Im Generallandesarchiv Karlsruhe ist bis 30. März 2017 die Ausstellung "Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975" zu sehen. | Foto: abw

Ausstellung in Karlsruhe

Heimerziehung 1949 bis 1975: Verwahrlost und gefährdet?

Anzeige

Eingeschüchtert, gedemütigt und geschlagen: Das Leben in Erziehungsanstalten war für manche Heimkinder die Hölle auf Erden. Jetzt ermöglicht die Ausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“ im Generallandesarchiv Karlsruhe bis zum 30. März 2017 einen ungeschminkten Blick in den Alltag von Säuglings-, Kinder- und Jugendheimen der Nachkriegszeit.

„Ich zittere wie Espenlaub“

„Durch Zufall habe ich diese Ausstellung entdeckt und frage mich, warum es mich heute hierher verschlagen hat. Ich zittere wie Espenlaub und Tränen schießen in meine Augen. Diesen seelischen Schmerz wird man niemals überwinden…“. Im Gästebuch zur Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“ ist dieser Eintrag zu finden. Ein ehemaliges Heimkind hat die Worte geschrieben, als die Ausstellung des Landesarchivs im Ludwigsburg Station machte. Jetzt ist sie im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen. Die Präsentation ermöglicht einen ungeschminkten Blick in die Säuglings-, Kinder- und Jugendheime mit ihren damals rigiden und teilweise entwürdigenden Erziehungsmethoden.

Für die Heimerziehung gab es viele „Kandidaten“

Unehelich geboren.  Die Eltern geschieden. Finanzielle Schwierigkeiten der Familie. Die Mutter berufstätig. Der Vater arbeitslos.  Schulprobleme. Liebesbeziehungen im Jugendalter. Die Messlatte für eine Einweisung ins Heim lag bis in die 1970er-Jahre hinein niedrig.

Prügelstrafen waren gesellschaftlich akzeptiert

Entsprechend eng ging es in den über 600 Säuglings-, Kinder- und Jugendheimen in Baden-Württemberg zu. Zu wenig und oft überfordertes Personal, eine unzureichende finanzielle Ausstattung der Heime und die Überzeugung, dass „verwahrloste“ und gefährdete Kinder eine strenge Hand brauchten, ergaben eine brisante Mischung. Zumal Prügelstrafen als Mittel der Erziehung damals gesellschaftlich akzeptiert waren. So begann für viele Kinder mit der Heimeinweisung ein Spießrutenlauf aus Einschüchterung, Demütigung und körperlicher Gewalt.

Eindrücke vom Alltag im Heim vermittelt die Ausstellung anhand von Fotos, Aktenauszügen und anderen Dokumenten, Objekten sowie Zeitzeugenberichten – Betroffene kommen unter anderen im einem 35-minütigen Film zu Wort. Aber auch Momente des Glücks leuchten in der sonst oft bedrückenden Ausstellung auf.

Drei Quadratmeter standen laut einem Merkblatt von 1965 für den Betrieb von Kinderheimen jedem Kind ab sechs Jahren im Schlafraum einer Heimeinrichtung zu. Wie wenig Platz das ist, wird dem Besucher im Generallandesarchiv Karlsruhe vor Augen geführt.
Drei Quadratmeter standen laut einem Merkblatt von 1965 für den Betrieb von Kinderheimen jedem Kind ab sechs Jahren im Schlafraum einer Heimeinrichtung zu. Wie wenig Platz das ist, wird dem Besucher im Generallandesarchiv Karlsruhe vor Augen geführt. | Foto: abw

„Weiterhin nässt er fast jede Nacht ein…“

Für individuelle Förderung und menschliche Zuwendung blieb in den Einrichtungen wenig Zeit. Zugleich drängt sich der Eindruck auf, dass viele Heimkinder von vornherein als „blöde“, „frech“ oder „erbbiologisch vorbelastet“ abgestempelt wurden. So findet sich in der „Zöglingsakte“ eines Jungen, der bei einem Arbeitseinsatz ein Bein verlor, die Beurteilung: „Er wirkt widerspenstig und vorlaut. Sauberkeit und Ordnung lassen sehr zu wünschen übrig. Er scheint mir auch in sittlicher Hinsicht etwas angeschlagen zu sein und versucht auf Grund seiner Amputation überall Mitleid und Vorteile rauszuschlagen… Weiterhin nässt er fast jede Nacht ein.“

„Während der Arbeit in der Landwirtschaft bin ich fast zusammengebrochen“: Dass viele Heimkinder nicht nur in ihrer Anstalt, sondern auch in externen Betrieben Arbeitsdienste erledigen mussten, erfährt man in der Ausstellung.
„Während der Arbeit in der Landwirtschaft bin ich fast zusammengebrochen“: Dass viele Heimkinder nicht nur in ihrer Anstalt, sondern auch in externen Betrieben Arbeitsdienste erledigen mussten, erfährt man in der Ausstellung. | Foto: abw

Viele haben lange geschwiegen

Dass sie ein Heimkind waren, haben Betroffene oft lange verschwiegen. Aus Scham. Oder aus Angst vor der Stigmatisierung. Daher wussten machmal selbst die Ehepartner nicht Bescheid. Doch durch die öffentliche Diskussion in der Folge des Missbrauchskandals an der Odenwaldschule haben vermehrt Heimkinder die Kraft gefunden, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Es ist nicht leicht, die eigene Biografie wiederzuentdecken

Das Landesarchiv in Stuttgart unterstützt seit 2012 Betroffene im Rahmen des Projekts „Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949–1975“ bei der oft schwierigen Recherche von Daten und Akten. Den Menschen gehe es meist vor allem darum, „ihre eigene Biografie wiederzuentdecken“, sagt Clemens Rehm vom Landesarchiv.

Denn etliche Betroffene besitzen wenig bis gar nichts Greifbares aus ihrer Kindheit – keine Fotos, kein Spielzeug. Manche wissen nicht einmal, warum sie eingewiesen wurden und in welchem Säuglingsheim sie ihre ersten Lebensjahre verbrachten.

Die baden-württembergische Anlauf- und Beratungsstelle „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ berät und begleitet ehemalige Heimkinder noch bis Ende 2018. Sie bietet zudem Unterstützung bei der Akteneinsicht. Wer bis Ende 2014  keine Hilfe aus dem Heimkinderfonds beantragt hat, kann allerdings keine finanziellen Mittel mehr erwarten. Eine Liste der Kinder- und Jugendheime in Baden-Württemberg 1949 bis 1975 finden Sie hier.

Ein verstoßenes Kind?

Eine berührende Geschichte erzählt Nastasja Pilz. Die Kuratorin der Wanderausstellung hat selbst mehrere Hundert ehemalige Heimkinder bei ihrer Spurensuche begleitet. Darunter sei eine Badenerin gewesen, die sich fast ihr ganzes Leben lang für ein verstoßenes Kind gehalten hatte. Es gelang, ihre Akte ausfindig zu machen – und darin befand sich ein ganzes Bündel Briefe: Die ledige Mutter der Frau hatte sich über Jahre hinweg regelmäßig nach dem Befinden ihres Töchterleins erkundigt, doch die Heimleitung hielt die Schreiben unter Verschluss. So hat die Tochter erst als über 70-Jährige erfahren: „Ich war ihr doch nicht egal.“

Die Gefahr von Übergriffen ist nicht ganz zu bannen

Mosaikartig vermittelt die Ausstellung „Verwahrlost und gefährdet?“ den aktuellen Forschungsstand zu den Geschehnissen in der baden-württembergischen Heimerziehung von 1949 bis 1975. Man kann die Präsentation aber auch als Plädoyer für eine Kultur des Hinsehens verstehen. Zwar arbeitet die Kinder- und Jugendhilfe heute anders als vor 40, 50 Jahren – doch die Gefahr von Grenzverletzungen und Übergriffen ist nie ganz zu bannen. Wie auch Mechanismen der Vertuschung fortwirken. Welche Folgen das haben kann, wird aus vielen in die Ausstellung eingearbeiteten Zitaten von Menschen deutlich, die mit diesen Erfahrungen leben (müssen).

Es bleibt die Jagd nach Liebe…

Der eingangs erwähnte Gästebucheintrag des ehemaligen Heimkindes endet übrigens so: „Heute bin ich 53 Jahre und aus mir ist auch ,was geworden’. Doch die Jagd nach Liebe wird immer bleiben. Danke für diese Ausstellung.“

Die Ausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“ ist bis 30. März 2017 im Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche Hildapromenade 3, zu sehen. Der Eintritt ist frei. Hier geht es zu den Öffnungszeiten und zum Info-Flyer mit Hinweisen zum Begleitprogramm.

Die „Zwangserziehungsanstalt“ in Flehingen

In Schloss Flehingen bei Bretten wurde 1889 eine „Zwangserziehungsanstalt für jugendliche Verwahrloste männlichen Geschlechts“ eingerichtet. Einen Eindruck davon, wie es in der zeitweise größten badischen Fürsorgeerziehungsanstalt zuging, kann man sich jetzt im Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) verschaffen. Denn die Hausherren haben die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet“ mit Original-Dokumenten aus dem eigenen Bestand ergänzt. Sie sind zum ersten Mal öffentlich zu sehen.

Zwei Tage Hungerkost für Zögling Ott

Ausgestellt ist unter anderem der Bericht eines Großherzoglichen Bezirksarztes aus dem Jahre 1913. Aus ihm geht hervor, dass ein Flehinger „Zögling“ namens Ott mit „zwei Tagen Hungerkost, drei Tagen Arrest und harter Lagerstätte bestraft wurde“. Weil der Junge sich bei seiner „Vorführung“ darüber beschwert hatte, dass die Luft in dem Raum so schlecht gewesen sei, „dass man es in demselben nicht aushalten könne“, ging der Arzt der Sache nach. Er stellte fest, dass „vertrocknete und verschimmelte Kotmassen“ im Ofen Ursache der „ungesunden Ausdünstungen“ waren.

Auch andere von GLA-Vizechef Jürgen Treffeisen ausgewählte Dokumente beleuchten schlaglichtartig die repressiven Erziehungsmethoden der Vergangenheit.

„Über 10000 Zöglingsakten aus Flehingen werden in unserem Haus aufbewahrt“, sagt GLA-Leiter Wolfgang Zimmermann. Der noch weitgehend ungehobene „Archiv-Schatz“ dokumentiert über nahezu 100 Jahre hinweg die Lebensumstände der Flehinger Heimkinder. 1985 wurde das Erziehungsheim mit zuletzt 70 Wohnplätzen in ein Bildungszentrum des Landeswohlfahrtsverbandes umgewandelt.

Aus der Akte des „Wunderheilers von Schutterwald“

Drei Zöglingen von Schloss Flehingen widmet die Ausstellung im Generallandesarchiv besondere Aufmerksamkeit. Zwei davon wurden dort in der Weimarer Zeit „erzogen“ – der eine wurde später überzeugter Nationalsozialist, der andere als kommunistischer Widerstandskämpfer hingerichtet. Der dritte – Josef Weber – kam 1959 ins Heim, nachdem er eines Diebstahls überführt worden war. Der Mann, dem das ärztliche Gutachten bei der Einweisung „erhöhtes Geltungsstreben“ bescheinigte, errang in den 1970er Jahren zweifelhaften Ruhm als der „Wunderheiler von Schutterwald“.

Um eine interessante Ausstellung in Karlsruhe geht es auch in diesem Artikel: