der Friedhof von Kitzbühel, Österreich.
Stilles Gedenken: Auf dem Friedhof von Kitzbühel wurde der berühmteste Sohn von Kitzbühel, Toni Seiler begraben. | Foto: wit

Kitzbühel und seine Streif

Zwischen Kuhdorf und Promiort

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Kitzbühel ist einer der berühmtesten Wintersportorte der Alpen. Vor allem dank der Abfahrtstrecke Streif ist der österreichische Ort jedes Jahr im Januar in aller Munde. Doch die legendäre Sportstadt will mehr sein als ein Promiort.

Kitzbühel -wo Skilegenden geboren werden

Wenn Josef Treichl über die Streif spricht, kommt der Mittsechziger richtig in Fahrt – sowohl verbal, als auch mimisch.

Wenn du beim Startschuss nicht hoch konzentriert bist, fliegst du schon nach wenigen Sekunden raus. Dann kannst du den Lauf als Trainingsfahrt abhaken

lässt der Pepi seine staunende Zuhörerschaft auf dem Friedhof der Kitzbüheler Andreaskirche wissen. Ein zugegebenermaßen skurriler Ort, um Flachländern die Besonderheiten der wohl schwierigsten Abfahrtsstrecke im Skiweltcup zu erklären.

Doch Pepi, Skilehrer und Stadtführer in Personalunion, hat den Gottesacker mit Bedacht gewählt. Auf dem Friedhof liegt nicht nur der berühmteste Sohn der Stadt, der „schwarze Blitz vom Kitz“ Toni Seiler begraben – Olympiasieger, Weltmeister und mehrfacher Hahnenkammgewinner. Hinter den schmiedeeisernen Grabkreuzen erhebt sich auch jener supersteile Zielschuss, der den Assen im Weltcupzirkus höchsten Respekt abnötigt.

Hier endete so mancher Traum vom Sieg im Fangnetz. „Der Kristian Ghedina hat dort den Sieg verspielt, doch seine Grätsche beim Zielsprung mit Tempo 140 hat die ganze Welt verzückt“, erzählt der Pepi, der selbst dutzende Male die berühmte Abfahrtsstrecke hinunter gesaust ist.

Die Streif – Olymp der Besten

Da ist sie wieder: die Streif. Der Ort, wo Legenden geboren werden und Rennfahrerkarrieren enden; wo Skicracks in den Olymp der Besten katapultiert werden oder für immer in der Versenkung verschwinden. Wer Mausefalle, Lärchenschuss und Hausbergkante sturzfrei meistert, wer den „Haxenzucker“ beherrscht – die ideale, gehockte Sprungtechnik – und nach elendslangen 110 Sekunden mit Bestzeit im Zielraum abschwingt, bejubelt von Abertausenden Zuschauern, gefeiert von 400 Millionen vor den Bildschirmen rund um den Globus, ist ein ganz Großer. Oder um es mit dem Pepi zu sagen:

Olympiasieger werden vergessen, Hahnenkammsieger nie.

So publicityträchtig das Sport-Spektakel ist, das jedes Jahr im Januar Zigtausende nach Kitzbühel lockt: Die laut Eigenwerbung „legendärste Sportstadt der Alpen“ will nicht auf das Event reduziert werden, schon gar nicht auf die Bussi-Bussi-Schickeria, die im KitzRaceclub die Puppen tanzen lässt und sich beim Stanglwirt zum Weißwurstessen mit Austria-Adel und Kalifornia-Import trifft.

Hotspot der Schickeria

Wer um das halb-religiöse Happening einen großen Bogen macht, vom Bahnhof Hahnenkamm ins äußerst fotogene Zentrum der alten Bergwerksstadt spaziert, dem wird schnell klar: Klischees bilden nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Natürlich gibt es sie – die russischen Silikon-Barbies, die selbst bei frühlingshaften Temperaturen im Nerz durch die zauberhafte Innenstadt mit ihren bunten Barockhäusern stiefeln. Nach Immobilienbüros, wo schmucke Holzhäuser im noblen Reith für einen zweistelligen Millionenbetrag feilgeboten werden, muss ein potenter Geldanleger nicht lange suchen. Und vorm Hotel „Zur Tenne” parken dicke Schlitten mit getönten Scheiben und Münchner Kennzeichen.

Das ganz normale Leben

Doch dazwischen tummelt sich ganz normales Fußvolk, das bei Billa seine Einkäufe erledigt und im „Pano” auf einen Cappuccino vorbeischaut. Manchmal läuft einem beim Schaufensterbummel ein grauhaariger Naturbursche namens Ernst Hinterseer über den Weg, Slalom-Olypiasieger, Profi-Weltmeister und Stammvater eines überaus erfolgreichen Skiclans. Sohn Hansi war ebenfalls ein Pisten-Ass, dürfte jüngeren Zeitgenossen jedoch vor allem als Schlagersänger und Fernsehmoderator bekannt sein. Der 65-jährige Richard Schmid weiß:

Er wedelt regelmäßig über die Pisten, schließlich ist er auf der Seidlalm aufgewachsen. Und manchmal treffe ich ihn im Hahnenkammstüberl.

Früher war der „Richie” eine Art Vip-Betreuer. Er erkundete mit Markus Wasmeier, Sepp Ferstl oder Fußball-Ikone Andi Brehme das berühmte Pistenrevier zwischen Ehrenbachhöhe und Pengelstein. Heute gibt er Wienern, Münchnern und anderen Großstädtern Tipps, wo das beste Schnitzel, der leckerste Kaiserschmarrn oder das deftigste Tiroler Gröstl serviert wird. Das sonnengegerbte „Sonnbühel”, das in den Zwanzigerjahren von einem Berliner Industriellen erbaut wurde und als nobler Erholungsort seiner elitären Golfklubfreunde diente, zählt nicht zu seinen Favoriten.

Da hängen nur Promis und Partyhungrige herum, deren Skitag aus einmal Abschwingen besteht

erzählt das Kitzbüheler Original, das vor lauter Händedrücken kaum zum Essen kommt. Dann doch lieber das „Berghaus Tyrol”, wo die riesige Portion leckerer Kasspatzn auch nicht mehr kostet als anderswo in den Alpen.

Skulptur eines Rennläufers bei der Hahnenkammbahn in Kitzbühel, Österreich
Direkt bei der Hahnenkammbahn steht diese Skulptur eines Rennläufers. | Foto: wit

Der Schwarzsee und der Wilde Kaiser

Wer über sanfte Hügel zum Schwarzsee wandert, mit der unverwechselbaren Silhouette des Wilden Kaisers vor den Augen, kommt nicht auf die Idee, in einem Hotspot der Schickeria gelandet zu sein. Urige Bauernhöfe thronen inmitten grüner Matten. Hundebesitzer führen ihre Vierbeiner aus. Stolze Eltern sind mit dem Kinderwagen unterwegs.

Der Schwarzsee ruht still. Im Sommer gilt er als wärmster Moorsee Tirols, wo Schwimmer ein paar Runden ziehen. Im Winter gehört er dem Biber, der sich an seinem Ufer wohnlich eingerichtet hat. Ein paar angeknabberte Bäume, eine stattliche Biberburg zeugen vom putzigen Bewohner des dunklen Gewässers, auf dessen Oberfläche sich das knapp 2 000 Meter hohe Kitzbüheler Horn spiegelt.

Blick ins Skigebiet von Kitzbühel
Kitzbühels berühmteste Piste ist die Streif. Doch es gibt auch leichtere Abfahrten. | Foto: wit

Wo alles begann: das Kitzbüheler Horn

Dort, und nicht etwa am weltberühmten Hahnenkamm, nahm die Geschichte von Kitzbühel als Winterdestination Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang. Der gebürtige Kufsteiner Franz Reisch hatte sich die seltsamen, 2.30 Meter langen Latten in Norwegen bestellt und übte fleißig. Im März 1893 wagte er sich an die erste Abfahrt vom Hausberg.

„Komm her, i muss dir a Watschn gebn, so schön war des“: So euphorisiert begrüßte der Skipionier seinen guten Kumpel, der stundenlang auf die Rückkehr des Freundes gewartet hatte. Die Lawine, die Reisch lostrat, war zum Glück eine metaphorische: In den kommenden Jahrzehnten fanden immer mehr Einheimische und Gäste Gefallen an der neuen Sportart. Sie machten die Gamsstadt, die zuvor nur als Sommerfrische bekannt war, zur Wintersportdestination.

Blick auf den Wilden Kaiser, Österreich.
Der Wilde Kaiser liegt gleich um die Ecke. | Foto: wit

Eine Frau managt die Zukunft

Dass dies auch so bleibt, dass Kitzbühel den Spagat zwischen Kuhdorf und Promiort schafft, dafür will Reischs Urenkelin Signe Rechnung tragen. Die grauhaarige Lady ist Präsidentin des Kitzbüheler Tourismusverbandes. Und seit über 40 Jahren ist sie Wirtin aus Leidenschaft. Auszeiten, Urlaub?

Wer braucht das, wenn man in einer solchen Landschaft leben darf

erzählt die umtriebige Besitzerin des „Rasmushofs”. Von Zeitungen wird sie als „Queen der Streif” tituliert, nicht ohne Grund. Wenn die Urlauber noch beim Frühstück sitzen, nimmt sie die erste Gondel und lässt sich zum Starthaus der Rennen hinaufschaukeln. Es folgt die erste Fahrt durch jungfräulichen Schnee. Der Hahnenkamm ist vor allem eines: ein Berg, den ein echter Skicrack irgendwann meistern will.

Das Familiäre: Am 2 000 Meter hohen Kitzbüheler Horn gehen vor allem die Einheimischen Skifahren. Die Pisten sind nie überfüllt und die Talabfahrt ist auch für weniger gute Skifahrer geeignet.

Der Allrounder: Zwischen Hahnenkamm, Ehrnenbachhöhe und Pengelstein sind die Almem mit einem engmaschigen Netz aus blauen, roten und schwarzen Pisten überzogen. Der topmoderne Jufen-Sessellift bringt Skifahrer zum Ausgangspunkt für einige besonders schöne Abfahrten.

Die Ultimative: Wenn die Weltcup- Skiasse abgezogen sind, steht die Streif auch Normalsterblichen offen. Wer sich an Mausefalle, Steilhang und Hausbergkante wagen möchte, sollte jedoch ein sehr guter Skifahrer sein. Für die etwas weniger Geübten gibt es eine Umfahrung.

Blick auf Kitzbühel, Österreich.
Kitzbühel ist stolz auf die Auszeichnung „Weltbestes Skigebiet“. | Foto: Kitzbühel Tourismus

Informationen

Kitzbühel ist stolz auf die Auszeichnung „Weltbestes Skigebiet“. Es gibt insgesamt 230 Kilometer Pisten. Das familiäre Skigebiet am Kitzbüheler Horn ist per Skibus mit den Pisten am Hahnenkamm verbunden. Wer nach Jochberg und Pass Thurn möchte, muss die 3-S-Bahn nehmen oder die präparierte Skiroute hinab ins Tal. An ihrem Ende stehen Taxis bereit, die Skifahrer zur Talstation der Wagstättbahn bringen.

Für Langläufer gibt es 60 Kilometer präparierte Loipen, darunter die Höhenloipe am Pass Thurn. Daneben gibt es mehrere Rodelbahnen, geräumte Winterwanderwege, Möglichkeiten zum Eislaufen und Eisstockschießen. Pferdekutschen fahren direkt in der Kitzbüheler Innenstadt ab.

Anreise: Mit dem Auto ist Kitzbühel in gut fünf Stunden über München und Kufstein zu erreichen. Ebenso schnell, aber sehr viel entspannter ist die Anreise mit der Bahn über München und Wörgl. Der Zug hält im Winter direkt am Bahnhof Hahnenkamm. Von dort sind es keine 100 Meter zur Talstation der Gondel.

Skipasspreise: In der Hauptsaison (bis 9. März) kostet der Sechs-Tagespass für Erwachsene 277 Euro. Jugendliche (Jahrgang 2000 bis 2002) zahlen 207 Euro, für Kinder (Jahrgang 2003 bis 2012) sind 138 Euro fällig. Wer danach reist, zahlt etwa zehn Prozent weniger. Der Wahlskipass „5 in 7“ kostet für Erwachsene in der Hauptsaison 259 Euro, für Jugendliche 194 und für Kinder 129 Euro. Weitere Informationen zum Skitag 60 plus, Ladies Day oder Partner Card Wochen gibt es hier.

Übernachten: Kitzbühel hat rund 6 000 Gästebetten, vom Fünf-Sterne-Hotel bis zum Privatzimmer. Hier einige Preisbeispiele: Zwei Übernachtungen mit Halbpension sowie den Zwei-Tagesskipass im Vier-Sterne-Hotel „Rasmushof“ gibt es für 348 Euro.
Drei Übernachtungen mit Halbpension sowie den Zwei-Tages-Skipass im Vier-Sterne-Hotel „Tiefenbrunner“ in der Innenstadt kosten ab 474 Euro.
Sechs Übernachtungen mit Halbpension sowie den Fünf-Tagesskipass gibt es im Vier-Sterne-Hotel „Schweizerhof“ ab 1 299 Euro. Das Haus liegt direkt bei der Hahnenkammbahn.
„Das Midweek Package“ im Hotel Schwarzer Adler schließt vier Übernachtungen mit Halbpension von Sonntag bis Donnerstag ein sowie den Drei-Tages-Skipass. Es kostet ab 635 Euro.

Auskünfte: Kitzbühel Tourismus, Hintestadt 18, 6370 Kitzbühel, Telefon (00 43) 5 35 66 66 60.