Ratahsu in der thüringischen Stadt Gotha
Gotha ist die fünftgrößte Stadt Thüringens. Das Alte Rathaus ist ein denkmalgeschütztes Gebäude am Hauptmarkt. | Foto: wi

Thüringens fünftgrößte Stadt

Gotha: Zu Besuch beim „Opa Europas“

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Was hat die thüringische Stadt Gotha mit den Königshäusern von Großbritannien, Norwegen, Spanien, der Niederlande und Monaco zu tun? Die Antwort ist einfach: Die dortigen Herrscher waren Meister darin, vorteilhafte Heiratsbande zu knüpfen. Einer gilt gar als „Opa Europas“.

Ein Schloss namens „Friedenstein“

Pfusch am Bau? Solch handwerkliche Schandtaten gab es bereits im frühen 17. Jahrhundert. Ernst I, genannt „der Fromme“, war zwar Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, doch die Landeskasse in seinem thüringischen Kleckerfürstentum war ziemlich leer. Der größte Schlossneubau seiner Zeit schwebte dem tiefgläubigen Herrscher vor, der sich schon früh dem täglichen Bibellesen verpflichtete; eine imposante frühbarocke Dreiflügelanlage, die sich nicht hinter der Konkurrenz verstecken musste.

Sanierung ist überfällig

Feinsinnig taufte er sie auf den Namen „Friedenstein“ – mitten im Dreißigjährigen Krieg mit seinem millionenfachen Blutzoll. Zehn Jahre wurde an der Residenz gebaut. Die jetzt erforderliche Sanierung des Kulturdenkmals wird deutlich länger brauchen.
Denn was von außen massiv und unverwüstlich wirkt, ist im Innern eigentlich nur ein Fachwerkbau, an dem der Zahn der Zeit gewaltig nagt. In der Decke zum ersten Obergeschoss hat sich der gemeine Hausschwamm eingenistet. Im Stockwerk darüber, wo die mit Stuck verzierten Prunkräume viel von höfischer Prachtentfaltung erzählen, dürfte die Lage kaum besser sein.

Schloss Friedenstein in Gotha
Schloss Friedenstein war der größte Schlossneubau im 17. Jahrhundert. | Foto: wit

60 Millionen von Bund und Land

Einige Räume wirken leicht schief, und die Statik des Schlossdaches bereitet der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten größte Sorgen. 60 Millionen Euro machen Bund und das Land Thüringen in den kommenden 15 Jahren locker: auf das der größte Schlossbau Deutschlands aus dem 17. Jahrhundert wieder in alter Pracht erstrahle.

Denkmal vom „Opa Europas“

In eiserner Rüstung, aufrechter Haltung und der heiß geliebten Bibel in den Händen steht er in Bronze gegossen vor Schloss Friedenstein: der Mann, den Historiker gerne als „Opa Europas“ bezeichnen. Sein Herzogtum mag zwar anfangs klein gewesen sein. Doch dem durchaus fortschrittlich denkenden Staatenlenker aus dem Hause der Ernestiner fielen zahlreiche Erbschaften in den Schoß. Sie machten ihn zum Stammvater des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha.

Prunkräume in Schloss Friedenstein in Gotha
Die Prunkräume in Schloss Friedenstein können besichtigt werden. | Foto: wit

Clevere Heiratspolitik

Seine Nachfahren eroberten Europas Königshäuser dank cleverer Erb- und Heiratspolitik und nicht auf dem Schlachtfeld. Einer der berühmtesten „Exporte“: Prinzgemahl Albert, die große Liebe von Queen Victoria, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang über das britische Weltreich herrschte.
Ob Elisabeth II, Harald von Norwegen, Margarethe von Dänemark, Carl-Gustaf von Schweden, Albert von Monaco, Philippe von Belgien, Juan Carlos von Spanien oder Willem-Alexander – sie alle sind über ein paar Ecken mit dem frommen Herzog verwandt. Er machte Gotha zu einem gesellschaftlichen und kulturellen Zentrum von Weltruf – lange vor Weimar, das womöglich tiefste Provinz geblieben wäre, hätte nicht ein gewisser Goethe das Zepter übernommen.

Theater und Wunderkammer

Der Herrscher legte den Grundstein für die Kunst- und Wunderkammer, deren Sammlung die unterschiedlichen Vorlieben von ihm und seinen Nachfolgern dokumentiert. Der eine sammelte protestantische Flugblätter aus den Tagen Luthers und Cranachs. Der andere begeisterte sich für das alte Ägypten mit leibhaftigen Wickelmumien. Ernst’ Sohn Friedrich I. ist das Ekhof-Theater im Westturm von Schloss Friedenstein zu verdanken. Es ist das einzige Theater weltweit, dessen aus dem 17. Jahrhundert stammende Bühnentechnik manuell bedient werden muss.

Herzogliches Museum in Gotha
Das Herzogliche Museum wurde im ebenso eleganten wie pompösen Stil des Historismus errichtet. | Foto: wit

Historische Bühnentechnik

Ob beim Kulissenschieben oder bei der Erzeugung von akustischen Effekten mittels Wind- und Donnermaschinen:  Voller Körpereinsatz ist auf dieser barocken Zauberbühne gefragt, deren hölzerne Bühnenmaschinerie beim alljährlichen Festival im Juli und August zu Leben erwacht.

der Platz Buttermarkt in Gotha
Wie es der Name vermuten lässt, war der Buttermarkt früher Umschlagplatz für Molkereiprodukte und Fleisch. | Foto: wit

Gotha – das Aschenbrödel

Ein wenig ist Gotha schon zu bedauern. Weimar – das weiß man – punktet als herausgeputzte Hochburg der deutschen Klassiker. Eisenach hat mit der Wartburg ein historisches Erbe von Weltrang vorzuweisen. Und die Landeshauptstadt Erfurt gilt ohnehin als eines der städtebaulichen Schmuckstücke der neuen Bundesländer. Aber Gotha, diese 46 000-Seelen-Stadt unweit des Thüringer Waldes?

Gründungsort der SPD

Hier gründete ein gewisser Ernst-Wilhelm Arnoldi im frühen 19. Jahrhundert zwar die Feuer-Versicherungs-Bank für den deutschen Handelsstand, doch außer einer spindeldürren Bronzefigur am nördlichen Ende der Altstadt erinnert nichts an diese bahnbrechende Errungenschaft. Hier schlug vor über 150 Jahren die Geburtsstunde der SPD. Auf dem Hauptmarkt sprach Willy Brandt im Januar 1990 vor angeblich 100 000 Menschen die berühmten Worte „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“. Das alles sind zwar geschichtliche Ereignisse, doch Touristen suchen nach anderen Schätzen.

Brunnen in Gotha
Das Wasserspiel steht auf halbem Weg vom Schloss zum Rathaus. | Foto: wit

Architektonisches Patchwork

Dass so einige in Archiven und Museen schlummern, dass die alte Residenzstadt durchaus ihre Reize hat, erkennt der Besucher erst auf den zweiten Blick. All die Jahrhunderte sind als architektonisches Patchwork im Stadtbild verewigt.

Das historische Rathaus mit seinem rostroten Anstrich stammt aus dem 16. Jahrhundert und diente dem frommen Ernst zeitweise als Wohnstätte. Die liebevoll gestaltete Wasserkunst mit ihrem System aus Brunnen und Wasserspielen zieht sich vom Schloss bis zum Hauptmarkt. Im herzoglichen Museum werden Kunstschätze von der Antike bis in die Neuzeit präsentiert, darunter das weltberühmte „Gothaer Liebespaar“, ein ebenso mysteriöses wie künstlerisch herausragendes Gemälde der Vor-Dürer-Zeit.

Der Schmuck der Hausfassaden reicht vom Barock bis zum Klassizismus, was der Altstadt etwas Verspieltes verleiht. Doch dazwischen stehen einst prachtvolle Bürgerhäuser, deren Mauern bröseln und Dachstühle wanken. In den Randbezirken, wo gründerzeitliche Backsteinbauten vom Zeitalter der Industrialisierung künden, bleibt auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch viel zu tun.

die Innenstadt von Gotha.
Bauten aus vielen Jahrhunderten prägen die Innenstadt von Gotha.

Napoleon war gern in Gotha zu Gast

Einer, dem es in Gotha ausnehmend gut gefiel, war übrigens Napoleon Bonaparte. Fünf Mal weilte der französische Kaiser in der thüringischen Stadt und wurde dort von Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg mit allen Ehren empfangen. Der war ein glühender Verehrer des kleinen Korsen und richtete auf Friedenstein ein von ihm persönlich entworfenes Napoleon-Zimmer ein, das heute noch zu besichtigen ist.

Der gute August, der von Zeitgenossen als „geistvoll und interessant, aber auch wunderlich und zerfahren“ beschrieben wurde, muss ein ziemlicher Sonderling mit einer Vorliebe für provozierende und schockierende Auftritte gewesen sein. Von ihm wird erzählt, dass er in Frauenkleidung über die Flure schlich.

Porzellan mit Phallus-Darstellungen

Zu seiner wunderbaren, kostspieligen Porzellansammlung gehörte auch ein ziemlich ungewöhnliches Tee-Service. Wie war wohl den Damen am Hofe zumute, wenn der Herzog Tassen und Untertassen mit blütenumrankten Phallusdarstellungen auf die festliche Tafel stellen ließ? Seine Sammelleidenschaft machte auch vor Napoleon nicht halt. So bestach er den Kammerdiener des Kaisers mit einer Golddose, um in Besitz von Hut, Stiefel und Handschuhen des Angebeteten zu gelangen. Der Dreispitz wird noch heute im Schloss des frommen Ernst gezeigt.

Hauptmarkt in Gotha
Der Hauptmarkt ist die gute Stube von Gotha. | Foto: wit

Informationen

Übernachten: Gotha bietet eine Vielzahl an Übernachtungsmöglichkeiten – ob hinter Klostermauern, mit Blick auf Schloss Friedenstein, im First-Class-Hotel oder in der Pension. Übernachten im 750 Jahre alten Augustinerkloster mitten in der historischen Altstadt kostet beispielsweise 58 Euro im Einzelzimmer. Das Doppelzimmer gibt es für 84 Euro. Das Frühstück ist inbegriffen.

Führungen: Die sehr unterhaltsamen Stadtführungen dauern 90 Minuten. Sie werden von April bis Oktober, mittwochs um 11 Uhr, freitags um 14 Uhr, samstags um 14 Uhr sowie sonntags um 11 Uhr angeboten. In den Wintermonaten gibt es öffentliche Führungen nur samstags um 14 Uhr. Die Tickets für Erwachsene kosten sechs Euro, Kinder bis 16 Jahre können kostenlos teilnehmen.
Die Kasematten können von April bis Oktober täglich um 13 und 17 Uhr besucht werden, von November bis März um 13 Uhr.
Daneben gibt es Erlebnisrundgänge wie die „Plauderei mit Herzogin Karoline Amalie“, die Tour „Freimaurer, Illuminaten und der Gothaer Park“ oder ein Rundgang mit dem skurrilen Herzog Emil August. Nähere Auskünfte dazu gibt es bei der Tourist Information am Hauptmarkt.

Extratipp: Am 29. und 30. August 2020 verwandelt sich Schloss Friedenstein beim Barockfest wieder in
die farbenprächtige Residenz Herzog Friedrichs III. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Handwerker und Händler in historischen Gewändern werden auf dem Schlosshof und unter den Arkaden ihr Können vorführen. Daneben gibt es ein historisches Karussell sowie Kutschen und Reiter. Die Tageskarte kostet zehn Euro. Für die Zwei-Tageskarte sind 15 Euro fällig.

Auskünfte: Thüringer Tourismus, Willy-Brandt-Platz 1, 99084 Erfurt, Telefon (03 61) 37 42 0.

Gotha Tourismus, Brühl 4, 99867 Gotha, Telefon (03621) 510 430.