Blick über den Luganer See im Tessin
Wo die Schweiz auf Italien trifft: Vom Parco del Tassino hat man einen der schönsten Blicke auf den Luganer See. | Foto: swiss-image.ch / Andre Meier

Rund um den Luganer See

Auf der Sonnenseite der Alpen: das Tessin

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Von Paradiso ins Paradies: Klingt anfangs ziemlich hochtrabend, hat aber seine Berechtigung. Denn Paradiso, der Tessiner Ort, der höchst erfolgreich den Eingemeindungsgelüsten der Nachbarstadt Lugano getrotzt hat, liegt spektakulär zu Füßen des Monte San Salvatore. Der Hausberg bringt es zwar nur auf 912 Meter, ist verglichen mit all den anderen Schweizer Berggrößen also ein rechter Zwerg. Doch diese 912 Meter haben es in sich. Es gibt Eidgenossen, für die ist der San Salvatore einer der schönsten Aussichtsberge der Alpenrepublik. Und manche haben ihm den Ehrentitel „Zuckerhut der Schweiz“ verliehen.

Blick auf Paradiso, die Nachbarstadt von Lugano im Tessin. Schweiz
Blick auf Paradiso, die Nachbarstadt von Lugano. | Foto: wit

Wer mit der historischen Standseilbahn hinauf zuckelt, in schlappen zwölf Minuten 600 Höhenmeter überwindet, versteht schnell, warum Gläubige schon im 12. Jahrhundert zu Fuß auf den Tessiner Berggipfel pilgerten, um dem Sohn Gottes Ehre zu erweisen. Der hat hier einer alten Legende zufolge während seiner Himmelfahrt eine kurze Rast eingelegt und war sicherlich ähnlich hingerissen von dem paradiesischen 360-Grad-Panorama wie heutige Besucher.

Standseilbahn zum Monte San Salvatore, dem hausberg von Lugano im Tessin, Schweiz.
Auf den Hausberg von Lugano, den Monte San Salvatore, zuckelt die historische Standseilbahn. | Foto: wit

Die Wahlheimat von Hermann Hesse

Linkerhand schweift der Blick über die Silhouette der schneebedeckten Schweizer Gipfel. Rechterhand schimmert die Ebene der Lombardei herauf. In der Tiefe funkelt der Luganer See in tiefstem Blau. Bei klarem Wetter könne man sogar die Spitzen des Mailänder Doms am Horizont ausmachen, erzählt ein alt-eingesessener Tessiner. Auch wenn sich die Madonnina heute im Dunst versteckt: Die Aussicht vom San Salvatore ist einfach überwältigend.

Wenn ich diese gesegnete Gegend am Südfuß der Alpen wiedersehe, dann ist mir zumute, als kehrte ich aus einer Verbannung heim, als sei ich endlich wieder auf der richtigen Seite der Berge

urteilte Hermann Hesse über seine Wahlheimat. Hier lebte der der Kultvater der Hippiebewegung vier Jahrzehnte lang. Das bitterarme Tessin, wo die Bauern kaum das Nötigste verdienten und begnadete Handwerker und Künstler ihr Glück im nahen Italien suchen mussten, inspirierte den hageren Sonderling mit der runden Brille und dem Strohhut. Der Landstrich ließ den von Lebenskrisen und Geldsorgen Gebeutelten buchstäblich aufatmen.

Von seinen Nachbarn argwöhnisch beobachtet fläzte er sich schon mal nackert auf der Sonnenterrasse seiner Wohnung in Montagnola. Zwischen Palmen und Magnolien genoss er den Blick auf Monte Generoso und den Monte Bré. In dieser bukolischen Landschaft, deren Schönheit sich aus dem Grün der Eichen- und Kastanienwälder speist, den zarten Grautönen der uralten Steinhäuser, dem flüchtigen Rosa mediterran anmutender Villen und dem leuchtenden Blau des Himmels, wurde der Schriftsteller zum Maler. Hier genoss er das Dolcefarniente, das süße Nichtstun bei einem Glas Roten in seinem Lieblingslokal, dem Cavicc.

Ein Museum für den „Steppenwolf“

Das urige Grotto der Familie Bertoldi, wo Buchweizen-Polenta mit Schweinshaxen, Carpaccio mit grüner Soße und Cipolle tonnate aufgetischt werden, existiert noch immer. Auch Hesses „feierlicher, halb drolliger Palazzo“ steht noch: Heute beherbergt die Casa Camuzzi, wo der gebürtige Calwer „Klingsors letzter Sommer“, „Siddharta“ sowie „Narziß und Goldmund“ schrieb, ein Museum für den späteren Nobelpreisträger.  Udo Lindenberg oder Patti Smith machten dem „Steppenwolf“ bereits ihre Aufwartung.

Innenstadt von Lugano
Lugano mit seiner schönen Fußgängerzone ist ein Touristenmagnet. | Foto: wit

Hinüber nach Lugano

Nur den Fußweg hinüber nach Lugano tut sich keiner an:  Straßen und hässliche Bebauung haben über die Natur triumphiert. Lugano ist zwar ein touristischer Magnet, zugleich drittgrößter Bankenplatz der Schweiz, doch der Spagat zwischen Belle époque und modernem Beton geht nicht ohne Blessuren ab. Immerhin wird das ehemalige Grand-Hotel Palace als Kulturzentrum genutzt.

Über die Seepromenade bewegt sich von frühmorgens bis tief in die Nacht ein Korso aus Luxuskarossen. In der Via Nassa, wo sich Hesse mit Schreibutensilien eindeckte, reiht sich heute ein Nobeldesigner an den nächsten. Und in Collina d`Oro, dem Goldhügel, leben schon lange keine armen Schlucker mehr. Die Auswirkungen des Tourismus stießen Hesse schon 1927 bitter auf:

Vor einigen Jahren war im Tessin noch Mittelalter, war hier noch Paradies und Südsee. Jetzt ist das Tessin erobert von Berlin und Frankfurt, von Cook und Baedeker.

Wer das romantische Tessin entdecken möchte, die stillen Dörfer mit auto-untauglichen Gassen und schmalen Steinhäusern mit sonnenumfluteten Dächern in Terrakotta-Tönen, die durch und durch italienischen Piazzi, muss raus aus der Stadt – am besten ins Muggiotal. In der südlichsten Ecke des Tessins, wo Wanderer ohne es zu wissen häufig mit einem Bein in Italien stehen, gibt es keine Bausünden, keine grauen Asphaltbänder, keinen Lärm von der nahen Autobahn.

Das stille Muggiotal

Wie steinerne Festungen thronen die schmucken Dörfer namens Cabbio, Scrudellate oder Roncapianoe zwischen dichten Wäldern. Mittendrin liegt das Bett der Breggia, deren Schluchten voller Fossilien sind. 2014 wurde der verwunschene Landstrich mit seinen verzauberten Orten zur „schweizerischen Landschaft des Jahres“ gewählt. Noch immer finden sich Mühlen und Nevere, die in früheren Zeiten das Überleben der Bevölkerung sicherten. In den Mühlen mahlten die Dörfler den Maisgrieß. Die Nevere nutzten sie als steinerne Kühlschränke. Im Frühjahr mit Schnee gefüllt dienten die kreisrunden, mehrere Meter tiefen Bauten als Aufbewahrungsort für Milch und Käse, darunter den Zincarlin, den typischen Gaumengenuss aus dem Muggio-Tal.

Winzigen Dörfer atmen Vergangenheit

Wenn sich weiß-grauer Nebel wie ein zarter Feen-Schleier über dieses rustikale Tessin legt und dicke Regentropfen wie Ping-Pong-Bälle auf die steinernen Dächer klatschen, wirkt dieses Zauberreich der Welt entrückt. Die winzigen Dörfer, in denen die Vergangenheit atmet, wirken verlassen. Die kleinen Almhütten stehen leer, von jenem Gehöft einmal abgesehen, wo drei Geschwister – alle jenseits der 70 – die Sommermonate verbringen. Die einzigen Botschafter der Neuzeit sind die Fiat-Knutschkugeln am Straßenrand, die knallgelben Postbusse, die regelmäßig jeden noch so abgelegenen Weiler ansteuern, und die Zahnradbahn zum Monte Generoso.  Deren Triebwagen leuchtet blau wie der Luganer See und orange wie die Abendsonne über dem Tessin.

Der Monte Generoso mit der "Fiore di pietra" im Tessin, Schweiz
Wo die Steinblume leuchtet: Der Monte Generoso schlägt eine Brücke zwischen den Alpen und dem Meer. | Foto: swiss-image.ch – Daulte

Auf den Monte Generoso

Schon 1890, rund 20 Jahre nach der Einweihung der Rigi-Bahn, setzte die sonnigste Seite der Schweiz auf dieses fortschrittliche Transportmittel. Königin Margarethe von Savoyen und der spätere König von Italien Vittorio Emanuele III ließen sich per Dampfross hinaufkutschieren. Dort erwartete sie gesunde Luft, ein hübsches Hotel und die wohl schönste Aussicht des gesamten Tessins.

Es ist, als bilde der Monte Generoso eine Brücke zwischen den Alpen und dem Meer. Die schroffen Steilwände fallen mehrere Hundert Meter senkrecht ab; die Häuser von Melide gut 1 400 Meter tiefer wirken wie bunte Bauklötzchen aus dem Spielzeugkasten; im Rücken mehr als 80 Alpengipfel, vor den Augen die Po-Ebene voll südländischem Liebreiz.

Einmal, in den 30er Jahren, wäre es beinahe um die neun Kilometer lange Strecke geschehen. Der Betreiber stellte den Betrieb ein, dachte gar daran, die Gleise abzubauen und der nach Metall lechzenden Kriegsindustrie zu verkaufen.

Zahnradbahn zum Monte Generoso im Tessin, Schweiz.
Seit 1890 fährt die Zahnradbahn zum Monte Generoso in der südlichsten Ecke des Tessins. | Foto: wit

Ein Unternehmer als Mäzen

Glücklicherweise sprang Unternehmer Gottlieb Duttweiler, Gründer des Migros-Konzerns, in die Bresche. Er kaufte die Zahnradbahn und erhielt sie so für künftige Generationen. Der jüngste Coup des Handelsunternehmens: Als das alte Gasthaus abgerissen werden musste, entschied man sich nicht für irgendeinen Architekten, sondern für das Tessiner Eigengewächs mit Weltruf, Mario Botta.

Eine Steinblume als Geschenk

Dessen architektonische Formensprache von fast klösterlicher Nüchternheit gefällt zwar nicht jedem, doch für seine Heimat ist der berühmte Künstler ein Glücksfall. Geboren im Dörfchen Salorino zog er als Jugendlicher in aller Frühe los, um die Magie des Sonnenaufgangs auf seinem Berg zu erleben.

Jetzt thront seine Fiore di pietra, seine Steinblume, auf dem felsigen Bergplateau. Die Handschrift des Star-Architekten ist unverkennbar: draußen glatt polierter und rauer Granit, innen viel Holz und riesige Panoramafenster. In luftiger Höhe verwöhnen Sternekoch und Spitzen-Sommelier die Gäste. Nur übernachten müssen die Besucher der „Steinblume“ anderswo.

Häuser im Ort Carona im Tessin, Schweiz
Eines der schönsten Dörfer unweit des Luganer Sees ist Carona. | Foto: wit

Informationen

Bergbahnen: Die Hin-und Rückfahrt auf den Monte San Salvatore kostet 30 Schweizer Franken für Erwachsene, für Inhaber des Ticino Tickets 24 Franken. Kinder zwischen sechs und 16 Jahren zahlen 13 Franken. Daneben gibt es ein Kombiticket: Auffahrt mit der Standseilbahn und zurück mit dem Schiff ab Morcote: Kosten 40,20 Franken für Erwachsene, die Hälfte für Kinder.

40 Minuten dauert die Fahrt mit der Zahnradbahn ab Capolago zum Monte Generoso auf 1704 Metern. Erwachsene zahlen für die Hin- und Rückfahrt 54 Schweizer Franken, Jugend-liche zwischen 6 und 15 Jahren 27 Franken. Für Senioren über 60 kostet die Hin- und Rückfahrt 48 Franken.

Jeden Mittwochnachmittag gibt es das Ticino-Generoso-Family Special. Es umfasst Hin- und Rückfahrt sowie einen Tagesteller im Selbstbedienungsrestaurant. Das Angebot kostet für einen Erwachsenen 54 Schweizer Franken, Kinder und Jugendliche zahlen 34 Schweizer Franken. An ausgewählten Terminen in den Sommermonaten ist eine Dampflokomotive auf der Strecke unterwegs.

Übernachten: Zahlreiche Angebote finden sich auf der Seite von Ticino Tourismus. Der Clou: Alle Gäste die in einem Hotel, einer Jugendherberge oder auf einem Campingplatz übernachten, erhalten das Ticino Ticket. Damit können Sie den öffentlichen Verkehr im gesamten Tessin frei nutzen und erhalten Rabatte bei Bergbahnen und anderen touristischen Einrichtungen.

Das Drei-Sterne-Superior-Hotel „Delfino“ (Telefon (0041) 91 985 99 99) liegt nur einen kurzen Spaziergang vom Stadtzentrum von Lugano entfernt. Zur Talstation des Monte San Salvatore sind es nur fünf Minuten zu Fuß. Das Haus hat ganzjährig geöffnet. Zwei Übernachtungen mit Frühstücksbuffet sowie ein Drei-Gang-Abendessen gibt es ab 179 Schweizer Franken pro Person

Eine gute Adresse für Kurzurlaub in der Schweiz sind die Seiten von Aldi Suisse und Migros. Ein Preisbeispiel: Vier Nächte im Drei-Sterne-Hotel Federale in Lugano gibt es ab 369 Schweizer Franken. Im Preis inbegriffen sind Frühstück, zwei Abendessen sowie das Ticino-Ticket.

Auskünfte: Ticino Tourismus, Via C. Ghiringhelli 7, C.P. 1441, 6501 Bellinzona.

 

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