das Bergdorf Tejeda auf Gran Canaria
Gran Canaria besitzt viele malerische Bergdörfer. Eines davon ist Tejeda. | Foto: wit

Das Innere der Urlaubsinsel

Gran Canaria: Out of Maspalomas

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Im hügeligen Hinterland Gran Canarias dreht sich das Rad des Lebens ziemlich langsam. In endlosen Haarnadelkurven schraubt sich die Straße durch zerfurchte, staubtrockene Schluchten, vorbei an nacktem Fels in ockergelb, an mannshohen Kakteen, die in der Hitze dösen, und endemischen kanarischen Fichten, deren Äste wie überdimensionale Flaschenbürsten in den Himmel ragen. Verschlafene Dörfer mit weißgestrichenen Häusern thronen fotogen auf exponierten Bergrücken; kunstvoll angelegte Terrassen künden vom entschlossenen Willen der Menschen, der dunkeln Vulkanerde etwas Nahrhaftes abzutrotzen.

Das Bergdorf Artenara auf Gran Canaria
Artenara auf Gran Canaria ist vor allem wegen des Höhlenmuseums einen Besuch wert. | Foto: wit

Über allem wacht der Roque Nublo, der fast 90 Meter hohe Monolith, der schon den Guanchen heilig war und der das Wahrzeichen der Kanareninsel ist. Zu seinen Füßen kauern Mönch und Frosch. Es bedarf jedoch einiger Fantasie , um in den kahlen Felsformationen die beiden Lebewesen zu erkennen. Doch das Dreigestirn in der wilden Cumbre ist so unverwechselbar, dass kaum ein Prospekt über Europas Außenposten ohne den phallusförmigen Felsen und seine treuen Begleiter auskommt.

Aus der Ferne grüßt der Teide

Nur ein gutes Dutzend Kilometer sind es von den goldgelb schimmernden Dünenbergen von Maspalomas, die vom Passatwind mit der Beständigkeit eines Schweizer Uhrwerks immer neu gekrümmt, gefaltet und geprägt werden, bis zum fast 1 500 Meter hohen Cruz de Tejeda. Doch eigentlich liegen Welten zwischen den beiden Polen der beliebten spanischen Urlaubsinsel. Hier oben, wo aus der Ferne der Teide auf Teneriffa grüßt – wenn nicht gerade der berühmt-berüchtigte Calima Sand aus der Sahara rüberträgt – schlägt das unverfälschte Herz der nahezu kreisrunden Insel. Sie ist nach Teneriffa und Fuerteventura das drittgrößte Kanareneiland. Die Luft ist frisch und klar, die unzähligen Stauseen, die zur Bewässerung der Felder gebraucht werden, gut gefüllt, die verträumten Bergdörfer so malerisch, wie es sich nach einem Stück heiler Welt sehnende Menschen wünschen. Mitte Januar, wenn die Hänge rund um Tejeda in einem Meer aus zartrosa Mandelblüten versinken, zieht es Hauptstädter aus Las Palmas in Massen hinauf ins Örtchen Tejeda, das mit Stolz die Medaille als eines der schönsten Dörfer Spaniens trägt.

 

Geschäft für Mandelgebäck in Tejeda auf Gran Canaria
Das Mandelgebäck aus Tejeda ist als Mitbringsel geschätzt. | Foto: wit

Sie genießen den atemberaubenden Blick auf das Labyrinth aus steilen Schluchten, bewundern die kalkweißen Gehöfte, deren rostrote Schindeldächer sich unter der Last der Zeit biegen, und decken sich in der weithin bekannten Konditorei mit kalorienschwerem Mandelkuchen ein. Zum Schluss noch ein Abstecher in das hübsche Restaurant, ein Berg aus runzligen Salzkartöffelchen mit scharfer Soße und ein ordentliches Stück Canejo mit unverschämt viel Knoblauch – fertig ist ein gelungener Sonntagsausflug.

Löchrig wie ein Schweizer Käse

Es ist wohl die Suche nach Ursprünglichkeit, nach der Welt der Altvorderen, die Einheimische und Urlauber gleichermaßen aus dem wuchernden Geschwulst aus Einkaufszentren, Pubs und Souvenirschuppen drängt. Auf den ersten Blick ist Artenara ein hübscher kleiner Flecken inmitten eines satten Blumenmeeres aus lilafarbenen Bougainvilleen, weißen Margeriten und rosafarbenem Hibiskus. Das Besondere enthüllt sich erst bei näherem Hinsehen. Artenaras Baugrund ist löchrig wie ein Schweizer Käse, weil Wohnungsbau wie in alten Zeiten betrieben wird. Damals bezeichnete Alexander von Humboldt die Canarios als Höhlenmenschen.

Wenn man früher ein zusätzliches Zimmer brauchte, griffen unsere Vorfahren zu Hammer und Meißel und gruben einen weiteren Raum in den Fels

, erzählt Ines, die selbst in einer Höhlenwohnung lebt. Am steil aufragenden Südhang des Ortes, der nur ein paar Kilometer vom Roque Nublo entfernt liegt, kleben die Eingänge zu den Höhlenwohnungen buchstäblich neben- und übereinander. So archaisch die Lebensweise auf den ersten Blick auch scheinen mag: „Die Häuser sind wegen ihres speziellen Mikroklimas außerordentlich begehrt. Im Sommer halten sie die Hitze draußen, im Winter bleibt es angenehm warm“, erzählt Ines, die gelegentlich auch das kleine Höhlenmuseum betreut. Auf modernen Komfort wie Strom und Wasser müssen die Besitzer nicht verzichten, und wer es sich leisten kann, bringt im luftigen Anbau vor der Höhlenwohnung gleich noch den privaten Swimmingpool unter.

das Bergdorf Tejeda auf Gran Canaria
Tejeda gilt als eines der schönsten Dörfer Spaniens. | Foto: wit

Reiseführer Heiko, der ursprünglich aus dem Saarland stammt und seit zwölf Jahren auf der Sonneninsel lebt, kennt die Vorbehalte gegenüber seiner jetzigen Heimat: zu überlaufen, zu verbaut, zu wenig ursprünglich. Wer vom Flughafen an der Ostküste nach Meloneras am südlichen Zipfel fährt, über eine schicke neue Autobahn, für die Brüssel stolze 107 Millionen Euro locker machte, bekommt das kalte Grausen. Rechts und links stehen gesichtslose Industriegebiete Spalier. Sie wechseln sich ab mit riesigen Outletcentern und verwinkelten Bettenburgen, die sich wie ein Krake über die Hänge hermachen. Der erste Eindruck von Gran Canaria, das mit Las Palmas eine der schönsten Städte der Kanaren sein Eigen nennt, ist wahrlich verstörend.

ein Hotel in Meloneras auf Gran Canaria.
Im Touristenort Meloneras sind viele schicke Hotels entstanden. | Foto: wit

In Playa del Inglés, dem „Strand der Engländer“ wo sich Heerscharen von Teutonen einst über eine komplette deutsche Infrastruktur mit Ärzten, Bäckern und bayerischer Brauhaus-Glückseligkeit freuten, sind die Bausünden der 70er und 80er-Jahre in Beton gegossen; sie sind weder mit Farbe, noch mit reichlich vorhandenem Grün zu übertünchen. Im neuen Touristenort Meloneras gleich hinter dem Leuchtturm von Maspalomas besannen sich millionenschwere Investoren der Kunst der Architektur und ließen noble Vier- und Fünf-Sterne-Resorts im Stil kanarischer oder afrikanischer Dörfer bauen. Doch mancher „Geistesblitz“ erinnert den Betrachter unwillkürlich an Disneyland: wenn beispielsweise der Nachbau einer der ältesten Kirchen der Insel, der Iglesia de San Sebastian, als Empfangshalle eines Hotels herhalten muss. Und in Puerto de Mogán, dass die Einheimischen etwas vollmundig als „Venedig der Kanaren“ tauften, fällt es schwer, die kleinen Wasserläufe und die hübschen Brücken inmitten all der Appartementanlagen zu erblicken, die wie Biebenwaben am steilen Fels kleben. Die Finanzkrise hat überall auf der Insel so manchen tollkühnen Traum platzen lassen. Zurück blieben halb fertige Bauruinen, von denen niemand weiß, ob sie jemals vollendet werden.

die Dünen von Maspalomas auf Gran Canaria.
Dünen wie in Afrika gibt es an der Südspitze Gran Canarias bei Maspalomas. | Foto: nito-stock.adobe.com

Trotz des gedankenlosen Hotelbauwahns der vergangenen Jahrzehnte: Im vergangenen Jahr hat der „Miniaturkontinent“ mit seinen kilometerlangen Sandstränden, den stets frühlingshaften Temperaturen und den unwirklichen Mondlandschaften im Inselinnern ein Comeback erlebt – den Unruhen bei der Konkurrenz Türkei, Ägypten und Tunesien sei Dank. 2,8 Millionen Touristen kamen 2016 nach Gran Canaria, und im Dezember war mancher Hotelier voll bis unters Dach. Dass die Insel „baulich gesehen ein Alptraum“ ist, wie der Zeit-Verleger Gerd Bucerius schon 1979 notierte, in den schäbigen Einkaufszentren viel Leerstand herrscht und überall nur gefälschte Lacoste-Shirts und gefakte Michael Kors-Taschen angeboten werden, dass auf der Höhe der Westsahara deutsches Bier und österreichische Mehlspeisen aufgetischt werden – geschenkt. 300 Sonnentage im Jahr, die Leichenblässe in (Milch-)Kaffeebräune verwandeln, ein meist ruhiges Meer und die überdimensionierte Sandkiste von Maspalomas, wo sich die Anhänger der Freikörperkultur ungestört sämtlicher textiler Hüllen entledigen können, wiegen viele Sonderlichkeiten auf.

Die Nordküste Gran Canarias
Wild und ungezügelt präsentiert sich die Nordküste Gran Canarias. | Foto: wit

Wer die andere Seite Gran Canarias entdecken möchte, muss raus aus den Touristenghettos im trockenen Inselsüden. Es gibt sie noch die abgeschiedenen, menschenleeren Traumstrände, die Inselperlen mit weiß getünchten Bürgerhäusern, gebleichten Holzbalkonen und fleckigen Dachschindeln, die Reste des Lorbeerwaldes – ein Relikt aus dem Tertiär und damit ein überlebender Dinosaurier der Pflanzenwelt. Und wer sich in einem der hübschen Landhäuser einquartiert, viele davon im Kolonialstil, mit einer Handvoll Zimmer, ist dort angekommen, wovon alle träumen: out of Maspalomas, mitten auf der Insel des ewigen Frühlings.

Informationen

Anreise: Gran Canaria wird von etlichen Fluggesellschaften direkt angeflogen, beispielsweise von Condor und Tuifly ab Stuttgart und Frankfurt. Flüge gibt es bereits ab 70 Euro die Strecke.

Anbieter: Fast alle deutschen Reiseveranstalter haben Gran Canaria im Programm. Zudem wird die Hauptstadt Las Palmas häufig von Kreuzfahrtschiffen angelaufen.
Ein einwöchiger Aufenthalt in einem Drei-Sterne-Appartement in San Augustin gibt es beispielsweise ab 300 Euro pro Person ohne Verpflegung. Eine Woche mit Halbpension in einem Fünf-Sterne-Haus kosten rund 800 Euro.
Wer lieber für sich sein möchte: Die Casa Rural „La Asomadita“ in Agaete bietet Platz für bis zu zehn Personen, verfügt über einen eigenen Pool, ein Kaminzimmer, einen Billardraum sowie eine große offene Küche. Zwei Mountainbikes gehören ebenfalls zur Ausstattung. Das Haus kann ab 1399 Euro pro Woche gebucht werden.
„Fünf Traumziele in einer Reise“ verspricht eine zwölftägige Reise vom Reiseveranstalter Berge & Meer. Gran Canaria, Teneriffa, Lanzarote, La Graciosa und La Gomera werden besucht, der Transport erfolgt mit Flugzeug und Fähre. Die Tour – meist mit Halbpension–kann ab 1399 Euro pro Person gebucht werden.
Das Kanarenquartett Teneriffa, La Gomera, Gran Canaria und Lanzarote steht bei einer zehntägigen Studienreise von Dr. Tigges im Mittelpunkt. Sämtliche Transfers, Halbpension sowie Ausflüge sind im Preis ab 1895 Euro eingeschlossen.

Auskünfte: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Lietzenburgerstraße 99, 10707 Berlin, Telefon (0 30) 8 82 65 43.