Der Schamanenfelsen bei der Hauptstadt Khuzhir auf der Insel Olchon im sibirischen Baikalsee.
Der Schamanenfelsen nahe der Hauptstadt Khuzhir ist für viele Burjaten ein heiliger Ort. | Foto: wit

Am heiligen Meer Sibiriens

Olchon: das pulsierende Herz des Baikals

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Sie ist so groß wie der Bodensee, aber dünn besiedelt. Auf der Baikalinsel Olchon, dem größten Eiland des sibirischen Gewässers, leben nur 1.700 Menschen. Für die Burjaten, die seit Tausenden Jahren in dieser Ecke Sibiriens leben, ist die erst 2005 ans Stromnetz angeschlossene Insel ein heiliger Ort, dessen größte Sehenswürdigkeit der Schamanenfelsen ist. 

Abenteuertour zum Kap Choboi

Alex weiß, was er für die holprige Fahrt zur Nordspitze der russischen Insel Olchon braucht: seinen grauen UAZ, dessen putziger Name sich aus der Abkürzung Ulianowsi Automobilny Sawod ableitet und der zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk Myriaden von Schlaglöchern umkurvt; Glanzbildchen mit dem Konterfei der heiligen Mutter Maria; ein paar Ongone – Schutzamulette aus der schamanischen Glaubenswelt – sowie eine CD mit den größten Hits von Modern Talking.

Wunschbäume auf der Insel Olchon im Baikalsee
Bunte Wunschbänder zieren Pfosten, Bäume und Büsche auf der Insel Olchon. | Foto: wit

Unterwegs mit robustem Allrad

Ob der 25-jährige Russe mit dem Milchgesicht, der Einheimische und ausländischen Touristen zum Kap Choboi der Baikalinsel Olchon kutschiert, tatsächlich auf die Sangeskünste von Popgigant Dieter Bohlen steht oder ob er mit der Endlosschleife von Songs der Eunuchenchöre seinen deutschen Passagieren eine Freude machen will, lässt sich nicht klären. Der junge Mann spricht kein Wort englisch, seine Sitznachbarin keine Silbe russisch.

Unübersehbar aber ist, dass er einen Heidenspaß hat, hinterm Lenkrad des robusten Allrads zu sitzen, der an Decke und Seitenwänden bequem gepolstert ist – für alle Fälle. Wie ein wildes Känguru hüpft das mausgraue Vehikel über Furchen und Rillen, pflügt tapfer durch Sanddünen, rattert in flottem Galopp durch mit Wildblumen übersäte Wiesen. So ähnlich muss sich ein Pilot der Rallye Dakar fühlen.

Ongone, Schutzamulette der Burjaten am Baikalksee.
Ongone gelten bei den Burjaten am Baikalsee als Schutzamulette. | Foto: wit

Olchon: das Herz des Baikals

Wenn der Baikalsee das Herz Sibiriens ist, dann ist die Insel Olchon das Herz dieses ruhmreichen, rekordlastigen, von Legenden umrankten Gewässers. Lang gestreckt liegt sie da, vom Festland nur durch das „Maloe More“ getrennt, das „kleine Meer“ . An heißen Sommertagen verführt es selbst Mittelmeer-verwöhnte Westeuropäer zu einem erfrischenden Bad. Der Baikal, ein Relikt aus den Kindertagen der Erde, raubt einem schlichtweg den Atem, das Gefühl der Nichtigkeit angesichts der überwältigenden Natur macht demütig: ein russisches Märchen aus Wäldern, Wolken und Wasser, garniert mit Schwindel erregenden Ausblicken vom Rand der Steilküste.

Entfernungsschild, gesehen am Ufer des Baikalsees.
Nach Wladiwostok sind es vom Baikalsee noch immer mehr als 2.000 Kilometer.

Eine menschenleere Insel

Rund 1.700 Einwohner verlieren sich auf diesem Eiland, so groß wie der Bodensee. Hier gibt es keinen einzigen Fluss, nicht einmal das kleinste Bächlein. Gut 1.200 Einwohner leben in Olchons „Hauptstadt“ Khuzhir, das seine Existenz einer längst geschlossenen Fischfabrik verdankt und unwillkürlich an die Kulisse eines Westernfilms erinnert.

An der Hauptstraße, die sich mit jedem vorbeifahrenden Auto in eine dichte Staubwolke hüllt, reihen sich ein paar Lebensmittelgeschäfte und jede Menge Souvenirshops auf. In den Seitenstraßen verstecken sich kleine Herbergen. Gleich daneben verleiht eine hübsche Russin mit blauen Augen, so klar wie der Himmel über Khuzhir, Mountainbikes.

Die Baikalinsel ist Landschaft pur

Selbst eine Disco hat der Ort zu bieten, durch die abends Technobeats mit russischen Texten wummern. Der Rest Olchons ist Landschaft pur: karge Steppenlandschaften, die die nahe Mongolei erahnen lassen, dichte Wälder aus Kiefer, Lärchen und Espen sowie schroffe Steilküste aus weiß schimmerndem Marmor, die sich einen Mantel aus rot-braunen Flechten übergezogen hat. Sie sind Indikator für die glasklare Luft über der schillernden Perle Sibiriens, die die Sibirjaken als heiliges Meer verehren.

Bizarre Felsformationen prägen die Insel

So bizarr kommt manche der Felsformationen daher, dass sich frühere Generationen ihre Erscheinung nur mit übernatürlichen Kräften erklären konnten. Am Kap der drei Brüder, wo wilder Thymian in dichten Büscheln wächst und es verführerisch nach Wermut duftet, soll Burchan, der Gott des Baikal, drei seiner ungehorsamen Söhne zur Strafe in Stein verwandelt haben: Das Trio hatte doch glatt den väterlichen Befehl ignoriert, die geflohene Schwester zurückzubringen.

nahe des Kaps Choboi auf der Insel Olchon im Baikalsee
Kap Choboi ist der nördlichste Punkt der Insel Olchon. | Foto: wit

Ein Gesicht im Fels

Am Kap Choboi, wo kleines Meer und großer See aufeinandertreffen, soll die maßlose Gemahlin eines Schamanen das gleiche Schicksal erlitten haben. Mit viel Fantasie kann man ihr Antlitz in der Felsformationen erkennen, die zu den touristischen Hotspots der Insel zählt. Hoffnung auf baldige Erlösung darf sich die Unglückliche nicht machen: Solange Gier und Maßlosigkeit die Welt beherrschen, bleibt sie im Stein gefangen.

Im Reich der Träume

Am schönsten ist es am Kap Choboi am frühen Morgen, wenn der leicht aufsteigende Weg noch den Eidechsen gehört und die paar Hartgesottenen, die am Abend zuvor ihr Zelt am Baikal aufgeschlagen haben, noch im Reich der Träume verharren. Wer sich nahe des Abgrunds nieder- und die Beine baumeln lässt, bekommt eine Vorstellung von der Magie dieses mystischen Ortes.

nahe des Kaps Choboi auf der Insel Olchon im Baikalsee
Olchon ist nahezu menschenleer. Nur 1.700 Einwohner verlieren sich auf der Insel. | Foto: wit

Die Welt der Schamanen

Für die Anhänger des Schamanismus, der mit seiner Verehrung von Mutter Erde, Vater Himmel sowie zahlreicher Tier- und Naturgeister große Ähnlichkeit mit der Gedankenwelt amerikanischer Indianer hat, ist dieser felsige Vorsprung mit seiner friedlichen Ruhe ein geheiligter Ort.

Bunte Stofffetzen flattern im Wind

Alle anderen zieht die unwirklich schöne Szenerie in den Bann. Wenn bunte Stofffetzen mit guten Wünschen an die Geister in der leichten Brise flattern, Heuschrecken aufgeschreckt davon hüpfen und azurblaue Schmetterlinge wie Feengestalten von Blüte zu Blüte flattern, wähnt sich der Russland-Reisende in einem irdischen Paradies.

Endlos erstreckt sich das wundersame Meer der Sibirjaken in bleiernem Grau, um sich bei strahlendem Sonnenschein in einen Ozean aus schimmernden Silberfäden zu verwandeln. Mit etwas Glück lassen sich im glasklaren Wasser des Baikals sogar die kugelrunden Knopfaugen eines Nerpa entdecken, die sich mit der Flosse gut gelaunt auf das wohlgerundete Bäuchlein klatscht. Die einzigartige Süßwasserrobbe ist eine von rund 1 800 endemischen Tier- und Pflanzenarten im Baikal.

Der Baikal wird zum Meer

Dabei hat das Paradies buchstäblich Feuer unterm Hintern. 2.000 Erdbeben werden Jahr für Jahr in der Baikalregion verzeichnet, weil in der unendlichen Weite Sibiriens zwei Erdplatten aufeinanderstoßen. Am Neujahrstag des Jahres 1862 bebte die Erde so stark, dass 200 Quadratkilometer Steppe im Baikal versanken. Die ungeheuren tektonischen Kräfte lassen den dreifachen Rekordhalter Baikal – der tiefste (gut 1.600 Meter), der älteste (25 Millionen Jahre) und der wasserreichste See der Erde – weiter wachsen.

Jedes Jahr wird das gewaltige Süßwasserreservoir, das die gesamte Menschheit 40 Jahre lang mit dem Leben spendenden Nass versorgen könnte, um ganze zwei Zentimeter größer. In vielen Millionen Jahren wird der ruhmreiche Baikal mit seinen über 300 Wasserträgern und der stolzen Angara als einzigem Abfluss ein Meer sein.

übergroße Statue in der Nähe des Fährhafens zur Insel Olchon im Baikalsee
Wanderer kommst du … nach Olchon: Die übergroße Statue steht in der Nähe des Fährhafens nach Olchon. | Foto: wit

Urlaub an der „sibirischen Riviera“

Noch ist Olchon Pionierland, ein russisches Märchen für jene, denen unberührte Natur und profanes Dorfleben wichtiger als eine perfekte Infrastruktur sind. Ans öffentliche Stromnetz ist die größte der rund 20 Baikalinseln erst seit gut einem Jahrzehnt angeschlossen, und wer per Fähre vom Festland übersetzen möchte, braucht Geduld – vor allem in den Sommermonaten, wenn die Russen zum Badeurlaub an die „sibirische Riviera“ pilgern.

Das Bild zeigt eine wunderbare Maske der Schamanen, die im Museum von Khuzhir hängt, der Hauptstadt der Baikalinsel Olchon.
Diese wunderbare Maske hängt im Museum von Khuzhir.

Olchons Wahrzeichen: der Schamanenfelsen

Doch ein stimmungsvoller Abend am Schamanenfelsen von Khuzhir, dem Wahrzeichen des Eilandes, entschädigt für alle Mühen. Wie gigantische Mammutzähne ragen die beiden Felsen der „Schamanka“ in den klaren Himmel. Am Fuß der mächtigen Klippe spielen Kinder. Kühe waten durchs Baikal-Wasser. Stand-up-Paddler umkreisen den heiligen Felsen, während es sich weniger sportliche Zeitgenossen auf dem kleinen Ausflugsboot bequem machen. Junge Leute stoßen mit Wodka an, während die älteren einen gepflegten Wein aus Georgien schlürfen.

Wenn die Sonne langsam hinter den Bergen verschwindet und der Himmel sein strahlendes Blau gegen ein feuriges Rot, ein zartes Rosa oder ein kräftiges Orange taucht, wirkt der Baikal, dieses blaue Auge der Erde, wie flüssiges Kristall. Irgendwie übernatürlich. Kein Wunder, dass die Jünger des Schamanismus diesem Ort magische Kräfte zusprachen, dass das asiatische Volk der Burjaten gar die Hufe seiner Pferde umwickelte, um ja nicht den Gott zu stören – weil der Hausrecht auf dem Schamanenfelsen hat. Heute fürchtet keiner mehr den göttlichen Zorn. Aber wer nicht aufpasst, verliert seine Seele an den Baikal.

Das Bild zeigt den Schamanenfelsen bei der Hauptstadt Khuzhir auf der Insel Olchon im sibirischen Baikalsee.
Abendstimmung am Schamanenfelsen. So einsam findet man die Sehenswürdigkeit aber selten vor.

Informationen

Anreise: Die Insel Olchon liegt knapp 300 Kilometer von Irkutsk entfernt. Die Metropole in Sibirien wird von Aeroflot oder der Fluggesellschaft S7 (ab München) angeflogen. Flüge gibt es ab rund 400 Euro pro Strecke.

Anbieter: Die Insel Olchon wird zumeist während einer Reise in die Baikalregion besucht. Wer die Region auf eigene Faust entdecken möchte, sollte zumindest einige Worte Russisch beherrschen. „Natur am Baikalsee“ ist eine zehntägige Reise des Münchner Studienreiseveranstalters Studiosus (Riesstraße 25, 80992 München, Telefon (0 89) 50 06 00) überschrieben. Sie führt nach Irkutsk, dem „Paris des Ostens“, in das einstige Fischerdorf Listwjanka und zur Insel Olchon. Weitere Höhepunkte der Tour: die Fahrt mit der Transsib von Irkutsk nach Ulan Ude und ein ganztägiger Ausflug zum buddhistischen Kloster Ivolginsk und zu Altgläubigen mit ihrer besonderen Kultur. Die Reise wird 2019 an insgesamt vier Terminen in Juli und August angeboten. Sie kann ab 3.190 Euro pro Person gebucht werden.

Auskünfte: Informationen zur Baikalregion finden sich im Netz.

Wollen Sie mehr über die Reise in die Baikalregion erfahren? Hier gibt es das dazu passende Reisetagebuch mit Abstechern nach Irkutsk, Listwjanka und zur Transib.