Blau-weiße Herrlichkeit: Oberammergau zählt zu den schönsten Dörfern der Ammergauer Alpen. Foto: Rabenstein - stock.adobe.com
Blau-weiße Herrlichkeit: Oberammergau zählt zu den schönsten Dörfern der Ammergauer Alpen. | Foto: Rabenstein - stock.adobe.com

Bilderbuch voller Lüftmalerei

Oberammergau: Alles nur schöne Fassade

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Oberammergau ist einer der schönsten Orte Bayerns und weltberühmt durch die Passionsspiele, die alle zehn Jahre aufgeführt werden. In diesem Jahr fällt das Schauspiel wegen der Corona-Pandemie aus. Doch auch ohne dieses Spektakel lohnt ein Besuch in dem Bilderbuchort.

Der Vater der bayerischen Lüftlmalerei

Der Mann war, was man heute als Workaholic bezeichnen würde. Nur 44 Jahre alt ist der Oberammergauer geworden, der vor rund 250 Jahren in dem Passionsspielort lebte. Trotzdem hat er ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Wo immer eine jungfräuliche Wand, eine leere Kirchendecke oder eine nackte Empore zu finden war, war er zur Stelle – der Mann, der vielen als Vater der oberbayerischen Lüftlmalerei gilt.

Seine ersten Porträtbilder von wohlhabenden Kaufmannsfamilien oder Würdenträgern mögen noch etwas unbeholfen wirken, doch mit den Jahren wurden seine Zeugnisse barocker Volksfrömmigkeit immer beeindruckender. Natürlich hat Franz Seraph Zwinck die Technik der Freskomalerei nicht erfunden – schon die reichen Römer in Pompeji und Herculaneum ließen sich ihre Villen auf diese Weise verschönern-, doch er machte diesen reizvollen Dekorationsstil in seiner oberbayerischen Heimat salonfähig.

Zwinck war ein Schnellmaler

Der Oberammergauer Meister, der meist allein arbeitete, war ein „Schnellmaler“. Er arbeitete selten länger als zwei Wochen an einem Haus – ob wegen der Bezahlung oder wegen der guten Auftragslage lässt sich heute nicht mehr feststellen. Überhaupt ist wenig bekannt über den Künstler, der 1790 nicht nur Kulissen für die Passionsspiele fertigte, sondern gleich noch in die Rolle des Kaiphas schlüpfte.

Ein Porträt des Vielgerühmten, der in Gemeinde- und Kirchenbüchern als „ein nicht zu verachtender Mahler“ geführt wurde, scheint es immerhin zu geben: in der Kapelle St. Georg in Oberau. Zwinck soll sich dort als Evangelist Lukas verewigt haben, dem Schutzpatron der Maler.

Biblische Geschichte als gemaltes Barocktheater: Das Pilatushaus in Oberammergau zählt zu den Meisterwerken des Lüftmalers Franz Seraph Zwinck. Heute wird das auffallende Gebäude als Rathaus genutzt. Foto: wit
Biblische Geschichte als gemaltes Barocktheater: Das Pilatushaus in Oberammergau zählt zu den Meisterwerken des Lüftlmalers Franz Seraph Zwinck. | Foto: Naturpark Ammergauer Alpen

Oberammergau: ein Dorf wird zur Galerie

Wer durch Zwincks Geburtsort schlendert, bekommt seine Kunst auf dem Silberteller serviert. Ob in der Pfarrkirche St. Peter und Paul, einem Juwel aus der Übergangszeit vom Barock zum Rokoko, am Kölbl- oder am Judashaus: Zwischen Ettaler Straße, Sterngasse und Dorfstraße reihen sich Lüftlmalereien aus drei Jahrhunderten wie Perlen an einer Schnur.

Die kunstvollen Kompositionen säumen wie aufgeklappte Bilderbücher die Straßen im Ortskern und bezeugen die tief verwurzelte Frömmigkeit in dem 5.500-Seelen-Ort zu Füßen des markanten Kofels. Die farbenprächtigen Fresken erzählen von Maria und Josefs Flucht nach Ägypten, von Christi Passion, aber auch vom Leben der ehemaligen Hausbesitzer, wie am Gebäude der Staatlichen Forstverwaltung, das über und über mit Jagdszenen geschmückt ist. Selbst Inschriften sind an den Hauswänden zu finden, wie jener in feinster Schnörkelschrift gemalte Spruch:

Der eine acht’s, der andere betracht’s, der dritt verlacht’s was macht’s.

Das Pilatushaus, wo sich Holzschnitzer in den Sommermonaten bei der „Lebenden Werkstatt“ über die Schulter blicken lassen, stellt zweifelsohne den Höhepunkt von Zwincks Schaffen dar. Nach allen Regeln der illusionistischen Malerei täuscht der Maler Dreidimensionalität vor, wo nur eine flache Hauswand zu finden ist. Er zaubert imposante und antike Freitreppen auf die Fassade und inszeniert die biblische Geschichte als gemaltes Barocktheater.

Mehr zum Thema: Was die Absage der Passionspiele für Oberammergau bedeutete

Kaum zu glauben, dass das Schmuckstück in der Ludwig-Thoma-Straße beinahe der Spitzhacke zum Opfer gefallen wäre. Anfang der 80er Jahre, als alte Gemäuer nicht hoch im Kurs standen, sollte das in die Jahre gekommene Gebäude abgerissen werden und einem schnöden Parkplatz weichen.

Doch die Planer stießen auf erbitterten Widerstand: Mit Hilfe der Medien und des Denkmalschutzes setzte ein Freundeskreis den Erhalt und die Sanierung des gemalten Bilderbuches durch, das heute von der Stadtverwaltung genutzt wird. Für die wertvolle Sammlung von Hinterglasbildern, eine der umfangreichsten im Alpenraum, muss jetzt aber eine neue Bleibe gefunden werden.

Denkmalschutz wacht über die Häuser

Nicht alle historischen Gebäude Oberammergaus sind in einem ähnlich guten Zustand wie das aufwändig sanierte Pilatushaus. Andernorts bröckelt der Putz, wirken die einst leuchtenden Farben verwaschen oder wurde die Lüftlmalerei unsachgemäß ausgebessert.

Ein solches Haus zu sanieren, stellt die Besitzer oft vor finanzielle Probleme. Und der Denkmalschutz bezahlt beileibe nicht alles

erklärt Helga Stuckenberger, die an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau gelernt hat und heute für das Museum tätig ist. Dessen größte Schätze: Funde aus römischer Zeit, als die berühmte 19. Legion durch den Ammergau nach Germanien zog, sowie zahlreiche Krippen, darunter ein Papiermodell von Franz Seraph Zwinck.

Barockes Juwel: Passend zur Passionsspieltradition kreisen die Fresken in der Pfarr- kirche St. Peter und Paul um das Leiden Jesu.
Barockes Juwel: Passend zur Passionsspieltradition kreisen die Fresken in der Pfarr-
kirche St. Peter und Paul um das Leiden Jesu.
| Foto: wit

Naturpark Ammergauer Alpen als Besuchermagnet

Der Ort mitten im Naturpark Ammergauer Alpen ist zu jeder Jahreszeit ein Besuchermagnet. Wanderer marschieren durch uralte Bannwälder voll knorriger Latschenkiefer. Kulturbegeisterte zieht es zur himmlisch schönen Basilika des Kloster Ettals oder nach Linderhof, das als Lieblingsschloss von König Ludwig II. galt.

Der Kini war gerne hier

Der große Träumer war gerne in dieser unberührten wilden Bergwelt, wo er weit weg vom ungeliebten Münchner Hof war und sich inmitten eines weitläufigen Parks das bezaubernde Schloss nebst Venus-Grotte, Maurischen Kiosk und Marokkanisches Haus bauen ließ. Auch bei den Passionsspielen ließ sich der scheue König blicken, allerdings bevorzugte er eine Sondervorstellung, statt sich unters normale Volk zu mischen.

Der geliebte „Kini“ war so begeistert vom Spiel der „kunstsinnigen und den Sitten der Väter treuen Oberammergauern“, dass er die Hauptdarsteller zur Privataudienz nach Linderhof bat. Jeder erhielt zum Dank einen silbernen Löffel, nur nicht der Judas. Der musste mit einem Exemplar aus Blech vorlieb nehmen.

Ein Steindenkmal als Geschenk

Dem Ort schenkte der König das größte gemeißelte Steindenkmal der damaligen Zeit – zwölf Meter hoch und 58 Tonnen schwer. Mit Pferdefuhrwerken wurde der Marmorkoloss zu seinem Standort auf dem Osterbichl geschleppt. Drei Jahre lang kam Ludwig jeweils am 15. Oktober zum stillen Gebet zu der Kreuzigungstruppe, ehe ihn die immer zahlreicher werdenden Neugierigen vertrieben.

Bergbahn mit Retro-Chic: Seit 60 Jahren gondeln die blau-weißen Minikabinen der Laber-Bahn auf den 1684 Meter hohen Berg.
Bergbahn mit Retro-Chic: Seit 60 Jahren gondeln die blau-weißen Minikabinen der Laber-Bahn auf den 1684 Meter hohen Berg. | Foto: Brey

Per Retro-Chic auf den 1.684 Meter hohen Laber

Wer das nostalgischste Transportmittel Oberammergaus erleben möchte, spaziert in den Ortsteil St. Gregor. Seit 60 Jahren gondeln die niedlichen, blau-weißen Mini-Kabinen in gemächlichem Tempo auf den 1.684 Meter hohen Laber. Technisch gesehen mag die Bergbahn mit dem Retro-Chic, in die nur elf Leute passen, nicht der letzte Schrei sein, doch die Betreiber sind stolz auf allzeit unfallfreie Fahrt.

Der Laber gehört zwar nicht unbedingt zu den höchsten Gipfeln der Bayrischen Alpen, doch in puncto atemberaubender Rundblick macht ihm so schnell keiner was vor. Wie von einem Balkon schweift der Blick im Norden über die Seen des Voralpenlandes, während sich auf der anderen Seite Wank, Fricken und Krottenkopf präsentieren. Drachen- und Gleitschirmflieger schätzen den Burschen schon lange und nehmen zahlende Gäste gerne „Huckepack“.

Und sollte in einigen Monaten tatsächlich mal wieder der Winter im Ammergauer Land einkehren, mit Eis und Schnee, so wartet Deutschlands steilste Rinne auf Freerider: ein tiefschwarzer Hang mit bis
zu 84 Prozent Gefälle, unpräpariert und nur was für Schwindelfreie mit strammen Wadln.

Informationen

 

Unterkunft: In Oberammergau gibt es über 2.000 Betten in Pensionen, Hotels und Ferienwohnungen. Da in diesem Jahr die Passionsspiele wegen der Corona-Epidemie ausfallen, ist das Angebot groß, da viele Bettenkontingente zurückgegeben wurden.

Das Hotel Alte Post (Dorfstraße 19, 82487 Oberammergau, Telefon (088 22) 91 00) gibt es seit 1612. Das zentral gelegene Haus hat insgesamt 38 Zimmer. Das Doppelzimmer gibt es ab 104 Euro pro Nacht.

Im Romantik Hotel Böld (König Ludwig-Straße 10, 82487 Oberammergau, Telefon (0 88 22) 91 20) gibt es das Doppelzimmer ab 140 Euro. Das Vorteilsangebot nach den Passionsspielen umfasst zwei Übernachtungen mit Halbpension: ab 348 Euro pro Zimmer.

Ausflüge: Die Laber Bergbahn hat wohl noch bis zum 31. Mai geschlossen. Sie fährt bis Anfang November täglich zwischen 9 und 17 Uhr, in den Wintermonaten bis 16.30 Uhr. Erwachsene zahlen für die Berg- und Talfahrt 16.50 Euro, für Kinder zwischen sechs und 15 Jahren werden sechs Euro fällig. Wer möchte kann auch nur eine Strecke mit der Bahn bewältigen,.

Schloss Linderhof: Schloss Linderhof hat bis 15. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, danach von 10 bis 16.30 Uhr. Das Schloss kann nur bei Führungen besichtigt werden. Der Eintritt ins Schloss sowie in die Bauten im Park kostet 8,50 Euro, ermäßigt 7.50 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre erhalten freien Eintritt.

Auskünfte: Naturpark Ammergauer Alpen, Eugen-Papst-Straße 9a, 82487 Oberammergau, Telefon (0 88 22) 92 27 40.