Wandern im Appenzeller Land mit dem Blick auf den Säntis
Den Säntis im Blick: Das Gebiet rund um Ebenalp ist perfekt zum Wandern. Im Hintergrund der höchste Berg des Alpstein-Massivs. | Foto: Appenzellerland Tourismuss-image.ch/Christian Perret

Vom Säntis zum Gasthaus Äscher

Logenplätze im Appenzeller Land

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Sein berühmter Käse und eine anmutige Landschaft, die so lieblich ist, als stünde man inmitten einer Spielzeugeisenbahn – das ist das Appenzeller Land, nur einen Katzensprung vom Bodensee entfernt. Kühe mit kiloschweren Glocken trotten seelenruhig über saftige Almwiesen voll bunter Blumen. Urige Berghütten kleben an senkrecht  aufragenden Felswänden. Und über allem thront der Säntis, der wohl schönste Logenplatz der Ostschweiz.

Der Säntis: der höchste Vorposten der Schweizer Alpen

Der Sehnsuchtsort liegt gleich hinter dem Bodensee. Majestätisch steht er da, wenngleich nur Mittelmaß im Kreis der Schweizer Himmelsstreber. Mit der berühmten Silhouette des Matterhorns kann er es nicht aufnehmen und Gipfelstürmer schnalzen auch nicht mit der Zunge, wenn sein Name fällt. Doch Meteorologen sind ganz verliebt in den Säntis, den höchsten Vorposten der Schweizer Alpen.

Panorama vom Grand Ballon bis zum Ortler

Sonntagsausflügler sind ganz verrückt nach ihm, denn welcher Berg kann schon mit einer solch fantastischen Rundsicht aufwarten? Grand Ballon, Feldberg, Zugspitze, Wetterspitze, Rote Wand, Piz Buin und Ortler – sie alle präsentieren sich erhaben am Horizont.
Vorausgesetzt, der Säntis hüllt sich nicht in eine dicke Wolkendecke. Das kann an heißen Sommertagen schon mal passieren . Auf der 1 300 Meter hoch gelegenen Schwägalp herrscht eitel Sonnenschein: Alphornbläser machen dicke Backen. Kühe trotten gemächlich durchs Gelände. Motorradfahrer schälen sich aus ihrer Lederkluft heraus.

der Seealpsee inmitten des Appenzeller Landes
Vorbei am Seealpsee: Wenn Ziegen und Kühe auf die Alm getrieben werden, holen die Besitzer die traditionelle Tracht heraus. | Foto: swiss-image.ch/ Sonderegger

Oben – auf 2 500 Meter – herrscht dicke Suppe. Nebelschwaden kriechen die Täler hinauf, legen sich wie weiß-graue Leintücher auf Wiesen, Almen und Bodensee. Selbst der Betonkoloss der Bergstation – nebst 123 Meter hohem Sendeturm – wird gnädig von den feuchten Schwaden verschluckt. Die Heerscharen von Wanderern, die sich aus eigener Kraft auf den Wetterberg gekämpft haben, die Fußfaulen, die in der Großraumkabine nach oben gegondelt sind, ficht dies nicht an: „Irgendwann reißt der Nebel auf“, verspricht der Appenzeller, der schon ein paar Dutzend Mal auf seinem Hausberg gestanden ist. Bleibt nur die Frage: Wann.

Seit jeher ist diese Hügelland-Herrlichkeit zwischen Bodensee und Alpsteinmassiv ein Touristenmagnet. Wer das Glück hat, einen Traumtag mit trockener, klarer Luft zu erwischen, schwelgt in der Aussichtsloge des Säntis in Glücksgefühlen. Von der Terrasse der futuristischen Bergstation schweift der Blick über Berge, nichts als Berge, die sich wie Orgelpfeifen vor dem König der Ostschweiz aufbauen.

Das Appenzeller Land zu Füßen

Zu seinen Füßen liegt das verträumte Appenzellerland, das aus der Vogelperspektive an eine Modelleisenbahnlandschaft erinnert. Schmucke Bauernhäuser thronen auf sanft gewellten Hügeln. Dazwischen kurvt das feuerrote „Bähnli“.  Bergseen liegen anmutig eingebettet inmitten des Grüns, und im Morgendunst zeichnet sich düster der Bodensee ab.

Ein Häuschen hier, ein Häuschen da, als seien sie – wie es die Legende erzählt – aus dem großen Sack eines Riesen gepurzelt. Die Anmut seiner unfreiwilligen Raumplanung soll den Giganten so verzückt haben, dass er es dabei beließ.

Gasthaus unterhalb des Säntis-Gipfels im Appenzeller Land
Das Gasthaus unterhalb des Säntis-Gipfels gibt es seit vielen Jahrzehnten. | Foto: wit

Von der Bretterbude zum Gasthaus

Bereits 1848 diente eine einfache Bretterbude auf dem Säntis als Berggasthaus. Keine 40 Jahre später folgte die Wetterstation. Für die Appenzeller Burschen war es ein lohnendes Geschäft, sich als Säntisträger zu verdingen: Schließlich mussten Mensch und Material nach oben geschafft werden. Manch einer kam dabei in fürchterlichen Winterstürmen um; manch anderer sicherte sich einen Eintrag in den Geschichtsbüchern, so wie jener menschliche Lastesel, der 1935 eine 140 Kilogramm schwere Waschmaschine ins neu gebaute Berghotel schleppte.

Statt der Zahnradbahn kam die Gondel

Die außergewöhnliche Lage des Aussichtsberges zog Touristen an. Die Pläne einer Zahnradbahn auf den Zweieinhalbtausend Meter hohen Berg scheiterten allerdings am fehlenden Geld. Stattdessen wurde im Juli 1935 die Luftseilbahn von der Schwägalp zum Gipfel eingeweiht. Der Kommentator der NZZ schwärmte euphorisch von dem „ruhigen, fast lautlosen Flug in sicherer Kabine“, während ein Unbekannter Massentourismus auf seinem Berg heraufdämmern sah:

Bald ist er ein Ort und Bahnstation/ Jedem echten Bergler ein Hohn/Steht er im Kursbuch, Seite zwanzig/ Mit Anschluss an Bern, Berlin und Danzig

heißt es im Gästebuch des Säntis-Gasthauses, das dank Holz und Fels viel Gipfelromantik verströmt.

Prächtig bemalte Häuser in Appenzell in der Schweiz

Prächtig bemalte Häuser in Appenzell in der Schweiz
Prächtig bemalte Häuser machen den Reiz von Appenzell aus | Foto: wit

Die heile Welt des Appenzeller Landes

Wäre da nur nicht der Herdentrieb, der die Touristen zu den immer gleichen Punkten im Appenzeller Land bringt. Die beiden Halbkantone Appenzell-Innerrhoden und Appenzell-Außerrhoden machen es dem Suchenden nach der heilen Welt auch leicht: Auf (fast) jeden Gipfel führt eine Seilbahn. Und oben wartet immer eine Beiz. Die hausgemachten „Chääsmageroone mit Epfelmues“, mehr noch das klitzekleine Gläschen Wein reißen zwar ein ordentliches Loch in die Urlaubskasse, doch angesichts des „schönsten Gebirges der Welt“ – so der Geologe Albert Heim über das Alpsteinmassiv – sieht man über solche Nebensächlichkeiten lässig hinweg.

Das Äscher – der Liebling der Massen

Der jüngste Liebling der Massen ist das Wirtshaus Äscher, dessen Rückwand harter Fels und dessen Speisekarte in Holz geritzt ist. Wie ein Adlerhorst klebt die urige Einkehr an einer gewaltigen, überhängenden Felswand. Sie kündet mit ihrer rustikalen Erscheinung von Zeiten, als Berge noch zu Fuß bezwungen werden mussten.

Natürlich gibt es noch immer leidenschaftliche Bergfexe, die am frühen Morgen in Wasserauen aufbrechen, zum unverschämt malerischen Seealpsee wandern und sich dann an den schweißtreibenden Aufstieg zum „Äscher“ und den nahen Wildkirchli-Höhlen wagen. Männer, wie der 68-jährige Hans Inauen, der das traditionsreiche Haus noch ohne Menschenmassen kennt.

Fotografie vom Wildkirchlic im Appenzeller Land in der Schweiz
Die Fotografie zeigt das einstige Gasthaus beim Wildkirchli.

Einsiedelei in „gewaltiger Natur“

Schon um 1800 soll es die gastliche Alphütte gegeben haben, wo Einsiedler und Sennen Speis und Trank verkauften. Josef Viktor von Scheffel trug ihren Namen in die Welt hinaus, als er die Einsiedelei in „gewaltiger Natur“ zum Schauplatz seines Romans „Ekkehard“ machte. Zum Dank für so viel Werbung spendierten die Appenzeller dem populären deutschen Dichter ein Denkmal an der Äscherwand.

Der Instagram-Hype

Scheffels Rolle übernehmen heute Soziale Netzwerke. Ein Foto, ein paar belanglose Worte, fertig ist die Reiseempfehlung für Millenials und andere Zeitgenossen, die mit Flip-Flops durch alpines Gelände stolpern und statt Wanderstock den Selfie-Stick schwingen. Auf der Terrasse wird vieles gesprochen, nur kein Innerrhoder Dialekt.

Das Gasthaus Äscher im Appenzeller Land in der Schweiz
Das Gasthaus „Äscher“ ist der Star unter den Berghütten. | Foto: Gerhard-adobe.stock.com/ wit

Pächterwechsel im Äscher

Der Rummel um die Beiz mit der nur schwer zu überbietenden Aussicht wurde Ende der Saison 2018 sogar dem damaligen Pächter-Ehepaar zu viel: Die Wirtsleute gaben entnervt auf, weil die Infrastruktur an einem der schönsten Plätze der Welt für solche Massen nicht ausgelegt ist. Sowohl beim Platzbedarf wie bei der Wasser- und Stromversorgung ergaben sich immer wieder Engpässe. Mit einer hohen sechsstelligen Summe soll das „Äscher“ nun saniert werden. In luftiger Höhe übernachten kann man dort allerdings nicht mehr.

Ein Bild geht um die Welt

Ob Peter Böhi geahnt hat, was er mit seiner berühmten Fotografie vom „Äscher“ in Japan, Amerika und dem Rest der Welt auslösen würde? Der 54-Jährige aus der Kleinstadt Altstätten im Kanton St. Gallen ist eigentlich Gynäkologe. Doch sein Bild mit den dramatischen Wolken, den Spiegelungen im Fenster, den letzten Sonnenstrahlen machte ihn berühmt – wobei sich „National Geographic“ die Freiheit nahm, die störenden Drahtseile der Ebenalpbahn wegzuretuschieren. Ihn zieht es noch immer in die Bergwelt des Appenzeller Landes – zum Hohen Kasten mit dem Drehrestaurant, zum Kronberg und natürlich zum Säntis. Denn am König der Ostschweiz kommt man so schnell nicht vorbei.

 

Informationen

Säntisbahn: Alle 30 Minuten fährt die Schwebebahn auf den höchsten Berg im Alpstein-Massiv, bis 20. Oktober von 7.30 Uhr bis 18 Uhr, samstags und sonntags bis 13.30 Uhr. Die Hin- und Rückfahrt für Erwachsene kostet 54 Schweizer Franken, Kinder ab sechs Jahren zahlen 27 Schweizer Franken. Es gibt zahlreiche weitere Angebote wie Vollmond- und Sonnenaufgangsfahrten, sowie kulinarische Angebote.

Ebenalp: Die Luftseilbahn ab Wasserauen gondelt zu einem der schönsten Ausgangspunkte für Wanderungen. Zu den berühmten Wildkirchli-Höhlen und dem Berggasthaus Aescher sind es nur 20 Gehminuten. Bis Ende September fährt die Bahn von 7.30 bis 19 Uhr. Die Hin- und Rückfahrt für Erwachsene kostet 31 Schweizer Franken, Kinder zwischen sechs und 15 Jahren zahlen zwölf Schweizer Franken.
Wer möchte, kann eine Strecke wandern. Rund sieben Kilometer sind es von der Talstation der Ebenalpbahn bis zum urigen Berggasthaus. Knapp 900 Höhenmeter müssen dabei zurückgelegt werden.

Führungen: Bis 17. Oktober werden dienstags und donnerstags einstündige Führungen durch Appenzell angeboten. Treffpunkt ist um 10 Uhr an der Tourist-Information.
In den Sommermonaten gibt es freitags Führungen durch die Wildkirchli-Höhlen und vieles mehr wie beispielsweise die „Handstick-Stobede“: Dabei treffen sich Stickerinnen aus der ganzen Region, denen man über die Schultern schauen kann.

Übernachten: Wer drei Nächte oder länger in einem Gasthaus oder Hotel in Appenzeller Land übernachtet, bekommt als Zugabe die Appenzeller Ferienkarte. Sie schließt freie Fahrten mit öffentlichen Bussen und Bahnen, zahlreiche Bergbahnen sowie den Eintritt für Museen und andere Freizeiteinrichtungen mit ein. Rad-Verleih im Sommer und Schneeschuhe im Winter sind ebenfalls eingeschlossen.

Preisbeispiele: Das Hotel Appenzell liegt direkt am historischen Landsgemeindeplatz in Appenzell. Das Geburtstags-Arrangement schließt drei Übernachtungen mit Frühstück, ein Vier-Gang-Galamenü sowie ein dreigängiges Menü mit Appenzeller Spezialitäten ein. Es kann ab 430 Schweizer Franken pro Person gebucht werden.

Für Wanderfreunde gibt es das Paket „Appenzeller Alpenweg“. Es schließt zwei Übernachtungen, Berg- und Talfahrt auf den Säntis sowie den Gepäcktransfer ein. Kosten: ab 305 Schweizer Franken pro Person.

Auskünfte: Appenzellerland Tourismus, St. Gallerstraße 49, 9100 Herisau, Telefon (0041) 71898 3300.