es noch das Exemplar aus Holz im Tempel: 40 Zentimeter groß, mit allen Insignien der Männlichkeit gesegnet, wartet es  darauf, von Empfängnisbereiten um den Tempel getragen zu werden. Spätestens dann sollte es mit dem Glück klappen.

Informationen

Anreise: Am bequemsten geht es über Bangkok. Wer über Dehli fliegt, braucht ein Visum für Indien. Die staatliche Fluggesellschaft Drukair sowie die private Bhutan Airlines fliegen beide Paro an, den einzigen internationalen Flughafen des Landes. Hin- und Rückflug gibt es ab etwa 1 000 Euro.

Rundreisen: Es ist nicht erlaubt, auf eigene Faust durch Bhutan zu reisen. Jeder Tourist benötigt ein Visum und das erhält er nur, wenn die Reise von einem registrierten bhutanischen Reiseunternehmen organisiert wird. Mindestens 250 US-Dollar sind pro Tag und Person zu kalkulieren. In diesem Tarif sind alle Basisleistungen wie Übernachtung, Essen, Transport, Reiseführer sowie Chauffeur inbegriffen.

Am einfachsten ist es, bei einem deutschen Reiseveranstalter ein Komplettpaket zu buchen. Der auf Asien spezialisierte Veranstalter Lotus Travel (Baaderstraße 3, 80469 München, Telefon 0 89 / 20 20 89 90) hat mehrere Reisen nach Bhutan, auch in Kombination mit den indischen Regionen Darjeeling und Sikkim im Programm. Zehn Tage dauert die Tour „Von Berggöttern & Donnerdrachen“, die im Osten Indiens beginnt und am weltberühmten Tigernest bei Paro endet. Sie kann ab 2 057 Euro pro Person im Doppelzimmer gebucht werden. Im Preis inbegriffen sind der Transport im PKW mit privatem Chauffeur, ein Englisch sprechender Reiseführer, Übernachtung in ausgewählten Hotels der Mittelklasse, Vollpension sowie die Visa-Gebühren für Bhutan. Hinzu kommt der Flug nach Bhutan.
Lotus Travel hat zudem eine 13-tägige Rundreise durch West- und Ost-Bhutan (ab 3 032 Euro, ohne Flug), als auch einzelne Reisebausteine im Programm. Dazu zählen eine dreitägige Rundreise durch ein verborgenes Hochtal Ostbhutans (ab 518 Euro in der Hochsaison) oder der Aufenthalt in einem luxuriösen Fünf-Sterne-Resort im Punakha-Tal.

Auskünfte zu Bhutan gibt es im Internet.

 

Wollen Sie mehr über die mehrstündige Trekkingtour zum berühmten Tigernest-Kloster oberhalb von Paro erfahren? Dann klicken Sie hier. Die Tour gilt als Höhepunkt einer jeden Bhutanreise, erfordert aber einige Kondition.