Gelb ist die Farbe des Reclam-Verlags, der in Ditzingen bei Stuttgart seinen Sitz hat. Gelb sind auch die Cover seiner erfolgreichsten Bücher. Den handlichen Reclam-Heften, die im Schulunterricht nicht wegzudenken sind. Seit 150 Jahren gibt es die Universal-Bibliothek, wie die Reihe offiziell heißt.
Gelb ist die Farbe des Reclam-Verlags, der in Ditzingen bei Stuttgart seinen Sitz hat. Gelb sind auch die Cover seiner erfolgreichsten Bücher. Den handlichen Reclam-Heften, die im Schulunterricht nicht wegzudenken sind. Seit 150 Jahren gibt es die Universal-Bibliothek, wie die Reihe offiziell heißt. | Foto: RV

150 Jahre Reclam-Hefte

Erfolg mit dem kleinen Gelben

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Wenn nach den Weihnachtsferien die Schule in Baden-Württemberg wieder beginnt, kommt im Deutschunterricht weiterhin etwas zum Einsatz, das seit 150 Jahren in gleich guter Form geblieben ist. In den Klassenzimmern haben sich die Techniken ständig gewandelt. Doch ein Unterrichtsmittel, etwa von der Länge eines Smartphones, hat sein Format standhaft behalten.Es begleitet Generationen von Schülerinnen und Schülern.

Klassische Literatur? Günstiger geht’s nicht

Ob in der 9. Gymnasialklasse Schillers Drama „Maria Stuart“ auf dem Lehrplan steht oder in der Oberstufe und im Abitur „Dantons Tod“ von Georg Büchner Sternchenthema ist – ohne das Reclam-Heft kommen die Klassen nicht zu den Klassikern. Günstiger geht’s nicht. Für Lernende wie für die Ausbildungsstätten. Schulen stellen für schriftlichen Prüfungen oft jene handlichen gelben Büchlein zur Verfügung, auch weil sie in Text und Anmerkungen zuverlässig Literatur nahe bringen. Seit mittlerweile 150 Jahren. Der erste Band von Reclams Universal-Bibliothek, wie die Reihe im Format 9,6 auf 14,8 Zentimeter offiziell heißt, erschien im November 1867.

Gelbe Grundfarbe seit 1970, aber mit moderner Variation seit 2012: So sehen die Reclam-Hefte heute aus.

Goethes „Faust“ für 20 Pfennig

Der heute in Ditzingen bei Stuttgart ansässige Reclam-Verlag feierte vor wenigen Wochen das Jubiläum seines Dauerbrenners. Bei dessen Geburt war Reclam schon seit einigen Jahrzehnten in Leipzig zu Hause und hatte Übung darin, populäre Literatur günstig unters Volk zu bringen. Das erste Büchlein im handlichen Format der Universal-Bibliothek war Goethes „Faust 1“, gedruckt in 5 000 Exemplaren mit hellbraunem Cover. Der Verkaufspreis betrug 20 Groschen, die später Pfennige hießen. Der Preis blieb erstaunliche 50 Jahre lang stabil!

Neues Urheberrecht machte Universal-Bibliothek möglich

Dass die Reclam-Hefte vor 150 Jahren das Licht der Buchwelt erblickten, war kein Zufall. Denn 1867 trat ein neues Urheberrecht in Kraft. Bei Werken von deutschen Autoren behielten deren Verlage das Urheberrecht noch 30 Jahren nach deren Tod. Dann endete es und die Texte wurden mit dem Fachausdruck „gemeinfrei“, sie dürfen also von jedem nachgedruckt und neu herausgegeben werden. (Heute dauert die Schutzfrist 70 Jahre nach dem Tod von Autor oder Autorin). Im Jahr 1867 trat in Kraft, was die deutschen Staaten – es gab noch gar kein einheitliches Reich – bereits 1837 beschlossen hatten. Konkret bedeutete es, dass die Bücher von Goethe (gestorben 1832) und seiner Zeitgenossen frei wurden. Also die Werke der Klassiker.

3.000 lieferbare Bände

Natürlich war es dem Reclam-Verlag unbenommen, auch zeitgenössische Schriftsteller klein und fein zu präsentieren, was er auch bis heute umsetzt. Das Verlagsprogramm der 3.000 lieferbaren gelben Bände sowie weiterer Werke ist sehr anregend und anspruchsvoll. Dass sich der Verlag überhaupt so lange durch stürmische deutsche Geschichtszeiten halten konnte und auch die Ost-West-Trennung nach dem Zweiten Weltkrieg in einen Leipziger und Stuttgarter Zweig überstand, ist ein erstaunlicher Glücksfall. Die „Hefte“ halfen kräftig mit. Mit der Universal-Bibliothek machte Reclam noch 1980 72 Prozent seines Umsatzes.
Erst seit 1970 sind die berühmten Bücher mit einem gelben Cover ausgestattet. Vorher war es sandfarben oder ins hellgrünliche gehend. Das günstigste Heft kostete 1970 eine Mark. Bis 1991 stieg der Preis auf drei Mark. Heute ist „Dantons Tod“ für zwei Euro zu haben, der „Faust“ für 2,20 Euro.

Gehasst, geliebt, gelesen

Unter dem Motto „Gehasst, geliebt, gelesen“ feierte der Verlag vor kurzem das Jubiläum seines unverzichtbaren kleinen Gelben. Die Festrede von Rainer Moritz und andere Texte sowie Glückwünsche sind in einem Band nachzulesen, der am 9. Februar zum Preis von 1,50 Euro erscheint. Eine andere Art von Geburtstagsgeschenk ist bereits zu haben: Der Band mit Reclam-Covern, die von Schülern gestaltet wurden.

Kaba und Liebe

Bei einem Wettbewerb kamen ansprechende Deckblätter beispielsweise für Lessings „Nathan der Weise“ heraus. Die „Gelben Karten“ als Buchtitel haben schon immer Schüler zum Gestalten und Verändern gereizt. Es lassen sich Titel verulken: Dann kommt „Nathan der Waisenknabe“ heraus. Aus „Kabale und Liebe“ wird „Kaba und Liebe“. Und „Gallensteins Lager“ hat auch etwas. Dank solch kreativer Schülerleistungen wurde schon Ausstellungen mit der Universal-Bibliothek bestückt. Es gilt nach wie vor die erinnernde Gleichung: Reclam-Heft gleich Schule gleich Deutsch gleich Klassiker. 5,4 Millionen Mal wurde „Wilhelm Tell“ im Kleinformat gedruckt.

Gelbfieber bei Erwachsenen

Von literarischem Gelbfieber sind Erwachsene keinesfalls verschont. Einer der erfolgreichsten Bände der Gegenwartsliteratur in der Universal-Bibliothek ist die von Robert Gernhardt selbst getroffene Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel „Reim und Zeit“. Die erste Auflage von 1990 wurde immer wieder erweitert. Bis 2012 erschienen 190.000 Exemplare dieser Anthologie des 2006 gestorben großen deutschen Lyrikers und Meisters der sehr haltbaren Komik. E-Book-Reader oder Bücher auf dem Smartphone sind eine feine Sache. Ständige Leselust kann zudem immer noch mit einem Reclam-Heft-Pflaster günstig „geheilt“ werden.