Heimat im Wandel: Das Land wird bunter. Die Bollenhut-Püppchen hat die Badische Heimat 2009 bei einer Ausstellung gezeigt. Bei den aktuellen Heimattagen in Karlsruhe ist der Landesverein Badische Heimat ebenfalls aktiv: Zusammen mit der Landesvereinigung Baden in Europa veranstaltet er eine Vortragsreihe über das Heimatbewusstsein in Zeiten von Mobilität und Migration. | Foto: abw

Schmelztiegel Südwesten

600.000 Jahre Kommen und Gehen: Heimat in Baden-Württemberg

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Seit 1978 gibt es sie: die Heimattage Baden-Württemberg. Das Bindestrich-Land will mit ihnen das Wir-Gefühl stärken. Angesprochen werden sollen alle Bevölkerungsgruppen: Leute, die sich im Südwesten schon immer oder schon seit längerer Zeit heimisch fühlen, und Neubürger – auch solche, die mit ihrer Umgebung noch fremdeln oder hier als fremd empfunden werden. Mit Fragen nach der Ver- und Entwurzelung von Menschen mussten sich freilich schon frühere Generationen herumschlagen. Im Südwesten gibt es seit 600.000 Jahren ein reges Kommen und Gehen. Einige Schlaglichter aufs Thema Heimat im Schmelztiegel Baden-Württemberg:

Out of Africa

Die Entwicklung des Menschen fand im wesentlichen in Afrika statt. Eine frühe Menschenart, die den afrikanischen Kontinent verließ, gelangte vor 600.000 Jahren auch ins heutige Baden-Württemberg: Davon zeugt der Unterkiefer des „Homo heidelbergensis“. Er wurde 1907 bei Mauer im Rhein-Neckar-Dreieck gefunden.

Während sich der älteste nachgewiesene Bewohner des Südwestens im badischen Landesteil tummelte, kann die Schwäbische Alb als Wiege der Kultur gelten. Dort in Höhlen entdeckte figürliche Kunstwerke sind 35.000 bis 40.000 Jahre alt. Sie zählen zu den ältesten Kunstwerken der Welt. Hergestellt wurden sie von „modernen Menschen“. Der Homo sapiens sapiens war – ebenfalls von Afrika aus – übers Mittelmeer und die Donau ins Ländle vorgedrungen.

Eine Mitarbeiterin des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen zeigt 2007 das Foto einer Elfenbeinfigur aus der Eiszeit. Der sorgfältig geschnitzte Mammut stammt von Ausgrabungen in der Vogelherdhöhle im Lonetal und ist im Original 3,7 Zentimeter lang. | Foto: Norbert Försterling dpa/lsw

Multi-Kulti und Flickenteppich

Kelten, Römer, Alamannen (für die sich im Mittelalter die Bezeichnung „Sueben“, Schwaben, durchsetzte) und Franken:  Im heutigen Baden-Württemberg hat sich im Laufe der Jahrtausende einiges getummelt.

Im Heiligen Römischen Reichen deutscher Nation bildete sich dann ein südwestdeutscher Flickenteppich mit über 250 geistlichen und weltlichen Herrschaften heraus.  Das hatte zur Folge, dass die „Heimat“ klein war und „die Fremden“ meist nur ein paar Kilometer weiter lebten. Zu den wenigen größeren Territorien gehörten die Kurpfalz, das Herzogtum Württemberg, die Markgrafschaft Baden (lange geteilt in Baden-Durlach und Baden-Baden) und Vorderösterreich.

Glaubensflüchtlinge willkommen

Der 30-jährige Krieg (1618–1648) und weiteren Waffengänge kosteten ungeheuer viele Menschen das Leben. In den „abgebrannten“ Territorien  des Südwestens erkannten etliche Landesherren das wirtschaftliche Potenzial von Glaubensflüchtlingen aus ganz Europa. Exulanten, Waldenser und Hugenotten wirkten am Wiederaufbau verwüsteter Landschaften mit.

Migrantenstadt Karlsruhe

Mit religiöser Toleranz und anderen Privilegien lockte Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach Ansiedler nach Karlsruhe. Zu den ersten Einwohnern der 1715 gegründeten Stadt  gehörten unter anderem Württemberger, Sachsen, Elsässer und Schweizer.

Übergestülpte Heimat I

1806 entstanden im Zuge der napoleonischen Neuordnung Europas das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg. Beide konnten sich zahlreiche Herrschaften einverleiben. Territorien, die nie zuvor badisch oder württembergisch gewesen waren. Baden vergrößerte seine Fläche um das Vierfache, Württemberg um das Doppelte. Die Einwohner hatte niemand nach ihren Wünschen gefragt. Für viele Neu-Badener und Neu-Württemberger war die übergestülpte neue Heimat gewöhnungsbedürftig.

Denkmal des Karl Friedrich von Baden in Karlsruhe: Er wurde 1806 zum Großherzog „befördert“. | Foto: abw

Nichts wie weg

Im Hungerjahr 1817 wollten viele nur noch weg: Innerhalb von nur sechs Monaten wurden in Baden mehr als 16.000 und in Württemberg 17.000 Auswanderer aktenkundig. Die Leute hofften auf ein besseres Leben in den USA oder in Südosteuropa („Donauschwaben“). Auch in den Krisenjahren 1832/33 und 1846/47 zogen viele „Wirtschaftsflüchtlinge“ von dannen. Hinzu kamen die „Politischen“, die wegen Repressionen im Vormärz und in der Folge der 1848/49-Revolution ihre Heimat verließen.

Verschleppt, heimatlos

Deportationen und „Vernichtung“ von Menschenleben im großen Stil prägten das nationalsozialistische Deutschland. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die den NS-Terror überlebt hatten – allein im Südwesten rund 180.000 Menschen – wurden ab 1945 von den Siegermächten als „Displaced Persons“ (DPs) bezeichnet. Diejenigen, die blieben, firmierten im Behördendeutsch der jungen Bundesrepublik als „heimatlose Ausländer“.

Heimatvertriebene und Flüchtlinge

Im Herbst 1945 erreichten die ersten großen Transporte von Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sowie Deutschstämmigen aus anderen Staaten den Südwesten: Heimatvertriebene und Flüchtlinge. Mitte der 1950er Jahre war jeder fünfte, der in Baden-Württemberg lebte, ein solcher „Neubürger“.

Wahlplakat der Altbadener für die Wahl zur Entstehung des neuen Südweststaats im Dezember 1951. | Foto: dpa

Übergestülpte Heimat II

1952 wurde der Südweststaat gegründet. Im ehemaligen Baden, wo bei der Volksabstimmung 52 Prozent der Wähler gegen die Länderfusion gestimmt hatten, taten sich viele schwer mit ihrer neuen Zugehörigkeit zu Baden-Württemberg. In Württemberg und Hohenzollern hingegen hatten die Südweststaat-Fans eine satte Mehrheit von über 90 Prozent.

„Gastarbeiter“ im Karlsruher Hauptbahnhof: 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen, Abkommen mit weiteren Ländern folgten. | Foto: Schlesiger / Stadtarchiv Karlsruhe

Gastarbeiter gesucht

Das Wirtschaftswunderland brauchte Arbeitskräfte: 1955 wurde das Anwerbeabkommen mit Italien unterzeichnet. Es folgten Abkommen unter anderem mit Griechenland, der Türkei und Jugoslawien. 1971 wurde in Baden-Württemberg der 500.000. „Gastarbeiter“, ein Kroate, begrüßt. 1973 verhängte die Bundesregierung einen Anwerbestopp. Die Ölkrise und die sich eintrübenden Wirtschaftslage ließen grüßen.

Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe 2002. | Foto: dpa / Uli Deck

Massenzuwanderung Anfang der 1990er

Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ wanderten zahlreiche deutschstämmige Spätaussiedler, darunter viele Russlanddeutsche, in Baden-Württemberg ein. Hinzu kamen Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) beziffert den „Wanderungssaldo“ zwischen 1988 und 1993 in Baden-Württemberg auf plus 370.000 Menschen.

Auch in der Messe Karlsruhe wurden 2015 Flüchtlinge untergebracht. | Foto: dpa / Uli Deck

„Flüchtlingskrise“

Krieg, Verfolgung und Armut ließen die Zahl der Flüchtlinge 2015 so anschwellen, dass von einer „Flüchtlingskrise“ gesprochen wird. Zu Asylbewerbern vom Balkan kamen ab September immer mehr Flüchtlinge aus Syrien, aber etwa auch aus dem Irak und Afghanistan. Baden-Württemberg nahm 2015 laut LpB 185.000 Menschen auf. Von ihnen stellten knapp 98.000 einen Asylantrag. Die Schließung der Balkanroute bremste den Zustrom: Im Jahr 2016 kamen 56.000 Flüchtlinge ins Land.

Riesenräder vor dem Karlsruher Schloss. | Foto: dpa / Uli Deck

Heimattage 2017 in Karlsruhe

Wie ist es ums „Wir-Gefühl“ in Zeiten der Wanderung bestellt? Und braucht Heimat überhaupt noch eine geografische Verortung, wenn sich viele Leute ohnehin am liebsten in digitalen Welten tummeln?

Die Großstadt Karlsruhe will bei den Heimattagen 2017 neue Wege gehen und Themen wie „Heimat im Wandel“ und „Heimat im Netz“ in den Fokus rücken.

Was freilich nicht bedeutet, dass Menschen, die Heimat vor allem mit Tradition und Brauchtum verbinden, leer ausgehen: Es wird viel Bodenständiges serviert, ehe am 9./10. September die Heimattage mit den Landesfesttagen ausklingen und Trachtenverbände aus dem ganzen Land in Karlsruhe zu Hochform auflaufen.

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