Balkan statt Balkon: Team Anna Bolika startet mit Canan Veltkamp (am Steuer) und Sibylle Kranich (an Google Maps) zur Autorallye Carventure in sieben Tagen durch neun Balkanländer. | Foto: Rupert Voigt

Die Carventure Rallye 2018

Vom Balkon in den Balkan

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„Im Ernst jetzt – mit der alten Gurke wollt Ihr ’ne Rallye fahren?“ Der Gesichtsausdruck der Freunde am Kneipentisch ist Gold wert. Irgendwo zwischen ungläubigem Erstaunen und traurigem Kopfschütteln. Und dann die Besatzung: Zwei Frauen, Mehrfachmütter zudem, die bei der Urlaubsplanung eigentlich lieber auf Nummer sicher gehen. Camping? Nein Danke. Die Schulferien werden in möglichst vollausgestatteten Ferienhäusern irgendwo in Italien oder Südfrankreich verbracht – mit Pool versteht sich. Und ausgerechnet diese Beiden wollen zu einer Auto-Rallye durch den Balkan aufbrechen? Mit Zelt, Schlafsack und Benzinkanister? Schon für diese Blicke hat sich die Anmeldung zur „Carventure 2018“ gelohnt. Ob das gut geht, wird im Bordbuch verraten.

Willkommen in Osteuropa: Straßen wie diese erwarten das team Anna Bolika auf ihrer Tour. Foto: Visualpower/Adobe Stock | Foto: visualpower/Adobe Stock

Mit Schrottkarren unterwegs

Auch das Rallye-Fahrzeug, ein Lippenstift-roter Honda Civic Baujahr 1995 sonnt sich in einer Aufmerksamkeit, die er seit seiner Erstzulassung vor 22 Jahren nicht mehr erfahren hat. Was die Karre noch wert ist, will einer am Tisch wissen. „Mobile24“ formuliert es höflich: „Keine realistische Preisauskunft möglich“, beantwortet das Internetportal für Gebrauchtwagen die Anfrage. Der Hinterhofschrauber hatte 200 Euro verlangt. Ohne Sonderausstattung natürlich. Keine Servolenkung, keine Zentralverriegelung, keine Klimaanlage. „Ist doch super. Das kann schon nicht kaputt gehen“, witzelt einer. Stimmt! Für die Teilnahme an der Carventure 2018 ist das Fahrzeug in jeder Hinsicht perfekt. Denn wer bei der ersten Ausgabe der privat organisierten Spaßrallye durch den Balkan mitmischen will, muss im Grunde nur zwei Regeln beachten: Der fahrbare Untersatz, der die Teams von Regensburg aus in sieben Tagen durch neun Länder Osteuropas kutschieren soll, darf voll aufgetankt nicht mehr als 800 Euro wert sein. Außerdem müssen vor oder während der Fahrt im Freundes- und Familienkreis mindestens 250 Euro Spendengelder für die Klinik-Clowns in Regensburg gesammelt werden. Der Spaß an der (guten) Sache hat Vorfahrt. Auf Bestzeiten, fahrerisches Geschick oder perfekte Kurvenlinie kommt es nicht an. Die Hobby-Walter-Röhrls können also getrost zu Hause bleiben.

Logo um was es geht: Die Carventure 2018.

Für den Spaß und die gute Sache

Conny Wellein aus Regensburg hat die Ausfahrt organisiert. Als Kontrastprogramm zu Pauschalreisen an die türkische Riviera oder Wandertouren durch Südtirol. „Das ist alles auch schön. Aber ich wollte mal eine andere Art von Urlaub machen“, sagt die 38-jährige selbständige Eventmanagerin. Als Teilnehmerin der Tajkir-Rallye, einer Autofahrt von München nach Duschanbe in Tadschikistan, hatte sie 2017 Rallye-Blut geleckt. Staubige Geröllbahnen, die kein Navi mehr auf dem Schirm hat und haarsträubend enge Haarnadelkurven auf steilen Pässen können Conny Wellein seitdem nicht mehr schocken. Das Beste daran? „Der Spaß, das Abenteuer und der Kontakt mit Land und Leuten, der auf so einer Reise ein ganz anderer ist, als bei normalen Touri-Touren“, berichtet sie begeistert.

Geplanter Streckenverlauf, aber natürlich kann sich da noch einiges ändern. Egal – der Weg ist das Ziel.

Reisen mal anders

Im Gegensatz zur rund 6 000 Kilometer langen Fahrt durch Tschechien, Polen, Weißrussland, Russland, Kasachstan, Usbeskistan bis nach Tadschikistan mutet die Carventure wie ein Sonntagsausflug an. Immerhin führt die 3 500-Kilometer lange Strecke weitgehend durch EU-Mitgliedsstaaten. Trotzdem gelten die Transfogarascher Hochstraße durch Rumänien oder der albanische Ohridsee dem westeuropäischen Durchschnittsurlauber eher als touristische Geheimtipps. Und Wikipedia warnt vor dem ein oder anderen „schlecht beleuchteten Tunnel“ auf der berühmt-berüchtigten Gebirgsstraße durch die Transilvanischen Alpen. Selbst für die Experten in der Touristik-Abteilung des ADAC, die ihre Mitglieder mit Karten, Reiseführer und Tourentipps ausstatten, sind manche Streckenabschnitte noch blinde Flecken. Bei Reisetipps für Albanien beispielsweise muss die hilfsbereite junge Dame passen. Ihre Kollegin Mareike Fabry hat als Leiterin der Motorsportabteilung beim ADAC Nordbaden selbst schon etliche Wettfahrten organisiert. Für die beiden Rallye-Greenhorns hat sie eine wertvolle Idee parat: „Nehmen Sie auf jeden Fall einen vollen Benzinkanister mit. Niemand möchte nachts in Rumänien auf einer Landstraße stehen bleiben.“
Super Tipp. Umgehend wird noch ein Kanister gekauft und im Mini-Kofferraum zwischen die Yoga-Matten, die von den Kindern ausgeliehenen Schlafsäcke, das Zwei-Frau-Zelt und die beiden Umzugskartons mit Kinderkleidung für das rumänische Waisenhaus, das unterwegs noch angefahren wird, gequetscht. Die Campingplätze in Ungarn, Albanien und Griechenland sind vorgebucht. In Schäßburg (Rumänien) und Shipka (Bulgarien) sind die exklusivsten Hotels am Platz zum Preis einer Jugendherbergsübernachtung am Bodensee zu haben. Frühstück inklusive. „Das leisten wir uns“, hatte das Team entschieden. Ohne Gegenstimme, keine Überraschung.

Der Weg ist das Ziel – sowieso

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der ja bekanntlich das Ziel ist. Die vom ADAC ausgedruckte mehrseitige Routenempfehlung passt kaum ins Handschuhfach. „Viel Glück und kommen Sie gesund zurück“, hatten die hilfsbereiten ADAC-Mitarbeiterinnen zum Abschied noch gesagt. Na dann: „Ladies, please start your engines.“