Alles andere als trostlos: Das Valley of Desolation nahe dem Städtchen Graaff-Reinet begeistert Wanderer durch seine Millionen Jahre alten Steinsäulen. Foto: Ochs

Eastern Cape in Südafrika

Im wilden Osten

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Und da liegt er: Timba, der weiße Löwe. Müde blickt er zur Touristengruppe im Safari-Jeep, die ihn aus sicherer Entfernung bestaunt. Dann brüllt er leise, trabt lässig davon und wetzt seine Krallen an einem Baumstamm. Das imposante Tier ist mit seinen zwölf Jahren der Senior unter den sechs weißen Löwen und das Aushängeschild im Pumba-Tierreservat nahe dem südafrikanischen Städtchen Grahamstown.

Eastern Cape wirbt mit den wilden Stars

Die weißen Großkatzen, die im Land als heilig verehrt werden, bei der Safari tatsächlich zu Gesicht zu bekommen, ist für Touristen, die Ranger Brandon Pienaar im Jeep durch das Reservat fährt, eine Sensation – aber keine überraschende. Denn Brandon ist über Funk mit den anderen Rangern in Kontakt und weiß, wo sich die Löwen gerade aufhalten. So können sich die Touristen, die frühmorgens in Decken gehüllt über das Gelände fahren, darauf einstellen, dass sie außer den Großkatzen mit ziemlicher Sicherheit auch die anderen Vertreter der „Big 5“ vor die Kameralinse bekommen: Elefanten, Nashörner und Büffel und mit viel Glück auch die scheuen Leoparden. Mit den wilden Stars wirbt die südafrikanische Region Eastern Cape. Die tierischen Bewohner können sich im 6000 Hektar großen Reservat frei bewegen und jagen. An Menschen im Jeep sind sie gewöhnt und reagieren gelassen – so lange die Touristen respektvoll Abstand halten.

Majestätisch: Timba, der weiße Löwe, ist der Star des Pumba-Reservats nahe Grahamstown. Bei Jeep-Safaris kommen Besucher den frei lebenden Tieren nahe. Foto: Ochs

Wale und Haie lassen sich selten blicken

Etwas mehr Glück braucht man, um Wale und weiße Haie zu erleben, die bei der Meer-Safari in der Algoa Bay in Port Elizabeth an diesem Tag allerdings nicht auftauchen. Dafür begleiten Delfine das Ausflugsboot. Sie haben sich dank eines Entwicklungsprogramms in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel auf 30 000 vermehrt. Das will die Region auch bei den afrikanischen Pinguinen erreichen, die sich in einer großen Brutkolonie auf der kleinen Insel St. Croix tummeln. Denn Überfischung und eine Havarie in der Nähe hatten in den vergangenen Jahren die Nahrungsgrundlage der Pinguine stark eingeschränkt und die Population dezimiert.

Dezimiert ist die Zahl der Pinguine auf der kleinen Insel St. Croix nahe Port Elizabeth. Ein Grund ist unter anderem die Überfischung des Meeres. Foto: Ochs

Freundlichkeit ist unser Markenzeichen

Im Schatten der südafrikanischen Metropolen Kapstadt und Johannesburg ist die Region Eastern Cape touristisch eher unbekannt. Das soll sich aber ändern, wenn es nach der hiesigen Tourismusbranche geht. Sie wirbt nicht nur mit Tieren, sondern auch mit der landschaftlichen Vielfalt: kilometerlange Strände, die Halbwüste „Karoo“ weiter im Norden, Wälder und majestätische Berge. Außerdem gilt die Region als malariafrei. Angepriesen wird auch die Freundlichkeit der Menschen hier. „Wir nehmen die Dinge eher locker, sind entspannt und sehen uns als Gegenpol zu den trubeligen Städten wie Kapstadt und Johannesburg. Freundlichkeit ist unser Markenzeichen“, sagt Reuann Smith vom Tourismusbüro in Port Elizabeth.

Bunt und lebensfroh präsentiert sich Port Elizabeth, die zusammen mit East London die größte Stadt am Eastern Cape ist. Foto: Ochs

Fußball-WM in der „Windy City“

PE, wie die Stadt am Indischen Ozean von seinen Bewohnern abgekürzt wird, kann das älteste Opernhaus und die älteste Kaffeerösterei in Südafrika für sich beanspruchen und hat als einer der Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 kräftig die Werbetrommel gerührt. Auch das deutsche Nationalteam hat hier in der „Windy City“, in der immer eine steife Brise weht, drei Mal das Leder getreten. Und das Konzept ist aufgegangen: Nach der WM ist die Zahl der Touristen in ganz Südafrika gestiegen.

Nelson Mandela ist allgegenwärtig im Stadtbild von Port Elizabeth – vor allen in den Kunstwerken. Foto: Ochs

Mandela ist im Stadtbild allgegenwärtig

Port Elizabeth ist neben East London die größte Stadt der Region und ehrt mit vielen Kunstwerken und Installationen den ehemaligen Präsidenten Südafrikas, Nelson Mandela, der aus dem Ort Mvezo am Eastern Cape stammt. Port Elizabeth hat sogar eine Bucht und ein Museum nach ihm benannt.   Der Friedensnobelpreisträger, der 2018 hundert Jahre alt geworden wäre, wird von vielen Südafrikanern verehrt und ist im Stadtbild allgegenwärtig. „Wir sind sehr stolz auf ihn. Freundlichkeit, Freiheit und gleiche Chancen für alle sind sein Vermächtnis“, schwärmt Reuann Smith. Allerdings: „Die Apartheid besteht noch – vor allem in den Köpfen“, bestätigt Leon van Wyk, der als Reiseführer durch das Städtchen Cradock führt. Hier wurden Mitte der 80er-Jahre vier Mitglieder des African National Congress (ANC) ermordet.  „Die Rassentrennung mag heute zwar ein geringeres Problem sein als früher, dennoch bleiben die Weißen und die Schwarzen eher unter sich“, weiß Leon van Wyk.

Apartheid besteht noch in den Köpfen

Eddie Gutthater, der 1964 von Wertheim nach Südafrika ausgewandert ist und heute ebenfalls als Reiseführer arbeitet, sieht die Gegenwart und Zukunft des Landes ähnlich nüchtern: „Apartheid gibt es heute noch überall“, sagt der 75-Jährige. „Selbst Hochqualifizierte müssen kämpfen, um zu überleben, weil bei Stellenbesetzungen vor allem auf die Hautfarbe geachtet wird.“ Dennoch ist das Land für den gelernten Werkzeugmacher zur Heimat geworden. Er schätzt vor allem den Abwechslungsreichtum der Landschaften: Berge, Meer, Savannen. Außerdem die Kontaktfreudigkeit der Menschen und das Gefühl von Offenheit und Freiheit.

7000 Jahre alt sind die so genannten Buschmannzeichnungen, die nahe der Ganora-Guestfarm mit Kohle und Farbe auf Felsen gemalt worden sind. Foto: to

Eastern Cape – das letzte wahre Afrika

Weites Land und der Blick auf Tafelberge in der Ferne beeindrucken auf der Fahrt nach Nieu Bethesda. In der Nähe des Dorfes betreibt Hester Steynberg mit ihrem Mann Jan Petrus die 4000 Hektar große Ganora-Guestfarm. Das Paar züchtet Rinder, kümmert sich um 2500 Schafe, betreibt Gästehäuser, richtet Veranstaltungen aus und bietet „authentisches südafrikanisches Essen“, das auf der Farm angebaut wird. Auf dem Grill kann man den Köchen über die Schulter schauen. Hier werden beispielsweise Leckereien wie Lammspieße, Wild, Rind und eine Gemüse-Variation für die Gäste zubereitet. Zum Dessert wird gerne der typisch südafrikanische Malva-Pudding gereicht, der im Prinzip ein lockerer Kuchen mit Aprikose-Marmelade ist und mit Eis oder Vanillesoße serviert wird. Die Region Eastern Cape bezeichnet Hester aufgrund der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen als das „letzte wahre Südafrika“. Jan Petrus hat auf dem Farmgelände die in Südafrika zweitgrößte Sammlung an Fossilien zusammengetragen, die sogar von Universitäten ausgeliehen werden. Anhand seiner Steine erklärt er die Entstehung der Welt – ganz ohne Dinosaurier. „Die sind einfach zu jung“, sagt er lachend.

Aus alten Rezepten neue Gerichte gezaubert

Ziemlich alt sind dagegen die Höhlenmalereien, die in der Nähe der Farm besichtigt werden können. Tiere und Menschen sind mit etwas Fantasie auf den rund 7000 Jahre alten so genannten Buschmannzeichnungen zu erkennen, die mit Kohle und Farbe auf Felsen gemalt worden sind. Kunst und Kunsthandwerk hat auch Nieu Bethesda zu Bekanntheit verholfen – vor allem die inzwischen verstorbene Künstlerin Helen Martins, die im denkmalgeschützten „Eulenhaus“ mit Bildern und Skulpturen ihre eigene Fantasiewelt erschaffen hat. Viele lokale Künstler, Gastronomen und Kunsthandwerker haben sich in dem kleinen Örtchen angesiedelt. Überhaupt laden Küchenchefs in der Region vermehrt dazu ein, das Eastern Cape über kulinarische Genüsse kennen zu lernen und zaubern aus alten Rezepten und neuen Ideen innovative Gerichte. Im Tuishuise and Victorian Manor Restaurant & Hotel in Cradock kocht Küchenchef Mazwazi Mabusela preisgekrönte Spezialitäten wie „Stoboti“ ­– einem Salat aus Kürbisblättern. Außerdem steht das südafrikanische Nationalgericht „Bobotie“ auf der Speisekarte: einer Art Hackfleischauflauf aus der Küche der Xhosa. 85 Prozent der 6,6 Millionen Bewohner am Eastern Cape gehören dieser Bevölkerungsgruppe an.

Magisch ist der Blick im Mountain-Zebra-Nationalpark nahe Cradock über die Halbwüste Karoo und auf die so genannten Schneeberge. Foto: Ochs

 

Löwe macht Nickerchen auf der Straße

Nur zehn Kilometer entfernt kann man im Mountain-Zebra-Nationalpark den Blick über die Halbwüste „Karoo“ schweifen lassen. Auf 1200 Metern Höhe bietet sich dem Betrachter in himmlischer Stille eine fast hypnotische Sicht auf die Karoo-Halbwüste und die so genannten „Schneeberge“, die in der Ferne in verschiedenen Blautönen schimmern.  Unzählige Tiere leben in dem 28 000 Hektar großen Park: von den seltenen Bergzebras, nach denen der Park benannt ist, über Leoparden bis hin zu Affen und 200 Vogelarten. Nicht zu vergessen der König der Tiere: So kann es schon mal vorkommen, dass ein Löwe auf der Straße sein Mittagsschläfchen macht und für einen kleinen Verkehrsstau sorgt.

Hübsche Namensgeberin des Mountain-Zebra-Nationalparks ist das Zebra. Zu sehen sind aber viele weitere Tiere – vom Löwen bis zur Antilope. Foto: Ochs

Kakteenfarm-Besitzer als Nudist bekannt

Auf Kultur, Kulinarik und atemberaubende Landschaften setzt auch das hübsche Städtchen Graaff-Reinet, das mit seinen 220 denkmalgeschützten Gebäuden als die „Perle der Karoo“ gilt und die viertälteste Stadt Südafrikas ist.

Freigeist: Der ehemalige Anwalt Johan Bouwer hat in seinem Kakteenpark in Graaff-Reinet über 60 000 Pflanzen zusammengetragen. Foto: Ochs

Ein stadtbekanntes Original ist Johan Bouwer, der eine Kakteenfarm samt Pflanzenlabyrinth betreibt. Der Freidenker hat 40 Jahre als Anwalt gearbeitet und ist als Anti-Apartheitskämpfer und Nudist bekannt. Und als Trump-Hasser. Amerikaner sind auf seiner Farm jedenfalls nicht erwünscht, wie ein Schild am Eingang klar macht. Von Angela Merkel und den Deutschen hält der 76-Jährige dagegen viel: Letztere bezeichnet er als die „neuen Führer der freien Welt“. Seine mehr als 60 000 Pflanzen beschallt Bouwer ganz unpolitisch mit 70er-Jahre-Musik von den Bee Gees und empfiehlt einen Besuch des nahe gelegenen Camdeboo National Parks und des Valley of Desolation. Alles andere als öde und trostlos sind die 120 Meter hohen Felssäulen, die hier im Tal in Millionen von Jahren durch Verwitterungserosion entstanden sind. Von oben hat man im goldenen Abendlicht einen spektakulären Blick auf Graaff-Reinet, den Nationalpark und die Karoo.

Schmuckstück: Die Stadt Graaff-Reinet gilt als die Perle der Karoo. Die 220 denkmalgeschützten Gebäude können zu Fuß erkundet werden. In der Nähe lockt das Naturschutzgebiet und das Valley of Desolation. Foto: Ochs

Die Dämmerung verleiht auch dem Pumba-Reservat einen besonderen Reiz. Eine Gruppe von Löwen hat sich am Wegesrand versammelt und wartet auf das Familienoberhaupt. Erst ist sein sanftes Brüllen zu hören, dann auch seine weiße Mähne zu sehen. Timba, kommt gemächlich angetrabt. Die anderen Tiere schließen sich an und verschwinden mit ihm in der Dunkelheit.

Anreise:
Mit South African Airways (SAA) geht es ab 828 Euro von Frankfurt und München täglich via Johannesburg nach Port Elizabeth. Mehr Infos unter www.flysaa.com.

Unterkünfte:
Das Beach Hotel in Port Elizabeth kostet ab 100 Euro pro Person und pro Nacht.
Ein Doppel-Cottage im Tuishuise & Victoria Manor in Cradock gibt es ab 35 Euro pro Person und Nacht. www.tuishuise.co.za
Auf der Ganora Guestfarm in Nieu Bethesda wird das Doppelzimmer ab 65 Euro pro Nacht angeboten. www.ganora.co.za
Drostdy Hotel in Graaff-Reinet: ab 115 Euro pro Doppelzimmer. www.drostdy.co.za
Im Pumba Game Reserve nahe Grahamstown kostet die Tagessafari pro Person circa 70 Euro für fünf Stunden. All-inclusive Übernachtungen mit Safari gibt es ab 340 Euro pro Person. www.pumbagamereserve.co.za
Der Eintritt in den Zebra Mountain National Park kostet pro Tag elf Euro für Erwachsene und sechs Euro pro Kind.

Weitere Infos zu Südafrika: www.dein-südafrika.de und www.visiteasterncape.co.za