Nach dem "ernsten Vorfall" in Amesbury sperrte die Polizei unter anderem eine Apotheke ab.

Kommentar

Russische Spuren

Zwei Einwohner einer englischen Kleinstadt schweben nach einer möglichen Vergiftung in Lebensgefahr. Die Öffentlichkeit rätselt darüber, ob diese Personen Briten oder Ausländer sind, was sie nach Amesbury geführt hat und welcher Art die „unbekannte Substanz“ sein könnte, die die Betroffenen zusammenbrechen ließ. Es ist völlig offen, ob die abgeriegelte Straße Muggleton Road Schauplatz eines Verbrechens oder gar eines politisch motivierten Anschlags gewesen ist. Nur die Reichweite der getroffenen Sofortmaßnahmen und die Krisensitzung in der Downing Street lassen erahnen, dass die Regierung von Theresa May einem schwerwiegenden Verdacht nachgeht.

Ein erneuter Chemiewaffenangriff im Königreich, nur knapp vier Monate nach dem Attentat auf die Russen Sergej und Julia Skripal? Schon möglich. Es ist jedoch auffällig, wie zurückhaltend diesmal die politische Führung in London mit offiziellen Schuldzuweisungen ist. Im Fall Skripal standen für May die Verantwortlichen schnell fest: die Russen, wer sonst? Die Strafe folgte auf dem Fuß, auch die Bundesregierung stimmte in den Chor der empörten Kreml-Kritiker ein und warf einige Moskauer Diplomaten aus Deutschland heraus. Dann aber räumten Experten ein, dass eine russische Herkunft des Nervengifts Nowitschok im Fall Skripal nicht eindeutig festgestellt werden könne. Die russische Spur wirkte plötzlich nicht mehr so überzeugend.

May dürfte aus dem Skandal einiges gelernt haben, und sollte sich der Verdacht eines neuen Attentats mit einem Kampfstoff erhärten, wird sie die Beschuldigungen wohl besser begründen. Dass jedoch bei einem Vorfall im Westen mit vielen Unbekannten der Verdacht automatisch auf Russland fällt, ist ein alarmierendes Signal. Es zeigt, wie schwer das gegenseitige Vertrauen beschädigt ist. Es gibt kaum eine wichtigere Aufgabe für Kremlchef Wladimir Putin, als bis zum Ende seiner letzten Amtszeit 2024 das Image seines Landes von Feind zu Freund zu verändern und die Weichen für eine Wiederannäherung an den Westen zu stellen.