Hotel Raffles in Singapur
Flaggschiff unter Singapurs Hotels: Das „Raffles wurde nach zweijähriger Sanierung wiedereröffnet. Früher lag es direkt am Wasser, heute ist es von Hochhäusern eingekreist. | Foto: wit

Hotellegende in Singapur

Das Raffles: Frischzellenkur für die alte Dame

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Das Raffles ist die Hotellegende schlechthin in  Singapur. Hier stieg alles ab, was Rang und Namen hatte: Könige, Nobelpreisträger, Rock-Superstars. Mit Millionenaufwand wurde die alte Dame aufgemöbelt und erstrahlt jetzt wieder wie neu. 

 

Wenn Roslee Sukar die schwere Tür zu der luxuriösen Suite öffnet, spürt man seinen Stolz über den Arbeitsplatz. Ein wahrlich fürstliches Refugium verbirgt sich hinter dem Portal, eine Oase der Seligen mit imponierenden 280 Quadratmetern. Den Gast erwarten ein Eindruck heischender Salon, noble Bäder mit freistehenden Wannen, begehbare Kleiderschränke und ein separater Winkel für den Butler, der in dieser Kategorie Hotelzimmer natürlich unerlässlich ist.

Das Raffles hat nur Suiten

„Das ist unsere schönste Suite“, betont der Singapurer, während er seinem Gast die feudale Terrasse mit kolonial anmutenden Korbmöbeln zeigt. Ohne mit der Wimper zu zucken, verrät der Haushistoriker den Preis für dieses Domizil der Extraklasse. Für den Gegenwert eines Kleinwagens können Gutbetuchte in der schönsten Suite des „Raffles“ übernachten: Das Sümmchen bezieht sich nicht etwa auf die Woche, sondern auf eine Nacht. In Singapurs Hotellegende abzusteigen, ist eben etwas Besonderes, in jeder Hinsicht.

Suite im Raffles-Hotel in Singapur
So lässt es sich leben: die größte und teuerste Suite des Fünfsternehauses. | Foto: wit

Die Mutter aller Kolonialhotels

Zwei Jahre lang war die Mutter aller Kolonialhotels geschlossen, um den Charme des 19. Jahrhunderts aufzupolieren und die Technik des 21. Jahrhunderts einzubauen. Fast 30 Jahre nach der letzten Generalsanierung hatte das Flaggschiff unter Singapurs Hotels Alterserscheinungen gezeigt, die auch dem wohlmeinendsten Gast nicht verborgen blieben.

Den Klimaanlagen machte das schwül-heiße Wetter der Löwenstadt zu schaffen; die Fahrstühle rumpelten nur noch lustlos nach oben und die 115 Zimmer – allesamt Suiten, die nach ihren berühmten Gästen benannt sind – brauchten eine Frischzellenkur. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat der Betreiber, die französische Accor-Gruppe, in die noble Adresse an Singapurs Beachroad investiert, wobei man sich auf genaue Zahlen nicht festlegen möchte.

Der Flair der alten Dame blieb erhalten

Das Gute an der aufwändigen Sanierung: Am herrlich altmodischen, leicht snobistischen Flair der großen alten Dame hat sich nichts geändert. Das distinguirte Klientel schwebt über dunkle Teakholzböden, bettet sich unter vier Meter hohen Zimmerdecken und trifft sich zur traditionellen Tea Time mit Scones und Clotted Cream unter dem auffälligen Lüster mit seinen 8240 Tropfen aus böhmischem Kristall. Der allein dürfte schon ein kleines Vermögen gekostet haben.

Lobby des Raffle-Hotels in Singapour

Lobby des Raffle-Hotels in Singapore
In der Lobby treffen sich die Hotelgäste zur traditionellen Tea Time mit Scones und Clotted Cream. | Foto: wit

Das Hotel legt Wert auf Diskretion

Wer durch die imposante Grand Lobby schlendern möchte, sollte eine Zimmerreservierung vorweisen können. Denn an den hünenhaften Sikhs mit ihren goldverzierten Uniformen kommen Voyeure so schnell nicht vorbei. „Wir legen großen Wert auf die Privatsphäre unserer Gäste“, betont Roslee Sukar.

Neugierige sind nur in den makellos gepflegten Gärten, in den mit Michelin-Sternen dekorierten Restaurants und der „Long Bar“ gern gesehene Besucher. In dem legendären Lokal, wo sich schon Ernest Hemingway gern Hochprozentiges hinter die Binde kippte, ist allerdings Geduld gefragt: Die Schlangen vor dem urigen Ausschank, wo der „Singapore Sling“ erfunden wurde, sind lang.

die hauseigene Hall of fame des "Raffles" in Singapur
Ein Blick in die hauseigene Hall of fame des „Raffles“…

Das Raffles: die Hoteladresse in Singapur

Noch immer ist das „Raffles“ die Hoteladresse in Singapur schlechthin. Das Marina Bay Sands mag zwar mit einem 146 Meter langen Infinity-Pool in luftigen 191 Metern punkten. Das „Fullerton“ hat mehrfach die Auszeichnung „Bestes Hotel Asiens“ eingeheimst, doch das „Raffles“ ist eine Legende, ein Ort voller Geschichten und Anekdoten. Das Haus ist eine gastliche Ruhmeshalle, in der alles abgestiegen ist, was Rang und Namen in der Welt des Adels, der Politik und des Showbusiness hatte.

In der hauseigenen Hall of fame sind sie alle versammelt – Queen Elisabeth und Michael Jackson, Nelson Mandela und Charlie Chaplin, Liz Taylor und William Somerset Maugham, der gern unter einem Frangipani-Baum saß und Singapurs Klatsch-und Tratschgeschichten zu Literatur und Geld machte. Das „Raffles“ verkörpere all die Mythen des exotischen Ostens, schrieb der Schriftsteller über das schillernde Haus, in dem jedes Möbelstück, jede Porzellanfigur, jede Fotografie an der Wand von einer untergegangenen Welt erzählt.

Bescheidene Anfänge des Luxushotels

Die Anfänge des Luxushotels, das viel älter als der prosperierende Stadtstaat Singapur ist, waren bescheiden. Die aus Armenien stammenden Brüder Sarkies, die bereits in Penang Erfahrungen in der Hotellerie gesammelt hatten, kauften in den frühen 1880er Jahren eine hübsche Villa an der Beach Road. Die bauten sie zu einem Zehn-Zimmer-Hotel um.

Das „Raffles“ lag damals noch in direkter Strandlage, woran der Straßenname Beachroad erinnert. Heute ist der perfekte Ankerplatz für Nostalgiker mit dem strahlend weißen Hauptgebäude im Renaissance- Stil eingekreist von Wolkenkratzern und Shoppingmalls. Das Meer ist nicht einmal mehr zu erahnen.

Hotel Raffles in Singapur
Die einzelnen Flügel des „Raffles“ gruppieren sich um begrünte Innenhöfe. | Foto: wit

Seit 1987 ist das „Raffles“ Nationaldenkmal

Im Gegensatz zu vielen anderen Kolonialbauten, die in dem räumlich begrenzten Stadtstaat ins Visier der Stadtplaner gerieten und gesichtslosen Hochhäusern weichen mussten, hatte das „Raffles“ mit seinem Belle-Époche-Charme Glück. Heute ist man in Singapur heilfroh darüber, dass die Hotellegende überlebt hat. Seit 1987 ist das Gebäudeensemble als Nationaldenkmal geschützt.

Wer durch die verwinkelten Flügel des Hotels streift, einen Blick auf die Namenschilder an den Türen wirft und unter schmiedeeisernen Bögen im Courtyard einen Espresso schlürft, taucht automatisch ab in vergangene Zeiten.

Hier soll der letzte wilde Tiger Singapurs erschossen worden sein – in Wirklichkeit handelte es sich um die entlaufene Raubkatze aus einem Wanderzirkus.

Hier sonnte sich die britische Kolonialmacht in Überlegenheitsgefühl – um wenig später vor den Japanern zu kapitulieren und vorsorglich sämtliche Alkoholbestände auf der Insel zu vernichten.

Hier sorgte sich ein junger Barkeeper namens Ngiam Tong um das Wohl junger Damen, die sich in der Öffentlichkeit mit Tee und Fruchtsäften begnügen mussten, weil Alkoholkonsum gänzlich unschicklich war.

Die Long Bar im Hotel Raffles in Singapur
In der „Long Bar“ zechte schon Ernest Hemingway. Hier soll der „Singapore Sling“ erfunden worden sein. | Foto: wit

Ein Cocktail namens „Singapore Sling“

Der gute Ngiam erkannte das Dilemma und kreierte einen Cocktail, der zwar wie reiner Fruchtsaft aussah, der es aber dank Gin, Brandy, Kräuterlikör und Triple Sec Cointreau in sich hat. Der geistreiche „Singapore Sling“ nach Originalrezept gemixt  ist der Renner in der „Long Bar“, auch wenn es den berühmten Barklassiker andernorts für die Hälfte gibt.

Dass drei Briten und zwei Australier 1977 131 Gläser des klebrig-süßen Cocktails in nur zwei Stunden kippten, mag der durchschnittliche Trinker nicht glauben. Dass man in der Longbar aber über die Strenge schlagen darf – in Singapur, wo das Wegwerfen eines Kaugummis mit 250 Euro Strafe belegt wird – ist am Fußboden der Trinkstätte abzulesen. Denn wie eh und je landen die Erdnussschalen auf dem dunklen Parkett.