„Heimat ist mir wichtig“, sagt Schriftsteller Harald Hurst, der in Ettlingen zu Hause ist. „Das heißt aber nicht, dass man sich automatisch wohlfühlt, nur weil das Etikett ’Heimat’ draufgebappt wird.“
„Heimat ist mir wichtig“, sagt Schriftsteller Harald Hurst, der in Ettlingen zu Hause ist. „Das heißt aber nicht, dass man sich automatisch wohlfühlt, nur weil das Etikett ’Heimat’ draufgebappt wird.“ | Foto: lie

Ein Interview mit Harald Hurst

„Sie sehen gut aus, momentan“

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Gerade erschienen ist das neue Buch „So isch’s wore“ des bekannten badischen Schriftstellers Harald Hurst. Mit einer zentralen, teilweise kuriosen Liebesgeschichte, einer ausführlichen Eheszene und vielen weiteren Erzählungen und Gedichten in Mundart. Zu einem großen Interview konnte man den Autor mit Kultstatus in seinem italienischen Lieblingscafé mitten in Ettlingen treffen. Der Wirt verwahrte in der Zwischenzeit die Einkäufe seines prominenten Gastes. Hurst gab uns ausgiebig Auskunft über sein Schreiben, seine Sicht von Dialekt plus Heimat und erzählte von teilweise kuriosen Begegnungen mit Lesern.

Den Titel des jüngsten Buchs kann man schön für die erste Frage abwandeln. Gab es eine lange Entstehungs- und Schreibzeit? Wie und wann „isch’s wore“ , dieses Werk?

Harald Hurst: Die Ideen und das Konzept lagen schon im Frühjahr vor. Geschrieben habe ich dann alles in diesem Sommer. Während drei Monaten mit größter Hitz’! Mein innerer Schweinehund wurde zwar immer stärker und zog mich bei 35 Grad vom Schreibtisch in Ettlingen weg. Ich habe dann Mittagspause gemacht und die manchmal bis in den Abend verlängert. Ich bin ja mein eigener Herr als selbstständiger Schriftsteller. Trotzdem ist das Buch jetzt vor Weihnachten herausgekommen. Ich habe ja schon manche Verleger zur Verzweiflung getrieben, weil meine Bücher erst im Januar erschienen sind.

Drei Monate irgendwo im Turm, da würde gar nichts herauskommen

Steht denn immer schon fest, wie sich beispielsweise die langen Geschichten oder das Theaterstück entwickeln und ausgehen?

Hurst: Nein, meistens nicht. Durchs Schreiben verändert sich das Konzept. Das meiste bei mir entsteht aus Erfahrungen und Reibungen mit der Welt. Da gibt es keine Sologedanken im stillen Kämmerlein. Man hat mir schon anderswo Stadtschreiberstellen angeboten. Aber drei Monate irgendwo im Turm, da würde gar nichts herauskommen.

Es gibt also konkrete Anlässe oder Impulse für die Geschichten? Ein längeres Gedicht im neuen Buch handelt vom Klassentreffen. Gab es ein reales Vorbild im Kühlen Krug?

Hurst: Ich war wirklich beim Klassentreffen, das erste Mal seit 50 Jahren, aber nicht im Kühlen Krug. Den habe ich genommen, weil man ihn in Karlsruhe als Traditionslokal kennt, so wie die Hoepfner-Burg als Beerdigungslokal. Und natürlich werden Personen und Abläufe verändert. Literaturisch Fake News, aber in guter Absicht. Für die lange Szene „Tatort“ im Buch gab es einen konkreten Anlass: Bei einer Lesung haben mich schon gleich am Anfang Leute gefragt, wann ich denn fertig bin, weil sie „Tatort“ gucken wollten am Sonntagabend. Da habe ich lachen müssen und mir wurde klar, wie wichtig der Fernsehtermin ist. Das war der Impuls für zuerst ein Gedicht, dann trug das Thema weiter – und es wurden 80 Seiten. Ich bin übrigens nie identisch mit den Ich-Erzählern meiner Geschichten. So viel könnte man selbst gar nicht erleben.

Aber wenn es in einer Geschichte heißt „Sei mir net bös, Franz. Zum Brunch komm ich net!“, ist das schon auch ein persönliches Bekenntnis, oder? Das ist, wie es heißt „nicht ihr Event“. „Wie das „Neifeiere“ in einen Geburtstag. Obwohl es nicht so einfach ist, einem Freund abzusagen …

Hurst: Das stimmt schon so. Das Schlimme am Brunch ist ja auch, dass er nicht um drei Uhr fertig ist. Um Fünfe hocke die noch immer. Der harte Kern noch länger. Die verklumpe sich sozusage am letzte Tisch.

Noch so eine Modesache, die aufgegriffen wird, ist die Wendung „mediterranes Ambiente“, wenn irgendwo ein paar Palmen aufgestellt sind. Und über Anglizismen macht sich der Mundartdichter Hurst lustig, der Englisch und Französisch studiert hat.

Hurst: Da ist doch auch vieles richtig lächerlich. In Ettlingen wurde ein „Spring Fever Night Shopping“ angekündigt. Da hielt mich eine alte Nachbarin im Treppenhaus mit einem Werbezettel dafür an und fragte, was das ist. Aber das kann ich doch nicht einer Frau, die zwei Kriege und Nachkriegszeiten erlebt hat, verständlich machen, dass man da nachts bis Mitternacht zum Spaß einkauft. Sie hat doch schon oft tagsüber nicht das gekriegt, was sie brauchte.

Dialekt ist nicht nur korrekter Laut, sondern Sprachstruktur in bestimmten Wendungen und Haltung

Schon bei der Buchvorstellung haben einige Leute gemeint, der Titel des „neuen Hurst“ müsste „So isch’s worre“ geschrieben werden, mit zwei R. Wie hat sich das entwickelt mit der Wiedergabe des Karlsruher Dialekts?

Hurst: Also dem Dialektsprecher ist es egal, mit vielen R das geschrieben ist. Dialekt ist nicht nur korrekter Laut, sondern Sprachstruktur in bestimmten Wendungen und Haltung. Wenn ein Karlsruher sagt, ,Her, her, her‘, da steckt doch schon eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur dahinter. ,So isch’s wore‘ kann man nicht übersetzen. In der Wendung steckt Resignation, Fatalismus. Beim Schreiben mache ich manchmal genau die passenden Bewegungen zur Mundart. Bei „Komm, geh fort“ zum Beispiel. Und was die Wiedergabe von Dialekt angeht, bin ich pragmatisch. Ich will keine Wortungetüme fabrizieren, die man schlecht lesen kann.

In Karlsruhe liefen 2017 die Heimattage Baden-Württemberg und Heimat ist überhaupt ein wieder mal viel diskutierter Begriff. Wie wichtig ist er für Sie?

Hurst: Ich leb gern hier, in Ettlingen, Karlsruhe und auch in der Umgebung. Heimat ist mir wichtig. Das heißt aber nicht, dass man sich automatisch wohlfühlt, nur weil das Etikett Heimat draufgebappt wird. Ich glaub’, Heimat ist gerade durch Globalisierung mit ihrer Unübersichtlichkeit noch wichtiger geworden. Man sehnt sich nach Identität und Überschaubarkeit. Das kann man aber auch übertreiben. Und dann entsteht ein neues Biedermeier. Es gibt oft gegenläufige Tendenzen bei Heimat. Im Schwarzwald gibt’s einen Nationalpark, aber in anderen Ecken wird für die Touristen zubetoniert.

Ich darf keinen Sprudel auf der Bühne trinken

Zur Heimat in unserer Region gehört Harald Hurst eigentlich schon fest dazu. Sie sind ein Chronist des Zeitgeistes und haben ein bestimmtes Image. Bei Lesungen muss Wein auf dem Tisch stehen …

Hurst: Ja klar. Ich darf keinen Sprudel auf der Bühne trinken. Und will’s auch gar net. Aber das hängt einem dann in anderen Situationen an. Ich habe mir mal die Schulter gebrochen und bin mit einem Fixiergestell herumgelaufen. Das kam von einer Sportverletzung, wirklich. Die Leut’ haben es nicht geglaubt, sondern gelacht, so, so, ja, ja und Trinkgesten gemacht! Da muss ich drüber stehen. Genauso, wenn sie mich in der Stadtbahn ansprechen. Einmal sagt jemand zu mir: „Herr Hurst, Sie sehen ganz gut aus, momentan. Ich hätt’ Sie beinah nicht erkannt.“ Das ist natürlich der Hammer, aber was soll’s …

Mit Lesern und bei Lesungen erlebt ein Schriftsteller ja allerhand. Einmal waren Sie bei eine privaten Veranstaltung und mussten lange warten …

Hurst: Das war in Bretten, in einem Lokal bei der Geburtstagsfeier eines Metzgermeisters. Es gab aber ein Riesenprogramm für den Jubilar, mit Bauchtänzerinne’ und so. Das wusste ich nicht. Ich war als Überraschungsgast vorgesehen.Man hat mich deshalb bei der Ankunft in ein Nebenkämmerle abgedrängt. Da saß ich im ungeheizten Raum mit Schwarzwälder Torte und Apfelkuchen. Ich hab immer nausghorcht, wann ich dran bin. Aber blieb brav sitze’, es war am Anfang meiner Laufbahn. Niemand kam. Die hen mich glatt vergesse. Erst als die ersten alten Leute heimwollten und wie üblich noch ein Stück Kuchen mitkriege sollten, hat man mich plötzlich entdeckt. Mit Dichtertäschle, aber ohne was zu trinken.

Lampenfieber habe ich noch wie früher, bei jeder Veranstaltung

So etwas würde heute nicht mehr passieren …

Hurst: Natürlich nicht. Zumal ich mit jetzt 72 Jahren nicht mehr so viele Lesungen annehme. Ich will zum Beispiel mehr Zeit haben für meinen Enkel in einer weit entfernten Stadt, damit der seinen Opa mit dem komische süddeutsche Dialekt kennt. Aber Lampenfieber habe ich noch wie früher, bei jeder Veranstaltung. Ich spür einfach Verantwortung für die zwei Stunden Lebenszeit von Leut’, die Eintritt bezahlen.

Harald Hurst: So isch’s wore. Geschichten und Gedichte. Silberburg Verlag, 190 Seiten, 16,90 Euro. Nächste Lesungen, zusammen mit Musiker und Kabarettist Gunzi Heil, am 1. und 2. Dezember um 20 Uhr im Tollhaus Karlsruhe.

Die weiteren Bücher von Hurst sind hier zu finden.