Bergstation der Wildspitzbahn am Pitztaler Gletscher, Österreich
Wie eine silbrig-glänzende Schneewechte thront die Bergstation der Wildspitzbahn im ewigen Eis. Bis auf 3 440 Meter reicht das Skigebiet am Pitztaler Gletscher. | Foto: wit

Winterfreuden im Pitztal

Kaffeeplausch auf dem Dach Tirols

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Jahrzehntelang wurde das Pitztal, das sich zwischen Ötz- und Kaunertal gequetscht hat,  links liegen gelassen. Erst der Bau einer Straße zum Talschluss, der erste Lift im familienfreundlichen Skigebiet Hochzeiger bei Jerzens vor 50 Jahren und die Erschließung des Gletschers im Jahr 1984 kurbelten den Tourismus an. Heute hat das Dach Tirols einen guten Namen, nicht nur in Skifahrerkreisen. Das 40 Kilometer lange Tal hat das höchstgelegene Skigebiet der Alpenrepublik vorzuweisen. Dort lockt zudem Österreichs höchstes Café mit eigenen Kuchenkreationen, einer freischwebenden Terrasse und einer atemberaubenden Panoramaglasfront mit Aussicht auf über 50 Dreitausender.

Skigebiet am Pitztaler Gletscher, Österreich.
Das Skigebiet am Pitztaler Gletscher ist bis weit ins Frühjahr schneesicher. | Foto: wit

Der Eiter Ernst ist bekannt wie ein bunter Hund. Wo immer der Pitztaler auftaucht, schüttelt er Hände, klopft seinem Gegenüber kameradschaftlich auf die Schultern und lässt einen lockeren Spruch vom Stapel. Selbst dem verliebten jungen Pärchen in der Gondel lässt der Tiroler seine Fürsorge zuteil werden. „G’fällts euch“, will das Original von den Beiden wissen, um umgehend selbst die Antwort zu geben: „Super, oder?“

Verbindung ins Ötztal

Der leicht fragende Tonfall ist wohl eher rhetorischer Art. Der Schmatz, wie der Mittfünfziger von allen nur genannt wird, kennt schließlich seine Aufgabe. Der Bergführer und Skilehrer, der nach vielen Jahren im Ausland ins heimische Pitztal zurückkehrte, ist für das Marketing der Gletscherbahnen zuständig. Und weil ihm Werbung alleine nicht genügt, entwirft er kühne Zukunftsvisionen, während die gemütlichen Gondeln der ultramodernen Wildspitzbahn, der höchsten Seilbahn Österreichs, auf 3 440 Meter hinaufschweben.

Die Verbindung hinüber ins Ötztal ist beschlossene Sache

erzählt der Schmatz, der im Geiste schon Pisten und Liftanlagen in das hochalpine Gelände modelliert. 2019 könnte der Zusammenschluss vollzogen werden. Dann würde sich das Pistenangebot im Pitztal handstreichartig auf das Doppelte vergrößern.

der Ort Arzl im Pitztal, Österreich
Arzl liegt am Eingang des Pitztales. Berühmtester Bürger ist der Olympiasieger Benjamin Raich. | Foto: TVB Pitztal

Braucht’s das wirklich? Wo sich verträumte Dörfer mit Kirche, Gasthaus und traditionsreichen Bauernhäusern in eine hochalpine Bilderbuchlandschaft kuscheln, wo halsbrecherisch steile Felswände aufragen, kam man bislang ganz gut ohne Dauerbeschallung an der Schirmbar, feucht-fröhliche Kegelklubs auf Skiausflug und Mega-Events für ein hippes Partyvolk aus. Das gemütliche Seitental des Inns gefiel sich in der Rolle des Gegenentwurfs zu den Locations mit überbordendem Ramba-Zamba-Faktor.

Skigebiet auf dem Pitztaler Gletscher
Rund 40 Kilometer Pisten bietet das Skigebiet auf dem Pitztaler Gletscher. | Foto: wit

Heimelig geht es im Pitztal zu, dafür sorgt allein schon die überschaubare Zahl von Betten: knapp 8 000 gibt es in Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen. Im Zillertal sind es weit über 50 000. Stattdessen haben Eiter und sein Arbeitgeber Österreichs höchstgelegenes Skigebiet zu bieten, mit einem Kaffeehaus auf 3 440 Metern. Hier oben ist die Luft spürbar dünner, heißt es haushalten mit den eigenen Kräften. Der Puls rast merklich, während der Skifahrer in schweren Stiefeln und voller Montur die Stahlplattform erklimmt, wo bei eisigen Temperaturen und messerscharfem Wind ein atemberaubender 360-Grad-Blick winkt. Rund 50 Dreitausender türmen sich vor dem Auge auf, darunter das Who-is-Who der Alpengipfel: von der Zugspitze im Norden, den Ötztaler Bergriesen im Osten, dem Ortler im Süden bis hin zum Arlberg im Westen. Ein Darsteller stellt aber alle anderen in den Schatten: der Gipfel-Doppelpack der Wildspitze, mit 3 774 Metern Österreichs zweithöchster Berg und an schönen Tagen Objekt der Begierde von unzähligen Tourengehern.

Landschaft am Pitztaler Gletscher
Das Skigebiet am Pitztaler Gletscher ist nie überfüllt, weil es im ganzen Tal nur 8000 Gästebetten gibt. | Foto: wit

20 Millionen Euro hat sich die Pitztaler Gletscherbahn GmbH vor einigen Jahren den Neubau der Wildspitzbahn kosten lassen. Deren Name ist ziemlich irreführend, denn die Gondeln schweben nicht etwa auf den höchsten Punkt Nordtirols, sondern lediglich auf den hinteren Brunnkogel. Die Aussicht auf daunenweichen Pulverschnee, scharf geschnittene Felsgrate und haushohe Eisflanken jenseits der abwechslungsreichen Skipisten ist dennoch überwältigend und wird nur noch vom Blick auf das Café 3 440 übertroffen.

Rundum-Terrasse über dem Abgrund

Das ist längst das Markenzeichen des Tales geworden. Wie eine silbrig-glänzende Schneewechte thront die geschwungene Gebäudehülle auf einem scheinbar viel zu kleinen Felsen, mit einer Rundum-Terrasse, die frei über dem Abgrund schwebt. Manch einer bekommt allein schon vom Blick in schwindelerregende Tiefen weiche Knie, verabschiedet sich lieber zum Tässchen Melange hinter gerundeten Glaswänden. Auch so ist er mitten drin in der Szenerie aus Eis und Fels.

Das Cefé 3440 auf dem Pitztaler Gletscher, Österreich
Vom Restaurant Sunna Alm am Rifflsee hat man einen atemberaubenden Blick auf das Skigebiet.  | Foto: wit

Für Sepp Eiter, älterer Bruder des Schmatz, ist die kühne Architektur-Ikone vor grandioser Kulisse Lebensmittelpunkt und Arbeitsplatz in einem. Der weißhaarige Naturbursche, der in jedem „Heidi“- Film den Almöhi spielen könnte, ist seit fünf Jahren Gastwirt im Café 3 440 und kennt die der Höhe geschuldeten Besonderheiten der Lokalität. Nicht nur die sündhaft teure Kaffeemaschine war wochenlang alles andere als Spitze; auch deftige Speck-und Kaspressknödel wollten nicht so richtig gelingen, weil der Siedepunkt des Wassers mit jedem Höhenmeter fällt. Mittlerweile sind die Kinderkrankheiten mit Kaffeemaschine und Kochtopf behoben. Eiters Rezept für kräftigen Espresso, schaumigen Cappuccino und den beliebten Verlängerten: die Kaffeebohnen wandern kurzerhand ins Kühlfach.

Nussecken im Café 3440

Die kalorienreichen Versuchungen in der Kuchentheke sind übrigens auf demselben Weg nach oben gelangt wie Skifahrer, Snowboarder und Ausflügler: in einer der Gondeln, sicher verpackt in einer schwarzen Transportkiste. „Da oben ist einfach kein Platz für einen Konditor“, erzählt Norbert Santeler, der seit der ersten Stunde der Gletscherbahn mit von der Partie ist. Seine Konditorei, die im Gletscherrestaurant Kristall auf 2 840 Metern untergebracht ist, produziert all jene Torten, Kuchen und Nussecken, die hungrige Skifahrer, Langläufer und Winterwanderer vertilgen, neben vier Tonnen Kaiserschmarrn und 10 000 Palatschinken pro Saison.

Die Benni Raich-Abfahrt im Skigebiet Hochzeiger, Österreich
Die Benni Raich-Abfahrt im Skigebiet Hochzeiger ist nur was für geübte Skifahrer. | Foto: wit

Unterstützt wird der 61-Jährige von seinen Zwillingstöchtern Sandra und Stefanie – und den Meteorologen. Denn wenn das Wetter umschlägt, wird nicht nur das Gemüt, sondern auch der Biskuitboden schwer.

Bei gutem Wetter produzieren wir den Tortenboden vor und frieren ihn bei minus 38 Grad ein

erzählt der Konditor, der gelegentlich sogar Hochzeitstorten in seinem kleinen Reich kreieren darf. Denn im Sommer ist die moderne „Kapelle des weißen Lichts“ aus schneeweißem Carrara-Granit die Anlaufstelle für Heiratswillige im Gletschergebiet.

Eisbahn auf dem Rifflsee?

Santelers Spezialität nennt sich Gletscherschneetorte, ein weißer Traum aus Puderzucker, Sauerrahm, feinstem Kokos und ganz viel Sahne. Und selbstredend lässt sich auch der Eiter Ernst die zarte Versuchung im Café 3 440 schmecken. Unzählige Hände von Pitztal-Fans hat er bereits geschüttelt, alten Bekannten auf die Schulter geklopft. Und bei aller Kontaktpflege findet er noch Zeit, Visionen für sein Gebiet zu entwerfen. „Wie wär’s mit einer Eisbahn auf dem Rifflsee“, fragt er. Und irgendwie ahnt man, dass der bunte Hund die Antwort schon lange kennt.

Skigebiet Hochzeiger, Pitztal, Österreich
Das Skigebiet Hochzeiger gilt als besonders familienfreundlich. | Foto: wit

Pistencheck

Für Genussmenschen: Weite Hänge und offene Landschaft kennzeichnen die Pisten rund um die Grubenkopfbahn am Rifflsee. Besonders schön ist die Nr. 10, die trotz steilerer Passagen auch für Anfänger geeignet ist.

Für Kilometersammler: 14 Kilometer Länge und ein Höhenunterschied von 1 700 Metern – das sind die beeindruckenden Zahlen der Talabfahrt vom Gletscher. Die Route ist zwar nicht als offizielle Piste ausgewiesen, doch in Begleitung eines Skilehrers lässt sie sich meistern. Auf den sollte man aber keinesfalls verzichten.

Für Romantiker: Es müssen ja nicht immer die schmalen Latten sein. Wenn es stürmt und schneit, ist eine Pferdeschlittenfahrt mit Sekt, Glühwein oder Tee die richtige Alternative. Wer gar nicht aufs Skifahren verzichten kann: Familie Eiter spannt auch abends die Haflinger vor den Schlitten.

 

Informationen Pitztal

Im Pitztal gibt es  insgesamt 90 Pistenkilometer. 40 Kilometer entfallen auf das Skigebiet Hochzeiger, weitere 40 auf den Gletscher und das Gebiet rund um den Rifflsee. Neun Pistenkilometer werden durch die Imster Bergbahnen erschlossen. Auf Langläufer wartet ein gutes Dutzend Loipen. Die mittelschwere Talloipe ist 21 Kilometer lang. Besonders beliebt sind zudem die leichte Loipe rund um den Rifflsee sowie die drei bis sieben Kilometer langen Schleifen auf dem Gletscher.

Wer weder dem Alpinsport noch dem Langläufen fröhnt: Es gibt unzählige Winterwanderwege, etliche Rodelbahnen – darunter die sechs Kilometer lange Bahn von der Mittelstation am Hochzeiger – und Möglichkeiten zum Schneeschuhwandern, beispielsweise in den Naturpark Kaunergrat. Für all jene, die das Skitourengehen schon immer einmal ausprobieren wollten, gibt es einmal die Woche Schnuppertouren für Einsteiger. Der Höhepunkt für Könner: eine Tour zur Wildspitze.

Skipasspreise: Der Sechs-Tages-Skipass Gletscher/Rifflsee kostet in der Hauptsaison 235 Euro für Erwachsene. Kinder (Jahrgang 2002 bis 2011) zahlen 141 Euro. Daneben gibt es verschiedene Wahlskipässe. Wer innerhalb von sieben Tagen an fünf Tagen Ski fährt, zählt 217 Euro, Kinder 130 Euro.

Das Skigebiet Hochzeiger wurde als besonders familienfreundlich ausgezeichnet. Mit dem Bambini-Skipass können Kinder unter zehn Jahren kostenlos Skifahren, wenn ein Elternteil einen Skipass kauft. Der Sechs-Tagespass für Erwachsene kostet 218 Euro in der Hauptsaison, Jugendliche (Jahrgang 2002 bis 2007) zahlen 131 Euro.

Zu guter letzt: Die Pitztaler Regio Card gilt auf allen Bergbahnen des Pitztales. Sie kostet für sechs Tage 258 Euro für Erwachsene, für Kinder 155 Euro.

Angebote: „Firn, Wein und Genuss“ ist eine viertägige Pauschale überschrieben, die drei Übernachtungen in der gebuchten Kategorie, einen Drei-Tagesskipass, zwei Tage Skiguiding, Skitests und eine Weinverkostung umfasst. Die Pauschale kann ab 455 Euro pro Person gebucht werden.

„Springtime im Schnee“ kann mit zwei bis sieben Übernachtungen gebucht werden. Je nach Aufenthalt sind drei, vier oder sechs Tage Skipass im Preis enthalten. Die dreitägige Pauschale gibt es ab 188 Euro.

Auskünfte: Tourismusverband Pitztal, Unterdorf 18, 6473 Wenns, Telefon (00 43) 54 14-8 69 99.