Abiturzeitungen aus 20 Jahren am Lessing-Gymnasiums Karlsruhe. Und am 26. Juni erscheint die Ausgabe 2017. Die mittlerweile sehr dicken, toll gestalteten Hefte gehören immer noch zu den Ritualen rund um den Schulabschluss. | Foto: ww

Abiturzeitungen im Wandel

Visitenkarte statt Frustabbau

Nach den Pfingstferien beginnt die  letzte Etappe der Schulzeit von Rosanna Weber und Katharina Fischer. Die jungen Frauen aus der Kursstufe 12 am Karlsruher Lessing-Gymnasium erfahren am Montag, 19. Juni, ihre Noten der schriftlichen Abiturprüfungen. Dann läuft die genaue Vorbereitung fürs Mündliche an – und der Countdown zu den „Feierlichkeiten“ rund ums Abi. Zu den Ritualen der Gymnasiasten gehören der Abi-Ball in Abendkleid und Anzügen, große private Feiern im Freien, Autofahrten mit dem wortspielenden Motto ihres Jahrgangs und meist auch eine Abiturzeitung.

Das Beispiel Lessing-Gymnasium Karlsruhe

Rosanna und Katharina waren beim diesjährigen Redaktionsteam für die Abizeitung am „Lessing“ dabei und erwarten diese Woche aus der Druckerei ihr 120-seitiges Heft. Ab Montag, 26. Juni, soll es an ihrer Schule am Gutenbergplatz verkauft werden. Die Titelseite ist betont schlicht gehalten, ganz in Weiß mit der wenig effektvollen Überschrift „Abizeitung 2017“ und als Unterzeile das Jahrgangsmotto in ganz kleiner Schrift „Last 90’s Babies – Nach uns kommen nur noch Nullen.“ Weil die nächsten Abiturienten schon aus den Jahrgängen ab 2000 stammen.
„Mit den Vorbereitungen für unsere Abizeitung haben wir in der 11. Klasse begonnen. Durch ausgehängte Listen haben wir Leute gesucht, die mitmachen bei der Gestaltung oder etwas schreiben“, berichtet die 18-jährige Katharina. Seit Dezember sollten die Texte eintrudeln. Wie bei so vielen Projekten lief vieles auf den letzten Drücker.

Ein weibliches Redaktionsteam

Das rein weibliche Redaktionsteam – was aber nichts damit zu tun hat, dass das Lessing einst ein Mädchengymnasium war – kam im Mai ganz schön unter Zeitdruck. Hat es aber geschafft und ist stolz darauf. „Das Heft soll zeigen, ,wer waren wir‘, es soll eine schöne Erinnerung für alle 92 in unserem Jahrgang sein. Wir bringen Berichte über fast alle vierstündigen Kurse, Anekdoten und Sprüche aus den zwei Jahren und vor allem große Steckbriefe über jeden von uns auf einer Seite, geschrieben von Freunden“, fasst die 17-Jährige Rosanna den Inhalt zusammen. Über grundsätzliche Schulpolitik oder andere gesellschaftliche Themen finden sich keine Beiträge. „Was nicht heißt, das uns das nicht interessiert, aber solche Themen werden über die SMV abgedeckt“, sagt Katharina, die zwei Mal Schülersprecherin am„Lessing war.

Wer ist die attraktivste Lehrerin?

Eine heute besonders beliebte Rubrik in Abizeitungen bringt jede Menge „Umfragen“. Die Lessing-Abiturienten 2017 finden, dass Sven, Michael, Alex, Max und Lara einfach alles wissen, Zoe, Nele und Hannes die größten Sportskanonen sind und Frau Lohmann, Frau Domin und Frau Schmitt (Bolanz) die attraktivsten Lehrerinnen. Als attraktivste männliche Pädagogen gelten Herr Arns, Herr Meier und Herr Zepfel. Man erfährt aber durch die Umfragen auch, wer die größten Tratschtanten oder Zuspätkommer sind und wer vermutlich als erstes in der „Bild“ landen wird.

Heute Schulterschluss mit Pädagogen

Heute räumen Schüler ihren Lehrern viel Platz in den Abiturzeitungen ein. Nicht nur durch wohlwollende Rückblicke oder mit Kinderbildern der Pädagogen, nein jene schreiben selbst viel darin! In der aktuellen Ausgabe am Lessing stammen etliche der Kursberichte aus Lehrerfedern. In der Abizeitung 2016 dieser Schule in der Weststadt war es ebenso. Teilweise werden Kurse aus Schüler- und Lehrersicht parallel vorgestellt. Und Lessing-Rektorin Sabine Schatte schrieb im Vorjahr das Vorwort für die 156-seitige optisch gelungene Abizeitung. Sie fühlte sich geehrt, dass sie auf der Titelseite und dem Motto auftaucht: Es lautete: „Abhörskandal – 8 Jahre beschattet“.
Überhaupt findet sich in den neuesten Heften viel gegenseitiges Lob. Die meisten Kursberichte enden mit herzlichem Dank an Lehrerinnen oder Lehrer. Und viele Pädagogen stellen die gute Gemeinschaft mit ihren Schützlingen heraus. Die Abschluss-Zeitungen dokumentieren heute den Schulterschluss in einem Bildungsunternehmen. Gemeinsamkeit wird hervorgehoben, der Wille zum erfolgreichen Abschluss eint alle Beteiligten. Die Generationen sind zwar nie ganz kompatibel, aber sie beharken sich kaum, die schreibenden G-8-Abiturienten und ihre Ausbilder.

Im Jahr 1996 noch Abrechnungen in der Abizeitung

In der Abizeitung 1996 am Lessing las sich’s oft noch ganz anders: Der erste Artikel darin ist eine Laudatio an die Hausmeisterfamilie. In ihr heißt es: „Sie brachten immer Verständnis für uns auf und behandelten uns wie erwachsene Menschen, wozu manche Lehrer nach 10 bis 20 Jahren Berufserfahrung immer noch nicht in der Lage sind.“ Natürlich wurden auch in den 90ern Anerkennung an den Lehrkörper hinterlassen. Gleichzeitig werden erkennbare Lehrer als „unpünktlich, unfair, faul, unmotiviert“ bezeichnet. Einer Pädagogin wird direkt empfohlen, mal ein Deo zu benutzen. Die heftige Kritik in der 1996er Zeitung mit dem Titel „Der letzte macht das Licht aus“ mündet in eine noch in Handschrift abgedruckte dreiseitige Abrechnung und der These: „Ob Popper oder Punk, die Schule macht uns krank“. Schüler Frank monierte damals, der Lehrplan sei auf Auswendiglernen aufgebaut, Widersprüche und Kritik seien nicht erwünscht, Kreativität würden zerstört, alle hätten eine gehörige Portion Gehirnwäsche abgekriegt.

Tolle Optik, keine Politik mehr

Das mag damals eine Einzelmeinung gewesen sein, aber sie hat sich Gehör verschafft. Solche Fundamentalkritik wurde wichtiger genommen, als das bescheidene Design der Zeitung. Und für die Selbstdarstellung jedes Schülers genügten noch wenige Zeilen. In zwei Fällen sind 1996 statt Schülerfotos nur Po-Backen zu sehen. Das käme heute nicht mehr vor. Undenkbar auch, dass, wie in den 1980er Jahren üblich, politische Texte, auch Fremdtexte, abgedruckt würden. Das bestätigt Geschichts- und Deutschlehrer Cornelius Leutner. Er sammelt als Oberstufenberater seit Jahrzehnten die Abiturzeitungen an „seinem“ Lessing-Gymnasium und hat sie für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.
Im Jahr 2006 machten sich die Lessing-Abiturienten eher über die Schwierigkeiten der Lehrer mit technischen Geräten lustig. Lob und Dank an die Pädagogen überwiegen nun, nur noch Einzelfälle von Faulheit und Zickigkeit werden erwähnt, ein Lehrer habe sich verplant und die Schüler hängen lassen.

Eine Seite für die Vorstellung jeden Schülers

Das Motto im gestalterisch schon sehr anspruchsvollen Heft 2006 lautete „Elite braucht kein Motto“. Die Redaktion jener Abizeitung 2006 bestand aus Sophie und Enrico, die für 40 Mitschüler immerhin ein 118-seitiges Heft zusammenstellten. Darin ist jedem jeder Schüler schon eine ganze Seite gewidmet, um ihn vorzustellen. Die Textmenge der Selbstdarstellung ist noch überschaubar.
Dagegen steigert sich die perfekte Visitenkarte der Abiturienten im Jahr 2016 noch weiter. In den eindrucksvollen und auch ironischen Steckbriefen bleibt dagegen die Lesbarkeit der langen Texte bisweilen auf der Strecke. Dafür trägt Yannick Gleichauf zusätzlich Top-Fotoporträts seiner Mitschüler bei.

Schule soll optimale Station auf dem Lebensweg sein

Die Analyse der neuesten Abiturzeitungen ergibt: Gymnasiasten haben sich zu vielseitigen, selbstbewussten jungen Menschen entwickelt, die von Schule verlangen, eine optimale Station auf ihrem ambitionierten Lebensweg zu sein. Rosanna Weber schreibt augenzwinkernd im Vorwort der Zeitung 2017, man habe 2 920 Tage im „Hotel Lessing“ verbracht – und kann bilanzieren: Drinnen gab’s eloquente Vorträge sowie gewöhnlich gutes Mensaessen.