BLEIBEN DIE KLASSENZIMMER BALD VERWAIST? Diese Frage brennt Schülern und Eltern in Geislingen an der Steige auf den Nägeln. Wegen einer gründlich schiefgegangenen Sanierung ist unklar, ob das Michelberg-Gymnasium zu retten ist. Symbolfoto: dpa

Skandal in Geislingen

Pfusch am Bau: Gymnasium droht Schließung

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Es klingt wie ein Schildbürgerstreich: Da investiert eine Stadt rund 20 Millionen Euro in eine Schule, saniert und baut aus – aber am Ende hat sie ein verpfuschtes Gebäude, die neuen Naturwissenschaftsräume sind einsturzgefährdet, Brandwachen müssen Dauerdienst schieben und dem Gymnasium droht die Schließung.

Denn die Stadt ist finanziell kaum noch handlungsfähig. Die Geschichte hat sich allerdings nicht in Schilda, sondern im schwäbischen Geislingen an der Steige ereignet.

Das ist ungeheuerlich
und bundesweit einmalig

Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbandes

Eltern und Schülern des Michelberg-Gymnasiums ist nicht zum Lachen zumute. Für den Philologenverband (PhV) ist der Fall ein Skandal: „Dass ein Gymnasium mit 600 Schülern in Folge eines Bauskandals und der finanziellen Schieflage des Schulträgers abgewickelt werden soll, ist ungeheuerlich und bundesweit einmalig“, erklärte der Landesvorsitzende Ralf Scholl. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat sich inzwischen in den Fall eingeschaltet. Als sie am Wochenende eine Nachbargemeinde besuchte, haben Familien für die Rettung des Geislinger Gymnasiums demonstriert.

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Eisenmann will Geislingen „nicht hängen lassen“

Am Montag soll es ein Gespräch zwischen ihr und der Stadtspitze gegeben haben. „Hier müssen die Trägerseite und die Schulaufsicht an einem Strang ziehen. Ich kann für das Land zusagen, dass wir Geislingen dabei nicht hängen lassen“, ließ Eisenmann auf BNN-Anfrage mitteilen. Welche Art von Hilfe das Land konkret leisten kann, muss sich zeigen. Eigentlich ist der Schulbau ja Angelegenheit der Gemeinde.

Doch die steht unter Haushaltsaufsicht. „Weder eine Sanierung noch eine der Neubauvarianten ist finanziell auch nur ansatzweise darstellbar“, erklärte Oberbürgermeister Frank Dehmer (parteilos) kürzlich, ehe er den Haushalt im Gemeinderat darstellte. Summen zwischen 30 und mehr als 50 Millionen Euro stehen für erneute Sanierungen oder Neubauten im Raum.

Klagen gegen Baufachleute laufen

Für den Pfusch sollen Planer und Baufachfirmen verantwortlich sein. „Es sind bereits verschiedene Klageverfahren auf den Weg gebracht worden, in denen die Stadt versucht, so viel wie möglich vom entstandenen finanziellen Schaden zurückzubekommen“, erklärt Dehmers Sprecherin.

Auf sieben Millionen Euro Schadenersatz hofft die Stadt.

Die Mängelliste, die Geislingen aufführt, ist lang: „Unzureichender vorbeugender Brandschutz, Mängel bei der Heizungstechnik wie falsch angeschlossene Deckenheizstrahler, eine zu schlechte Klassenraumbelüftung, unzureichender sommerlicher Wärmeschutz, Schäden an der Tragwerkskonstruktion, darüber hinaus Hitzeschäden an der Dachhaut, Grünalgenbildung und Feuchtigkeitsschäden an der Fassade, flächendeckende Kollateralschäden im Bereich der Elektrotechnik.“

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Kritik an „Absurdität unserer Schulfinanzierung“

Wie es weitergeht und ob überhaupt Fünftklässler eingeschult werden – das sollen die Eltern Anfang März erfahren. Aus Sicht des Philologenverbandes offenbart der Fall einen Fehler im System. Denn die Personalkosten trägt das Land, für Schulbauten sind die Kommunen zuständig. „Hier zeigt sich die ganze Absurdität unserer Schulfinanzierung“, erklärt Scholl. Das Ergebnis seien „heruntergekommene Schulgebäude“.