typische Instagrampose
Eine typische Instagram-Pose: An jedem halbwegs schönen Ort auf dem Globus ist sie zu sehen. | Foto: moofushi-adobe.stock.com

Die ewig gleichen Fotoposen

Fluch und Segen des Insta-Hypes: Vom Geheimtipp zur Touri-Hölle

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Die Foto-Plattform Instagram verändert das Reisen. Wenn Abertausende Schnappschüsse bestimmter Ziele im Netz landen, verwandeln sich einst stille Ecken in Touristenhöllen. Für die Orte ist der Insta-Hype Segen und Fluch zugleich: Das soziale Netzwerk liefert kostenlose Werbung. Doch Natur- und Umweltschutz bleiben auf der Strecke.

Die sibirischen Malediven

Was für ein Traum! Der See nahe der russischen Stadt Nowosibirsk funkelt wie ein türkisfarbener Edelstein. Geradezu überirdisch schön, wie geschaffen als romantische Kulisse für verliebte Zeitgenossen. Ein Paar posiert mit Brautkleid und -strauß vor der umwerfenden Szenerie, hält Händchen, schmust selig für die Handykamera.

Knapp 500 „gefällt mir“ hat die Aufnahme mit dem Hashtag #maldives_nsk geerntet, zehnmal soviel haben den Kanal abonniert. Wer sich durch die Fotogalerie auf Instagram klickt, sieht kurvige Badenixen im knappen Bikini, Standup-Paddler in Bermudas, Sonnenbrillen-Fetischisten, die in aufblasbaren Einhörnern dahin treiben mit dem karibisch anmutenden See im Hintergrund. Fehlen nur noch die Palmen.

„Kleinod“ ist in Wirklichkeit eine Kloake

Was die Fotos von dieser ikonischen Ansicht in den Weiten Sibiriens nicht verraten: Das scheinbare Kleinod ist eine Kloake. Der künstliche See wurde in den 70er Jahren angelegt, um hochgiftige Abwässer aus dem nahegelegenen Kohlekraftwerk zu entsorgen.

Weil immer mehr Landsleute wegen der Fotos auf Instagram zu dem türkisfarbenen Gewässer pilgerten, sah sich das russische Unternehmen genötigt, vor der giftigen Brühe zu warnen. Aus dem schlammigen Grund gebe es  kein Entkommen, wenn man einmal hineingeraten sei.

Doch so einfach ist der Selfie-Manie der Instagram-Nutzer nicht beizukommen. Im Gegenteil: Die Warnungen stachelten Leo Alexey erst an, Fotos der „Malediven von Novosibirsk“ auf seinem Instagram-Account zu sammeln. Gegenüber CNN bekannte der junge Russe:

Der Ort ist himmlisch, ich bin praktisch jedes Wochenende da, aber ich fasse das Wasser nicht an.

Berühmt durch den Insta-Hype

Der Insta-Hype macht oberitalienische Seen, balinesische Tempel, peruanische Berge, ja selbst kanadische Sonnenblumenfelder zu kleinen Berühmtheiten und regelrechten Wallfahrtsorten. Entdeckte ein Backpacker vor 20 Jahren einen menschenleeren Traumstrand, machten solche Geheimtipps allenfalls im Kreis der Rucksackreisenden die Runde.

Bis es die paradiesischen Orte in den „Lonely Planet“ oder andere Reiseführer schafften, vergingen oft mehrere Jahre. Heute dagegen ist das Smartphone stets griffbereit, WLAN in jedem Hostel verfügbar. Oft reicht ein einziger inszenierter Post eines angesagten Influencers mit Abertausenden Abonnenten, um bislang stille Ecken gleichsam über Nacht an die Spitze der Liste „Most instagrammable places of the World“ zu katapultieren.

das österreichische Hallstadt
Das österreichische Hallstadt ist in China fast so bekannt wie Neuschwanstein – auch wegen der Fotografien auf Instagram. | Foto: dpa

Das Sonnenblumenfeld der Familie Bogle

„Da muss ich auch hin“, lauten die Kommentare zu den Instagram-Lieblingen, weshalb der Begriff Follower für manch magischen Ort eine ganz neue Bedeutung bekommt. Als die Influenzerin „fruitypoppin“ ihren 1,3 Millionen Abonnenten ein Bild des zugegebenermaßen besonders schönen Sonnenblumenfeldes der Familie Bogle präsentierte, machte sich halb Toronto auf den Weg nach Millgrove.  Auf der Jagd nach dem perfekten Schnappschuss verstopften die Instagram-Jünger die Zufahrtsstraßen und zertrampelten die Felder. Es sei die reinste Zombie-Apokalypse gewesen, klagte Landwirt Bogle gegenüber einer Zeitung.

Instagram befeuert Urlaubspläne

Für die Fotojuwelen, die zu Abräumern auf der Online-Plattform mutieren, gibt es mittlerweile sogar einen Fachbegriff: Instagramability. Vor allem die junge Generation zwischen 18 und 35 lässt sich bei der Wahl ihres Reiseziels nicht nur vom Blick in den Geldbeutel, sondern von den schönen, bunten Bildchen leiten, wie die Studie eines britischen Ferienhaus-Anbieters ergab.

In die große, weite Welt auszuschwärmen, ohne den Freundeskreis per Social Media daran teilhaben zu lassen, ist ein „No-Go“. Weg sein, ohne Kontakt zur Heimat und zur Familie – das mag vor dem Zeitalter des Internets ein angenehmer Umstand gewesen sein.

Heute reist man nicht mehr nur für sich, sondern auch für die anderen, die einem beim Lifestylen zusehen

so Ute Kranz, die 2013 den Reiseblog Bravebird ins Leben gerufen hat, wegen der hohen Umweltbelastung aber nicht mehr ins Flugzeug steigt. Oder, um es mit dem Zukunftsforscher und Tourismusexperte Horst Opaschowski zu sagen: Das coole Foto für die Daheimgeblieben ist ebenso wichtig wie das persönliche Erlebnis. Diese neue Spielart des Massentourismus öffnet allerdings „die Tür zu Überfüllung, Umweltzerstörung und gefährlichen Stunts“, kritisierte National Geographic.

der Felsvorsprung Trolltunga in Norwegen
Ebenfalls ein Liebling der Instagram-Community:  der Felsvorsprung Trolltunga in Norwegen. | Foto: fjordnorway.com

Run auf eine Berghütte

Ungewollt trug das älteste und berühmteste Natur- und Wissensmagazin der Welt selbst zum Hype um ein schweizerisches Berggasthaus im Appenzeller Land bei. Wo die Welt auf den ersten Blick noch so heil wie in den Büchern von Johanna Spyri erscheint, klebt das „Äscher“ abenteuerlich-kühn an einer steilen Felswand. Es ist seit Jahrzehnten Ziel von Wanderern, die sich nach schweißtreibendem Aufstieg die allseits gerühmten Rösti und ein kühles Blondes gönnten.

Doch nachdem das amerikanische Magazin sein Buch „Places of a Lifetime“ mit einem Bild der Beiz dekorierte und Schauspieler Ashton Kutscher seinen Millionen Followern die urige Bergütte empfahl, ist es mit der Ruhe im Äscher vorbei. Auf der Terrasse, wo einem das Appenzeller Land zu Füßen liegt, mischen sich Sprachfetzen aus aller Welt. So klagt ein Einheimischer:

Wenn das so weiter geht, haben wir hier bald ein zweites Jungfraujoch

Das Phänomen Instagram

Der Hotspot im Hinterland des Bodensees ist nur ein Beispiel dafür, dass das Phänomen Instagram Segen und Fluch zugleich ist. Der Pragser Wildsee war einst das reinste Postkartenidyll: ein türkisblaues, kristallklares Gewässer, ausstaffiert mit kleinen Fischerbooten, eingerahmt von den wilden Zacken der Dolomiten. Vor allem: menschenleer.

Doch jetzt ist der Lago di Braies Sehnsuchtsziel der Instagram-Jünger. Weil sich in den Sommermonaten bis zu 7 000 Fahrzeuge täglich die schmale Bergstraße hochquälten, die öffentlichen Busse hoffnungslos überfüllt waren, wurde das Pragser Tal in den vergangenen Wochen komplett für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Zu dem geschützten Naturdenkmal, zu dem sich auf der Foto-Plattform rund 222 000 Beiträge finden, ging es nur noch zu Fuß, mit dem Rad oder den Shuttlebussen.

Zwischen Publicity und Overtourismus

Es ist ein schmaler Grat zwischen erwünschter Publicity und ätzendem Overtourismus. Die Tourismusbehörde der 8 000-Seelen-Gemeinde Wanaka auf der Südinsel von Neuseeland lud 2015 eine Handvoll Social-Media-Trendsetter mit großer Fangemeinde ein; sie sollten auf den sozialen Netzwerken über ihre Abenteuer berichten. Das Konzept ging auf, der Tourismus in dem Ort am gleichnamigen See legte um satte 15 Prozent zu. Andernorts ist man nur noch genervt von den Massen mit Handy und Kamera, die offenbar riesigen Spaß daran haben, verschlagwortete Orte abzuklappern und dies durch exakte Nachahmung von Posen und Positionen im Netz zu dokumentieren.

Immer die gleichen Posen

Die Bilder ähneln sich nämlich nicht selten wie ein Influencer-Ei dem anderen. Immer die gleichen Yoga-Posen auf dem Trolltunga, ein spektakulärer horizontaler Felsvorsprung, 700 Meter über einem norwegischen Stausee. Immer die gleichen entzückenden Rücken vor dem Vinicuna im Süden Perus, der wie eine knallbunte Schichttorte aussieht.

Lange war der Rainbow-Moutain nicht einmal im „Lonely Planet“ zu finden; örtliche Agenturen boten den Trip gleich gar nicht an, weil die Fahrt durch spektakuläre Gebirgslandschaft anstrengend und die anschließende Wanderung selbst für Geübte kein Spaziergang ist. Doch mittlerweile ist das surreale Gebilde ein viraler Hit, mit 133 000 Bildern auf der Foto-Plattform.

 

 

 

Urlaubsbilder auf dem Handy
Stets griffbereit: Die Handykamera hält die schönsten Urlaubsmomente fest – auch für Familie und Freunde daheim.

Mehr zum Thema: Wie viel Urlaub bleibt, wenn der Fokus auf schönen Instagrambildern liegt. Unsere Autorin hat es bei einer Reise nach Budapest ausprobiert.

Bei Fotos wird getrickst

Dass Abbild und Wirklichkeit gelegentlich zwei paar Stiefel sind – wen stört´s? Der Lempuyang, einer der ältesten Tempel auf Bali, ist tausendfach unter dem Hashtag #gatesofheaven auf Instagram zu finden. Auf den Fotos ist fast immer das gleiche Motiv zu sehen: Einzelpersonen oder Paare zwischen zwei Steinsäulen, die sich in der kristallklaren Oberfläche eines Sees spiegeln, der offenbar bis an den Tempel reicht. Nur: Bei der hinduistischen Kultstätte gibt es weit und breit kein Gewässer. Der besondere Effekt lässt sich durch einen simplen Spiegel unter der Kameralinse erreichen.

Insta-Hype versus Naturschutz

Dass der Insta-Hype und die damit verbundenen explodierenden Besucherzahlen Bestrebungen des Natur- und Umweltschutzes durchkreuzen, haben mittlerweile sogar erfolgreiche Blogger und Influencer erkannt.

Paare Abenteuerlust mit einer Handykamera und Zugang zu sozialen Medien und du hast einen immer schnelleren Verfall unserer Nationalparks

klagt der erfolgreiche amerikanische Fotograf Tony Bynum. Er verzichtet – wie auch der 18-jährige Münchner Jannik Obenhoff mit seinen 764 000 Abonnenten – bewusst auf Geo-Tags. Die geographischen Daten treiben nämlich ganze Horden zu den immer gleichen Orten. Der Bayer, der zu den 100 einflussreichsten Fotografen auf Instagram zählt, gibt die Locations selbst bei hartnäckigen Nachfragen nicht preis: „Wenn alle dorthin wollen, hat das nichts mehr mit Kreativität zu tun, sondern es sind einfach nur Nachmacher“, so der Fotokünstler.

Tödliche Selfie-Sucht

Am tragischsten ist es, wenn für den Wunsch nach dem besten Instagram-Bild ein viel zu hoher Preis bezahlt werden muss. Das Wortgefecht zweier Rom-Touristinnen, das eine Massenschlägerei am Trevi-Brunnen auslöste, war augenscheinlich den erhitzten Gemütern aller Beteiligten geschuldet.

Doch eine neue Studie, die vor Kurzem im „Journal of Family Medicine and Primary Care“ veröffentlicht wurde, hat herausgefunden, dass die Selfie-Sucht tödlich enden kann. 259 Unglückliche kamen im Zeitraum vom Oktober 2011 bis November 2017 auf der Jagd nach dem viralen Hit ums Leben. Darunter ein 51-jähriger Mann aus Vatterstetten. Er wollte doch nur ein besonders schönes Bild der Inkastadt Machu Picchu machen. Doch den waghalsigen Sprung in die Luft überlebte er nicht.