Die letzte Großherzogin von Baden hieß Hilda. Von 1907 bis 1918 regierte ihr Mann Friedrich II. Ihr Vorname war offenbar noch lange nach dem Ende der Monarchie populär. Um solche regionalen Namenmoden kümmert sich der Sprachforscher Konrad Kunze aus Freiburg. | Foto: BNN-Archiv

Namenforschung populär gemacht

Wo die Hildas leben

Als die Fußball-Bundesliga 1963 ihren Ballbetrieb aufnahm und der SC Preußen Münster sein erstes Spiel in der Eliteklasse bestritt, da kickte Dagmar Drewes bei dem westfälischen Club. Ja, sie haben richtig gelesen. Was steckte hinter dem Einsatz von Dagmar? Ein Scherz, eine Ausnahmegenehmigung nach männlichem Personalmangel oder ein Ausnutzen von Regelwirrwarr in der Premierensaison? Weder noch. Eine weibliche Dagmar konnte den Kick nicht aufmischen, ein männlicher Dagmar schon.

Ein Mann namens Dagmar?

Der aus dem Dänischen kommende zweigliedrige Vorname Dag-mar (Bedeutung: Tag + berühmt) darf auch an Männer, sogar an Fußball spielende, vergeben werden. Damit der rechte Läufer der „Preußen“ aber keine Geschlechtsverwirrungen auslösen konnte, hatte er offiziell den Doppelnamen Dagmar-Ernst. Nach 30 Bundesligaspielen stiegen Dagmar und Co ab. Sie verschwanden in der Regionalliga beziehungsweise im Kuriositätennebel der Namensgeschichte.

Die Faszination von Namen

Vornamen sorgen leicht für Staunen und Erheiterung. Ein Baby, das Herkules heißt? Im Jahr 2016 strampelte es wahrscheinlich enorm kräftig in seinem deutschen Bettchen. Neue, exotische Namenf für Kinder tauchen auf und verschwinden wieder; Namen, die unsere Großmütter trugen wie Ida, Luise und Frieda gehören unter die Top-Dreißig den Vorjahres. Die Moden wechseln – und das war zu allen Zeiten so: „Ach, was haben Sie für einen wunderlichen Namen“ wird in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ eine Frau namens Susanne angesprochen. Und Johann Wolfgang Goethe schrieb in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“: „Der Eigenname eines Menschen ist (…) wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben oder schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen.“
Namen üben eine Faszination aus. Sich mit dem eigenen oder fremden zu beschäftigten hat etwas reizvolles. Ein ganzes Forscherleben schon auf den Spuren von Vor- und Personennamen ist der Schwarzwälder Konrad Kunze. Bis 2004 war er Professor am Germanistischen Seminar der Universität Freiburg. Dass er seither im Ruhestand ist, kann man nicht behaupten.

Freiburger Namenforscher mit populären Vorträgen

Er forschte weiter und schreibt derzeit mit am sechsbändigen Deutschen Familiennamen-Atlas mit hohem wissenschaftlichen Anspruch. Wer sich ebenfalls gründlich, aber leicht anschaulich über Vor- und Familien-Namen informieren will, sollte zum dtv-Atlas Namenkunde greifen. Auf jede Seite gibt es Karten und Illustrationen. Kunze hat ihn 1998 geschrieben. Das Buch ist vergriffen, aber in Bibliotheken oder antiquarisch zu finden.
Der Hochschullehrer Kunze vermittelte seinen Studenten den Stoff mit Begeisterung. Mit Lust und Elan hat er sich zusätzlich immer an alle sprachinteressierten Menschen gewandt. Und nie aufgehört, mit populären Referaten über seine Wissensgebiet aufzutreten. „Ich kann nicht sagen, ob mich die Wissenschaft und ihre Vermittlung fit hält, oder ob ich eben noch so fit bin, dass ich meine Erkenntnisse vermitteln kann“, meint der 78-Jährige sechsfache Großvater schmunzelnd. Bewandert ist er in der Sprachgeschichte und erwandert hat Kunze viele Teile Deutschlands und Europas. „Einmal ging es zu Fuß von Wien nach Nizza.“ Die eigene Bewegung hat den in Neustadt (Schwarzwald) geborenen Alemannen stets mehr gereizt als Flüge in exotische Länder oder Kreuzfahrten.

Hilda und Louise blieben lange Vorbilder

Unterwegs ist er trotzdem viel – beispielsweise mit seinen Vorträgen über sein Fachgebiet. Am Donnerstag, 6. Juli, kommt Konrad Kunze zu den Geschichtsfreunden Kapplertal. In der Winzergenossenschaft Waldulm spricht er um 19.30 Uhr über „Unsere Vornamen – Bedeutung, Verbreitung und Herkunft“.
Haben sich die Steinzeitmenschen schon Namen gegeben? Hat der Name Wolfgang wirklich etwas mit Wölfen zu tun? Welches sind die ältesten Rufnamen in unserer Gegend? Wo wohnen die meisten Männer namens Franz-Josef und die meisten Frauen namens Kathrin? Das sind Fragen, die Kunze beantworten wird. Die Zuhörer bekommen manche erstaunlichen Erkenntnisse serviert. So ist beispielsweise der Name Hilda in Baden viel häufiger als anderswo. Was vermutlich auf die populäre Großherzogin Hilda zurückgeht. Sie kam 1907 mit ihrem Mann auf den Thron und blieb auch zu Republikzeiten nach 1918 in der Öffentlichkeit präsent, nicht nur durch das nach mit ihr in Verbindung gebrachten Hildabrötchen. Sie starb 1952.
Ähnlich wie die Königin Luise für Berlin und Brandenburg war die badische Herrscherin Hilda offenbar ein Namensvorbild für manch treue Untertanen. Im vergangenen Jahr tauchte Hilda zwar nicht unter den 35 häufigsten Mädchennamen in Deutschland auf. Aber auf Rang 21 steht Mathilda. Und darin steckt ja eine Hilda. Beides sind alte germanische Namen. Das althochdeutsche Wort „hilfja“ bedeutet Kampf. Mathilda /Mathilde ist aus Macht und Kampf zusammengesetzt.

Datenbank aus Telefonbüchern

Für einen groß angelegten wissenschaftliches Standardwerk über Namen nutzte  Konrad Kunze eine Datenbank mit allen Namen der deutschen Telefonanschlüsse im Jahr 1998. Die nebenstehenden Karte zeigt, in welchen großräumigen Postleitzahl-Gebieten der Name Hilda am häufigsten ist. Es sind die Gebiete, wo die Postleitzahlen mit 76, 77, 78 und 79 beginnen. Und das sind die Gegenden von Karlsruhe, Rastatt, Bühl, Achern und dem Schwarzwald bis an die Schweizer Grenze und den Bodensee. (Auch Teile der Pfalz haben mit 76 beginnende Postleitzahlen.)
„Die Verbreitung von Hilda deckt sich weitgehend mit dem Gebiet des früheren Großherzogtums Baden“, sagt Kunze. Er sieht in der Namenkarte eine Nachwirkung der Beliebtheit von Großherzogin Hilda – auch nach dem Ende der Monarchie. „Mit den Telefonbüchern 1998 haben wir ja in etwa die Geburtsjahrgänge 1920 bis 1980 erfasst“, so Kunze. Menschen, die nach 1900 geboren wurden, haben wohl ihre Mädchen gerne so wie jene Adlige genannt, die in Baden eine markante Persönlichkeit auch nach 1918 war.

Wer waren eigentlich Hinz und Kunz ?

Die Beliebtheit von Namen zu bestimmten Zeiten hat sich in einer sprichwörtlichen Wendung erhalten. Wenn von „Hinz und Kunz“, also jedermann, die Rede ist, dann stecken die Namen Heinrich und Konrad dahinter. Bis zum Spätmittelalter waren das zwei sehr häufige Männernamen, ebenso wie Johannes (Hans), Peter und Jakob. Mädchen hießen damals Margarete, Katharina, Elisabeth oder Anna. Seit der Reformationszeit wurden germanische Namen tendenziell wieder beliebter. Ebenso wie Kurzformen, die in den evangelischen Taufregistern eingetragen wurden, in den katholischen eher nicht,

Sofia und Jonas aktuell beliebt

Die beliebtesten ersten Vornamen für Kinder, die 2016 in Deutschland geboren wurden, waren Sophia/Sofia und Jonas. Dahinter folgen bei den Mädchen Emma sowie Hanna/Hannah, bei den Jungen Elias und Ben. Das ergab eine Auswertung der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). In ihrer Zeitschrift „Der Sprachdienst“ (Heft 3/17) untersuchte die GfdS wie jedes Jahr ganz ausführlich die Namensgebung der Eltern. Es gab im Vorjahr 737 000 Geburten – und die Gesellschaft nimmt für sich in Anspruch, von 97 Prozent der Babys die Namen über die Standesämter erhalten zu haben.

Zweitnamen Alexander und Maximilian

Von den 2016 geborenen Kindern hatten 35 Prozent zwei Namen und 3,1 Prozent sogar deren drei. Manche Standesämter übermitteln die Reihenfolge der Namen, andere nicht. Wenn man keine Unterscheidung zwischen Erst- und Folgenamen macht, kommt allerdings eine andere Statistik heraus. Dann setzt sich Marie vor Sophie/Sofie und Sophia/Sofia bei den Mädchen an die Spitze – gefolgt von Maria, Emma und Emilia. Jungen hießen im Vorjahr am häufigsten Elias, Alexander, Maximilian, Paul und Leon. Wenn man alle vergebenen Namen berücksichtigt und nicht beachtet, dass Alexander und Maximilian besonders beliebte Zweitnamen sind.
Der Name Mohammed belegt in Deutschlands aktueller Namensstatistik Platz 26. Die häufigsten türkischen oder arabischen Namen für Mädchen waren Elif und Layla. Zum Vergleich – auch den hat die GfdS parat : In der Türkei waren Zeynep und Elif sowie Yussuf und Eymen die beliebtesten Namen für Neugeborene.

Würden Sie ein Kind Omo nennen? Oder Schnucki? Also nicht nur so rufen, sondern diese Namen in die Geburtsurkunde eintragen lassen? Das haben Eltern schon gewünscht, es wurde von den Standesämtern aber abgelehnt. Dagegen wurden für Kinder Philipp Pumuckl und Pepsi-Carola erlaubt vor einigen Jahrzehnten. Im Vorjahr akzeptierten Standesämter, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache berichtet, die Namen Kuddel, Fips, Kläus oder Engel. (Hoffentlich in Verbindung mit Zweitnamen.) Unter ausländischen Namen bei Geburten in Deutschland sind viele beliebt, die eine im Englischen erkennbare Bedeutung tragen: Harmony-Melody oder Beauty. Nur der Name Gift – englisch, Geschenk, ruft im deutschen Sprachraum andere Assoziationen hervor.