Luftbildaufnahme von Norderney
Nordseeheilbad seit 222 Jahren: Norderney ist nach Borkum die größte ostfriesische Insel und liegt mitten im Wattenmeer. | Foto: dpa

Die Insel erfindet sich neu

Norderney: Schick und ein wenig mondän

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Sie ist die jüngste der Ostfriesischen Inseln, gleichzeitig das älteste deutsche Nordseebad, gegründet 1797: Norderney. Lange galt die langgestreckte Insel im Weltnaturerbe Wattenmeer als eine Art deutscher Ballermann. Doch das hat sich in den vergangenen Jahren gründlich geändert. Heute präsentiert man stolz die historischen Gebäude, das Thalassozentrum, die Watt-Erlebniswelt und trendige Cafés.

 

Norderney: die Thalasso-Insel

Was für eine Pampe! Die geschmeidige, schwarz schimmernde Paste, die Therapeutin Anna auf dem Tablett serviert, weckt ziemlich unangenehme Assoziationen. „Unser Schlick kommt direkt aus dem Watt“, erzählt die junge Frau mit unüberhörbarem österreichischem Akzent. Von Obertauern an die Nordsee, aus 1 600 Metern Höhe an die vom Meer umspülten Gestaden Norderneys: Das muss wohl wahre Liebe sein! „Es war tatsächlich die Liebe, die mich auf die Insel führte“, erzählt das Alpengewächs, für das die zweitgrößte der ostfriesischen Inseln längst zur Heimat geworden ist.

Bäderarchitektur auf Norderney

Bäderarchitektur auf Norderney
Die einstige Sommerresidenz des Königs von Hannover glänzt mit Bäderarchitektur. | Foto: wit

Heilkräftiger Schlamm aus dem Watt

Auf den heilkräftigen Schlick aus dem Weltnaturerbe Wattenmeer – ein Naturprodukt reich an Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen – schwört sie Stein und Bein, Die angewärmte Masse soll nämlich wahre Wunder bewirken: Sie lockert die Muskulatur, ist entzündungshemmend, schwemmt Giftstoffe aus dem Körper und lässt die Haut streichelzart wie ein Kinderpopo werden.

Danach fühlen sie sich wie ein neuer Mensch

verspricht die Therapeutin, während sie den schwarzen Brei mit Schmackes auf Rücken, Bauch und Knie klatscht. Noch eine Portion ins Gesicht, „fürs Peeling“ – fertig ist die Thalasso-Anwendung, die heilsam und entspannend zugleich ist.

Gasthaus Marienhöhe auf der Insel Norderney
Ein Logenplatz für die Königin: Die „Marienhöhe“ war ein Geschenk von König Georg V an seine Gemahlin Marie. | Foto: wit

Berühmte Gäste auf Norderney

Norderney: Was fällt einem nicht alles zu dem 14 Kilometer langen und bis zu zwei Kilometer breiten Eiland ein. Ältestes deutsches Nordseeheilbad. Feierfreudige Clubs wie am Ballermann. Berühmte Gäste wie Heinrich Heine, Wilhelm von Humboldt, Jenny Lind oder Reichskanzler Otto von Bismarck. Zu dessen Zeit gehörte es zum guten Ton, auf Norderney Delfine zu schießen – wobei es sich wohl eher um  Schweinswale handelte, die auch heute noch rund um die Insel zu finden sind.

Wie ein schlafender Seehund liegt das einstige Nobeldomizil vor Niedersachsens Küste mitten im Wattenmeer. Längt gilt es als  aussichtsreicher Aspirant auf den Titel „Europas Thalasso-Insel Nummer Eins“.  Das bade:haus – Norderneys Epizentrum, wenn es um die Heilkraft des Meeres geht – hat sich bereits die Auszeichnung als „Best Public Bath in Europe“ geangelt.

Theater auf der Insel Norderney
Das Theater von Norderney wurde nach dem Vorbild des Opernhauses in Hannover gestaltet. | Foto: wit

Das bade:haus: Wellnessrefugium für alle

Dieser strahlend weiße Bau in schnörkellosem Bauhaus-Stil ist alles andere als ein mit origineller Namensgebung dekorierter Badetempel. Er ist ein Wellnessrefugium für die ganze Familie. Das zeigt sich auf allen Ebenen des Hauses, das vor einigen Jahren mit Millionenaufwand saniert wurde. Wer will kann das Element Wasser in seiner ganzen Vielfalt erleben – mal tröpfelnd, mal nieselnd, mal plätschernd wie im Regenwald.

Wolkenkino im Feuerbad

Im „Feuerbad“, einem zum Himmel offenen Schacht, lässt sich in 40 Grad warmem Wasser das norddeutsche Wolkenkino genießen. Auf der „Feuerebene“ schwitzt es sich herrlich in diversen Saunen und Dampfbädern. Und in den Behandlungsräumen, wo der klitschige, schwarze Schlick nur eine von vielen heilsamen Zutaten ist, vertreiben dunkle Natursteine und sanftes Kerzenlicht jeden Gedanken an verstaubte Kurmittelhäuser.

Strand auf der Insel Norderney
14 Kilometer Sandstrand hat Norderney zu bieten – und jede Menge Natur. | Foto: wit

Bäderarchitektur und Bausünden

Schon vom Deck der Fähre sieht man Norderneys alten Wasserturm. Dann schiebt sich die Skyline der 6 000-Seelen-Stadt ins Bild. Nicht gerade das, was man von einem mondänen Seebad erwartet, wo sich Adelige, Künstler, Dichter und Denker im 19. Jahrhundert den Sand durch die Fußzehen rieseln ließen. An den Bauten der Kaiserstraße sieht man sofort das Dilemma der Ostfriesischen Insel,: Sie wirkt stellenweise wie ein Lehrbuch über Bausünden in den 60er und 70er Jahren.

Mit dem Wirtschaftswunder und dem Massentourismus kamen auch klotzige Hochhäuser und das scheußliche „Haus der Insel“, dessen Betonlook einem Fremdkörper gleicht. Der damalige Zeitgeist machte alte Hotelpaläste mit Türmchen und Erkern platt. Die alte Bäderarchitektur mit ihren verglasten Veranden und dem verspielten Art-Deco-Zierrat müht sich nach Kräften, im Schatten gesichtsloser Bettenburgen nicht unterzugehen. Die alte Schönheit, die den für seine bissigen, aber oft zutreffenden Kommentare bekannten Inselfan Heinrich Heine zu seinem Nordsee-Zyklus inspirierte – sie ist am ehesten in den bezaubernden Gassen im Ortskern zu finden. „Ich liebe das Meer, wie meine Seele“, notierte der ach so respektlose Lästerer beim Blick auf den Sund, der Norderney und den Nachbarn Juist trennt.

die Bibliothek im Conservationshaus auf Norderney
Das Conservationshaus – hier die Bibliothek – ist die gute Stube von Norderney | Foto: wit

Weg vom altbackenen Kurort-Image

Viele Jahre lang beschwor das Urlaubsdorado ziemlich klischeehafte Bilder herauf –  von rüstigen Rentnern im knallgelben Friesennerz, von trinkfreudigen Kegelclubs und ausufernden Junggesellenparties. Dass Norderney sein reichlich altbackenes Kurort-Image abgestreift hat und sich heute eine jüngere, urbane Mittelschicht zum Sundowner an der berühmten Milchbar trifft, liegt auch an einem Mann, der nicht einmal ein richtiger Insulaner ist. Klaus Aldegarmann war eigentlich Lehrer, machte nebenbei Lokalpolitik und fand sich plötzlich auf dem Bürgermeistersessel wieder.

Mir war schell klar, dass nur eine Qualitätsoffensive die Insel vor dem touristischen Abstieg retten kann

erzählt der rüstige Politik-Quereinsteiger, dem ein ziemlich rabiater Akt der niedersächsischen Landesregierung zu Hilfe kam. Im fernen Hannover hatte man schlichtweg keine Lust mehr an dem defizitären Staatsbad. Deshalb übertrug man sämtliche Liegenschaften der Stadt Norderney und versüßte den Insulanern die erzwungene Eigenständigkeit mit einem ordentlichen Griff in den Fördergelder-Topf.

Die Sommerresidenz wurde wachgeküsst

Norderney, einst königliche Sommerresidenz, wurde buchstäblich wachgeküsst. Das Conservationshaus mit seiner lichtdurchfluteten Lobby, das der König von Hannover einst für seine Lustbarkeiten bauen ließ, dient heute als Wohnzimmer für Einheimische und Gäste. Von morgens bis abends ist es ein beliebter Treffpunkt. Links klönen ältere Herrschaften bei Kaffee und Kuchen, rechts vermitteln die hilfreichen Geister der Touristinformation Unterkünfte. In der goldschimmernden Bibliothek, wo die Regale bis unters Dach reichen, treffen sich Lesefreunde. Im großen Saal lauschen Kulturbeflissene Konzerten.

14 Kilometer Sandstrand

Norderney ist auf dem besten Weg, das zu werden, was es einmal war: schick und ein wenig mondän. Entwicklungspotenzial hat das Eiland schließlich genug – ein Dünenmeer, so ursprünglich wie vor dem Beginn des Menschenzeitalters, 14 Kilometer Sandstrand und eine Meeresluft voller Aerosole, die schon beim bloßen Einatmen wahre Wunder bewirkt. An der Milchbar, dem Place to be, erklingt zum abendlichen Sonnenuntergang chillige Lounge-Musik. Im Strandrestaurant „Weiße Düne“, das vor Jahren eine heruntergekommene Bude war und wo Gäste jetzt geduldig auf einen Tisch warten, fühlt man sich an das Sansibar auf Sylt erinnert.

Sonnenuntergang auf Norderney
Die Michbar ist der „Place to be“ auf Norderney – vor allem beim Sonnenuntergang. | Foto: wit

Ab der Inselmitte nichts als Ruhe

Jedenfalls kann es im Sommer  ziemlich voll auf Norderney werden, wenn sich 50 000 Urlauber und Tagesgäste durch die kleine Stadt quälen. Spätestens am Leuchtturm sind Ruhesuchende aber unter sich. 252 Stufen führen nach oben, vorbei am einzigen Leuchtfeuer der Republik, dessen Strahlen linksherum wandern. Von dort schweift der Blick hinüber zum Festland, wo sich ein Wald aus Windkraftanlagen abzeichnet. Er streift das grau schimmernde Watt mit seinem Waschbrettmuste. Er erfasst  die benachbarte Insel Baltrum die bei Ebbe sogar zu Fuß zu erreichen ist – vorausgesetzt, die Wanderschar ist in Begleitung eines kündigen Wattführers unterwegs.

Oft geht es nur zu Fuß weiter

Am Parkplatz Ostheller ist dann endgültig Schluss mit der Zivilisation. Von dort geht es nur noch zu Fuß weiter. Über zwei Drittel der lang gestreckten Insel sind Naturschutzgebiet und schiere Natur, nur unterbrochen vom Golfplatz und dem winzigen Inselflughafen.

Sieben Kilometer bis zum Inselende

verkündet das Schild, wo ein Wrack von den Tücken der Nordsee kündet. Der Muschelbagger wurde 1967 beim Versuch, ein festsitzendes Fischerboot freizuschleppen, selber an Land gedrückt. Am Strand sonnen sich Robben. Muscheln knirschen unter den Füßen. Der Wind singt ein Lied dazu. Das ist der perfekte Norderney-Moment.

Informationen

Anreise: Wer mit dem Auto anreist, fährt bis Norddeich-Mole. Dort gibt es mehrere große Parkplätze, um es abzustellen. Kosten fünf Euro pro Tag. Regelmäßig fahren Shuttlebusse zu den Fähren der Reederei Frisia. Die Überfahrt dauert zwischen 45 und 60 Minuten und kostet hin und zurück 21 Euro.

Gleich gegenüber dem Fähranleger liegt die Bahnstation Norddeich-Mole. Gut sieben Stunden dauert die Fahrt ab Karlsruhe mit Umsteigen in Köln.
Das Auto nach Norderney mitzunehmen, macht nicht wirklich Sinn. Es gibt umfangreiche Verkehrsbeschränkungen, und ein Großteil der Insel ist für Wanderer reserviert. Auf der Insel gibt es zahlreiche Verleihstationen, die Räder und E-Bikes verleihen. Kosten: rund 30 Euro pro Woche.

Übernachten: Auf Norderney gibt es Unterkünfte für jeden Geschmack und Geldbeutel. Das „Haus am Meer“ mit dem Rodehus und dem nur wenige Schritte entfernten Wittehus liegt in der ersten Reihe, direkt bei der Milchbar. Einzelzimmer gibt es ab 65 Euro pro Nacht, das Doppelzimmer ab 125 Euro. Die Appartements können ab 155 Euro gebucht werden.

Das Inselloft setzt auf lässigen Stil und bietet Studios, Lofts und ein Penthouse. Die Preise beginnen bei 150 Euro pro Nacht. Dazu kann Frühstück dazu gebucht werden. Zudem gibt es im Haus eine Bäckerei, ein Radverleih, eine Bibliothek sowie ein Restaurant.

Das Hotel Seesteg, untergebracht in einer alten Lagerhalle, ist ein luxuriöses Refugium mit 16 Zimmer. Das Schmankerl ist der Rooftop-Pool mit Blick auf die Nordsee sowie das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant. Wer hier nächtigen möchte, muss frühzeitig buchen. Kosten ab 250 Euro pro Zimmer und Nacht.

Erleben: Das Badehaus ist Familienbad und Wellness-Tempel. Das Familien-Bad für vier Stunden kostet für Erwachsene 13 Euro (mit der NorderneyCard), für Kinder und Jugendliche (vier bis 17 Jahre) 8,50 Euro. Familien mit einem Kind zahlen 26,50 Euro.
Der Eintritt in das Thalasso Spa mit Nutzung der Saunalandschaft kostet für vier Stunden 28 Euro. Die Tageskarte schlägt mit 42 Euro zu Buche.

Auskünfte: Tourist Information im Conversationshaus, Am Kurplatz 1, 26548 Norderney, Telefon (0 49 32) 89 19 00.