Joe Zinnbauer mit den Spielern der Orlando Pirates. Foto: OP | Foto: OP

In Soweto

Der frühere KSC-Trainer Zinnbauer coacht jetzt in Südafrika

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Früher war Joe Zinnbauer Spieler, Co-Trainer und Coach beim Karlsruher SC. Heute treibt sich Zinnbauer weit weg vom Wildpark herum: Er trainiert die Orlando Pirates im südafrikanischen Soweto – und das mit Erfolg: Unter Zinnbauer hat das Team noch kein einziges Spiel verloren.

Während der ersten Wochen in Afrika, rund 9.000 Kilometer weit weg von der Familie in Hamburg, war Josef Zinnbauer froh, chauffiert zu werden. Inzwischen sitzt er selbst hinter dem Steuer und bewegt seinen Wagen recht kundig durch Soweto, wenn er die Wege von seinem Appartement in der City zum Trainingsgelände der Orlando Pirates zurücklegt. „Der Linksverkehr hier“, der flöße ihm noch Respekt ein, erzählt der Fußballtrainer. Ansonsten? „Ist es nicht viel anders, als käme man als Fremder in Düsseldorf an“, behauptet er im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. Nur: Sein Schulenglisch muss hier im neuen Alltag bestehen.

Während Haltephasen an Ampeln durfte Zinnbauer schon erleben, wie wichtig man den Trainer der Pirates auf Johannesburgs Straßen nimmt, sobald er als der erkannt ist, der mit dem fünfmaligen Landesmeister und Gewinner der afrikanischen Champions League (1995) seit Wochen einen Sieg an den nächsten reiht.

Da gibt es den FC Bayern quasi zweimal.

Josef Zinnbauer, Trainer

Der Kult auf der Straße, er sei größer noch als in seiner Zeit vor fünf Jahren beim Hamburger SV, erzählt Zinnbauer, was sich aus der Fan-Kultur am Kap erklärt. „Da gibt es den FC Bayern quasi zweimal. Wir und die Kaizer Chiefs teilen uns die Fans, die übrigen zehn Prozent sprechen anderen Vereinen zu“, erzählt er. In den Stadien geht es friedlich zu. Vuvuzelas tröten, ein Sound in aller Freundschaft. An diesem Samstag kommt es zum Giganten-Duell der drittplatzierten Pirates mit den Chiefs, die die Premier Soccer League vor den Mamelodi Sundowns aus Pretoria anführen.

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Deutsches Trainer-Duell

Die 89.000 Tickets für das Stadtderby waren binnen weniger als 48 Stunden weg. Nebenbei ist es ein deutsches Trainer-Duell: Der Oberpfälzer Zinnbauer fordert den Niedersachsen Ernst Middendorp, der sich während der letzten 15 Jahre zum Südafrika-Spezialisten entwickelte. Die Chiefs übernahm er vor zwei Jahren zum zweiten Mal.

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Mit Karlsruher Erfahrung

Josef Zinnbauer nannten sie auch hier schnell „Joe“. Ihm schlug im Umfeld des ältesten Vereins in der Townshipsiedlung Orlando anfangs auch Skepsis entgegen. Die Zeitung „City Press“ murrte: „Der Club hat in den letzten zehn Jahren elf Trainer beschäftigt, von denen nur zwei schwarz waren.“ Zur neuen Aufgabe beglückwünschte man Zinnbauer auch aus Karlsruhe.

Beim KSC war er zur Zeit des Trainers Winfried Schäfer als Spieler (1994/1995) und später auch als Co-Trainer der Zweitliga-Mannschaft sowie als U23-Coach (2011 bis 2014) beschäftigt. „Ich schaue immer noch alles, den KSC sowieso. Von den Trainingsbedingungen hier kann man im Wildpark nur träumen“, berichtet er.

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Disziplin-Schulung als Fortschrittsfaktor

Bis auf den Torwart Joris Delle, einem Franzosen, setzt sich sein Kader aus Einheimischen zusammen. Wolle er das Niveau mit dem Fußball in Deutschland vergleichen, so schätzt er, „dass bei den Top-Clubs Spieler sind, die Bundesliga oder Zweite Liga spielen können“. Schnelle, technisch starke Leute leitet er an, „die auch auf engen Räumen gute Lösungen finden“. Und deren Disziplin? Er arbeite an ihr. Ist ein Meeting für 9 Uhr angesetzt, nehmen Spieler das nicht so genau. Ein Grund: Hier werde vor jedem Training gebetet. Auf dem Platz ist auch noch nicht alles, wie es sein wollte.

„Wenn die Mannschaft 2:0, 3:0 führt, was glücklicherweise zuletzt oft der Fall war, machte sie ein bisschen, was sie will. In Deutschland würden wir den Laden dichtmachen, auf Konter spielen. Doch langsam kapieren die Jungs, dass sie auf die Defensive zu achten haben, wenn sie weiter oben spielen wollen.“

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Keine Niederlage mit den Pirates

Verloren haben die Pirates mit Zinnbauer noch kein Spiel. Er glaubt, aus eigenen Fehlern gelernt zu haben, „früher habe ich vielleicht Mannschaften teilweise überfordert“. Nach dem HSV war der 49-jährige beim FC St. Gallen beschäftigt. Warum er seit dem Aus dort im Jahr 2017 keinen Cheftrainerjob mehr hatte? „Das, was ich haben wollte, habe ich nicht bekommen. Das, was ich hätte haben können, hat mich nicht überzeugt“, erzählt Zinnbauer, der an Verhandlungstischen in Australien, in der Türkei, in Polen, auf Zypern, in Griechenland, in Österreich und auch mal bei einem afrikanischen Nationalverband gesessen war.

Zum ersten Mal als Profitrainer habe ich nicht eine Mannschaft im Abstiegskampf übernommen.

Josef Zinnbauer, Trainer

Sein Berater Mina William Shokrallah war dann mit der Anfrage aus dem WM-Gastgeberland 2010 ums Eck gekommen. Zinnbauer war gerade dabei, von der Schweiz nach Hamburg zurückzuziehen. Letztlich ging alles viel schneller als geplant, eigentlich hätte er erst zur nächsten Saison anfangen sollen. Seine Frau und der Jüngste seiner drei Söhne blieben an der Elbe. „Zum ersten Mal als Profitrainer habe ich nicht eine Mannschaft im Abstiegskampf übernommen. Sie verinnerlicht mein System, ist eine Mischung aus Jung und Alt. Hier kann ich Strukturen schaffen, darum geht es“, sagt er zur auf dreieinhalb Jahre angelegten Aufgabe in Orlando, dem Stadtteil, wo Nelson Mandelas lebte.

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Fans feiern „Sinnbauer“

Auf ein Abenteuer habe er sich in Soweto nicht eingelassen, sagt der Gastarbeiter. Das Preis-Leistungsverhältnis: stimmig. Die Küche: exzellent. Die Metropole hat exklusive Einkaufs-Malls „wie in Dubai“ und demgegenüber Stadtteile mit Armutsverhältnissen wie in den brasilianischen Favelas.

Was man als Fremder tut, was nicht, welche Ecken man meidet – Zinnbauer weiß es inzwischen. Zu Südafrikas Trainer des Monats Januar wählte man ihn. Und von Skepsis bei den Fans der „Buccaneers“ (Freibeuter) kann keine Rede mehr sein. Sie feiern „Sinnbauer“. Ein euphorisierter Anhänger schrieb nach dem fünften Sieg in Folge bei Twitter: „Der Fußballverband untersucht noch, wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola als Josef Zinnbauer nach Südafrika kamen.“

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