Unterwegs auf dem Cabot Trail auf der Cape Breton-Halbinsel in der lkanadischen Provinz Nova Scotia.
Kurvig und wunderschön: Der Cabot Trail auf Cape Breton in der kanadischen Provinz Nova Scotia gilt als eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. | Foto: wit

Unterwegs in Nova Scotia

Kurventräume zum Niederknien auf Cape Breton

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Die alte Dame im Highland Village Museum von Nova Scotia schüttelt fassungslos den Kopf. „Sie sind wirklich über Washabuck gekommen“, will sie ein ums andere Mal von den deutschen Besuchern wissen – als sei der Weg durch dichten Wald, vorbei an fjordähnlichen Buchten und versteckt liegenden Sommerhäusern mit Traumkulisse Terra incognita. Für die Kanadierin, die in dem Freilichtmuseum die Lebensweise der Menschen im 19. Jahrhundert erklärt, ist es schlicht unvorstellbar, dass sich einer freiwillig die Rüttelpiste auf der Cape-Breton-Halbinsel antut. In lokalen Nachrichten wird sie schon mal zur schlechtesten Straße Kanadas gekürt.

das Highland Village Museum auf der Cape Breton-Halbinsel in der kanadischen Provinz Nova Scotia
Zeitreise in die Geschichte Nova Scotias: Im Highland Village Museum auf Cape Breton wird gezeigt, wie die ersten Siedler aus Schottland lebten. | Foto: wit

Ein Leckerbissen ist der Weg von Little Narrows bis nach Iona nun wahrlich nicht, eher eine Herausforderung für Stoßdämpfer, Lenkvermögen und Nerven. Für die atemberaubenden Aussichten auf die dunklen Fluten des meerähnlichen Bras d‘or Lake, auf die Bergrücken der Cape Breton- Halbinsel, auf rot-weiß geringelte Bilderbuch-Leuchttürme hatte der Fahrer angesichts der geballten Häufung von Schlaglöchern keinen Blick. Die Bewunderung für das Naturkino musste bis zur nächsten Fahrpause warten.

Das schottische Erbe

Iona? Klingt ziemlich eindeutig nach Schottland, zumal Aberdeen, Skye und Loch Lomond gleich um die Ecke liegen. Die vertrauten Namen, die häufig für nicht viel mehr als eine Ansammlung weit verstreut liegender Häuser stehen, erzählen mehr über die Historie von Kanadas Atlantikprovinz Nova Scotia als mancher dicke Geschichtswälzer. Die landlosen Tagelöhner von den Hebriden und aus dem Hochland, die im 18. und 19. Jahrhundert während der Highland Clearances zu Zigtausenden von der britischen Obrigkeit vertrieben wurden, wollten zumindest ein bisschen Heimat in die Neue Welt retten – und wenn es nur die eigentümliche gälische Sprache, die alten Lieder und Erzählungen sowie die Namen ihrer Dörfer waren, aus denen sie stammten.

Der Fischerort Neil’s Harbor im Norden der Cape Breton Halbinsel. in der kanadischen Provinz Nova Scotia
Neil’s Harbor ist ein hübscher kleiner Fischerhafen im Norden der Cape Breton-Halbinsel.

Nova Scotia, Neu-Schottland – das war Heilsversprechen und Unheil zugleich. Denn das von Werbern angepriesene Paradies, die Aussicht auf eigenes Land und eine stabile Hütte für die vielköpfige Schar entpuppte sich bei Ankunft in der neuen Heimat als leeres Versprechen. Der Landstrich, dessen Gestalt entfernt an einen Hummer erinnert und wo der sturmgepeitschte Atlantik nie mehr als 50 Kilometer entfernt ist, musste von den unfreiwilligen Pionieren gerodet und urbar gemacht werden. „Ohne die Unterstützung der Indianerstämme, vor allem während der eisig kalten Wintermonate, hätte kaum einer überlebt“, erzählt die Führerin im Highland Village Museum auf Cape Breton.

Kirche auf der Cape Breton-Halbinsel in der kanadischen Provinz Nova Scotia.
Auf den Friedhöfen der Kirchen lassen sich die Spuren der entbehrungsreichen Jahre auf der Cape Breton-Halbinsel entdecken. | Foto: wit

Die ersten Jahrzehnte müssen mörderisch gewesen sein – für die McDougalls, McNeils, MacDonalds und all die anderen Familien. Der kleine Friedhof auf der anderen Seite von Little Narrows lässt kaum einen Zweifel offen. Alt wurde in den frühen Pioniertagen kaum jemand. Vor allem Frauen und Kinder raffte der entbehrungsreiche Alltag dahin. Die Grabsteine ragen schief aus der Erde, gebeugt von Wind und Zeit. Manche sind so verwittert, dass die Inschriften kaum noch zu entziffern sind: Sie sind mit den Körpern verschwunden. Geblieben aber ist das Vermächtnis an die Nachfahren – das keltisch-schottische Erbe zu bewahren und die eigene Identität zu erhalten.

Wenn Cape Breton feiert

Was auf der Cape Breton-Halbinsel, die seit 1955 über einen aufgeschütteten Verkehrsdamm mit dem Rest der Atlantikprovinz verbunden ist, mit großer Begeisterung geschieht. Wenn sich die ganze Provinz in die Farbenpracht des Indian Summers hüllt, steht Cape Breton, die sonst so ruhige Region Kopf und feiert beim Celtic Colours Festival ihre Wurzeln. Die Musiker haben alles im Gepäck, was zum keltischen Liedgut gehört – Gitarre, Geige, Mandoline, Flöte und die Bodhran, die Rahmentrommel. Nicht nur im berühmten Red Shoe Pub in Mabou kocht die Stimmung über angesichts von Jigs und Reels und Kanadas einzigem Single Malt Whisky aus der nahen Glenora Distillery. Wer Lust bekommen hat, nicht nur Zuschauer zu sein: Im Gaelic College von St. Ann’s werden nicht nur die traditionellen Tanzschritte unterrichtet, dort werden auch Gälisch, Geige- und Dudelsackspiel sowie Kilt-Nähen gelehrt.

die Kirche des Ortes Baddeck auf der Cape Breton Halbinsel in der kanadischen Provinz Nova Scotia.
Der Ort Baddeck ist Ausgangspunkt des jährlichen Cabot Trail Relay Race. | Foto: wit

„Ich bin rund um den Globus gereist, habe die Rockies, die Anden, die Alpen und die Schottischen Highlands gesehen. Aber die Schönheit Cape Bretons übertrifft alles“, schwärmte Alexander Graham Bell, der zunächst als Gehörlosenlehrer tätig war, später als Erfinder des Telefons, des Tragflügelboots und anderer nützlicher Dinge in die Annalen einging. Es ist leicht, sich in den nördlichsten Zipfel Nova Scotias zu verlieben, in dieses Breitwand-Naturkino aus endlosen Wäldern, ungebändigten Flüssen und einer wild zerklüfteten Küste, vor der sich Walrudel tummeln.

Wohnen wie bei Kaisers

Als Georg Kargoll vor etlichen Jahrzehnten erstmals in diese Ecke Kanadas kam, dauerte es zwar noch einige Jahre, bis er endgültig seine Zelte in Deutschland abbrach. Doch seinen Entschluss, auf Cape Breton ein hübsches B&B zu eröffnen, hat der passionierte Hobbykoch niemals bereut. „Haus Treuburg“ nannte er sein kleines Reich in dem Küstenort Port Hood, das er liebevoll restaurierte und nach und nach ausbaute. Heute übernachten die Gäste in Räumen, die Berlin oder München heißen, wo Bilder aus der guten, alten (Kaiser-)Zeit die Wände zieren und morgens ein üppiges „German Sunday Morning Breakfast“ mit Müsli, selbstgeräuchertem Lachs und selbst gebackenem Brot aufgetischt wird. Eine willkommene Alternative zu den schlabbrigen Toastscheiben, die andernorts serviert werden.

Eine richtige Stärkung kann jedenfalls nicht schaden, wenn man den Cabot Trail per Rad oder gar laufend meistern möchte – so wie jener Haufen Verrückter, der sich seit fast zwei Jahrzehnten zum Cabot Trail Relay Race im Küstenort Baddeck versammelt. Die 300 Kilometer lange Küstenstraße, die als eine der schönsten und spektakulärsten der Welt gilt, ist schon mit dem Auto eine Herausforderung. Doch für das bunte Läufer-Völkchen im Superman-Kostüm, im Tu-tu oder mit Kriegsbemalung sind die paar Kilometer kein Grund, früh ins Bett zu gehen. Statt zur obligatorischen Nudelparty treffen sich die Laufverrückten zum traditionellen Ceilidh mit reichlich Musik, Tanz und noch mehr Bier. Schließlich gilt es den Anspruch der Schotten zu unterstreichen, ein feierfreudiges, trinkfestes Völkchen zu sein.

Hochebene von Cape Breton ist menschenleer

Wie gut, dass sich Cape Smokey unweit der noblen Keltic Lodge auch zu Fuß erklimmen lässt. So herrlich die Achterbahnfahrt entlang der ausgefransten Inselränder auch ist, so unbeschreiblich das ewige Rauf und Runter auch sein mag, auf einer Straße, die sich in halsbrecherischer Manier an der Steilküste entlanghangelt: die raue Schönheit dieses spektakulären Landstrichs erschließt sich am besten auf einem der zwei Dutzend Wanderwege, die in die Wildnis des Cape-Breton-Highlands-Nationalparks hineinführen. Oder besser gesagt an seinen Rändern kratzen. Denn die Hochebene rund um den 535 Meter hohen White Hill ist menschenleer und unerschlossen – ein Refugium von Elchen und Bären, die sich auch schon mal fotogen am Cabot Trail platzieren und für einen mittleren Verkehrsstau sorgen.

das Hotel Keltic Lodge auf der Cape Breton-Halbinsel in der kanadischen Provinz Nova Scotia.
Die Keltic Lodge ist eine der schönsten Unterkünfte auf Cape Breton. | Foto: wit

Welcher wohl der schönste Wanderweg ist? Die Runde zum Middle Head, wo der Atlantik wütend gegen rotbraune Felsen klatscht? Der Franey Loop Trail nördlich des Clyburn River, wo gewaltige Findlinge am Wegesrand liegen – als hätten Riesen mit Murmeln gespielt? Oder doch der Skyline Trail am Sankt Lorenz-Golf, der unbestrittene Star des Wegenetzes und an schönen Tagen ziemlich überlaufen? Die neun Kilometer lange Runde ist ja auch zum Niederknien, vor allem in den späten Nachmittagsstunden. Wenn Weißkopfseeadler über den Köpfen kreisen, der Holzbohlenweg scheinbar im Nichts endet und das Meer Hunderte Meter tiefer in allen Blautönen schimmert, setzt die Natur zum finale furioso an. Sonnenstrahlen kitzeln die Wolken, tauchen die Welt in Orange und glutrot, um schließlich dem Blau der Nacht zu weichen. Der Vorhang fällt, die Schau ist vorbei. Bis zur Neuauflage am nächsten Tag.

Pichnickplatz am Cabottrail auf der Cape Breton- Halbinsel der kanadischen Provinz Nova Scotia.
Entlang des Cabot Trails gibt es zahlreiche Picknickplätze. | Foto: wit

Informationen

Anreise: Die schnellste Verbindung nach Nova Scotia bietet Condor an. In den Sommermonaten fliegt die Fluglinie mehrmals wöchentlich von Frankfurt nach Halifax. Hin- und Rückflug gibt es ab etwa 600 Euro. Die Premiumclass kommt rund 100 Euro teurer. Auf die Cape Breton-Halbinsel gelangt man am besten mit einem Mietwagen. Fahrzeit: gut vier Stunden.

Cabot Trail: Die Ringstraße ist rund 300 Kilometer lang und ist an einem Tag zu bewältigen. Doch das sollte man sich nicht antun. Es gibt unzählige Aussichtspunkte, kleine Strände und hübsche Ortschaften, die man sonst verpassen würde. Wer wandern möchte, hat die Wahl zwischen 24 Routen – vom halbstündigen Spaziergang an der Küste bis hin zur zwölf Kilometer langen Tour mit anspruchsvollen Kletterpassagen.
Ganz besonders beliebt ist die kurvenreiche Küstenstraße bei Bikern. Nicht umsonst wurde die Straße von USA Today zu einer der schönsten Motorradstrecken der Welt gewählt. Aber auch mit dem Wohnmobil oder mit dem Fahrrad macht es viel Spaß, hier unterwegs zu sein. Wer den Cabot Trail mit dem Mountainbike erkunden möchte, sollte mindestens sechs Tage einplanen und über Kondition verfügen.

Übernachten: Vor allem in der Hochsaison ist frühzeitiges Buchen wichtig, wenn man sein Traumquartier haben möchte. Port Hood, Baddeck und Cheticamp sind gute Ausgangspunkte, um den Cape Breton Highland National Park zu erkunden.

Haus Treuburg in Port Hood, Telefon (0 01) 90 27 87 21 16, verfügt über insgesamt drei Zimmer sowie über mehrere Hütten direkt am Strand. Die Preise beginnen bei 109 kanadischen Dollar pro Zimmer und Nacht.

Auf einer Landzunge mitten im Nationalpark liegt die exklusive Hotelanlage Keltic Lodge, Telefon (0 01) 9 022 85 28 89, mit Golfplatz, Spa und drei Restaurants. Die Anlage bietet die unterschiedlichsten Unterkünfte, vom luxuriösen Zimmer im Haupthaus bis zu Cottages.

Auskünfte: Tourism Nova Scotia, c/o Travel Marketin Romberg, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann, Telefon (0 21 04) 79 74 54.

 

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