Giraffen im Kraterhochland von Tansania, wo die Massai leben.
Tansanias Naturjuwelen: Giraffen trifft man nicht nur in den Nationalparks an, sondern überall im Land. | Foto: wit

Safari in den Nationalparks

Tansania: Der Gott der Massai war ein Rinderdieb

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Tansania ist berühmt für seine tierreichen Nationalparks, die Serengeti und der Ngorongoro-Krater. In dem schmalen Korridor zwischen den beiden Schutzgebieten leben noch immer Massai nach alter Väter Sitte. 

Geschäftstüchtige Massai

Rorian, der Sohn des Dorfältesten, ist ein ganz schön gewitztes Bürschchen. Der hagere Massai, dessen winziges Dorf mitten in der Ngorongoro Conservation Area liegt, beherrscht nicht nur einige Brocken englisch; der geschäftstüchtige Tansanier kennt auch die Gründzüge des modernen Kapitalismus.

Bevor er die Mzungu, die hellhäutigen Fremden, in die bescheidene, kreisrunde Hütte aus Kuhdung bittet, wird erst einmal abkassiert: zehn Dollar pro Person – „für den Kauf von Wasser, auf das unser Dorf angewiesen ist“, so der junge Massai.

Geld für Wasserkauf

So ganz nehmen ihm die Durchreisenden die Story vom Wasserkauf nicht ab, auch wenn die schwarzen Tonnen hinter dem palisadenartigen Dornenwall eine andere Sprache sprechen. Zu vieles an diesem Besuch in einem „authentischen Massaidorf“ wirkt einstudiert, zu vieles aufgesetzt: die Kinder in der kleinen Dorfschule, die wie auf Kommando ein Liedchen trällern; die jungen Krieger mit ihren Sandalen aus Autoreifen, die aus dem Stand ihre berühmten Luftsprünge absolvieren; die bunt gewandeten Frauen mit den kahl geschorenen Köpfen, deren üppige Perlen-Halskrausen bei jedem Schritt auf und ab wippen.

Massai im Kraterhochland von Tansania.
Für Touristen präsentieren die Massai ihre traditionellen Tänze. | Foto: wit

Entwicklungshilfe für das Massaidorf

„Wir pflegen unsere Traditionen“, erklärt Rorian seinem misstrauischen Besucher. Der betrachtet den unumgänglichen Kauf eines Perlenarmbandes als nicht ganz freiwillige Entwicklungshilfe für das Massaidorf. Wobei er sich während der Preisverhandlungen wie auf einem türkischen Basar und nicht wie in der tansanischen Savanne fühlt: Stolze 20 US-Dollar soll das Geschmeide kosten, am Ende wechselt es für die Hälfte den Besitzer. Und Rorians verschmitztes Lächeln beweist, dass er ein gutes Geschäft gemacht hat.

Massai im Kraterhochland von Tansania.
Nicht nur Massai-Frauen tragen den traditionellen Ohrschmuck, sondern auch die Krieger. | Foto: wit

Nomadenvolk ringt um die Zukunft

So fragwürdig die folkloristische Touristenshow auch sein mag: Es ist der verzweifelte Versuch eines Nomadenvolkes, die Vergangenheit zu ehren und mit der Gegenwart zurechtzukommen. Bis zu einer Million Massai leben in Tansania und dem benachbarten Kenia – ein Stamm, dessen stolze Krieger einst gefürchtet waren und deren Angehörige heute nicht selten in trostlosen Städten ein noch trostloseres Dasein fristen.

Herrscher der Savanne

Der Gott der Massai – so erzählt es die Legende – war ein Rinderdieb, seine Schäfchen die Herrscher der Savanne. Ihr Ansehen bemaß sich nach der Größe ihrer Herden. Unermüdlich zogen sie mit ihren Ziegen und Rindern durch das trockene, staubige Land, ließen ihre Tiere auf den Hochebenen des afrikanischen Grabenbruchs weiden, wo Feuer und Asche aus unzähligen Vulkanen eine spektakuläre Landschaft geformt haben. Ngorongoro, großes Loch, nannten sie jene gewaltige Caldera inmitten 600 Meter hoher Kraterwände. Dort lebten  sie Jahrtausende lang im Einklang mit der Natur – Seite an Seite mit wilden Tieren.

Landschaft am Lake Manyara in Tansania
Die Landschaft am Lake Manyara ist von außerordentlichem Reiz. | Foto: wit

Schutz durch Nationalparks

Doch das ist lange her. Mancher alte Krieger trauert jenen Zeiten nach und hadert mit der Arbeit des Tierschützers aus dem fernen Deutschland. Der hatte den Wert dieses einzigartigen Platzes erkannt und sich für die Unterschutzstellung des Kraters und der benachbarten Serengeti, der „großen, endlosen Weite“ eingesetzt. Für Bernhard Grzimek und seinen Sohn Michael, der in Tansania bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, war die Riesenschüssel das achte Weltwunder. Der langjährige Direktor des Frankfurter Zoos rühmte es als größten Zoo der Welt, „den sich Gott selbst angelegt hat“ .

Die große Wanderung

In den 50er Jahren wusste niemand, wie viele Tiere jedes Jahr während der Trockenzeit durch die Serengeti wandern. Ihr Ziel: der Grumeti River und der Mara-Fluss, wo schon Horden von Krokodile auf die Schwachen und Huflahmen warten. Mit den ersten Regenfällen treten die großen Herden den Rückweg gen Süden an.

Grzimek als Geburtshelfer

Für ihre Aufgabe der Zählung lernten Grzimek und sein Sohn fliegen. Sie teilten die Savanne – von der es nicht einmal eine richtige Landkarte gab – in Quadrate auf. Sie zählten die Gnus, die Zebras und die Gazellen und schufen zigtausende Meter Film. „Serengeti darf nicht sterben“ hieß der Dokumentarfilm, der 1960 einen Oscar einheimste und für den Erhalt des ersten und größten Nationalparks des damaligen Tanganjika trommelte.

Den Massai blieb nur ein kleines Stück Land

Die Massai, die die unendlich scheinende Grassavanne und die 26 000 Hektar große Kraterschüssel als saftiges Weideland betrachteten, mussten sich mit dem Korridor zwischen Tansanias bekanntesten Naturjuwelen begnügen.

Elefantenherde in der Serengeti, Tansania
Die Chance, in einem der Nationalparks auf Elefanten zu treffen, ist groß. | Foto: wit

Korridor als Verbindung

In der Ngorongoro Conservation Area leben sie einträchtig beieinander – das Nomadenvolk und Afrikas wilde Tierwelt. Giraffen, Gnus und Geparden scheren sich nämlich nicht um Parkgrenzen. Sie bevölkern auch das Kraterhochland. Wer vom kreisrunden Krater zum Naabi Hill fährt, vorbei an den tiefblau schimmernden mächtigen Buckel alter Vulkane, bekommt eine Vorstellung von dem immensen Tierreichtum des ostafrikanischen Landes. An den Kopjes, die wie steinerne Festungen aus dem Meer aus Gras ragen sieht er die Bilder vor sich vom spektakulären Schauspiel der Großen Wanderung, wenn mehr als zwei Millionen Tiere dem Ruf des Wassers folgen.

Einzigartiger Tierreichtum

Gleich hinter Rorians kleinem Dorf stöckeln hochmütig blickende Giraffen durchs Gelände. Horden von Zebras präsentieren ihr ausladendes Hinterteil. Eine Riesentrappe schreitet majestätisch durchs Gras. Warzenschweine trotten zwischen äsenden Gnus und pickenden Straußen umher. Immer wieder muss der Safarijeep halten, wenn Tausende von Gnus wie von Geisterhand gesteuert die Straßenseite wechseln: alte Burschen mit weißen Bärten, denen sie ihren Namen verdanken; junge Hüpfer auf staksigen Beinen, die in der Regenzeit von Januar bis Mai das Licht der Welt erblickt haben.

Jeeps auf Safari in der Serengeti, Tansania.
Wenn es in Tansanias Nationalparks etwas zu sehen gibt, sind gleich mehrere Jeeps zur Stelle. | Foto: wit

Ein Tier aus Ersatzteilen

Von der Aussichtsplattform des Naabi Hills zeigt sich das ganze Ausmaß des Naturschatzes: flaches Land von Horizont zu Horizont, gesprenkelt mit Abertausenden schwarzer Punkte. Jeder einzelne ist ein zotteliger, blökender Hornträger, von dem die Tansanier behaupten, es sei ein Tier aus lauter Ersatzteilen: der Schwanz eines Pferdes, die Mähne eines Löwen, die Hörner eines Rindvieches und das Gesicht eines Grashüpfers.

Lodge in der Nähe des Ngorongoro-Kraters in Tansania
Die Lodges liegen oft in oder direkt neben den Nationalparks und haben ausnahmslos eine wunderbare Aussicht. | Foto: wit

Kein Hort der Seligkeit

So riesig der Serengeti-Nationalpark ist, immerhin so groß wie Schleswig-Holstein: Lange muss der Safarifreund nicht suchen, um Tiere in freier Wildbahn zu entdecken. Kuhantilopen knabbern an jungen Trieben. Rhinos suhlen sich in einem der matschigen Hippo-Pools. Eine Löwin liegt alle viere von sich gestreckt rammdösig auf einem Baumast, noch pappsatt von der letzten Nahrung. Doch so paradiesisch dieser Garten Eden auf den Betrachter wirkt, wahrlich gesegnet ist nur der Mensch, der es sich beim Sundowner in einer der zahlreichen Luxuslodges gemütlich macht und dem Spiel der vorwitzigen Affen zusieht.

Gefahr durch Jeeps

Serengeti und Ngorongoro sind kein irdisches Nirwana, kein Hort der Seligkeit. Als das Funkgerät wummert, verrät schon die aufgeregte Stimme, dass etwas passiert sein muss. Sekunden später peitscht ein Tross aus Jeeps über die staubigen Pisten, zu einer Stelle, wo zwei Geparde reglos wie Monumente am Straßenrand sitzen. Wahrscheinlich wären sie längst im kniehohen Gras verschwunden – wäre da nicht ihr Junges, das tot auf der Straße liegt.

Souvenirladen in Arusha, Tansania.
Die Märkte von Arusha sind berühmt für kunsthandwerkliche Schnitzkunst. | Foto: wit

Tragödie einer gefährdeten Art

„Der Fahrer ist längst über alle Berge verschwunden; er weiß sicherlich, wie teuer ihn dieser Zusammenprall gekommen wäre“, erklärt Moses, der Ranger. Die eleganten Katzen machen keine Anstalten zu verschwinden. Scheinbar warten sie darauf , dass ihr Junges aufsteht und sich mit ihnen von dannen trollt. Doch für dieses Jungtier der gefährdeten Art kommt jede Hilfe zu spät.

Informationen

Anreise: Condor fliegt mittwochs von Frankfurt zum Kilimanjaro Airport, der verkehrsgünstig zwischen Arusha und Moshi liegt. Flüge gibt es ab 350 Euro pro Strecke.
Umsteigeverbindungen nach Tansania bieten beispielsweise Turkish Airlines (über Istanbul), Ethiopian Airlines (über Addis Abeba) und KLM (über Amsterdam und Nairobi) an.

Safaris: Die meisten Safariunternehmen besuchen die Nationalparks des „Northern Circuit“, zu dem neben der Serengeti und dem Ngorongoro-Krater auch der Tarangire Nationalpark und das Schutzgebiet am Lake Manyara gehören. Häufig werden die Tierbeobachtungen um einige Tage Strandurlaub auf Sansibar ergänzt. Es empfiehlt sich, die Angebote zu vergleichen. Die Palette reicht von Übernachtungen in Tented Camps bis hin zur Luxuslodge mitten im Nationalpark. Wegen der schwierigen Straßenverhältnisse sollte man mindestens eine Woche Safari einplanen.

Anbieter: Der Rüsselsheimer Veranstalter KulturenLeben (Marktstraße 21, 65428 Rüsselsheim, Telefon (0 61 42) 83 54 50) arrangiert maßgeschneiderte Tansania-Reisen für Gruppen. Besucht werden beispielsweise der Regenwald zu Füßen des Kilimanjaro sowie die Nationalparks Tarangire, Serengeti und Ngorongoro. Übernachtet wird in guten Mittelklasselodges.

Auskünfte zu Tansania gibt es im Internet.

Wollen Sie mehr über die Schutzgebiete des „Northern Circuit“ erfahren? Die Serengeti und der Ngorongoro-Krater sind sicherlich Tansanias berühmteste Nationalparks, doch der Tarangire und der Lake Manyara sind nicht weniger schön. Hier geht es zu weiterführenden Informationen.