Fangokur in Abano
Auf Schlamm gebaut: Die beiden italienischen Thermalorte Abano und Montegrotto Terme sind berühmt für Fangokuren.

Abano und Montegrotto Terme

Statt Tango nur Fango

Anzeige

Für einen Moment droht der angehende Gesundheitsapostel vom rechten Weg abzukommen. Die grauschwarze Pampe in den Zehn-Liter-Eimern weckt ziemlich unangenehme Assoziationen; wobei die Erinnerung an schlammige Pisten irgendwo im Nirgendwo noch die freundlichste ist. Doch Fabiola, die zupackende Italienerin mit dem modischen Kurzhaarschnitt, kennt kein Erbarmen. Mit Schmackes klatscht sie den lehmigen Brei auf Schultern, Popacken und Hüften, drapiert ihn kunstvoll um den schmerzgeplagten Nacken, häuft ihn auf den malträtierten Knien an. „Va Bene“ klingt es in melodiösem italienischen Singsang durch die kleine, schmucklose Kabine, was wohl so viel heißen soll wie: „Alles gut“. Ist es im ersten Augenblick aber keineswegs: Der dunkle Matsch, dem die oberitalienischen Heilbäder Abano und Montegrotto Terme ihren legendären Ruf verdanken, brennt auf der Haut, als würden sich alle Höllenfeuer auf einmal öffnen. Doch der Eindruck, auf glühenden Kohlen zu ruhen, verflüchtigt sich so schnell wie er gekommen ist. Stattdessen stellt sich wohlige Entspannung ein, begleitet von einer Kanonade italienischer Hits der vergangenen drei Jahrzehnte, die aus dem Radio dröhnen. Umsorgt von einer unverschämt gut gelaunten Fabiola, die der in Schlamm und Leintücher eingepackten Mumie die Schweißtropfen von der Stirn tupft und ihr ein ums andere Mal versichert: Va Bene.

Naturfango in Abano
Zementgraue Masse: Der Naturfango muss erst mehrere Wochen reifen, bevor er verwendet werden kann. | Foto: wit

In der Bäderabteilung des Hotels „Atlantic Terme“, das mit seinem Dutzend Kabinen an einen Krankenhausflur erinnert, tummeln sich all jene Zeitgenossen fortgeschrittenen Datums, die mit Arthrose, Rheuma und Osteoporose geschlagen sind und der Heilkraft der Natur mindestens ebenso vertrauen wie den Erzeugnissen aus den pharmazeutischen Forschungslaboren. Vor den Türen sitzen Männer und Frauen in weißen Bademänteln, warten geduldig auf den Nachschub von dampfendem Schlamm, dessen heilsame Wirkung schon die alten Römer schätzten. Fabiola, die in ihrer blau-weißen Arbeitskluft von Kabine zu Kabine eilt, ist ausgebildete Fangina und liebt ihren Beruf ganz offensichtlich. Mit Hingabe verpackt sie ihre Patienten in der zähen, zementgrauen Masse, deren Heilerde aus Seen bei stammt, spritzt sie anschließend mit einer Art balneologischem Hochdruckreiniger ab um sie zuletzt in wohltemperiertem Thermalwasser zu platzieren.

Kunstwerk aus Muranoglas in Montegrotto Terme
Ein Kunstwerk aus Muranoglas ziert das Zentrum von Montegrotto Terme. | Foto: wit

Das hat seinen Lauf vor einigen Jahrzehnten in den Lessinischen Bergen nahe der Dolomiten genommen. „Etwas Besseres für alte Knochen gibt es nicht“, meint Christine Enthammer scherzhaft. Seit 30 Jahren ist die gebürtige Fränkin im Veneto zu Hause, kümmert sich als Badeärztin um Wohl und Wehe der Patienten, begutachtet Krampfadern und erkundigt sich nach gesundheitlichen Risiken. Denn ein gesundes Herz und gesunde Nieren müssen bei der Fangotherapie schon sein.

Zu Hoch-Zeiten über 100 Hotels

„Früher füllten sich die Hotelbetten in Abano Terme und der kleinen Schwester Montegrotto fast von alleine; doch diese Zeiten sind vorbei“, erzählt die Ärztin. Aufschwung und Niedergang: In dem 20 000-Seelen-Ort, der 1927 als eine der ersten Städte Italiens zum Heilbad erklärt wurde, ereignete sich dies innerhalb weniger Jahrzehnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg schossen die Hotels wie Pilze aus dem Boden, reichlich planlos und meist ohne jeglichen architektonischen Anspruch. Weit über 100 waren es zu den Hoch-Zeiten, die – dank staatlichen Kurwesens – kaum Leerstand vorzuweisen hatten. Fast jedes Haus verfügte über eine eigene Fangoabteilung; die 84 Grad heiße Thermalquelle füllte Sitzbadewannen, Hallenbäder sowie Außenpools und sorgte nebenbei dafür, Heizkosten niedrig zu halten. Chistine Enthammer:

Wer nicht zwei, oder besser gleich drei Wochen blieb, wurde von den Hoteliers scheel angesehen.

Heute kann sich das Bäder-Doppelpack eine solche Anspruchshaltung nicht mehr leisten. Einschnitte im Gesundheitswesen, die Konkurrenz in Polen, Tschechien und Ungarn – die goldenen Zeiten des Thermalzentrums am Fuß der Euganeischen Hügel, wo sich römische Krieger und müde Germanen gleichermaßen im Schlamm suhlten, sind augenscheinlich vorbei. Wer durch die Kurviertel von Abano und Montegrotto schlendert, wo während der Wirtschaftswunderjahre ein schmuckloser Bau nach dem anderen hochgezogen wurde, blickt auf blätternden Putz, auf leere Fensterhöhlen, auf trostlose Hotelruinen inmitten wild wuchernder Vegetation, die den Zeitpunkt für einen Modernisierungsschub verpasst haben. Selbst das elegante Grand-Hotel Orologio mitten in der Fußgängerzone steht seit Jahren leer. Dabei war der riesige Bau mit seiner herrlichen neoklassizistischen Fassade viele Jahrzehnte lang Abanos beste Adresse, wo sich einst die feine Gesellschaft unter prunkvollen Kristalllüstern im Walzertakt wiegte.

Arquà Petrarca in den Euganeischen Hügeln
In der Nähe von Arquà Petrarca wird die Heilerde für den Fango gewonnen. | Foto: wit

Morgens Fango, abends Tango: So lautete in den 50er, 60er, selbst noch in den 70er Jahren das Motto des damals noch mondänen Kurortes. So gewaltig war der Ansturm von Gicht, Ischias oder ähnlichen Kümmernissen geplagten Gästen aus dem In- und Ausland, dass in Häusern wie dem „Terme Antoniano“ in Montegrotto schon morgens um zwei Uhr die ersten Patienten in Fango gepackt wurden. Heute müssen Fabiola und ihre Kollegen höchstens noch im Sommer vor Tagesanbruch ran.

Monselice in den Euganeischen Hügeln
Monselice ist ein beliebter Pilgerort in den Euganeischen Hügeln. | Foto: wit

Die Kellner, die abends mit ihrem Servierwägelchen von Tisch zu Tisch rollen, sind so elegant gekleidet wie eh und je; nur die Gäste kleiden sich leger und sind meistens weit entfernt davon, krank zu sein. Weil Krankenkassen die klassische Kur nicht mehr bezahlen, müssen Hotels wie das Atlantic Terme oder das Antoniano das Loch in der Kasse durch Wellness für jüngere stopfen. Und das recht erfolgreich. Italienische Großfamilien mit kleinen Kindern tummeln sich in den wohltemperierten Außenpools, wo Unterwasserliegen, Massagestrahler und Wasserpilze für Wohlgefühl sorgen; Best-Ager aus Österreich und Deutschland schwingen sich auf Aquabike und -Stepper; Junggebliebene ziehen bereits vor dem Frühstück ihre Bahnen im Becken mit Olympiamaßen. Weil der Heilschlamm nicht nur den Gelenkknorpel elastisch hält und den Muskeltonus stärkt, sondern auch die Zellerneuerung beschleunigt, landet die mineralreiche Gabe der Natur zudem im Gesicht, wo sie ein regelrechter Faltenkiller sein soll.

Padua in Oberitalien
Padua liegt nur einen Steinwurf von Abano und Montegrotto Terme entfernt. | Foto: wit

So verjüngt lockt die reizvolle Umgebung, die ebenso schön wie kulturhistorisch interessant ist. Padua, die alte Universitätsstadt mit ihrem guten Dutzend Kirchen, ist nur einen Katzensprung entfernt; nach Venedig, der fast zu Tode geliebten Serenissima, ist es dank Bahn und Busanbietern auch nicht weit. Die Sportlichen mieten sich gar ein Rad und nehmen den Ring der Euganeischen Hügel unter die Reifen – 64 Kilometer lang, aber so flach, dass es nicht unbedingt ein E-Bike sein muss. Die weniger Trainierten spazieren zum mittelalterlichen Kloster San Daniele, dessen Benediktinerschwestern kunsthandwerkliche Erzeugnisse verkaufen, oder kurven durch die Euganeischen Hügel, die wie überdimensionale Maulwurfshügel aus der sonst so flachen Poebene aufragen. Über 100 dieser längst erloschenen Vulkane soll es geben, die mit dichten Laubwäldern, üppigen Wiesen, Kirschbäumen und Rebstöcken überzogen sind und wo sich malerische kleine Dörfer und Bauerngehöfte verstecken, aber auch venezianische Herrenhäuser, die vom Reichtum ihrer einstigen Besitzer künden. Ermattet von all den Sinneseindrücken bleibt nur noch eines: sich auf die morgendliche Sitzung mit Fabiola und ihr wohlmeinendes Va Bene zu freuen.

Informationen

In Abano und Montegrotto Terme gibt es rund 100 Hotels. Das Konzept der meisten Häuser lautet: Alles unter einem Dach. Wer Fangoanwendungen buchen möchte, für den ist eine Konsultation beim Badearzt Pflicht.

Preisbeispiele: Das Atlantic Terme in Abano (Via Monteortone, 66, 35031 Abano Terme PD, Italien, Telefon (0039) 049 866 9015) verfügt über zwei Schwimmbecken, eine finnische Sauna, ein türkisches Dampfbad und einen Salzraum, der das Mikroklima einer Salzgrotte simuliert. Das Haus bietet verschiedene Thermalpakete an: „Thermalcare light“ schließt sieben Übernachtungen mit Vollpension, die ärztliche Visite, sechs Fangoanwendungen, sechs Thermalbäder mit Ozon, sechs Massagen und vieles mehr ein. Kosten ab: 851 Euro pro Person.
Wer Fango ausprobieren möchte, für den empfiehlt sich das Angebot „5 zu 4“. Das Paket umfasst fünf Übernachtungen mit Vollpension sowie eine Fangoanwendung. Kosten: ab 319 Euro pro Person.

Das Hotel Terme Antoniano in Montegrotto Terme (Via G. Fasolo, 12, 35036 Montegrotto Terme PD, Italien, Telefon (00 39) 049 79 41 77) verfügt über vier unterschiedlich temperierte Schwimmbecken, darunter ein 50-Meter-Becken und einen Pool mit Sprungturm. Es gibt zahlreiche Pauschalen für Thermalkuren. „Regeneration mit Thermalwasser und Fango“ ist ein achttägiges Programm überschrieben, das sieben Übernachtungen mit Vollpension, sechs Naturfango-Anwendungen und Thermalbäder, sechs Massagen sowie die ärztliche Untersuchung einschließt. Kosten: ab 885 Euro pro Person. Das Paket kann auch für zehn Nächte ab 1 168 Euro gebucht werden.

Extratipp: Wer die eigene Anreise scheut: Zahlreiche Busunternehmen bieten Kururlaub in Abano und Montegrotto Terme an. In der Regel stehen verschiedene Häuser zur Auswahl.

 

Wenn Sie mehr über die Euganeischen Hügel erfahren möchten, über Orte wie Arquà Petrarca, Monselice und Padua:  auf dem Reiseblog Bruder-auf-Achse gibt es die passenden Informationen.