Idyllische Buchten und kristallklares Wasser machen die Insel Vis zum Wohlfühlort. | Foto: Jüttner

Vis vor der kroatischen Küste

Insel-Idylle für Abba-Musical

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„Köpfe einziehen!“, ruft der Mann am Bootssteuer auf Englisch. Das muss er nicht zweimal sagen: Ruckzuck ducken sich alle Insassen so tief wie möglich, und wer noch mal nach oben schaut, tut das allenfalls etwas ungläubig: Man steuert auf ein Felsloch zu, bei dem man sich kaum vorstellen kann, wie das Boot ohne Schrammen hindurchkommen soll.

Engpass zur Attraktion: Zur „Blauen Grotte“ auf Bisevo gelangt man in kleinen Booten durch ein Felsloch. | Foto: Jüttner

Dann zieht sich schon die zackige Felsdecke dicht über den gebeugten Köpfen hin – und so winzig die Öffnung ist, so großartig ist, was sich dahinter eröffnet: die „Blaue Grotte“ auf Bisevo, einer winzigen Nachbarinsel der kroatischen Insel Vis. Das Boot scheint in leuchtendem Blau zu schweben, das aus dem Wasser herausstrahlt und von den Wänden widerstrahlt.

In der „Blauen Grotte“ scheint das Boot zu schweben. | Foto: Jüttner

Auslöser ist ein unterseeischer Durchbruch zum offenen Meer, durch den das Sonnenlicht hereinkommt und vom hellen Sandboden reflektiert wird. Mehr passiert nicht – und mehr muss dort auch nicht passieren. Der Bootslenker erklärt kurz, wie das Phänomen zustande kommt und wie die Grotte entdeckt wurde – ansonsten lässt er das Naturschauspiel für sich wirken.

Landschafts-Double für Griechenland

So bemerkenswert die Blaue Grotte auch ist, sie kommt nicht vor im größten Auftritt, den Vis bald haben wird: Die Insel war Drehort für die Fortsetzung des Abba-Musicals „Mamma Mia“, die am 19. Juli in die Kinos kommt. Denn Vis ist sozusagen das neue Landschafts-Double für die fiktive griechische Insel Kalokairi.

Nun sieht Vis zwar nur bedingt wie eine typische griechische Insel aus. Aber was die historischen Bauten in Split und Dubrovnik auf dem benachbarten Festland für die Erfolgsserie „Games of Thrones“ sind, das ist für „Mamma Mia 2“ die weitgehend unverbaute Idylle auf Vis: Auf dem 90 Quadratkilometer großen Eiland leben rund 4 000 Menschen, es gibt nur zwei größere Ansiedlungen und viele schöne Buchten, aber keinerlei Hotelburgen.

Der Hauptort Vis mit rund 2000 Einwohnern geht auf eine griechische Ansiedlung aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. zurück. | Foto: Jüttner

Zu verdanken ist dies der Lage: Vis liegt rund 60 Kilometer von der Küstenstadt Split entfernt. Als am weitesten vorgelagerte Insel zwischen Kroatien und Italien war Vis schon im Altertum strategisch wichtig – von der griechischen Siedlung Issa aus dem vierten Jahrhundert vor Christus sieht man im kristallklaren Wasser noch die Hafenmauern, unmittelbar neben dem Halbinselchen Privolo, wo ein Kloster auf den Grundmauern eines römischen Theaters steht.

Historische Hafenmauern unter Wasser: Blick auf Vis von der Halbinsel Privolo. | Foto: Jüttner

Später gehörte die Insel zu Venedig, zu Italien, Großbritannien und Österreich-Ungarn, und nach dem Zweiten Weltkrieg war Vis bis 1995 als militärisches Sperrgebiet Jugoslawiens für Ausländer nicht zugänglich. Bis heute hilft die Lage, Massentourismus zu vermeiden: Mit der Autofähre ist man ab Split knapp zweieinhalb Stunden unterwegs, auch für die schnellere Personenfähre muss man gut 90 Minuten kalkulieren – da liegen die größeren und touristisch ausgebauten Inseln Brac und Hvar, die man bei der Anfahrt passiert, deutlich näher.

Fotomotive auf Schritt und Tritt

Touristisch zieht Vis daher vor allem Segler an, die auf eigene Faust unterwegs sind: „Im Sommer haben wir 250 bis 300 Boote und Jachten im Hafen und bis zu 600 rund um die Insel – pro Tag“, sagt Ivan Pecaveric. Der 45-Jährige ist Fremdenführer, Apartment-Vermieter, Fahrer und Winzer in einer Person – neben der Fischerei ist der auf etwa 250 Hektar betriebene Weinanbau der größte Wirtschaftsfaktor der Insel.

Oben Kapelle, unten Komiza: Blick vom höchsten Berg Hom auf den zweiten großen Ort der Insel. | Foto: Jüttner

Eindrucksvolle Fotomotive gibt es auf Schritt und Tritt. Beispielsweise der Blick aus 527 Metern Höhe vom Gipfel des höchsten Berges Hum, wo eine kleine Kapelle dem Heiligen Geist gewidmet ist, hinunter auf Komiza. Der idyllisch in eine halbrunde Bucht geschmiegte Fischerort, nach der 2000-Seelen-Gemeinde Vis die größte Ansiedlung der Insel, hat viel mediterranes Flair mit kleinen Stränden, Hafenpiazza, Straßencafés mit freundlicher Bedienung sowie einer Kirche mit kurioser Geschichte: Hier soll einst ein Marienbild von Piraten gestohlen und kurz darauf wieder am Strand direkt vor der Kirche angespült worden sein – seitdem ist die Kirche der „Muttergottes von den Piraten“ gewidmet.

Einladung zum Verweilen: Komiza bietet mit Straßencafés am Hafen viel mediterranes Flair. | Foto: Jüttner

Wenige Kilometer weiter nördlich liegt eine nette, unscheinbare Bucht,  die im Film zum Blickfang wird: Hier wurde nicht nur eine große Tanzszene gedreht, sondern zwischen die Bäume wurde auch das Haus gestellt, in das die abenteuerlustige Donna in den frühen 1980er Jahren zieht. Nach dem Dreh wurde alles wieder abgebaut. Wer dort eine Mamma-Mia-Gruppenszene nachstellen möchte, muss es auf dem kahlen Betonpier tun – kann aber immerhin mit dem Boot hinfahren.

Ruhig und unscheinbar wirkt die Bucht, in der auf einem zusätzlichen Holzsteg eine große Tanzszene gedreht wurde. | Foto: Jüttner

Das ist als Transportmittel mindestens ebenso wichtig wie das Auto. Manche Strände sind vom Wasser her angenehmer zu erreichen als vom Land, etwa die malerische Bucht Stiniva, die als einer der schönsten Strände Kroatiens gilt. Vom Land muss man einen 30-minütigen Abstieg per Fuß einplanen. Vom Meer kommend hingegen passiert man einen nur knapp fünf Meter breiten Spalt zwischen zwei Felsenwänden, dahinter öffnet sich ein breites Halbrund wie in einem Amphitheater – mutmaßlich war hier einst eine Höhle, deren Decke irgendwann eingestürzt ist.

Sandstrände sind selten

Ob mit Auto oder Boot – ein Stopp lohnt sich auch in der Bucht Stoncica, etwa neun Kilometer von Vis entfernt. Nicht zuletzt kulinarisch: Essen kann man überall auf der Insel gut, aber was die dortige Konoba (wörtlich übersetzt: Taverne) vom Grill bringt, ist ein echter Genuss. Zudem ist der Strand nicht nur sehr flach und somit familientauglich, sondern auch untypisch für die Region: Es ist ein Sandstrand, so dass hier nicht auf Seeigel geachtet werden muss.

Äußerst familientauglich: Die Bucht Stoncica verfügt über einen flachen Sandstrand. | Foto: Jüttner

Denn Seeigel kommen auf Vis häufig vor, sind aber dank des faszinierend klaren Wassers gut zu sehen. Schützende Schuhe erhält man beispielsweise an der Strandpromenade von Vis. Deren freundlichen Händlern merkt man positiv an, dass sie nicht auf Massenabfertigung getrimmt sind.

Gemütlich ausklingen lassen kann man die Tage am Yachthaven von Vis. | Foto: Jüttner

So fehlt es hier auch außerhalb der Hochsaison, in der sich die Anzahl der Menschen auf der Insel mal verdreifacht, an nichts – und zugleich herrscht eine entspannte Ruhe, bei der man glatt dankbar ist, dass im wahren Leben keine tanzende Horde mit Abba-Songs auf den Lippen um die Ecke gestürmt kommt.