Uwe Müller
Kritischer Begleiter schulischer Entwicklungen ist Uwe Müller, der sich im Vorstand der Direktorenvereinigung Nordbaden engagiert. | Foto: jodo

Uwe Müller im Interview

Vorstand der Direktorenvereinigung Nordbaden: „Die Unzufriedenheit hat mit G 8 zu tun“

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Auf Wissen und Leistung wird zu wenig Wert gelegt, und für den Erhalt der Gemeinschaftsschule rechnet man sich die Zahlen schön: Uwe Müller vom Vorstand der Direktorenvereinigung Nordbaden sieht die bildungspolitischen Entwicklungen im Land kritisch. Er plädiert für eine flächendeckende Kombination aus achtjährigem und neunjährigem Gymnasium und wünscht  sich mehr Lehrerstunden für die neue Kursstufe.

Viele Wege führen zum Abitur – und in Karlsruhe wohl ab dem Schuljahr 2021/22 auch eine gymnasiale Oberstufe in der Drais-Gemeinschaftsschule. In den Gymnasien, an die in Karlsruhe rund 60 Prozent der Schüler nach der Grundschule wechseln, gelten ab diesem Schuljahr neue Bedingungen für die Kursstufe: So gibt es fünfstündige Leistungsfächer und drei- sowie zweistündige Basisfächer.

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Über die Auswirkungen und die aktuellen Bedingungen, über Entwicklungen in der Bildungslandschaft und Elternwünsche an die Schulen sprach unser Redaktionsmitglied Susanne Jock mit Uwe Müller. Der Direktor des Max-Planck-Gymnasiums ist geschäftsführender Schulleiter der allgemeinbildenden Karlsruher Gymnasien. Zudem ist er im Vorstand der Direktorenvereinigung Nordbaden – und in dieser Funktion kritischer Begleiter der bildungspolitischen Entwicklungen.

Hat es Sie überrascht, dass deutsche Schüler bei der jüngsten Pisa-Studie sehr mittelmäßig abschnitten?

Müller: Es überrascht mich nicht, dass wir Schwierigkeiten haben, was ich aber nicht nur an der Pisa-Studie festmachen möchte. Aussagekräftiger sind für mich Vergleichsstudien innerhalb Deutschlands. Sowohl bei Pisa als auch bei anderen Studien stehen die Gymnasien zwar noch sehr gut da, aber insgesamt gesehen sind die Schüler in Baden-Württemberg eben nur Mittelmaß.

Das hat auch mit bildungspolitischen Entscheidungen der letzten Jahre, wie zum Beispiel der Einführung von G 8, der Abschaffung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung, der Schwächung der Realschulen und vor allem auch der Einführung der Gemeinschaftsschule, zu tun.

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Ist diese Erklärung nicht ein bisschen zu einfach?

Müller: Das wäre es, wenn man monokausal argumentieren würde, es geht aber um die generelle Ausrichtung. Es wird aus ideologischen Gründen versucht, gegen den Willen vieler Beteiligter ein Schulsystem durchzusetzen, in dem die Vermittlung von Wissen und der Leistungsgedanke nur noch eine Nebenrolle spielen.

Lassen Sie es mich an einem Beispiel festmachen: Vor einigen Wochen wollte eine sehr aufgeweckte Schülerin aus einer Gemeinschaftsschule mit besten Zeugnissen auf „gymnasialem Niveau“ zu uns ans Max-Planck-Gymnasium wechseln, weil sie sich an der Gemeinschaftsschule unterfordert fühlt. Ich bot ihr ein zweiwöchiges „Schnuppern“ an, damit sie sehen kann, wo sie leistungsmäßig im Vergleich zur Klasse steht. Nach zwei Tagen hat die Schülerin resigniert abgebrochen, obwohl es ihr bei uns sehr gut gefallen hat: In allen Fächern taten sich unüberbrückbare Lücken auf!

Es macht mich traurig und wütend, wie Bildungschancen von Schülern verspielt werden

Sie will jetzt an eine Realschule wechseln. Und da wundern wir uns, dass das Niveau sinkt und wir in Studien zunehmend schlechter abschneiden? Es macht mich traurig und wütend, wenn so Bildungschancen von Schülern verspielt werden.

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Demnach sind Sie auch kein Fan der gymnasialen Oberstufe an Gemeinschaftsschulen?

Müller: Die übergroße Mehrheit der Eltern und Schüler hat kein Interesse an dieser Schulart; das zeigen die Anmeldezahlen. Ich würde mir schon wünschen, dass man in der Bildungspolitik stärker auf die Basis hört.

Im Karlsruher Gemeinderat wurde argumentiert: Es sei Elternwunsch, dass die Gemeinschaftsschule auch zum Abitur führt.

Müller: Der Wunsch welcher Eltern? Einer ausgewählten kleinen Gruppe, die an einem Forum zum Thema „Oberstufe an der Gemeinschaftsschule“ teilgenommen hat. Ist das repräsentativ? Wenn ich die Politik des Gehörtwerdens in Baden-Württemberg tatsächlich ernst nehmen würde: Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ist das, was sich die übergroße Mehrheit der Eltern und Schüler in Baden-Württemberg wünscht.

Und wenn man eine Kombination von G 8 und G 9 anbieten würde, dann wäre die Zustimmung noch größer. Dann könnten große Gymnasien beides gleichzeitig anbieten. Dies war ganz am Anfang auch die Idee von G 8 – ein Angebot für begabte Schüler, nicht ein Angebot, das flächendeckend eingeführt wird. Aber man hört eben leider nur das, was man hören will.

Fakt ist, dass alle westdeutschen Bundesländer sich inzwischen wieder Richtung G 9 bewegen – bis auf Baden-Württemberg.

Müller: Da sind wir wieder bei Finanzen und Bildungspolitik. Die Rückkehr zu G 9 würde erstens mittelfristig Geld kosten. Zweitens ist es ganz klar, dass man in Baden-Württemberg verzweifelt die Gemeinschaftsschule retten will. Ein „Abitur in neun Jahren“ ist das letzte Argument für die Gemeinschaftsschulen. Wenn ich allgemein G 9 wieder einführe, dann melden sich an den Gemeinschaftsschulen noch weniger Schüler an. Und diese kämpfen doch schon jetzt um ihre Existenz.

So gab es zum Beispiel an der Anne-Frank 35 und in Grötzingen 31 Anmeldungen. Gleichzeitig werden jeweils zwei Klassen gebildet. Das Max-Planck hat in Klassenstufe fünf und sechs jeweils 121 Schüler. Wir mussten Schüler abweisen und auf andere Gymnasien umlenken und bilden natürlich vier sehr große fünfte Klassen mit 30 Schülern. Ist das unseren Schülern, Eltern und Lehrern gegenüber fair?

Ab dem Schuljahr 2021/22 wird nun die Drais-Gemeinschaftsschule auch zum Abitur führen.

Müller: Ursprünglich waren andere Standorte in der Diskussion. Nun schwenkt man um, weil dort genügend Räume zur Verfügung stehen und man nicht zusätzlich anbauen muss. Warum hat man aber dort Platz im Überfluss? Weil die Anmeldezahlen – in der Klassenstufe fünf sind es gerade mal 48 Schüler, also zwei Klassen – nicht den Erwartungen entsprechen.

Zudem hat man die Drais-Gemeinschaftsschule von Beginn an auf Vierzügigkeit ausgebaut, weil man es sich so gewünscht hat. Ehe ein Gymnasium um einen Zug erweitert wird, lebt es mehrere Jahre mit Provisorien. Das ursprünglich dreizügige Max-Planck-Gymnasium hatte über mehrere Jahre vier oder fünf Parallelklassen, ehe es ausgebaut wurde. Das hat etwas mit Verantwortung dem Steuerzahler gegenüber zu tun. Aber bei der Drais-Gemeinschaftsschule hat man nicht so agiert.

Und nun baut man – bildlich gesprochen – auf ein Haus, bei dem schon die Fundamente bröckeln und die Wände wackeln, mit der Oberstufe ein weiteres Geschoss. Wenn ich zudem die Ausstattung der Schulen anschaue, wenn ich sehe, was da zum Beispiel von der Stadt investiert wird, dann entdecke ich weitere Ungerechtigkeiten: bei der räumlichen Ausstattung der Schulen, bei den Arbeitsplätzen, die unsere Schüler und Lehrer eben nicht haben, bei der Digitalisierung und der entsprechenden Ausstattung der Schulen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Umstritten war im Karlsruher Gemeinderat, ob die erforderliche Schülerzahl fürs Abitur an der Gemeinschaftsschule erreicht wird.

Müller: Da rechnet man sich Zahlen schön. Alle Gemeinschaftsschulen in Karlsruhe haben zusammen insgesamt gerade einmal 170 Anmeldungen, davon haben nur circa zehn Prozent der Schüler eine Gymnasialempfehlung – was das für Folgen mit Blick auf eine gymnasiale Oberstufe hat, kann sich jeder ausrechnen.

Zudem werden viele Schüler nach der zehnten Klasse andere Wege gehen, zum Beispiel im beruflichen Schulwesen. Deshalb hat man für das Zustandekommen einer Oberstufe eine „Bedingung“ erfunden, die auch für sich spricht: „Kriterium“ ist, dass sich 60 Schüler „dafür interessieren“.

Die Gemeinschaftsschule in Tübingen, die immer wieder als Vorbild angeführt wird, hat tatsächlich gerade einmal 38 Oberstufenschüler. Bei dieser Schülerzahl haben die Schüler der Gemeinschaftsschule in der Oberstufe praktisch kein Kursangebot, aus dem sie auswählen können.

Ist es mit der aktuellen Oberstufenreform anders geworden?

Müller: Schlimmer. Wir haben die Lehrerstunden, die wir für eine gute Versorgung der Kursstufe benötigen, nicht im zufriedenstellenden Umfang bekommen.

Warum braucht man im neuen System mehr Lehrerstunden?

Müller: In Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen zum Beispiel haben wir nun nicht mehr lauter vierstündige Kurse, sondern drei- und fünfstündige, zwischen denen die Schüler wählen können. Diese Differenzierung ist sinnvoll, kostet aber Lehrerstunden. Die Konsequenz an unserer Schule war, dass einige fünfstündige Kurse, etwa Spanisch, Latein oder Geografie, nicht angeboten werden konnten, obwohl sich unsere Schüler dafür interessiert haben. Gleiches gilt für zweistündige Kurse im Wahlbereich wie Informatik.

Unzufrieden sind viele Eltern vor allem der Gymnasien auch über häufigen Unterrichtsausfall.

Müller: An den Gymnasien war zumindest zum Schuljahresbeginn die Versorgung gut. Dennoch sind es die gymnasialen Eltern, die Unterrichtsausfall anprangern. Das tun sie deshalb, weil sie einen enormen Zeitdruck wahrnehmen. Dahinter steckt eine gehörige Portion Frust und Unzufriedenheit – und das hat etwas mit G 8 zu tun.

Für G 9 bräuchte es aber noch viel mehr Lehrerstunden.

Müller: Ist uns Bildung wichtig? Ja, aber dann müsste man Geld in die Hand nehmen, um den Elternwunsch zu erfüllen und G 9 anzubieten – dann nimmt man schon mal viel Druck aus dem Kessel. Wie hoch die Belastung bei den Schülern ist, das sehen wir an unserem AG-Angebot: Es ist hervorragend – aber vieles kommt nicht zustande, weil die Schüler keine Zeit haben.

Ich könnte aber auch auf Lehrerseite etwas tun: In den 1990ern, als die Gymnasiallehrer noch 23 Wochenstunden unterrichteten und wir alle über die 35-Stunden-Woche diskutierten, wurden zusätzliche bewegliche Ferientage als Arbeitsverkürzung für die Lehrer eingeführt. Aktuell kommt es so zu absurden Situationen: Ettlingen hat in diesem Jahr die ohnehin langen Sommerferien um zwei Tage verlängert.

Und in Karlsruhe ist 2020 am 7. Januar noch frei, um einen beweglichen Ferientag unterzubringen. Warum reduziere ich nicht die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer, die inzwischen auf 25 Stunden erhöht wurde, auf 24 oder wieder auf 23 Stunden und streiche diese beweglichen Ferientage wieder? Das würde an der Jahresarbeitszeit der Lehrer wenig ändern, aber allen Beteiligten in den Perioden zwischen den immer noch häufigen Schulferien mehr Luft geben. Und im Ergebnis hätten wir eine höhere Flexibilität und mehr Unterricht.