Schweren Zeiten gehen die Gewichtheber entgegen, nachdem eine Korruptions- und Doping-Affäre den Weltverband erschüttert hat. Foto: dpa

Angst vor Olympia-Aus

Affäre im Weltverband bereitet Gewichthebern aus der Region Sorgen

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Sabine Kusterer hat Spaß an ihrem Sport. Und den will sich die starke Frau aus Karlsruhe unter keinen Umständen nehmen lassen, auch wenn sie dieser Tage als Vertreterin der Gewichtheber-Zunft einen besonders schweren Stand hat. Der ohnehin schon ramponierte Ruf der Sportart hat durch die Anfang Januar bekannt gewordene Affäre innerhalb des Gewichtheber-Weltverbands weiteren Schaden genommen. Dessen aus Ungarn stammender Präsident Tamas Ajan soll laut einer ARD-Dokumentation tief in einem Sumpf aus Korruption, schwarzer Kassen und Doping-Vertuschung stecken.

Generell muss sich im Sport eine ganz andere Mentalität etablieren.

Doch Kusterer sagt: „Deswegen mache ich den Sport nicht weniger gern.“ Die Olympia-Zehnte von Rio 2016 peilt nun die Teilnahme an den Spielen in Tokio an. In Sachen Doping wünscht sich die 29-Jährige, seit 2018 Vizepräsidentin des Badischen Sportbunds Nord, mehr Trainingskontrollen und insgesamt einen „härteren Kampf“ gegen den Einsatz unlauterer Mittel. Das Problem sieht Kusterer, die aktuell gerade aufgrund einer Oberschenkelzerrung pausiert, nicht nur bei den Hebern: „Generell muss sich im Sport eine ganz andere Mentalität etablieren.“

Schon Ende der 90er Jahre „Gedanken gemacht“

Eine ganz ähnliche Ansicht vertritt Thomas Schweizer, Trainer des Bundesligisten KSV Durlach. „Gewichtheben ist nicht die einzige Sportart, die betroffen ist“, glaubt Schweizer, der einst selbst die Hanteln in die Höhe wuchtete. Vielen Athleten sei schon damals, Ende der 90er Jahre, klar gewesen, dass es bei manchen Nationen nicht mit rechten Dingen zugehe. „Wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht, warum wir so viel schlechter sind“, sagt Schweizer.

Die Kontrollen hierzulande sind sehr streng, sehr engmaschig.

Ganz nah dran an den internationalen Heberbühnen war auch Peter Rechenberger. Der heutige Zweite Vorsitzende des Athleten Clubs aus Forst bei Bruchsal begleitete als Physiotherapeut Heber, Boxer und andere Athleten zu Welt- und Europameisterschaften sowie zu Olympia. Überrascht haben ihn die jüngsten Doping-Enthüllungen aus dem Heber-Lager deshalb nicht. Vorbehalte gegen die starken Männer und Frauen unter dem Motto „Die sind doch eh alle gedopt“ kennt er nur zu gut, will sie aber zumindest für die deutschen Sportler nicht gelten lassen. „Die Kontrollen hierzulande sind sehr streng, sehr engmaschig“, sagt Rechenberger, der befürchtet: „Diese Affäre wird dem Ruf der Sportart nicht gerade guttun.“

Olympia-Aus „wäre teuflisch“

Auch einen positiven Effekt erhofft sich Michael Schmitt, Trainer und Kassenwart bei der Hebergemeinschaft Rastatt. „Vielleicht sehen dadurch einige, dass sie gar nicht so fest im Sattel sitzen“, sagt er. Überrascht hat Schmitt, dass es um solch hohe Summen geht – nach ARD-Recherchen kann Ajan den Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar nicht erklären. „Dies zeigt doch, dass Geld da ist“, sagt Schmitt, der in den 90er Jahren zur Jugend-Nationalmannschaft der Heber gehörte. Dass zuletzt auch immer wieder das Olympia-Aus der traditionsreichen Sportart ein Thema war, beschäftigt auch Schmitt. „Das wäre teuflisch, wenn wir nicht mehr dabei wären“, meint er.

Dann ist das Gewichtheben in Deutschland tot.

Noch drastischer formuliert es Dirk Reinheckel, langjähriger Bundesliga-Heber und mittlerweile Zweiter Abteilungsleiter beim Zweitligisten SC Pforzheim: „Wenn jetzt nicht ganz hart reagiert wird, sind wir 2028 nicht mehr olympisch und dann ist das Gewichtheben in Deutschland tot.“ Reinheckel hofft, dass sich zumindest mittelfristig an den Machenschaften im Weltverband etwas ändert.
Im Sommer in Tokio steht das Heber-Lager jedenfalls unter besonderer Beobachtung. Kusterer hofft, dass sie dann wieder auf der großen Bühne mitmischen darf. 2016 in Rio de Janeiro gewannen in Kusterers Klasse übrigens zwei Athletinnen aus Thailand Gold und Silber. Das Land spielt in der ARD-Doku in Sachen Doping eine wenig schmeichelhafte Hauptrolle.