So ist es gewünscht: Der Lehrer unterrichtet per Video-Übertragung ins Kinderzimmer. Doch das klappt in Corona-Krisenmonaten meist nur, weil der Pädagoge sich mit seinem privaten Geld die entsprechenden Geräte gekauft hat. | Foto: Suzi/Adobe Stock

Digitaler Unterricht

MINT-Verband beklagt: Viele Lehrer müssen den eigenen Laptop zum Unterrichten nutzen

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In der Corona-Krise sind Lehrer und Schüler auf digitale Möglichkeiten des Unterrichts angewiesen. Lehrer müssen dafür jedoch nicht selten eigene Geräte benutzen. Oft werden sie nicht ausreichend geschult. Dazu kommen Fragen der Finanzierung und Zuständigkeit. Lehrerverbände sehen in der aktuellen Krise nun eine Chance zu Verbesserungen.

Es gibt Sätze, die auffällig oft fallen, wenn Lehrer über ihre Schule im Computer-Zeitalter sprechen: „So Zustände gibt es in keinem normalen Unternehmen“, sagen sie dann. Oder: „In der freien Wirtschaft wäre das undenkbar!“.

Dass Mitarbeiter ihre privaten Rechner mitbringen müssen, ist in anderen Branchen tatsächlich untypisch – für Lehrer aber alltäglich, wie Gymnasiallehrer Ivo Herrmann betont. „Alle gehen einfach davon aus, dass wir unsere eigenen Geräte nutzen“, sagt der Landesvorsitzende des MNU, des Verbands zur Förderung des MINT-Unterrichts (MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

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„Wir sorgen für alles: für Updates und Sicherheit – Letzteres lassen uns die Schulen auch unterschreiben, weil wir mit sensiblen Daten arbeiten.“

Die Speerspitze der Digitalisierung sind extrem engagierte MINT-Lehrkräfte.

Ivo Herrmann, Gymnasiallehrer und Landesvorsitzender des MNU

Der Video-Unterricht, der in der Corona-Krise in aller Munde ist – er laufe in der Regel über die privaten Laptops der Kollegen. Wie gut eine ganze Schule vernetzt ist, hänge vom Zufall ab. „Die Speerspitze der Digitalisierung sind extrem engagierte MINT-Lehrkräfte, sie bauen oft in Alleinarbeit Netzwerke in einem ,Unternehmen‘ mit Hunderten von ,Mitarbeitern‘ auf“, sagt Herrmann. „Das gäbe es in keinem Wirtschaftsunternehmen. Wenn dann gäbe es professionelle IT-Fachkräfte.“

Gerade in der Krise stecke nun die Chance, zum großen Sprung anzusetzen. Junge Informatiker müssten fürs Lehramt gewonnen werden.

Zuständigkeitsfragen machen einheitliche Standards unmöglich

„Wir brauchen Endgeräte für Lehrer und Endgeräte für Schüler“, sagt Herrmann. Einheitliche Standards allerdings scheitern schon allein an der zweigeteilten Zuständigkeit: Das Land stellt die Lehrer, die kommunalen Schulträger die Technik-Ausstattung. Darauf beharrt das Land.

Auch der milliardenschwere Digitalpakt des Bundes hat an diesem Prinzip nichts geändert. „Karlsruhe entscheidet sich für Geräte für Schüler, Baden-Baden als Schulträger für Geräte für Lehrer“, sagt der Karlsruher Herrmann. „Der Geldregen aus Berlin landet also auf unterschiedlichen Seiten.“

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Fünf Milliarden Euro schwer ist der Digitalpakt, den der Bund im Mai 2019 schnürte. Nach einem halben Jahr waren erst 20 Millionen Euro an Fördermitteln abgerufen. „Momentan liegen jedoch mehr als 2.000 Anträge aus Baden-Württemberg beim Landesmedienzentrum vor“, sagt ein Sprecher von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Bis zu 585 Millionen Euro könne Baden-Württemberg abrufen. Vorrang vor der Anschaffung von Laptops oder Tablets habe jedoch der Ausbau der Infrastruktur, der Internet-Anschlüsse.

Lehrer werden nicht ausreichend geschult

Weiterer Knackpunkt aus Sicht des MINT-Verbandes: „Die Lehrer müssen auch fit sein, damit sie die Geräte nutzen können“, sagt Herrmann. Doch da setzt das Land aufs Freiwilligkeitsprinzip. Eindrucksvolle Zahlen lieferte eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „Drei Viertel der Grundschullehrkräfte haben keine Erfahrung mit digitalen Medien“, so lautete ein Ergebnis voriges Jahr. Und: „Über alle Schularten haben 47 Prozent noch nie mit Tablets oder Smartphones und 58 Prozent noch nie mit interaktiven Tafeln gearbeitet.“

IT-Schulungen für unsere Kollegen? Die tendieren gegen Null.

Michael Gomolzig, Landessprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE)

Bei den Lehrerfortbildungen über das junge Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) müsste „deutlich mehr passieren“, sagt GEW-Landessprecher Matthias Schneider.

Michael Gomolzig, Landessprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) stellt fest: „IT-Schulungen für unsere Kollegen? Die tendieren gegen Null.“ Manche Kurse seien überbucht. Dann wiederum trauten sich Lehrer kaum, sich überhaupt für eine Fortbildung anzumelden – weil ihre Kollegen sie in der Verlässlichen Grundschule vertreten müssen.

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Einem Klischee widersprechen alle Verbandsvertreter: Der technikbegeisterte Junglehrer auf der einen Seite und der computerscheue ältere Pädagoge auf der anderen – das sei realitätsfremd. „Es gibt auch Jüngere, die nicht technikaffin sind“, sagt Herrmann „und es gibt Ältere, die Video-Konferenzen machen“.

Hintergrund: Baden-Württembergs Schulen haben digitalen Nachholbedarf

In der Krise ging eines schnell: 300.000 Laptops und Tablets finanzieren Baden-Württemberg und Bund in einem Sofortprogramm – damit bedürftige Schüler ein Gerät fürs Lernen daheim ausleihen können. Je 65 Millionen Euro steuern beide Partner bei.

Doch das Land hat „großen Nachholbedarf“ in puncto Informationstechnologie (IT) an Schulen, wie Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) einräumte. Ein einheitliches System für alle Schulen im Südwesten gibt es noch nicht, nachdem die IT-Plattform ELLA kläglich scheiterte. Dass Schulleiter ihre Dienst-Mails zuhause abrufen, ist erst seit wenigen Tagen möglich. Video-Konferenz-Systeme und Messenger-Dienste haben viele Schulen erst in der Corona-Krise installiert.

585 Millionen Euro stellt der Bund über den Digitalpakt für Baden-Württemberg mit seinen rund 4.000 Schulen zur Verfügung. Die Schulträger müssen ein Konzept vorlegen und 20 Prozent der Investitionen tragen, zudem gibt es Budgets für einzelne Städte.

Für die Lehrerfortbildung hat das Land zusätzlich zum Digitalpakt 2019 fünf Millionen Euro aufgelegt – das reiche pro Jahr theoretisch für „bis zu 50.000 Lehrkräfte“.