Freie Sicht auf den Mäander: Vom Aussichtspunkt Molitva sind die Schlangenlinien des Flusses Uvac schön zu erkennen.
Freie Sicht auf den Mäander: Vom Aussichtspunkt Molitva sind die Schlangenlinien des Flusses Uvac schön zu erkennen. | Foto: Karin Stenftenagel

Grünes Paradies für Entdecker

Serbien: Naturerlebnis in der Schlucht der Gänsegeier

Anzeige

Das Paddel schiebt sanft das Boot über die grüne Wasseroberfläche, je nach Muskelkraft und Technik zwischendurch nasse Perlen ins Bootsinnere schickend. Unter der strahlenden Sonne Serbiens eine willkommene Abkühlung im Zweier-Kayak. Rundherum eröffnen sich bis zu 250 Meter hohe Felswände, durch die sich der Fluss Uvac über viele Jahrtausende mäandernd seine Bahn geschmirgelt hat. Ruhig und gemächlich geht es flussaufwärts, denn in diesem Abschnitt unweit des Städtchens Nova Varoš wird der Lauf des Uvac durch einen Stausee gebremst.

Spektakuläre Natur – ohne Touristenmassen

Die dramatisch emporragenden und gelegentlich von Tropfsteinhöhlen durchbohrten Felsformationen können es mit ihren weitaus berühmteren Verwandten in der südfranzösischen Ardèche-Schlucht aufnehmen. Der große Unterschied: Hier hat man die ganze schöne Natur noch für sich allein – fast. Denn zwischen Himmel und Wasser kreisen schon, mit kraftvollem Flügelschlag und segelnder Eleganz, die Geier.

Hoch auf dem Fels thront ein Gänsegeier über der Uvac-Schlucht.
Hoch auf dem Fels thront ein Gänsegeier über der Uvac-Schlucht. | Foto: Karin Stenftenagel

Die Schlucht ist Brutstätte von rund 400 Exemplaren der in Europa und den arabischen Ländern selten gewordenen Gänsegeier. Im 2 500 Hektar großen Uvac-Naturschutzgebiet im Südwesten Serbiens finden die riesigen Greifvögel ideale Brutbedingungen. „Dieses Jahr wurden hier 150 Jungtiere gezählt“, sagt Ivan Nastić. Er ist einer der lizensierten Guides, mit denen das Naturschutzgebiet durchquert werden darf. Wer zu nahe an die Felswände herankommt, auf denen die Jungtiere in ihren Nestern sitzen, riskiert Ärger mit der Naturschutz-Polizei.

Nahe kommen kann man den großen Seglern mit einer Flügelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern dennoch. Nach etwa zwei Stunden im Kayak führt Ivan Nastić die Gruppe ans Ufer: Eine kurze, steile Wanderung zum Aussichtspunkt Molitva (zu deutsch Gebet), rund 200 Meter über dem Fluss und gut 1 200 Meter über dem Meeresspiegel, bietet nicht nur abwechslungsreiches Gelände und wunderbare Aussichten auf den Mäander unten, sondern auch auf die am Himmel ihre Kreise ziehenden Aasfresser, die zum Greifen nahe scheinen.

Tagestouren in der Schlucht sind mit Übernachtung in Zlatibor gut möglich. Das touristische Zentrum der gleichnamigen Gebirgsregion liegt etwa anderthalb Autostunden von der Einstiegsstelle am Uvac entfernt. Es gibt zahlreiche Hotels und Cafés, einen touristischen Markt mit regionalen Produkten und einen Freizeitpark – einsam wird es einem in dieser Stadt wohl nicht. Viele Gäste kommen wegen der Heilbäder, der guten Luft oder der Wintersportmöglichkeiten. Lady Gaga wurde hier schon gesichtet, aber auch Fußballvereine schicken ihre Jugendmannschaften nach Zlatibor ins Trainigscamp.

Auf den Spuren von Nicola Tesla

„Goldener Kieferbaum“ lautet die deutsche Übersetzung des Namens Zlatibor, erklärt Reiseleiterin Milanka Dugošija. Das Klima sei besonders mild, es gebe frische Luft und reines, klares Trinkwasser. Neben dem Uvac fließt auf der Südseite des Gebirges der Veliki Rzav, mit Wasser so rein, dass man daraus bedenkenlos trinken könne. „Ehrenwort: Das ist das beste Wasser, das wir haben“, sagt Milanka mit einer ordentlichen Portion Landesstolz. Zlatibor ist Ausgangspunkt vieler Ausflüge und Touren.

Knapp 30 Kilometer entfernt liegt der kleine Ort Užice. „Dort befindet sich das erste Wasserkraftwerk Europas, und das zweite der Welt“, erzählt Milanka. Im Jahr 1900 sei es nach Entwürfen von Nicola Tesla erbaut worden. Auf dieser Reise bleibt aber keine Zeit für das Werk des Priestersohnes und serbischen Nationalhelden.

Fahrradtour in der „Waldregion“ Šumadija

Wer etwa 80 Kilometer nach Osten fährt, erreicht die Stadt Čačak. Römische Ruinen liegen unter der Stadt, wie unter so vielen Städten Serbiens. Eine Ausgrabung kann man in einer Baulücke direkt hinter dem traditionsreichen Hotel Beograd begutachten. „Sie wird gerade für Touristen erschlossen und aufbereitet“, erklärt Aleksandra Dolapčev von der nationalen Toursimusbehörde. Čačak liegt in der Region Šumadija, der „Waldregion“, erläutert Reiseführerin Milanka.

Dass der Name Programm ist, merken die Reisenden spätestens auf der Fahrt nach Ovčar Banja, von wo aus es mit dem Rad auf dem Kablar Bike Trail ein Stück durch das westliche Morava-Tal geht. Die beiden höchsten Berge geben der Ovčar-Kablar-Schlucht ihren Namen. Entlang des asphaltierten Weges gehen die Blicke tief nach unten auf den Fluss, an schönen Aussichtspunkten weit in die Landschaft hinein und in einigen Felstunneln wird dem Radler ohne eigenes Licht schwarz vor Augen.

Nette Fleckchen zum Verweilen und In-die-Ferne-Gucken bietet der Kablar Bike Trail - bei mittelschwerer Steigung.
Nette Fleckchen zum Verweilen und In-die-Ferne-Gucken bietet der Kablar Bike Trail – bei mittelschwerer Steigung. | Foto: Karin Stenftenagel

Die Römer brachten den Serben den Wein und das Christentum. Viele Klöster in der Šumadija wurden im Verlauf von Serbiens wechselvoller Geschichte zerstört, doch zehn Anlagen aus dem 10., 14. und 15. Jahrhundert sind heute noch aktiv. Das kleine Kloster Nikolje verrät den Forschern seine Entstehungszeit bisher nicht zweifelsfrei.

Die Fresken im Inneren der winzigen Klosterkirche jedenfalls stammen aus dem 12., 15. und 17. Jahrhundert, wie Milanka erklärt. Heute leben in Nikolje 14 Nonnen. „Nikolje ist eines der wenigen Klöster in Serbien, in denen der Kamin über Hunderte Jahre nie erloschen ist“, sagt Milanka. Touristen dürfen zwischen 7 Uhr morgens und Sonnenuntergang jederzeit an dem Holztor klopfen, das ins Kloster führt.

Direkt neben der kleinen Pforte steigt die Reisegruppe auf ein gemächlicheres Verkehrsmittel um: Im Katamaran geht es leise plätschernd auf der West-Morava entlang, vorbei an Hausbooten und direkt ans Ufer gebauten Wohnhäusern. Im Hotel Plaza werden typische Krautsalat-Variationen, vorzügliche Cevapcici und gegrilltes Gemüse serviert. Dazu serbischer Weißwein und später der obligatorische serbische Zwetschgenschnaps Slivovic.

Spontaner Crash-Kurs im Kaffeesatzlesen

Die Früchte dafür importierten einst die Osmanen – genauso wie den schlammigen Mokka, den die Serben noch heute als „heimischen Kaffee“ genussvoll schlürfen. Das Lesen im Satz desselben beherrschen auch noch die jüngeren Serbinnen. Aleksandra gibt einen spontanen Crash-Kurs: Nachdem der Kaffee getrunken ist, wird die Tasse auf die Untertasse gestürzt. Wer vergeben ist, stürzt zu sich hin, Singles stürzen nach außen. So erfährt die Kaffeesatzleserin einiges von ihrem Gegenüber und kann fragend in seine Seele schauen.

Die alte Seele des ländlichen Serbiens lässt sich auf dem Weg nach Despotovac erahnen: Die Region Resava blieb von den Wirren des Kosovokriegs weitgehend verschont und ist bekannt für Tagebau und wilde Forellen aus ihren klaren Gewässern. Das alles erzählt Radovan Stojanović auf einer holprigen Fahrt im Jeep in perfektem Französisch. Er lebte viele Jahre in Paris als Bauunternehmer. Jetzt führt er ein kleines Gästehaus mit drei Doppelzimmern, dem er den Namen „Hübsches Eckchen“ (Lepo Mesto) gab. Deshalb sei er letztlich nach Serbien zurückgekehrt. „Man wird nicht reich, aber man kann hier ein entspanntes Leben führen.“

Bedrohliche Wolken über dem Berggipfel Beljanica

Spannung liegt in der Luft, als die Fahrzeuge mit einiger Verspätung am Gipfel Beljanica auf 1 350 Metern ankommen. Ein Gewitter zieht bedrohlich am Horizont auf. Kaum haben die Touristen die faszinierende 360-Grad-Weitsicht erhascht, mahnt Wanderführer Marko Nikolić mit ernstem Gesicht zur Eile.

Ganz so abenteuerlich muss die Wanderung in einer Region, in der auch Bären und Wölfe leben und durch geografische Anomalien an vielen Stellen kein Handy funktioniert, ja auch nicht werden. In sportlichem Tempo fliegt die ursprüngliche Waldlandschaft nur so vorbei, bis knapp 1 000 Höhenmeter tiefer unten beim Wasserfall Veliki Buk im Flüsschen Vrelo die Speed-Wanderung endet.

Schnelle Tour durch die Hauptstadt Belgrad

Start- und Endpunkt der Aktivreise ist am Abend die Hauptstadt Belgrad. Der Krieg ist noch an vielen Ecken sichtbar. Unübersehbar ist aber die sich in unzähligen Bauprojekten manifestierende Aufbruchstimmung der Serben. „Belgrad war schon immer eine große Baustelle, und das wird es auch noch eine Weile bleiben“, meint Reiseführer Dimitrije Potić bei einer schnellen Tour durch die Stadt.

Vorbei an Resten früherer Nationalstrukturen: „Wir haben immer mal zwischendurch noch irgendwo Jugoslawien draufstehen.“ An einem von 16 verbliebenen Bauten im dekorativen serbisch-byzantinischen Stil. Und am berühmten Hotel Moskau: „Da müsst ihr unbedingt die Moskauschnitte probieren!“ Vorbei an großflächigen Graffitis aus den 80er Jahren hinauf zur Festung Kalemegdan, von wo aus der Blick ein letztes Mal auf fließendes Gewässer fällt: Den Donau-Save-Treffpunkt, auch genannt „Treffpunkt der hundert Wasser.“ Donau, Save, Uvac, Morava und der kleine Vrelo – 95 weitere gilt es noch zu entdecken.

 

Informationen

Anreise: Zum Beispiel mit Austrian Airlines von Frankfurt/Main nach Belgrad, von dort aus weiter mit Bus oder Mietwagen nach Zlatibor oder Čačak.

Unterkunft: Sehr komfortabel lässt es sich in Belgrad im Hotel Mark (ab 62 Euro pro Nacht im Standardzimmer) und in Zlatibor im Hotel Mona (Standard-Doppelzimmer ab circa 93 Euro) nächtigen. In Zlatibor gibt es auch einen Campingplatz. Eine Liste der Campingplätze in Serbien findet man unter www.camping.rs.
Das Hotel Beograd in Čačak  liegt zentral an der Fußgängerzone (ab 42 Euro pro Nacht im Doppelzimmer).

Auskünfte und Touren:
Informationen gibt es bei der Nationalen Tourismusbehörde.
www.serbia.travel
www.zlatibor.org.rs
www.turizamcacak.org.rs
Kayak-, Canyoning- oder Cavingtouren: www.wildserbia.com
Wandern: www.stazeibogaze.info oder E-Mail an Guide Marko Nikolić: itsmarkonikolic@gmail.com
Führungen in Belgrad und anderen Städten: Dimitrije Potić, E-Mail: dimi3je@gmail.com