Marktplatz von Bremen
Bremens gute Stube: Der Marktplatz mit Dom, Rathaus und dem Schütting, dem Gebäude der Bremer Kaufmannschaft, ist der ganze Stolz der Hansestadt. | Foto: wit

Besuch bei den Stadtmusikanten

Bremen: weltoffen und (sozial-)liberal

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Geschäftig, weltoffen und ganz schön hanseatisch – so präsentiert sich Bremen, das sich nicht hinter dem großen Nachbarn Hamburg verstecken muss. Die Stadt an der Weser hat Firmen von Weltrang zu bieten, einen der schönsten Marktplätze Norddeutschlands, natürlich den Roland und die Stadtmusikanten. Und eine der coolsten Straßen der Welt als Zugabe. 

das Schnoorviertel in Bremen
Coole Ecke: das einstige Arme-Leute-Quartier, das Schnoorviertel mit seinen vielen Cafés und Geschäften. | Foto: wit

Verliebt in das Bremer Schnoorviertel

Wenn das keine Karriere ist: Im 15. und 16. Jahrhundert war das Bremer Schnoorviertel das, was Historiker als Arme-Leute-Quartier beizeichnen würden. In den schmalen, verwinkelten Gassen, in denen zwei Menschen kaum aneinander vorbei kommen, lebten die Taumacher, die Flussfischer und Schiffer. Sie profitierten davon , dass die Balge, ein längst versandeter Seitenarm der Weser, durch das Viertel floss. In den winzigen Häuschen, deren kleinstes bescheidene 43 Quadratmeter Wohnfläche hat, lebten bis zu einem Dutzend Menschen. Um zu waschen, mussten sie in die öffentliche Badestube am Stavendamm.

Vom Bombenhagel verschont

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gassen-Labyrinth im Gegensatz zu anderen Ecken der Altstadt vom Bombenhagel verschont;  die Neubau-Euphorie ging ebenfalls spurlos an dem alten Stadtviertel vorüber, das vielen Bremern als Nachtjackenquartier, als No-Go-Ära galt. Heute zählen die pittoresken Winkel zu den „coolsten Straßen der Welt“, wenn man der New York Post glauben mag. Die Boulevardzeitung mit konservativem Anstrich stellte das einstige Aschenbrödel in eine Reihe mit solch illustren Namen wie der Wale Street in Kapstadt, der Calle La Ronda in Quito oder dem quietschbunten Aushängeschild von Buenos Aires, der Gasse Caminito.

Nationalspeise in Bremen: Original Bremer Knipp
Kalorienbombe: „Original Bremer Knipp“ besteht aus kross gebratener Hafergrützwurst, Bratkartoffeln und Apfelkompott. | Foto: wit

Ein Magnet für Touristen

Ob es überhaupt dieses Titels für das Schnoorviertel bedurft hätte? An schönen Tagen quälen sich Touristen und Einheimische in Massen durch die schmalen Gassen; sie schieben die 40 echten Schnoorianer an den Rand. Die Besucher fluten die Antiquitätengeschäfte und Kunsthandwerkerläden. In einem der zahlreichen Restaurants wird  „Original Bremer Knipp“  bestellt– eine Kalorienorgie aus kross gebratener Hafergrützwurst mit Bratkartoffeln und Apfelkompott. Und im entzückenden „Teestübchen“ hat man die Qual der Wahl: Um die 80 verschiedene Tee- und Kaffeespezialitäten gibt es dort.

In schnuckeligen Hinterhöfen mit überbordender Blumenpracht wird das angeblich beste Eis der Stadt gelöffelt. Ein paar Häuser weiter verwandelt sich zähflüssiger Zuckerteig in feine Pastillen und quietschbunte XXL-Lollies. Das erforderliche Rüstzeug hat die Besitzerin der Bonbonmanufaktur im schwedischen Gränna erlernt, wo die rot-weiß-gestreiften Polkagris-Zuckerstangen gleichsam erfunden wurden.

Bremen: unverkrampft und familiär

Bremen sei ein „Dorf mit Straßenbahn“, sagen selbst viele der 530 000 Bürger. Die Stadt sei nicht so piekfein wie die Hamburger Pfeffersäcke mit ihrem Standesdünkel; nicht so bodenständig-burschikos wie die Nachbarn in Niedersachsen, das schon lange ein Auge auf den Stadtstaat mit seiner 80 000 Seelen zählenden Dependance Bremerhaven geworfen hat. Weltoffen und (sozial-)liberal gibt sich die Hansestadt an der Weser, unverkrampft und familiär.

Spenden beim Schaffermahl

Titel und Statussymbole sind eher zweitrangig, wenn sich ein paar Hundert Kapitäne, Kaufleute und Karrieristen in Frack oder Uniform zum traditionsreichen Schaffermahl im schönsten Saal des ehrwürdigen Rathauses treffen – ein Spenden-Dinner mit streng getaktetem Ablaufplan und stets gleicher Menütfolge. Bei der 474. Auflage des „Pinguins-Walks“, wie Lästermäuler das gesellschaftliche Ereignis tauften, war Sänger Herbert Grönemeyer mit von der Partie. Zuvor, 2015, war die einstige Männerbastion gefallen: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen war die erste Frau, die die Herrenrunde aufmischte und stehende Ovationen erntete.

Bremer Stadtmusikanten.
Bremens berühmteste Gestalten: die Stadtmusikanten. | Foto: wit

Der Roland und die Stadtmusikanten

Ob die Politikerin zuvor den weltberühmten Stadtmusikanten einen Besuch abstattete oder es beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt beließ, ist nicht bekannt. Doch eigentlich kommt kaum ein Bremen-Besucher an dem tierischen Quartett vorbei. Es wetteifert mit der imposanten Rolandstatue um die Ehre, das meistfotografierte Detail der Hansestadt zu sein.

Der Esel als Wünsche-Erfüller

Freien Blick auf Esel, Hund, Katze und Hahn haben eigentlich nur Nachtschwärmer und Frühaufsteher. Den Rest des Tages sind die Protagonisten des Grimm’ schen Volksmärchens von dichten Menschentrauben umlagert. Die Läufe des Esels zeugen von menschlicher Zuneigung – und gleichzeitig von verhängnisvollem Unwissen. „Denn nur wer beide Beine umfasst, hat einen Wunsch frei. Alles andere ist buchstäblich für die Katz“, erzählt Stadtführer Guido Klostermann.

der Marktplatz in Bremen
Der Marktplatz demonstriert hanseatisches Selbstverständnis. | Foto: wit

Der Marktplatz – Symbol für Bremens Bürgerschaft

Nirgendwo wird hanseatisches Selbstverständnis anschaulicher demonstriert als auf dem knapp 3 500 Quadratmeter großen Marktplatz. Dem Machtanspruch der Kirche, verkörpert durch den romanischen St. Petri-Dom, setzte die selbstbewusste Bürgerschaft das Rathaus und den sagenumwobenen Roland mit üppiger Haarpracht und glänzendem Schwert vor die Nase. Er steht seit über 600 Jahren für den Freiheitsanspruch der Stadt.

Prunk und reichlich Zierrat

Als die Bremer Kaufleute im frühen 16. Jahrhundert den Schütting errichteten, ein Meisterwerk der flandrischen Renaissance mit Prunkportal und reichlich Zierrat, rüsteten die Ratsherren umgehend nach und verpassten dem gotischen Rathaus eine Schaufassade im Stil der Weser-Renaissance. Rathaus und Roland wurden 2004 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.

das Szenequartier "Viertel" in Bremen.
Bremens bunte Seite: Das „Viertel“, wie Ostertor und Steintor schlicht genannt werden, liegt nur wenige Gehminuten von der City entfernt. | Foto: wit

Firmen mit Weltruf

So museal die gute Stube der Halbmillionenstadt wirkt: Die überschaubare Hansestadt ist längst im dritten Jahrtausend angekommen und sorgt für Fortbewegung zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Kein Airbus würde ohne die in Bremen gefertigten Tragflächen abheben und im Mercedes-Benz-Werk werden rund 420 000 Fahrzeuge produziert.

Die Jachten von Lürssen

In diesem illustren Kreis ist der Name Lürssen zwar der unbekannteste, doch interessant für all jene mit einem etwas größeren Geldbeutel. Bei der Werft in der Überseestadt, die eins Hafengebiet war und nun zum hippen Wohnquartier für 6 000 Bremer Bürger umgemodelt wird, wurde beispielsweise die längste Privatjacht der Welt gebaut – die 180 Meter lange Azzam. Viel dringt nicht nach draußen, von den Aufträgen arabischer Scheichs und russischer Oligarchen, schon gar nichts über technische Raffinessen und protzige Ausstattung. Höchste Diskretion gehört zum Geschäftsgebaren des Traditionsunternehmens, das in seiner 140-jährigem Geschichte auch Flauten durchlebt hat.

die 108 Meter lange Böttcherstraße in Bremen
Die 108 Meter lange Böttcherstraße ist dank der Architektur ein Gesamtkunstwerk. | Foto: wit

Gesamtkunstwerk Böttcherstraße

Wenn es einen Geschäftsmann gibt, dem Bremen besonders viel zu verdanken hat, dann ist es Ludwig Roselius: Sein Kaffee Hag wurde zur Marke, zum Synonym für entkoffeinierten Kaffee rund um den Globus. Dem Unternehmer bescherte das „immer unschädliche, immer bekömmliche Produkt“ – so ein Werbeslogan aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – das nötige Kleingeld für ein Gesamtkunstwerk, das fast so populär wie Stadtmusikanten und Roland ist: die 108 Meter lange Böttcherstraße.

Wie Harry Potters Winkelgasse

Gleich hinterm Marktplatz beginnt diese autofreie Gasse, in der sich Harry-Potter-Fans in der Winkelgasse der Hexen und Zauberer wähnen. Scheinbar uralte, schmalbrüstige Bürgerhäuser mit altdeutschen Butzenscheibenfenstern reihen sich hier auf, Backsteinbögen, gezackte Giebel und geschmückte Gauben, dazu unzählige Reliefs und martialisch wirkende Skulpturen. Statt Verkehrslärm erklingt das heimelige Glockenspiel aus Meißner Porzellan. Statt amerikanischer Fast- Food-Läden bieten Seifenmacher und Holzschnitzer ihre Waren feil.

die Flanierpromenade Schlachte in Bremen.
Mitten in Bremen und nur wenige Schritte vom Marktplatz und den Bremer Stadtmusikanten entfernt befindet sich die Schlachte, Bremens maritime Meile. | Foto: wit

Komponiert aus Versatzstücken

Wo die Faß- und Zubermacher ihrem Handwerk nachgegangen waren, kaufte der bullige Kaffee-Hag-Magnat ein heruntergekommenes Bürgerhaus und legte damit den Grundstein für sein Zauberreich. Der Kunstfreund, der aufs Fließband setzte, lang bevor dies Henry Ford tat, komponierte die Straße gleichsam aus Versatzstücken, die vom Altgermanischen bis zum Art déco, von der Backsteingotik und Renaissance bis zur Moderne reichen.

Hilfe holte er sich vom Allround-Künstler Bernhard Hoetger, der nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler war, sondern der Kunst auch eine Heimstatt schuf. Sein Meisterwerk, das 1927 vollendete Paula Modersohn-Becker-Haus, ist ein labyrinth-artiges Gebäude mit verschwiegenen Höfen, dekorativen Türmchen und munter plätschernden Brunnen.

Wiederaufbau nach dem Krieg

Roselius’ „Wohntürme der Kunst“hatten im Krieg nicht so viel Glück wie das Schnoorviertel. Sein Lebenstraum wurde ein Opfer der Bomben. Es war Roselius’ Tochter Hildegard, die das Werk ihres Vaters originalgetreu wieder aufbauen ließ und Bremen seine heimliche Hauptstraße bescherte.

Informationen

Bremens Altstadt ist am besten zu Fuß zu erkunden. Wer durch die Überseestadt schlendern oder das Stadion von Werder Bremen besuchen möchte, sollte die Erlebniscard buchen. Sie schließt die Nutzung von Bahnen und Bussen ein, ebenso Fährfahrten über die Weser zum Café Sand, einem beliebten Ausflugslokal der Bremer. Die Zwei-Tages-Karte für zwei Erwachsene und zwei Kinder bis 14 Jahre kostet 15,50 Euro.

Führungen: Bei der Bremer Touristikzentrale können zahlreiche Führungen gebucht werden – auch online. Interessierte können beispielsweise das Schulschiff Deutschland besichtigen, bei einem „Automobilen Fußtörn“ die Bremer Automobilgeschichte nachspüren oder eine Brauereitour unternehmen.

Unterkunft: In Bremen gibt es Unterkünfte für jeden Geldbeutel. Direkt am Bürgerpark und nur fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt das Maritim Hotel (Hollerallee 99, 28215 Bremen, Telefon 04 21 / 3 78 90) mit insgesamt 261 Zimmern. Das „Jokerwochenende“ kann ab 189 Euro im Doppelzimmer gebucht werden. Im Preis inbegriffen sind zwei Übernachtungen mit Frühstücksbüffet, ein rustikales Abendessen, ein Fünf-Gänge-Menü sowie ein Begrüßungspräsent. Ab 128 Euro pro Person kann das „Jubiläumsangebot“ gebucht werden, mit zwei Übernachtungen und einem Abendessen.

Auskünfte: Tourist-Information, Böttcherstraße 4 28195 Bremen, Telefon (04 21) 3 08 00 10.