Wanderung zur Kuhalm in Sterzing.
"Kinder soll man nicht zum Wandern zwingen" – außer die Mutter hat keine andere Wahl: Wanderung zur Kuh-Alm in Sterzing. | Foto: Wiedemann

Allein mit Kindern in Südtirol

Zum Schwitzen braucht es keine Sauna

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„Bist du dir sicher? Ohne deinen Mann, nur mit den Kindern? Das wird für dich keine Erholung.“ Herausforderung angenommen! Die Bemerkung meiner Kollegin bestärkt mich nur noch in meinem Vorhaben: Meine beiden Jungs und ich, drei Tage im Südtiroler Familienhotel in Ratschings, Anreise mit dem Zug, Erholung inklusive. Kinderspiel, denke ich.

Tipp 1: Pack light!

„Was hast du da eingepackt? Steine?“ Mein Mann wuchtet morgens um 5 Uhr den von mir sorgsam nur mit dem nötigsten gepackten Rollkoffer die Treppe hinunter. Lässig schwinge ich mir den Tagesrucksack auf den Rücken, die übermüdeten Kinder quengeln leise vor sich hin. Bis zum Bahnhof habe ich meinen Kofferträger noch dabei, um den Rest sorge ich mich später.

Zum Beispiel beim ersten Umstieg in Stuttgart: Wegen einer Verspätung bleiben mir zehn Minuten Zeit, um zwei Kinder, ihre Reisekissen, Spielzeug-Rucksäcke und viel zu warmen Jacken sowie einen gigantischen Rollkoffer von Gleis 5 auf Gleis 15 zu bugsieren. „Mama, Arm!“, schreit mein Kleiner. Wie eine Karawane mit störrischen Maultieren kämpfen wir uns Zentimeter um Zentimeter voran, während rechts und links routinierte Reisende vorbeiziehen. Zwei Minuten vor Abfahrt stehen wir vor unserem Zug. Ich schwitze und der von mir erbarmungslos angetriebene Kleine schmollt. Einsteigen will er nicht. Aber zum Glück wiegt er weniger als der Koffer. Als der Pfiff ertönt, sitzen alle mehr oder weniger glücklich im Zug. Jetzt bin ich urlaubsreif.

Tipp 2: Immer an die Schwimmhilfe denken!

Auf der Fahrt durch Österreich sehen wir gigantische Brücken, die sich über verwunschene Täler spannen, malerische Schlösser, die sich an sattgrüne Hänge schmiegen, und finden aus dem „Wow!“ gar nicht mehr heraus. Der funkelnde Brennersee an der Grenze zu Italien ist das letzte Highlight vor der Ankunft in Sterzing, wo uns ein Shuttle vom Alphotel Tyrol abholt und in das verschlafene Eisacktal bringt, an dessen Ende nur noch ein Berg am Himmel kratzt. In Ratschings, inmitten von Wiesen und Wäldern und mit Blick auf die Stubaier Alpen können sich Familien vom Alltag erholen. Wer auch mal ein wenig Erholung von seinen Kindern braucht (ich zum Beispiel!), nutzt die Kinderbetreuung am Nachmittag bis 20 Uhr.

„Das Besondere an Südtirol sind die Gastfreundlichkeit und das gute Essen“, sagt Nadja, Schwiegertochter in spe der Hoteleigentümer-Familie Eisendle, die den Empfang an der Lobby übernimmt. Tatsächlich fühlen wir uns in unserer zweistöckigen Heidi&Peter-Suite mit Blick auf Kinderspielplatz, Ententeich und die Alpen direkt pudelwohl. Im Hotelpool beginne ich, meinen temporären Singlestatus schmerzlich zu verspüren. Ich habe die Schwimmärmel vergessen, und meine beiden Nichtschwimmer kennen keinerlei Angst vor tiefem Wasser. Überrascht stelle ich fest, dass man sogar im Bikini schwitzt, wenn man überall gleichzeitig Katastrophen verhindern muss. Ich habe keine Zeit zum Nachschauen – aber aus dem Augenwinkel erkenne ich die mitleidigen Blicke der im Doppelpack angereisten Eltern deutlich.

Tipp 3: Nur kein Zwang!

Der nächste Tag hält ein denkwürdiges Zitat bereit: „Kinder soll man nicht zum Wandern zwingen“, sagt unsere Bergführerin Eva. Sie hat gut reden. Als einzig vorhandenes Elternteil bleibt mir gar nichts anderes übrig, wenn ich auch mal ein bisschen Höhenluft schnuppern will. Und das will ich, denn Ratschings, wo alpine Rauheit und italienische Leichtigkeit zu einer ganz eigenen Lebensart verschmelzen, hat für kleine und große Bergsportler einiges zu bieten.

Auf sieben Täler, umschlossen von bewaldeten Berghängen und stahlgrauen Gebirgsketten, verteilt sich die Gemeinde Ratschings. Die Zufahrtswege sind eng und kurvig, und eigentlich führen fast alle Wege nur in eine Richtung: hinauf. Ein Fakt, der dafür sorgt, dass die rund 4 500 Einwohner ihre Berge das ganze Jahr über mit vielen Besuchern teilen. Im Sommer unter anderem mit Mountainbikern und Wanderern, ab Dezember aufgrund der großen Schneesicherheit mit zahlreichen Wintersportlern. Auch auf Familien als Zielgruppe hat man sich im Ort längst eingestellt. Für Kinder gibt es Themenwege wie etwa die von der Kabinenbahn Ratschings-Jaufen leicht zugängliche Bergerlebniswelt hoch über dem Ratschingstal, oder den Pfeifer-Huisele-Weg in Innerratschings, der kleine Wanderer auf Schautafeln mit Geschichten über die berühmte Tiroler Sagengestalt unterhält.

Tipp 4: Verteile die Last auf mehrere Schultern!

Auch Wanderführerin Eva hat eine kindgerechte Tour zusammengestellt, und so bin ich frohen Mutes, als meine Jungs und ich bei strahlendem Sonnenschein in der Sterzinger Schliffkopfbahn dem Startpunkt unserer Almen-Wanderung entgegenschweben. Oben weht ein zorniger Wind riesige Staubwolken durch die Gegend und pfeift dabei so laut, dass kein anderes Geräusch mehr an mein Ohr dringt. Fast. „Mama, Arm!“, brüllt mein Kleiner, und mein Großer drückt sich so fest an meine Beine, dass ich mich keinen Zentimeter rühren kann. Wohlgemerkt: Die Wanderung hat noch nicht begonnen, und Aufgeben kommt nicht in Frage.

Da geschieht das Wunder. „Möchtest du auf meinen Schultern reiten?“, fragt ein freundlicher Herr aus unserer Wandergruppe, und schnappt sich den kleinen Mobilitätsverweigerer, der sich daraufhin für den Rest der Wanderung wie ein herrenloses Hündchen an die Fersen des netten Onkels heftet. Ich kann mein Glück nicht fassen, genieße die Aussicht auf ein Bergpanorama zum Niederknien und träume vom Aufstieg auf die majestätisch über uns ragenden Gipfel der Telfer Weißen, während wir gemütlich entlang der Höhenlinie zur Kuhalm wandern. Hier gibt es wunderbar zünftiges Essen und jede Menge Spielzeug, so dass wir uns zwei Stunden später alle satt und zufrieden auf den Rückweg machen. Dass wir außerdem noch ganz viel glitzerndes Katzengold finden und mein Vorschulkind einen fast gleichaltrigen Freund, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Tipp 5: Hilfe annehmen ist kein Zeichen von Schwäche!

Nun ist der Rest des Urlaubs geritzt. Das minderjährige Dreigestirn, bestehend aus meinen Söhnen und ihrem Kumpel, macht das Hotel unsicher und bucht mit meiner Hilfe das gesamte Nachmittagsprogramm bei Kinderbetreuerin Romina. Während die Kleinen Laternen basteln, reiten, Traktor fahren und am Lagerfeuer Marshmallows rösten, lasse ich mich in der Sauna dampfgaren, relaxe in der Schaukelliege und genieße das Abendmenü bei interessanten Erwachsenengesprächen.

Die siebenstündige Rückreise meistern wir drei mit den auf der Hinfahrt gelernten Tricks mit Links. Während ich mich demonstrativ mit meinem tonnenschweren Koffer abplage, bemühen sich meine Kinder, besonders süß auszusehen – so wuchtet uns ständig ein anderer hilfsbereiter Mann das Gepäck in den Zug, auf die Ablage, von dort herunter, aus dem Zug heraus. Kinderspiel, denke ich. Zum Schluss sind wir trotzdem erledigt. Und froh, dass uns jemand vom Bahnhof abholt. Mein Mann nimmt den Koffer. Ich genieße es, einmal nichts zu schleppen. Bis ich ein zartes, müdes Stimmchen von links höre: „Mama, Arm!“

Informationen
Anreise mit dem Zug: Von Karlsruhe aus muss man in der Regel zwei- oder dreimal umsteigen, um nach Vipiteno/Sterzing zu kommen. Umgestiegen wird in München und am Brenner, eventuell auch in Stuttgart. Von Sterzing aus fährt ein Bus nach Ratschings, viele Hotels bieten auch Shuttles an.
Familienhotels: In Südtirol haben sich die Hotels mit Kinderbetreuung zu der Organisation „Familienhotels Südtirol“ zusammengeschlossen. Eine Übersicht der angeschlossenen Häuser findet man im Internet. Dort kann auch direkt gebucht werden. Ab und zu gibt es Sonderangebote für Alleinerziehende, es lohnt sich, im Hotel direkt nachzufragen. Die Preise fangen bei 100 Euro pro Person und Tag an, nach oben offen.
www.familienhotels.com/de.