Bereits seit dem Jahr 2013 betreut die Karlsruher Internistin und Hausärztin Angelika Leist (rechts) beim Medinetz Karlsruhe Menschen ohne Krankenversicherung. Eva Martin unterstützt sie bei ihrer Arbeit. | Foto: Artis - Uli Deck

Ärzte mit ethischen Prinzipien

Krank, aber nicht versichert? Karlsruher Initiative Medinetz hilft Menschen ohne Absicherung

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Um Menschen, die keine Krankenversicherung haben, kümmert sich das Medinetz Karlsruhe. Die Einrichtung im Menschenrechtszentrum bietet eine Anlaufstelle. Ärztin Angelika Leist vermittelt die Patienten weiter an andere kooperierende Ärzte aller Fachrichtung. Der Grund, warum jemand unversichert ist, spielt keine Rolle.

„Wir erwarten ein Au-Pair-Mädchen aus Afrika“, erzählt Angelika Leist. „Schon wieder?“, fragt Eva Martin überrascht. Es ist Mittwochnachmittag, gerade hat die Sprechstunde des Medinetz Karlsruhe im Menschenrechtszentrum begonnen, doch noch ist kein Patient da. Die Internistin und Hausärztin Leist berät hier Patienten, die keine Krankenversicherung haben und vermittelt sie an kooperierende Ärzte.

Tatsächlich gehören, wie die beiden berichten, Au Pairs, die schwanger wurden und danach ihre Krankenversicherungen verloren, immer wieder zu ihren Patienten.

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Schon in den Heimatländern nie versichert

Ebenso gehörten viele Frauen aus Osteuropa, die schon in ihren Heimatländern nie versichert waren, dazu, aber auch Deutsche, die privat krankenversichert waren und dann die Kosten nicht mehr aufbringen konnten. Es sind nur einige Beispiele für die Menschen, die in die Sprechstunde kommen.

Müssen sie wirklich alle unversichert sein? Peter Grieble, Versicherungsfachmann der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt nein. Eigentlich gebe es wegen der Versicherungspflicht für fast jeden einen Weg in die Krankenversicherung – auch wenn diese Wege individuell sehr unterschiedlich sind.

Wer illegal in Deutschland lebt, fällt tatsächlich durch das Netz

Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Nur: „Wer illegal in Deutschland lebt, fällt tatsächlich durch das Netz.“ Leist weist auch darauf hin, dass Patienten, die schon mit einer chronischen Krankheit auf Einladung nach Deutschland kommen, keinen Versicherungsschutz haben.

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Sie denkt auch an Asylbewerber, die zwar durch die Landeserstaufnahmeeinrichtung die Möglichkeit einer medizinischen Behandlung haben, aber „auf der Abschussliste stehen“.

Entbindungskosten sprengen das Budget

Klar ist: Jeder Fall liegt etwas anders. Und was beim Medinetz viel wichtiger ist: Es spielt keine Rolle, was der Grund ist, warum Patienten die regulären Wege des Gesundheitssystems nicht nutzen können oder wollen.

Kosten, beispielsweise für Medikamente, kann Leist bei der Stadt einreichen. Sie sagt aber auch klar: „Teure OPs überschreiten das Budget.“ HIV-Behandlungen sprengen den finanziellen Rahmen, Entbindungskosten ebenso. Da müssen dann andere Lösungen gefunden werden. „Was wir machen, ist Flickarbeit“, sagt Leist auf die Frage, ob sie staatliche Defizite oder Lücken in der Versorgung ausbügeln muss.

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Das wirklich große Problem seien Patienten mit chronischen Erkrankungen. Etwa 100 Patienten kommen insgesamt pro Jahr zu ihr. Ist eine Behandlung nötig, schickt sie diese zu Fachärzten, mit denen Leist zusammenarbeitet. „Das Netz ist relativ vollständig“, sagt die Internistin.

Einer dieser Ärzte ist Andreas Spuller. Der Karlsruher Gynäkologe übernimmt ein bis drei Patientinnen pro Monat und behandelt sie kostenlos. Warum er das tut? „Wenn jemand Hilfe braucht, hilft man ihm“, stellt er nüchtern fest.

Die ethische Verpflichtung ist Motivation

Spuller betont seine ethische Verpflichtung: „Ich habe Rechte, aber auch Pflichten und Verantwortung.“ Es gehe darum, das Leid der Menschen erträglicher zu machen, erklärt er.

Maarten van Santen verweist auf die historische Tradition. „Wie es über die Jahrhunderte immer war, behandeln Ärzte völlig verarmte Patienten kostenlos. In der heutigen Zeit also illegale Flüchtlinge und nicht Versicherte. Leider ist diese Tradition in Deutschland, einem Land, das nur fiskal regiert wird, und mit einer Bevölkerung, die nur rund um das Geld lebt, verloren gegangen“, meint der Karlsruher Gynäkologe, der ebenfalls zwei bis drei Patientinnen pro Monat übernimmt.

Ihm schade diese Arbeit nicht: „Ich esse dadurch kein Stück Brot weniger.“

Dramatische Einzelschicksale

Deutlich weniger Fälle kommen in die Praxis „Ihre Radiologen in Karlsruhe und Durlach“. Annette von Rinck, eine der Gesellschafterinnen der Gemeinschaftspraxis, erinnert sich an drei Fälle, die kostenfrei untersucht wurden.

Zur Zusammenarbeit mit dem Medinetz kam es, weil sie Angelika Leist noch von früher kannte und gemeinsam dann mit ihren Kollegen beschloss, die Aufgabe zu übernehmen. Für sie ist es „selbstverständlich, dass man das macht“. Schließlich handle es sich um dramatische Einzelschicksale.

Diese Arbeit sei „sehr interessant, aber auch sehr belastend“, meint Eva Martin. Und sie hat viel schöne Seiten: Angelika Leist freut sich über ein schwangeres Au-Pair-Mädchen, bei dem der Vater sein Kind anerkannt hat, und Andreas Spuller sagt: „Die Menschen sind dankbar. Das ist Bezahlung genug.“